Chapter 2
Indem sie einst so sprachen, standen sie In einer einsamen Rotonde still, Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert Blickt er den Führer an und spricht: "Was ists, Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?" "Die Wahrheit", ist die Antwort.--"Wie?" ruft jener, "Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese Gerade ist es, die man mir verhüllt?"
"Das mache mit der Gottheit aus", versetzt Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie, Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand Den heiligen, verbotnen früher hebt, Der, spricht die Gottheit--"--"Nun?"-- "Der sieht die Wahrheit."
"Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst, Du hättest also niemals ihn gehoben?" "Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu Versucht."--"Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit Nur diese dünne Scheidewand mich trennte--" "Und ein Gesetz", fällt ihm sein Führer ein. "Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst, Ist dieser dünne Flor--für deine Hand Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen."
Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause, Ihm raubt des Wissens brennende Begier Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt. Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen, Und mitten in das Innre der Rotonde Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.
Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt Den Einsamen die lebenlose Stille, Die nur der Tritte hohler Widerhall In den geheimen Grüften unterbricht Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft Der Mond den bleichen, silberblauen Schein, Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse In ihrem langen Schleier die Gestalt.
Er tritt hinan mit ungewissem Schritt, Schon will die freche Hand das Heilige berühren, Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme. Unglücklicher, was willst du tun? So ruft In seinem Innern eine treue Stimme. Versuchen den Allheiligen willst du? Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund, Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu: Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen? "Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf." (Er rufts mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen." Schauen! Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.
Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der Isis ausgestreckt. Was er allda gesehen und erfahren, Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig War seines Lebens Heiterkeit dahin, Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. "Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort, Wenn ungestüme Frager in ihn drangen, "Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld, Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."
Der Abend (Nach einem Gemälde)
Senke, strahlender Gott--die Fluren dürsten Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet, Matter ziehen die Rosse-- Senke den Wagen hinab!
Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie? Rascher fliegen die Rosse, Tethys, die göttliche, winkt.
Schnell vom Wagen herab in ihre Arme Springt der Führer, den Zaum ergreift Kupido, Stille halten die Rosse, Trinken die kühlende Flut.
An den Himmel herauf mit leisen Schritten Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße Liebe. Ruhet und liebet! Phöbus, der liebende, ruht.
Die Antiken zu Paris
Was der Griechen Kunst erschaffen, Mag der Franke mit den Waffen Führen nach der Seine Strand, Und in prangenden Museen Zeig er seine Siegstrophäen Dem erstaunten Vaterland!
Ewig werden sie ihm schweigen, Nie von den Gestellen steigen In des Lebens frischen Reihn. Der allein besitzt die Musen, Der sie trägt im warmen Busen, Dem Vandalen sind sie Stein.
Die schönste Erscheinung
Sahest du nie die Schönheit im Augenblick des Leidens, Niemals hast du die Schönheit gesehn. Sahst du die Freude nie in einem schönen Gesichte, Niemals hast du die Freude gesehn!
Die Weltweisen
Der Satz, durch welchen alles Ding Bestand und Form empfangen, Der Kloben, woran Zeus den Ring Der Welt, die sonst in Scherben ging, Vorsichtig aufgehangen, Den nenn ich einen großen Geist, Der mir ergründet, wie er heißt, Wenn ich ihm nicht drauf helfe-- Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.
Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, Der Mensch geht auf zwei Füßen, Die Sonne scheint am Firmament, Das kann, wer auch nicht Logik kennt, Durch seine Sinne wissen. Doch wer Metaphysik studiert, Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert, Weiß, daß das Nasse feuchtet Und daß das Helle leuchtet.
Homerus singt sein Hochgedicht, Der Held besteht Gefahren, Der brave Mann tut seine Pflicht Und tat sie, ich verhehl es nicht, Eh noch Weltweise waren; Doch hat Genie und Herz vollbracht, Was Lock' und Des Cartes nie gedacht, Sogleich wird auch von diesen Die Möglichkeit bewiesen.
Im Leben gilt der Stärke Recht, Dem Schwachen trotzt der Kühne, Wer nicht gebieten kann, ist Knecht; Sonst geht es ganz erträglich schlecht Auf dieser Erdenbühne. Doch wie es wäre, fing der Plan Der Welt nur erst von vorne an, Ist in Moralsystemen Ausführlich zu vernehmen.
"Der Mensch bedarf des Menschen sehr Zu seinem großen Ziele, Nur in dem Ganzen wirket er, Viel Tropfen geben erst das Meer, Viel Wasser treibt die Mühle. Drum flieht der wilden Wölfe Stand Und knüpft des Staates daurend Band." So lehren vom Katheder Herr Puffendorf und Feder.
Doch weil, was ein Professor spricht, Nicht gleich zu allen dringet, So übt N a t u r die Mutterpflicht Und sorgt, daß nie die Kette bricht Und daß der Reif nie springet. Einstweilen, bis den Bau der Welt Philosophie zusammenhält, Erhält s i e das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe.
Epigramme
Unsterblichkeit Vor dem Tod erschrickst du? Du wünschest unsterblich zu leben? Leb im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.
Theophanie Zeigt sich der Glückliche mir, ich vergesse die Götter des Himmels; Aber sie stehen vor mir, wenn ich den Leidenden seh.
Das Kind in der Wiege Glücklicher Säugling! Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege, Werde Mann, und dir wird eng die unendliche Welt.
Der beste Staat "Woran erkenn ich den besten Staat?" Woran du die beste Frau kennst! daran, mein Freund, daß man von beiden nicht spricht.
Das Unwandelbare "Unaufhaltsam enteilet die Zeit." Sie sucht das Beständ'ge. Sei getreu, und du legst ewige Fesseln ihr an.
Zeus zu Herkules Nicht aus meinem Nektar hast du dir Gottheit getrunken; Deine Götterkraft war's, die dir den Nektar errang.
Forum des Weibes
Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten; Aber über den Mann sprechet das richtige Wort.
Odysseus
Alle Gewässer durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus; Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr, Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes, Selber in Aides Reich führt ihn die irrende Fahrt. Endlich trägt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Küste-- Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht.
Sehnsucht
Ach, aus dieses Tales Gründen, Die der kalte Nebel drückt, Könnt ich doch den Ausgang finden, Ach, wie fühlt ich mich beglückt! Dort erblick ich schöne Hügel, Ewig jung und ewig grün! Hätt ich schwingen, hätt ich Flügel, Nach den Hügeln zög ich hin.
Harmonieen hör ich klingen, Töne süßer Himmelsruh, Und die leichten Winde bringen Mir der Düfte Balsam zu, Goldne Früchte seh ich glühen, Winkend zwischen dunkelm Laub, Und die Blumen, die dort blühen, Werden keines Winters Raub. Ach wie schön muß sich's ergehen Dort im ew'gen Sonnenschein, Und die Luft auf jenen Höhen, O wie labend muß sie sein! Doch mir wehrt des Stromes Toben, Der ergrimmt dazwischen braust, Seine Wellen sind gehoben, Das die Seele mir ergraust.
Einen Nachen seh ich schwanken, Aber ach! Der Fährmann fehlt. Frisch hinein und ohne Wanken! Seine Segel sind beseelt. Du mußt glauben, du mußt wagen, Denn die Götter leihn kein Pfand, Nur ein Wunder kann dich tragen In das schöne Wunderland.
Spinoza
Hier liegt ein Eichbaum umgerissen, Sein Wipfel tät die Wolken küssen, Er liegt am Grund--warum? Die Bauren hatten, hör ich reden, Sein schönes Holz zum Bau'n vonnöten Und rissen ihn deswegen um.
Thekla (Eine Geisterstimme)
Wo ich sei, und wo mich hingewendet, Als mein flücht'ger Schatte dir entschwebt? Hab ich nicht beschlossen und geendet, Hab ich nicht geliebet und gelebt?
Willst du nach den Nachtigallen fragen, Die mit seelenvoller Melodie Dich entzücken in des Lenzes Tagen? Nur solang sie liebten, waren sie.
Ob ich den Verlorenen gefunden? Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden, Dort, wo keine Träne wird geweint.
Dorten wirst auch du uns wieder finden, Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht; Dort ist auch der Vater, frei von Sünden, Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht.
Und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen, Als er aufwärts zu den Sternen sah; Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen, Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah.
Wort gehalten wird in jenen Räumen Jedem schönen gläubigen Gefühl; Wage du, zu irren und zu träumen: Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.
Triumph der Liebe
Selig durch die Liebe Götter--durch die Liebe Menschen Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmlischer--die Erde Zu dem Himmelreich.
Weibliches Urteil
Männer richten nach Gründen; des Weibes Urteil ist seine Liebe: wo es nicht liebt, hat schon gerichtet das Weib.
Winternacht
Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet, Grad über tritt der Mond! Ade! Mit schwarzem Rabenflügel wehet Die stumme Nacht ums Erdenrund.
Nichts hör ich mehr durchs winternde Gefilde Als tief im Felsenloch Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde Geheul des Uhus hör ich noch.
Im Wasserbette ruhen alle Fische, Die Schnecke kriecht ins Dach, Das Hündchen schlummert sicher unterm Tische, Mein Weibchen nickt im Schlafgemach.
Euch Brüderchen von meinen Bubentagen Mein herzliches Willkomm! Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen Um einen teutschen Krug herum.
Im hochgefüllten Deckelglase malet Sich purpurfarb die Welt, Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet Vergnügen, das kein Neid vergällt.
Im Hintergrund vergangner Jahre findet Nur Rosen euer Blick, Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet Der trübe Gram von euch zurück.
Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute Stört ihr im Zeitbuch um. Und zählt nunmehr mit federleichtem Mute Schweißtropfen im Gymnasium.
Wie manchen Fluch--noch mögen unterm Boden Sich seine Knochen drehn-- Terenz erpreßt, trotz Herrn Minellis Noten, Wie manch verzogen Maul gesehn.
Wie ungestüm dem grimmen Landexamen Des Buben Herz geklopft; Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen, Der helle Schweiß aufs Buch getropft.--
Wo red't man auch von einer--e--gewissen-- Die sich als Frau nun spreißt, Und mancher will der Lecker baß nun wissen, Was doch ihr Mann baß--gar nicht weißt.
Nun liegt dies all im Nebel hinterm Rücken, Und Bube heißt nun Mann, Und Friedrich schweigt der weiseren Perücken, Was einst der kleine Fritz getan--
Man ist--Potz gar!--zum Doktor ausgesprochen, Wohl gar--beim Regiment! Und hat vielleicht--doch nicht zu früh, gerochen, Daß Plane--Seifenblasen sind.
Hauch immer zu,--und laß die Blasen springen; Bleibt nur dies Herz noch ganz! Und bleibt mir nur--errungen mit Gesängen-- Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.
Zum Geburtstag der Frau Griesbach
Mach auf, Frau Griesbach! Ich bin da Und klopf an deine Türe. Mich schickt Papa und die Mama, Daß ich dir gratuliere.
Ich bringe nichts als ein Gedicht Zu deines Tages Feier; Denn alles, was die Mutter spricht, Ist so entsetzlich teuer.
Sag selbst, was ich dir wünschen soll; Ich weiß nichts zu erdenken. Du hast ja Küch und Keller voll, Nichts fehlt in deinen Schränken.
Es wachsen fast dir auf den Tisch Die Spargel und die Schoten, Die Stachelbeeren blühen frisch, Und so die Reineclauden.
Bei Stachelbeeren fällt mir ein: Die schmecken gar zu süße; Und wenn sie werden zeitig sein, So sorge, daß ich's wisse.
Viel fette Schweine mästest du Und gibst den Hühnern Futter; Die Kuh im Stalle ruft muh! muh! Und gibt dir Milch und Butter.
Es haben alle dich so gern, Die Alten und die Jungen, Und deinem lieben, braven Herrn Ist alles wohlgelungen.
Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank! Mußt's auch fein immer bleiben; Ja, höre, werde ja nicht krank, Daß sie dir nichts verschreiben!
Nun lebe wohl! Ich sag ade. Gelt, ich war heut bescheiden? Doch könntest du mir, eh ich geh, 'ne Butterbemme schneiden.