Einführung in die moderne Logik. Erster Teil.

Chapter 2

Chapter 23,223 wordsPublic domain

Unterschied von Kategorien und Prädikabilien, der Kategorie Eigenschaft und der Prädikabilie Proprietät. Verhältnis der Eigenschaft zum Ding verglichen mit dem Verhältnis des Anfangenden zum Ermöglichungsgrund. Das Wesen sicher eine Kategorie, auch das ausserwesentliche Zufällige und Notwendige gehört doch zum Seienden und ist insofern Kategorie. Wann Gattung und Art Prädikabilien sind. Verschiedenheit, Gleichheit. Zahl Prädikabilien, Einheit sicher Kategorie. Die Endlichkeit als seiendes Nichtsein. Raum und Zeit, die Formalkategorien, Substanz und Kausalität, die Realkategorien, enthalten Raum und Substanz in der Berührung, Zeit und Kausalität in dem Übergang, ein dem Denken inkommensurables, von ihm nicht aufzuhellendes Element. Wo diese Kategorien eine Rolle spielen, da kann, sofern dieses Element in Frage kommt, von Einsicht und Erkenntnis keine Rede sein. Was haben Raum und Zeit für eine Bedeutung, da sie einerseits als Formalkategorien das Sein der Dinge in keiner Weise vermehren und anderseits doch die Principien der Individuation bilden, durch die das Wirkliche seine Wirklichkeit erhält, da alles Wirkliche Einzelwirklichkeit ist? Die Wirklichkeit eine Realkategorie, da sie auf dem wirklichen Akt der göttlichen Selbstentäusserung beruht, der den wirklichen Dingen eine Selbständigkeit leiht, die ihnen eigentlich nicht zukommt. Inwiefern ist das Wahre wirklich? Insofern Gott es nicht bloss denkt, sondern will? Der Schöpfungsakt ein Akt der Selbstentäusserung. Symbolische Bedeutung von Raum und Substanz -- scheinbare Selbständigkeit, Unendlichkeit. Symbolische Bedeutung von Zeit und Kausalität -- thatsächliche Abhängigkeit, Beschränktheit. Hat die Negation eine reale Bedeutung?

Zwanzigste Untersuchung.

Die Erkenntnis der Aussenwelt 51

Keine Erkenntnis der Beschaffenheit der äusseren Dinge möglich. Psychologische Erklärung der Zusammensetzung der sogenannten sinnfälligen Wirklichkeit. Ort der Dinge im Raum, wodurch bestimmt. Die Dinge sind keine blossen Sinnenbilder, Vorstellungen oder fortdauernde Möglichkeiten von Empfindungen. _Unmittelbare_ Evidenz der Existenz dieser Dinge, die nicht nach dem Kausalitätsgesetz erschlossen werden kann. Der Begriff der Ursache spielt in der Wahrnehmung keine Rolle. Die Naturdinge sind verschieden von Raum und Zeit, von Substanz und Kausalität, die nur zur Erscheinungsform der Dinge in unserm Bewusstsein gehören. Sie sind Gedanken Gottes, wie wir nach dem Einheitsgesetz schliessen. Es giebt keine unmittelbare Evidenz von der Nichtexistenz solcher Dinge. Beweis für ihre Existenz. Abstrakte Trennung von Leib und Seele bei Cartesius und in der Psychologie: Empfindungen als blosse Bewusstseinsvorgänge, Anfangszustände des Bewusstseins. Definition der Empfindungen ohne körperliche Vorgänge unmöglich. Weder für das entwickelte Bewusstsein noch für das des Kindes sind sie blosse Empfindungen. Objektivationstheorie -- Ersatz dafür. Empfindungen nicht als Empfindungen gegeben, sondern als Erkenntnismittel. Platons Schwungbrett. Aristoteles: kein Begriff ohne Phantasiebild. Verbindung unseres Bewusstseins nicht bloss mit unserm Körper, sondern auch mit der Körperwelt überhaupt. Wie weit reicht unsere Erkenntnis der Körperwelt?

Einundzwanzigste Untersuchung.

Über die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins 58

Brentano über die äussere und innere Wahrnehmung. Bewusstheit uneigentliches Wesen. Auf Grund der Reflexion gewinnen wir eine Einsicht in die wirkliche Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgänge. Die angewendeten Vorstellungen ursprünglich sinnliche, aus dem sinnlichen Gebiet entlehnte, übertragene, bildliche. Was ist sinnliches Gebiet? Inwiefern wird dasselbe durch die Empfindungen konstituiert? Nicht insofern sie Gegenstand der Reflexion sind. Falsch, dass wir von den Bewusstseinsvorgängen blosse Vorstellungen haben. Übertragung der sinnlichen Vorstellungen durch den Blick des Geistes für das Wesentliche, nicht in Urteilen. Methode der Psychologie: Isolierung der Empfindungen, Isolierung der Bewusstseinsvorgänge. Übergreifender Charakter der Bewusstseinsvorgänge schon für das Zustandekommen der Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung notwendig. Einheit des Bewusstseins. Einsicht in die Zusammengehörigkeit mancher Bewusstseinsvorgänge, in die Zugehörigkeit zu unserm Bewusstsein. Erinnerung, was sie ist. Vergleich mit der Wahrnehmung. Warum wir bei beiden nicht von Einsicht sprechen. Unter welchen Vorbehalten bestehen auch die Erinnerungen in Einsichten? Einsicht in die Lückenhaftigkeit unserer Erinnerungen, wodurch ermöglicht? Selbstbewusstsein ist Einsicht in die Zusammengehörigkeit des Bewusstseins mit unserm Ich. Humes Irrtum. Was das Ich ist, wissen wir nicht. Leibliches Ich. Ich getrennt vom Leib d. h. von dem Leibe wie er seinem Wesen nach ist ein Abstraktum. Einsicht in die Zusammengehörigkeit unserer Bewusstseinsvorgänge mit unserm Ich. Vergleich der Erkenntnis der Aussenwelt mit der Erkenntnis unserer eigenen Bewusstseinsvorgänge. Bei den Bewusstseinsvorgängen fällt die Erscheinung derselben im Bewusstsein mit dem Wissen, das sie von sich selbst haben, also mit ihnen selbst zusammen.

Zweiundzwanzigste Untersuchung.

Weitere Schranken unseres Erkennens 64

Keine Erkenntnis des Wesens der Aussendinge und Bewusstseinsvorgänge, ihrer Stellung im System der Wahrheit. Die Zahl der blinden Wissensinhalte unübersehbar gross. Blosse Kenntnisse keine Erkenntnisse -- Zusammengeratenes nicht Zusammengehörendes. Associative Wissensinhalte -- alles Namen- und Wortewissen von dieser Art. Induktionsschluss ergiebt eine auf Einsicht beruhende Wahrscheinlichkeit.

Dreiundzwanzigste Untersuchung.

Die Erkenntnis der Innenwelt anderer 66

Nicht durch einen Schluss der Analogie vermittelt, sondern unmittelbar bei Kindern und Erwachsenen. Ansteckende Wirkung der Bewusstseinsäusserungen und Bewusstseinszustände. Actio in distans. Immediatum commercium animarum. Aristoteles, Locke, Pestalozzi als Zeugen für die Grenzen unserer Erkenntnis anderer. Wesen der Religiosität: positive Seite der Moral, persönliches Verhältnis. Selbsterkenntnis inwiefern schwieriger als die Erkenntnis anderer. Einsichtige Urteile über die sittliche Beschaffenheit anderer möglich. Verehrungssinn. Worte ungewollte Selbstbeurteilungen.

Vierundzwanzigste Untersuchung.

Geschichtliche Erkenntnisse 70

Ist Glauben als Fürwahrhalten auf das Zeugnis anderer minderwertig gegenüber dem Wissen? Mitgeteilte Urteile keine von uns gefällten Urteile. Äussere Einsicht in die Wahrheit vermittelt durch die Einsicht, dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will. Statt Glauben und Wissen zu unterscheiden sprechen wir von Kenntnissen erster und zweiter Hand. Believe, faith. Glauben im religiösen Sinne. Kenntnisse zweiter Hand weitaus überwiegend. Begriffs- und Thatsachenurteile nach ihrem Erkenntniswert. Erkenntniswert der Naturwissenschaften, der Geschichte. Natur eine gebrochene Einheit, in der Geschichte haben wir eine wirkliche Vielheit. Das Einzelne in der Natur hat keinen Eigenwert, nur wertvoll als Exemplar einer Gattung. Vom Körperlichen als solchem haben wir keine eigentlichen Erkenntnisse, wohl aber von den Beweggründen und Triebfedern menschlicher Handlungen. Das Körperliche hat im Geistigen seinen Zweck, das Umgekehrte unmöglich. Zweckbegriff von den Anhängern der mechanischen Naturauffassung durch die Entwicklungstheorie wieder eingeführt. Die Zielstrebigkeit des Aristoteles wird auf die Natur als Ganzes angewendet. Woher die Anpassung? Aristokratisches Prinzip in der Natur: nicht das Stärkere siegt der Regel nach, sondern das Vollkommenere. Entwicklung in der Natur sehr langsam, in der Geschichte augenscheinlich. Fortschritte in der Geschichte auf intellektuellem und religiösem Gebiete. Herstellung von Einheiten in Natur und Geschichte wie verschieden! Dort Mittelpunkte, Systeme des Aussereinanderliegenden, hier bewusste Einheiten vieler Personen. Persönlichkeiten in der Geschichte Träger von Ideen, damit Triebkräfte der Entwicklung. Neues in der Entwicklung: ex nihilo fit nihil. Bedeutung des Individuums in der Geschichte.

Fünfundzwanzigste Untersuchung.

Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration 77

Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Inspiration verschieden von dem Blick für das Wesentliche, von der schöpferischen Einbildungskraft. Künstlerindividualität. Intuitionen. Einfallen von Gedanken. Inspirationen: Zusammengehörigkeiten höherer Art, aufgedrängte, aufgenötigte Gedanken, Ergänzungen des Blicks für das Wesentliche, -- noch keine Erkenntnisse. Zwei unverifizierbare Eingebungen über das Wesen des Körperlichen. Einbildungen und Eingebungen. Letztere stammen aus dem Reich der Wahrheit, mit dem wir zusammenhängen. Zwei Erkenntnisquellen als Ausgangspunkte für das Erkennen: a) Erfahrung, aa) Empfindungen, bb) Bewusstseinsvorgänge, b) Eingebungen. Erkenntnis nur durch das Denken möglich.

Sechsundzwanzigste Untersuchung.

Religiöse Erkenntnisse 82

Religion was sie ist. Inspiration von Religion unabtrennbar -- sie giebt den Philosophen interessierende Weltanschauungen. Religion eine praktische Angelegenheit, hat bestimmte theoretische Voraussetzungen. Diese sind nicht darum wahr, weil sie sich bewähren: a) Ausprobieren unmöglich, b) Wirkungen auch rein psychologisch bei falschen Voraussetzungen möglich. Religion nicht bloss Sache des Gefühls. Das intellektuelle Element der Religion, richtig verstanden, nicht bloss Voraussetzung der Religion sondern ihr Wesen, sofern dieses in ihrer Wahrheit besteht. Die Wahrheit an sich das höchste Gut. Darum Gott die Wahrheit. _Für uns_ ist Sittlichkeit ein höheres Gut. Fides quaerens intellectum. Notitia, fiducia, assensus. Der Inspirierte kann davon eine Einsicht gewinnen, dass er eine Inspiration empfangen hat. Die Verkündigung der Inspiration als von Gott stammend -- Offenbarung. Mittelbare äussere Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung vermittelt durch die Einsicht, dass der Verkündende die Wahrheit weiss und sagen will. Massgebend und entscheidend hierfür die sittliche und religiöse Beschaffenheit des Verkündigers. Äussere Einsicht vom religiösen Gesichtspunkte aus der inneren vorzuziehen.

Schluss 87

Alle Wahrheit wegen ihrer ewigen Bedeutung -- Metaphysik. Wer diese leugnet, muss auch die überzeitliche Geltung und damit die Allgemeingültigkeit der Wahrheit für alle Denkenden leugnen -- er verfällt dem Skepticismus. a) Empiristischer, b) rationalistischer Wahrheitsbegriff. Beide setzen den metaphysischen Wahrheitsbegriff voraus. Nach jenem lässt sich nur entscheiden, was wahrscheinlich ist, nach diesem nur, was möglicherweise wahr ist. Jener ist nützlich für die Sicherung unserer Lebenszwecke, dieser für die Verwirklichung eines Erkenntnisideals. Ein Prüfstein der Wahrheit ist weder der eine noch der andere.

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DIE WAHRHEIT UND UNSER WISSEN.

Erster Hauptteil.

Die Wahrheit.

Erster Abschnitt.

Was ist Wahrheit?

Erste Untersuchung.

Die herkömmliche Definition der Wahrheit.

Seit Cartesius spielt der Gedanke einer gegensätzlichen Trennung von Leib und Seele in der Philosophie eine Rolle. In ähnlicher Weise hat seit Kant der Gedanke einer gegensätzlichen Trennung des Erkennens und seines Gegenstandes die Philosophen beschäftigt, und zwar verstanden sie unter Gegenstand das sogenannte Ding an sich oder den Gegenstand, wie er unerkannter Weise ist. Beide Gedanken sind der Aristotelischen und mittelalterlichen Philosophie fremd. Der letztere Gedanke führt zu einer Auffassung der gewöhnlichen Definition der Wahrheit, welche jede Erkenntnis der Wahrheit unmöglich macht. Nach dieser Definition nämlich, auf die alle Erörterungen über die Wahrheit vielfach unbewusst und unfreiwillig zurückkommen, besteht die Wahrheit in der _Übereinstimmung des Erkennens mit seinem Gegenstande_. Fassen wir hier Gegenstand in seiner gegensätzlichen Trennung vom Erkennen als das Unerkannte oder so wie er unerkannter Weise ist, so kann von einer Erkenntnis der Wahrheit keine Rede mehr sein; denn der Gegenstand kommt uns doch nur innerhalb unsrer Vorstellungen und Gedanken, also vermittelt durch unser Erkennen, zum Bewusstsein. Was er abgesehen davon sein mag, darüber wissen wir nichts. Aber muss in jener Definition der Wahrheit das Wort Gegenstand notwendig im Sinne des unerkannten Gegenstandes, wie er unerkannter Weise ist, genommen werden? Wir werden der Absicht der gewöhnlichen Definition der Wahrheit gerecht, wenn wir den Gegenstand als das betrachten, was vom Erkennen weder gemacht noch geändert wird und insofern vom Erkennen unabhängig ist. Damit steht aber nicht im Widerspruch, wenn wir an einer unlösbaren Verbindung des Erkennens mit seinem Gegenstande festhalten und insofern von einer wechselseitigen Abhängigkeit einerseits des Erkennens vom Gegenstande und anderseits des Gegenstandes vom Erkennen reden. Wenn das Erkannte auch nicht _durch_ das Erkennen ist, so bleibt doch die Annahme möglich, dass es nicht _ohne_ das Erkennen sein kann und insofern von ihm abhängig ist. Ausgeschlossen ist hierbei die rationalistische Annahme, dass das Erkennen seinen Gegenstand aus sich selbst schöpft; aber auch die empiristische Annahme ist unrichtig, dass dem Erkennen sein Gegenstand einfach gegeben wird. Das Gegebene ist noch nicht das Erkannte; das Erkennen darf den Gegenstand weder erzeugen oder auch nur ändern, noch kann es ihn als Unerkanntes als Ding an sich erfassen.

Indes ganz abgesehen davon können wir die Definition, wie sie gewöhnlich gegeben wird, nicht gebrauchen, schon wegen der Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit des Wortes »Gegenstand«, und es würde daran auch dann nichts geändert, wenn wir dieses Wort durch das nicht minder unbestimmte und vieldeutige »Wirklichkeit« ersetzten. _Für uns giebt es nur einen Gegenstand des Erkennens, und das ist die Wahrheit._ Wir nehmen an, dass wir die Wahrheit erkennen können, erklären uns aber ausser Stande, von dem was Wahrheit ist, eine Definition zu geben. Wenn wir aber auch keine eigentliche Definition von dem Begriff der Wahrheit zu geben vermögen, so können wir doch wenigstens ein Merkmal dieses Begriffs aufweisen und in ihm uns seinen Inhalt vergegenwärtigen. Das Merkmal ist freilich kein letztes Unterscheidungsmerkmal, aber doch ein wesentlicher, wenn nicht der wesentlichste Bestandteil des Begriffs der Wahrheit. Wir können ferner auch ein Kennzeichen der Wahrheit angeben, an dem wir Wahrheit und Falschheit unterscheiden, und damit den Umfang dieses Begriffs bestimmen. Wie so oft muss auch hier die genauere Bestimmung des Umfangs einen Ersatz bieten für die unzulängliche Festsetzung des Inhalts. Das Kennzeichen ist freilich nur ein äusseres, aber als einziges unterscheidendes Kennzeichen nicht bloss praktisch unentbehrlich, sondern auch von entscheidender Wichtigkeit.

Zweite Untersuchung.

Der überzeitliche Charakter der Wahrheit.

Aus Thatsachen und Gedanken, d. h. aus dem Vorgefundenen und aus unsren nicht willkürlichen sondern dem Vorgefundenen entsprechenden Zuthaten, bauen sich die Wissenschaften auf. Wenigstens ist in dem, was wir Thatsachen nennen, das Vorgefundene das herrschende Element, während in den Gedanken das Vorgefundene gegen die Zuthaten zurücktritt. Zu den Gedanken gehören auch die Begriffsurteile oder Begriffssätze wie: weiss ist nicht schwarz, ein Viereck nicht rund, ein gleichseitiges Dreieck gleichwinklig, zwei kleiner als drei usw., die das Gebiet der logischen und mathematischen Wahrheiten umfassen. Sie sind vollkommen wahr, auch wenn die Glieder, die sie miteinander verbinden, gar nicht existieren; auch wenn es so etwas wie weiss und schwarz, Viereck und rund, gleichseitiges und gleichwinkliges Dreieck, zwei und drei in Wirklichkeit gar nicht giebt, so bleibt doch die in diesen Urteilen ausgedrückte Beziehung durchaus wahr. Sie ist ewig gültig, ihre Wahrheit hat einen überzeitlichen Charakter.

Richtig verstanden gilt das aber von allen Urteilen, die eine Wahrheit zum Ausdrucke bringen. Die Thatsachen unsres Bewusstseins, von denen nur wir allein jeder für sich Kenntnis haben können, und alle übrigen Thatsachen von mehr oder minder langer Dauer -- wie sie z. B. in den Urteilen: ich freue mich jetzt, oder: die Lampe steht auf dem Tische, ausgedrückt werden -- können nur wirklich oder wahr sein, wenn dies, dass sie jetzt oder eine zeitlang bestehen, für alle Zeiten gilt. Alle Wahrheit, auch die anscheinend nur einen Augenblick oder eine kurze Zeit bestehende, hat einen überzeitlichen Charakter. Sie hat trotz ihres scheinbar kurzen Bestandes eine ewige Gültigkeit. Nur darum ist sie Wahrheit.

Dritte Untersuchung.

Bedeutung des überzeitlichen Charakters der Wahrheit.

Aber wie ist das möglich? Nur dadurch, dass auch die vergängliche Thatsache eine ewige Bedeutung hat, aus der sich ihr Hervortreten in der Zeit erklärt. Nur aus dieser ihrer ewigen Bedeutung, die ihre zeitliche Existenz bedingt und begründet, folgt notwendigerweise der überzeitliche Wahrheitscharakter der Thatsache. Eine ewige Bedeutung kann aber der zeitlichen und vergänglichen einzelnen Thatsache nicht als solcher in ihrer Vereinzelung sondern nur als Glied eines grösseren über ihre Zeitlichkeit und Vergänglichkeit hinausgehenden Ganzen zukommen; nur als Teil der Gesamtwirklichkeit, die als Ganzes wenigstens über die Zeitlichkeit und Vergänglichkeit ihrer Teile hinausgeht. Schon im gewöhnlichen Leben sprechen wir bei Thatsachen nur von Wahrheit, wenn sie in den Zusammenhang des Wirklichen aufgenommen werden können und durch ihre Stellung in diesem Ganzen eine Bedeutung gewinnen. Dass ein Stein am Wege liegt, eine Person uns begegnet, nennen wir schwerlich eine Wahrheit, ausser wenn die Betonung dieses Sachverhalts aus andren Gründen etwa wegen eines gerichtlichen Verfahrens wichtig ist. Jedenfalls werden wir uns den Wahrheitscharakter der Thatsachen, der notwendig ein überzeitlicher ist, nur zum Bewusstsein bringen können, wenn wir sie der zufälligen Äusserlichkeiten, insbesondere ihrer Vereinzelung zu entkleiden und mit Spinoza zu reden sub specie aeternitatis zu betrachten suchen. Ob und inwiefern dies Streben von Erfolg gekrönt ist oder zu inhaltlich bedeutsamen Erkenntnissen führt, mag fraglich bleiben; aber davon hängt natürlich die notwendige Überzeitlichkeit des Charakters der Wahrheit nicht ab.

Eine Folgerung drängt sich auf: das Gelten steht höher als das Existieren; das Existieren ist nur möglich durch das Gelten. Mit andren Worten: die Wahrheit steht höher als die Wirklichkeit und die Wirklichkeit ist nur Wirklichkeit durch die Wahrheit. Aber was ist Wirklichkeit, abgesehen von ihrer Wahrheit?

Vierte Untersuchung.

Nur Eine Wahrheit für alle Denkenden.

Was für alle Zeit gilt, gilt natürlich auch für alle Denkenden. Es giebt entweder keine Wahrheit, oder aber sie gilt für alle Denkenden. Die Wahrheit ist nicht ein Erzeugnis der menschlichen Organisation überhaupt oder jeder einzelnen menschlichen Organisation insbesondere, sodass sie nur für die Menschen gälte oder gar für jeden einzelnen Menschen eine andere und besondere wäre. Alle Erkenntnis hat nur Einen Gegenstand, das ist die Eine Wahrheit, die für alle Erkennenden dieselbe ist. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass die Wahrheit unabhängig vom Erkennen sei im Sinne der Transcendenz oder des Dinges an sich. Bei einer solchen Unabhängigkeit hörte die Wahrheit auf, Gegenstand des Erkennens zu sein. Die unauflösliche Verbindung der Wahrheit mit dem Erkennen muss festgehalten werden, wie immer diese Verbindung zu denken ist. Ausserdem wird man von einer Abhängigkeit der Wahrheit vom göttlichen Denken oder -- wenn man diesen Ausdruck vorzieht -- vom »Bewusstsein überhaupt« und auch vom menschlichen Denken reden dürfen, vorausgesetzt, dass das menschliche Denken, wenn es wahr ist, eins mit dem göttlichen ist.

Gilt die Wahrheit, auch wenn wir sie nicht erkennen? Gilt das Gesetz der Gravitation, ehe es Newton entdeckte? Zweifellos! Aber was heisst das anders, als dass diese Wahrheit, wie alle andren, einen überzeitlichen Charakter hat, dass sie ewig gilt! Muss man dann aber nicht schliessen, dass die Wahrheit vorhanden sein kann, ohne unser Erkennen? Wir dürfen nicht vergessen, dass auch unser Erkennen, wie alle Thatsachen, einen überzeitlichen Charakter hat. Gewiss, es hat einen Anfang, es erlebt Veränderungen, gehört also der Zeit an, wie alle zeitlichen Thatsachen. Aber wir wissen nicht, wie sich später zeigen wird, was es mit der Zeit auf sich hat, obgleich wir ihr die Bedeutung nicht absprechen. Sicher ist, dass das Zeitliche vom Ewigen abhängig ist, dass es in seinem Hervortreten in der Zeit durch das Ewige bedingt und bestimmt ist. Das gilt auch von unsrem Erkennen. Aber nicht minder sicher ist, dass dieses Hervortreten in der Zeit auch eine ewige Bedeutung hat, und das verbürgt uns seine unauflösliche Verbindung mit der Wahrheit, in der allein diese ewige Bedeutung ihren Grund haben kann.

Fünfte Untersuchung.

Die Wahrheit und das Urteil.

In jedem Urteile haben wir ein Bewusstsein der Wahrheit, wenn auch nur einschliesslich und der Sache nach. Ausdrücklich und der Form nach ist dies allerdings nur der Fall in dem Urteile: Es ist wahr, dass dies oder jenes zutrifft! Natürlich handelt es sich hierbei nicht immer um ein Bewusstsein der wirklichen, sondern oft auch nur der bloss vermeintlichen Wahrheit. Dieses Bewusstsein geht seinem Sinne nach stets über die Verbindung der Vorstellungen im Urteile hinaus und weist auf einen Sachverhalt hin, der in der Verbindung der Vorstellungen zum Ausdrucke kommen soll, aber von ihr verschieden ist. Wir nennen das die Beziehung des Urteils auf die Objektivität, und diese ist mit dem in ihm enthaltenen Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe.

Wenn man das Urteil Ausdruck eines Sachverhalts nennt und darunter eben nur diese Beziehung auf die Objektivität oder das Bewusstsein der Wahrheit versteht, so ist dagegen nichts einzuwenden. Falsch wäre es aber, wenn man das Wort Ausdruck im Sinne einer Nachbildung des Sachverhalts verstehen wollte. Das im Urteil sich darstellende Erkennen ist keineswegs eine bloss müssige Wiederholung der Wirklichkeit, ein blosses Spiegelbild derselben. Dem Bilde ist es eigentümlich, eine Sache so wiederzugeben, wie sie unabgebildeter Weise ist. Wäre das Erkennen ein blosses Bild der Wahrheit, so würde es die Wahrheit wiedergeben, wie sie unerkannter Weise ist. Die Wahrheit würde zum unerkennbaren Ding an sich. Im Erkennen haben wir nicht ein blosses Bild der Wahrheit sondern die Wahrheit selbst. Es ahmt sie nicht nach (homoiosis), sondern nimmt an ihr teil (koinonia), sie ist in ihr gegenwärtig (parusia). Wir nehmen im Erkennen die Wahrheit selbst in Besitz, nicht bloss ihr Spiegelbild, ihren Abdruck im Bewusstsein. Davon überzeugt uns immer wieder die Reflexion auf den Erkenntnisvorgang.

Wichtig ist, dass wir im Urteile nicht bloss über die in ihm vorhandene Verbindung der Vorstellungen hinausgehen, sondern mit unsrem Denken oder, wenn wir auch das falsche Urteil berücksichtigen wollen, wenigstens in Gedanken in die überzeitliche, ewige Welt, die für alle Denkenden in gleicher Weise gilt, hineinreichen und mit ihr im Zusammenhange stehen. Das ist die Bedeutung der Beziehung auf die Objektivität, die mit dem Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe ist. Diese überzeitliche, ewige, für alle Denkenden gleicherweise geltende Welt ist die Welt, das Reich oder auch die Region, das System der Wahrheit. Jeder Urteilende tritt mit jedem Urteil in dieses allem sinnlichen Scheine nicht bloss sondern auch allem Vergänglichen, Veränderlichen so entgegengesetzte Gebiet ein und fasst in ihm festen Fuss.