Einführung in die moderne Logik. Erster Teil.
Chapter 3
Unsere Darlegung erinnert nicht bloss an Spinoza, der alles sub specie aeternitatis betrachten will, sondern auch an Augustins veritates aeternae et immutabiles, die ihren Grund nicht in dem veränderlichen menschlichen Denken und ebensowenig in den veränderlichen Dingen der Welt sondern nur in Gott haben können. Sie erinnert ferner an den Satz von Nikolaus von Cues, der wieder an Eckhart anklingt, dass die ideelle Existenz der Dinge (in dem Gedanken Gottes) wahrer ist als die in Raum und Zeit erscheinende körperliche Existenz. Sie erinnert endlich ganz besonders an die Ideenlehre Platons. Das, was wir Wahrheit nennen, ist in der That eine Platonische Idee, oder sie umfasst vielmehr die ganze Ideenwelt Platons, welche die Erscheinungswelt in ihrem Sein bedingt.
Zweiter Abschnitt.
Die Wahrheit und das Wesen der Dinge.
Sechste Untersuchung.
Wesentliche und nicht wesentliche Merkmale.
Das Erkennen ist auf das Wesentliche gerichtet. Sein Ziel ist das Wesen der Dinge. Das Wesentliche soll im Gegensatz stehen zu dem Zufälligen und scheint dann als das Notwendige, Unentbehrliche betrachtet zu werden. Es fragt sich, wem notwendig, wem unentbehrlich? Natürlich dem Begriff des Dinges (Ding im allgemeinsten Sinne genommen, in dem es auch Eigenschaften, Vorgänge und Beziehungen umfasst). Allein, fragen wir weiter, woraus besteht der Begriff? so lautet die Antwort: aus den wesentlichen Merkmalen. Durch Zurückgreifen auf den Begriff kommen wir in der Erkenntnis dessen, was unter wesentlich zu verstehen ist, nicht weiter.
Jedenfalls setzt die Unterscheidung wesentlicher und zufälliger Merkmale die Annahme eines Wertunterschieds unter den Merkmalen voraus. Und an dieser Annahme wird festgehalten werden müssen. Schon wenn wir von der Gestalt und Grösse der Ausdehnung, von der Höhe und Stärke eines Tones, von der Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung reden, tritt dieser Wertunterschied deutlich hervor. Das erstgenannte Merkmal ist das vorzüglichere, dem das zweite als Eigenschaft untergeordnet wird. Aber nicht das Umgekehrte gilt. Man kann den Kaukasier nicht definieren als ein menschliches Weisses, den Menschen nicht als ein zweibeiniges und zweihändiges oder als ein zweifüssiges ungefiedertes Wesen, wenn gleich diese Definitionen eine Unterscheidung des Kaukasiers von den andern Menschentypen und des Menschen von allen andern Dingen ermöglichen. Warum nicht? Weil die weisse Farbe, die Zweifüssigkeit, Ungefiedertheit keine wesentlichen Merkmale bilden, das Weiss-Sein ausserdem sich dem Mensch-Sein nicht überordnen lässt. Die Alten hatten recht, wenn sie im Anschluss an Porphyrius nicht unterschiedslos alle Merkmale, die einem Dinge und nur ihm zukommen, in seine Definition aufgenommen wissen wollten, sondern nur gewisse wertvolle, die sie die wesentlichen nannten. Auch darin hatten sie recht, wenn sie von den wesentlichen Merkmalen nicht bloss die zufälligen, wie z. B. die Farbe beim Menschen, unterschieden, sondern auch die notwendigen, die sogenannten Proprietäten. Was notwendig zum Wesen des Menschen gehört, wie z. B. die Zweifüssigkeit, ist darum noch nicht ein Bestandteil dieses Wesens.
Siebente Untersuchung.
Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale?
Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass wir weder die einer Reihe von Dingen gemeinsamen, sogenannten allgemeinen Merkmale, noch die im Laufe der Entwicklung eines Dinges sich gleichbleibenden sogenannten konstanten Merkmale mit den wesentlichen verselbigen dürfen. Es bedarf ferner nicht eines Durchlaufens einer Reihe von gleichen oder ähnlichen Dingen oder der Entwicklungsphasen ein und desselben Dinges um das Wesentliche an ihnen zu entdecken. Freilich kann nicht geleugnet werden, dass dieses Verfahren der Generalisation die Auffindung der wesentlichen Merkmale häufig unterstützt. Sind die Umstände und Verhältnisse der Gegenstände, um deren Erkenntnis es sich handelt, sehr verwickelt und schwer überschaubar, so mag es unentbehrlich sein, aber doch nur für die Ausscheidung der unwesentlichen Merkmale, nicht unmittelbar für die Auffindung der wesentlichen. Die Abstraktion ist natürlich früher als die Generalisation, weil deren Bedingung. Durch die Abstraktion gewinnen wir unter andrem auch die wesentlichen Merkmale. Eine kleine Menge Wasser genügt dem Chemiker, die Zusammensetzung des Wassers, alles Wassers aufzuweisen, eine einzige, beliebig gewählte Dreiecksfigur dem Mathematiker, die Eigenschaften aller Dreiecke darzuthun. Das bekannte Verfahren der Induktion, bei der von einer grösseren oder geringeren Zahl von Einzelfällen ausgegangen und aus ihnen mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit auf einen allgemeingültigen Sachverhalt geschlossen wird, kommt ebenso wie das Verfahren der Generalisation nur dann zur Anwendung, wenn die Umstände und Verhältnisse sehr verwickelt und schwer überschaubar sind. »Die wahre Methode geht« nach Liebig (von Liebig, Franz Bacon und die Methode der Naturwissenschaften 1863 S. 47) »vom einzelnen Falle, nicht von vielen Fällen aus«. Das deutet auch Goethe an, wenn er (W. XXII. S. 264) sagt: »Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere? Millionen Fälle.«
Indes, was ist denn das Mittel für die Erfassung des Wesentlichen? Ein einfacher Blick des Geistes, über den freilich keineswegs jedermann verfügt. Eine grosse Anzahl selbst von den wissenschaftlichen Forschern hängen an Einzelheiten, Äusserlichkeiten, dringen nicht ein in den Kern der Sache, nicht in das, worauf es ankommt. Der Blödsinnige und Dumme ermangelt dieses Blickes gänzlich. Jener bleibt mit seinem sprunghaften Denken keinen Augenblick bei derselben Sache, dieser sieht, wie man zu sagen pflegt, vor lauter Bäumen den Wald nicht. Insbesondere zeigt dies der Ungebildete durch Heranziehung aller, auch der gleichgültigsten Nebenumstände bei Darstellungen und Erzählungen. Ihnen allen fehlt der Blick des Geistes für das Wesentliche.
Etwas dieser eigentümlichen Funktion des Bewusstseins Ähnliches haben wir in dem, was man in der Wissenschaft als Aperçu oder Intuition bezeichnet. Man muss darunter auch einen, wie man sagt, vorausschauenden Blick des Geistes verstehen, durch den die wissenschaftlichen Ergebnisse, die das Ende einer längren Gedanken- und Forschungsarbeit bilden und sie zum Abschlusse bringen, vorweggenommen oder unmittelbar aufgefasst werden. Freilich ist diese Vorwegnahme oder unmittelbare Auffassung keineswegs schon eine Erkenntnis. An sie anschliessend nimmt die eigentliche wissenschaftliche Gedanken- und Forschungsarbeit erst ihren Anfang, zunächst sozusagen bloss probierend und tastend. Aber dieses eigentliche wissenschaftliche Verfahren erhält doch durch das im voraus erfasste Ergebnis seine Richtung und sein Ziel. Ihm liegt die Aufgabe ob, für das Aperçu oder die Intuition den Beweis zu führen und sie dadurch zu einer wirklichen Erkenntnis zu erheben. Wir werden bald sehen, dass der Blick des Geistes, durch den wir die wesentlichen Merkmale gewinnen, darin mit dem wissenschaftlichen Aperçu und der wissenschaftlichen Intuition Ähnlichkeit hat, dass wir durch ihn und für sich allein noch keineswegs Erkenntnisse gewinnen.
Achte Untersuchung.
Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen (vorstellungsmässigen) abzuleiten.
All unsrem Erkennen liegen Sinnenbilder zu Grunde. Auf das in den Empfindungen gegebene, das Sinnliche, Sinnfällige, muss, sei es zur Begründung, sei es zur Verdeutlichung unsrer Erkenntnisse, immer zurückgegriffen werden; zur Verdeutlichung insbesondere dann, wenn es sich um die Erkenntnis des Nichtsinnlichen, Geistigen handelt. Die Grundbestandteile dieses Sinnlichen, Sinnfälligen bilden die Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung. Von beiden haben wir Tast- und Gesichtsbilder, auch von der Bewegung (etwa die Berührungsempfindungen von einem über die Hand kriechenden Sonnenkäfer), denen entsprechende Gesichtsempfindungen zur Seite gehen. Natürlich sind diese Bilder selbst ausgedehnt und bewegt und heissen nur uneigentlich Bilder von der Ausdehnung und Bewegung. Das deutet schon darauf hin, dass wir unter der Ausdehnung und Bewegung etwas andres verstehen müssen als diese sogenannten Sinnenbilder. Was wir unter Ausdehnung und Bewegung verstehen, das zeigen die Worte Ausdehnung und Bewegung an. Diese Worte sind sozusagen Zeichen für ein in uns vorhandenes ruhendes Wissen, eine Wissensdisposition, eine Fähigkeit, in Urteilen darzulegen, was Ausdehnung und Bewegung ist, oder wenigstens jederzeit diese Worte richtig anzuwenden. Wir wissen, dass die Ausdehnung eine Vielheit gleichzeitiger einander berührender Teile, die Bewegung eine Vielheit aufeinander folgender, ineinander übergehender Teile umfasst. Gleichzeitige Vielheit und Berührung, aufeinander folgende Vielheit und Übergang, das sind die Bestandteile der Begriffe Ausdehnung und Bewegung, die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale der Ausdehnung und Bewegung. Aber sind diese Merkmale nicht schon in den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung vorhanden, nicht in ihnen unmittelbar gegeben, sodass sie sich also von den sinnfälligen, sinnlichen gar nicht unterscheiden oder höchstens doch durch eine in Gestalt von Worten vermittelte Umformung aus ihnen abgeleitet werden könnten? Wenn die Sinnenbilder selbst ausgedehnt und bewegt sind, so sind diese Merkmale so in ihnen enthalten, wie in jedem andren Ausgedehnten und Bewegten. Aber um sie zu finden, dazu bedarf es eben eines Finders, der von den sinnlichen Empfindungen selbst verschieden ist, eben jenes Blickes des Geistes, dem wir die Gewinnung der wesentlichen Merkmale zuschreiben. Die Sinnenbilder an und für sich genommen sind nichts andres als Zusammensetzungen von Empfindungen, die je den Teilen der Netzhaut und Tasthaut entsprechen. Sie sind Zustände des Bewusstseins, die noch gar nicht einmal einen gegenständlichen Charakter haben, noch nicht einmal als Objekte uns gegenübertreten. Unsrem entwickelten Bewusstsein erscheint freilich ihre Gegenständlichkeit als etwas Selbstverständliches; aber doch nur darum, weil ihnen der Finder, der Blick des Geistes, gegenübersteht.
Wie werden ursprünglich aus den, sagen wir einmal bloss subjektiven Empfindungen -- an sich genommen sind die Empfindungen ja weder subjektiv noch objektiv -- Vorstellungen? Wie es scheint auf folgendem Wege. Mit den Bewegungen unsrer eigenen Glieder sind Willensimpulse verbunden; sie kehren regelmässig bei den sogenannten willkürlichen Bewegungen wieder und associieren sich so mit den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung dieser Glieder. Wenn nun Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung, mit denen diese Willensimpulse nicht verbunden sind, in uns auftreten, so wird das Gedächtnisbild dieser Willensimpulse reproduziert und auch diesen Sinnenbildern unterlegt. So treten dann diese Sinnenbilder als Willensdinge den Sinnenbildern, die von vornherein mit den Willensimpulsen verbunden sind, gegenüber. So erhalten diese erstren Sinnenbilder diesen letztren gegenüber, wie es scheint, ursprünglich einen gegenständlichen Charakter, oder, wie wir ohne Gefahr des Missverstandenwerdens besser sagen, sie werden zu Vorstellungen. Gegenstände im eigentlichen Sinne als das dem Geiste Gegenüberstehende giebt es für ihn erst auf Grund des Urteils.
Wir nannten die Sinnenbilder, mit denen associativ Willensimpulse verbunden sind -- auch von den Sinnenbildern, mit denen sie ursprünglich verbunden sind, können wir das Gleiche sagen, -- Willensdinge. Es ist bekannt, dass die Wilden ebenso wie unsere Kinder und Dichter alles als belebt und beseelt, alles als mit Gefühl und Willen ausgestattet, auffassen. Diese Animismus genannte Erscheinung hält natürlich der fortschreitenden Erfahrung gegenüber nicht Stand. Der geworfene Stein und die freifliegende Taube werden bald unterschieden. Von dem Willensding bleibt dann nur übrig, 1. dass es einen Raum ausfüllt, der nicht zugleich mit ihm von einem andren Dinge eingenommen werden kann -- das Willensding wird zur Substanz; 2. dass es jedem Eindringen in diesen Raum Widerstand entgegensetzt, also Einwirkungen ausübt -- das Willensding wird zur Ursache. Man könnte denken, diese wesentlichen (begrifflichen) Merkmale der Dinge im engren Sinne seien wieder unmittelbar in den mit Willensimpulsen verbundenen Sinnenbildern der Sinnendinge gegeben. Aber auch hier gilt: es bedarf des Finders, des Blickes des Geistes, und erst dieser schafft, erzeugt, freilich nicht willkürlich, sondern im engen Anschluss und gemäss dem Sinnenbild, in seiner Thätigkeit von ihm bedingt und bestimmt, das wesentliche oder begriffliche Merkmal. Das Finden, Erblicken, auf geistigem Gebiete ist eben nicht ein materielles Aufnehmen sondern ein Erzeugen, ein Schaffen. Allein, sollte man nicht annehmen dürfen, dass wir diese begrifflichen Merkmale nur durch die urteilende Thätigkeit gewinnen? Zumal wir ja die Vielheit der Teile des Ausgedehnten und der Bewegung anscheinend nur durch Unterscheidung der Teile im Urteile erhalten. Diese Unterscheidung im Urteil setzt die Erfassung der Teile als einzelner, sozusagen eine Unterscheidung durch den einfachen Blick des Geistes voraus. In der durch diese Unterscheidung gegebenen Vereinzelung sind die Teile im Sinnenbilde der Ausdehnung und Bewegung nicht vorhanden, sondern können erst durch den Blick des Geistes gewonnen werden. Dasselbe gilt dann natürlich auch von dem Moment der Berührung und des Übergangs, den andern begrifflichen oder wesentlichen Merkmalen der Ausdehnung und Bewegung, in denen die einzelnen Teile zu zweien zusammengefasst werden. Gewiss kommt in unsrem entwickelten Bewusstsein wie jene Vereinzelung so auch diese Zusammenfassung im Urteil zum Ausdruck. Aber wie die im Urteil gegebene Vereinzelung, so setzt auch die in ihm gegebene Zusammenfassung den einfachen Blick des Geistes, dem wir die Gewinnung der wesentlichen Merkmale zuschreiben, voraus. Diese durch den einfachen Blick des Geistes sich vollziehende Vereinzelung und Zusammenfassung erzeugt neue gedankliche Gebilde im Geiste, eben die wesentlichen, begrifflichen Merkmale, die wir mit den Worten gleichzeitige, aufeinanderfolgende Vielheit, Berührung, Übergang bezeichnen und die die Grundlage der betreffenden unterscheidenden und zusammenfassenden Urteile bilden.
Wir können nicht zugeben, dass die wesentlichen Merkmale, aus denen der Begriff nach allgemeiner Annahme besteht, in den Sinnenbildern oder Vorstellungen in dem hier erklärten Sinne wirklich enthalten sind. In andren Fällen tritt uns das noch deutlicher entgegen. Wir haben Sinnenbilder vom Punkt, der keine Ausdehnung hat, von der Linie, die nur _eine_ Ausdehnung, von der Fläche, die nur zwei Ausdehnungen hat, von einem luftartigen Gebilde als dem Geiste, der den ausschliessenden Gegensatz zu allem Körperlichen ausmacht. Es ist einleuchtend, dass die hier genannten wesentlichen Merkmale des Punktes, der Linie, der Fläche, des Geistes nur durch Negation des in den betreffenden Sinnenbildern Enthaltenen gewonnen werden können. Die Negation im eigentlichen Sinne hat nur im negativen Urteile ihre Stelle, aber diese im negativen Urteil gegebene Negation setzt den Blick für das, was anders ist, als das, was negiert wird, voraus.
Neunte Untersuchung.
Das Wesen der Dinge.
Aber wir haben immer noch nicht erklärt, was das Wesentliche eigentlich ist oder worin das Wesen der Dinge besteht. Am einfachsten scheint die Sache bei den mathematischen Gebilden zu liegen. Das Wesen eines Kreises, einer Ellipse besteht natürlich nicht in der gezeichneten und von uns gesehenen Linie, viel eher in der mathematischen Formel, durch welche das Verhältnis der Linie zu dem einen Mittelpunkt des Kreises und zu den beiden Mittelpunkten der Ellipse bestimmt wird, in dem Gesetze des Kreises und der Ellipse. Sicher kommt die mathematische Formel dem Wesen des Kreises und der Ellipse näher als die gezeichnete und gesehene Linie, die, um gezeichnet und gesehen zu werden, im Widerspruch mit sich selbst mehrere Ausdehnungen haben muss. Aber macht die mathematische Formel das ganze Wesen des Kreises und der Ellipse aus? Sie gehören doch zu den Kegelschnitten und nehmen innerhalb derselben eine bestimmte, durch neue Formeln festgelegte Stellung ein. Diese gehört nicht minder zu ihrem Wesen. Sie sind Linien, und Linien begrenzen Flächen; Flächen begrenzen Körper, Körper nehmen hinwiederum in der Gesamtheit des Wirklichen eine Stellung ein, an der auch die Linien teilnehmen. Auch diese Stellung zur Gesamtheit des Wirklichen gehört zum Wesen des Kreises und der Ellipse, ja es ist einleuchtend, dass sie ihr eigentliches Wesen bilden muss, da aus ihr die Einzelstellung dieser mathematischen Gebilde und somit ihre mathematische Formel sich ergiebt und abgeleitet werden kann. Was vom Wesen des Kreises und der Ellipse gilt, wird vom Wesen aller Dinge behauptet werden müssen. Eine rohe Auffassung sieht in diesem Wesen einen beharrlichen, unveränderlichen Seinskern, an dem sich die mit dem Begriffe des Dinges verträglichen Veränderungen vollziehen sollen. Einen solchen unveränderlichen Seinskern giebt es nicht in den Dingen. Die Veränderungen sind Veränderungen der Dinge, nicht an den Dingen. Man kann sich auch nicht auf den Begriff des Dinges berufen, um die mit seinem Wesen verträglichen Veränderungen des Dinges zu gewinnen. Denn der Begriff, der die wesentlichen Merkmale umfasst, setzt das Wesen des Dinges voraus. Das unveränderlich sich Gleichbleibende in den Dingen ist ihre Stellung zur Gesamtheit des Wirklichen. Sie verleiht den Dingen eine überzeitliche Geltung und eine ewige Bedeutung; in ihr besteht das Wesen der Dinge, und dieses Wesen ist mit ihrer Wahrheit ein und dasselbe. Wie die Wahrheit, so ist darum auch das Wesen unveränderlich und ewig. In diesem höchsten Sinne giebt es von jedem Ding nur Einen Begriff. Er ist der Ausdruck für seine Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen, oder, wie wir auch sagen können, für seine Stellung in dem System der Wahrheit. Natürlich ergiebt sich auch aus der Stellung eines Dinges in der Gesamtheit des Wirklichen, welche Veränderungen es durchlaufen kann, oder welche Veränderungen für die Geltendmachung dieser Stellung erforderlich sind.
Zehnte Untersuchung.
Der Begriff der Philosophie.
Können wir wirklich für unser Erkennen das Eindringen in das Wesen der Dinge in diesem Sinne als Aufgabe in Anspruch nehmen? Geht eine solche Aufgabe nicht über die Kraft des Erkennens hinaus? Gilt das Wesen der Dinge nicht mit Recht für unerkennbar? Haben wir beispielsweise vom Wesen der Farbe eine Erkenntnis? Die Physiker sagen, die Farben seien Ätherschwingungen; die Physiologen nennen sie Empfindungen. Aber weder die einen noch die andren können uns sagen, was es mit den Ätherschwingungen und Empfindungen eigentlich auf sich hat, was ihr Wesen ist. Das Wesen der Farbe würden wir erst dann erkannt haben, wenn wir den ursächlichen Zusammenhang zwischen den Ätherschwingungen und unsren Empfindungen und den Zweckzusammenhang zwischen beiden verstanden hätten, wenn wir wüssten, warum die Ätherschwingungen die Farben erzeugen und wodurch sie das vermögen. Davon aber sind wir sehr weit entfernt. Wir wissen nicht, wie die durch die Ätherschwingungen erzeugten Gehirnvorgänge es machen, dass die von ihnen ganz verschiedenen Farbenempfindungen auftreten, und noch weniger, warum es der toten und gleichmässigen Ätherschwingungen bedarf, um die ganze Farbenwelt hervorzuzaubern, die der Kunst der Malerei ihre Existenz verleiht. Noch weniger können wir das Wesen des Menschen erkennen. Platon nannte den Körper den Kerker und das Grab der Seele, moderne Physiologen betrachten das Bewusstsein als ein überflüssiges und unbequemes Nebenprodukt. Die Frage, warum der den Geist so oft behindernde Körper mit dem den Körper so oft zum Siechtum verurteilenden Bewusstsein verbunden ist, wird heutzutage kaum gestellt. Erst die Beantwortung dieser Frage würde uns Aufklärung über das Wesen des Menschen geben. Aber wenn wir das Wesen der Dinge gar nicht erkennen können, warum denn von dieser Erkenntnis reden und von ihr so viel Aufhebens machen? Wir antworten: das Ziel des Erkennens ist unzweifelhaft das Wesen der Dinge, und wer die richtige Darstellung vom Erkennen geben will, darf dies sein Ziel nicht ausser Acht lassen; mag das Erkennen dasselbe auch nur unvollkommen und annähernd erreichen. Man hat die Philosophie nicht mit Unrecht als die Wissenschaft vom Wesen der Dinge bezeichnet. Man muss sie folgerichtig auch als die Wissenschaft der Fragen bestimmen, denn sie steht mitten im Fragen und kommt aus dem Fragen gar nicht heraus. Aber ist das etwa eine ihrer unwürdige Bestimmung? Ist die richtig gestellte Frage und das Bewusstsein, sie nicht beantworten zu können, wirklich wertlos? Jedenfalls ist diese Bestimmung ehrenvoller für die Philosophie, als wenn man sie, ihrer gegenwärtigen Lage nicht ganz unangemessen, als die Wissenschaft charakterisiert, in der jeder eine andere Meinung hat.
Dass die Philosophie die Wissenschaft der Fragen ist, zeigt sich besonders, wenn wir den Begriff des Erkennens ins Auge fassen. Man spricht von Erscheinung im Gegensatz zum Wesen und unterscheidet die Erscheinung im metaphysischen und erkenntnistheoretischen Sinne. Unter der erstren sind die Veränderungen der Dinge zu verstehen, die sich natürlich aus ihrer Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen ergeben und darum aus ihrem Wesen erklären lassen. Unter der letztren sind die Denkvorgänge im weitesten Sinne des Wortes, die auch und in erster Linie die sinnlichen Empfindungen umfassen, zu verstehen. Sie vermitteln das Erkennen, und insofern sie das wirklich oder vermeintlich thun, gelten sie als Erscheinung der Dinge in uns. Was hat es mit dieser Erscheinung der Dinge in uns, diesen Denkvorgängen, die das Erkennen vermitteln, auf sich? Was hat das Erkennen zu bedeuten, was ist sein Wesen? Nur eine blosse Abspiegelung, eine müssige Wiederholung der Dinge im Bilde? Sind auch die für unsre Erfassung des Wirklichen so notwendigen Ortsbestimmungen, die einerseits feste Punkte voraussetzen und anderseits sich doch in lauter Beziehungen auflösen, und ebenso die Zeitbestimmungen, von denen das Gleiche gilt, Bilder einer von ihnen unabhängig bestehenden Wirklichkeit? Dem Bilde ist es eigentümlich, den Gegenstand so wiederzugeben, wie er unabgebildeterweise ist. Wäre das Erkennen nur ein Bild des Wirklichen, so würden wir den Begriff des Dinges an sich nicht entbehren können. Um ihn zu vermeiden, mussten wir eine unauflösliche Verbindung des Erkennens mit seinem Gegenstande, der Wahrheit annehmen. Aber erst, wenn wir die Art dieser Verbindung zu bestimmen vermöchten, würden wir das Wesen des Erkennens erkannt haben, mit ihm auch die Bedeutung der für unsere Erfassung des Wirklichen so notwendigen Orts- und Zeitbestimmungen.
Elfte Untersuchung.
Die Wahrheit das höchste Gut.