Einführung in die moderne Logik. Erster Teil.
Chapter 1
Einführung in die moderne Logik. Erster Teil.
by Goswin Uphues
Edition 1 , (January 5, 2008)
Der
Bücherschatz des Lehrers.
Wissenschaftliches Sammelwerk
zur intellektuellen und materiellen Hebung
des Lehrerstandes.
Unter Mitwirkung massgebender Fachgelehrter und Schulmänner
herausgegeben
von
K. O. Beetz,
Schuldirektor in Gotha
Fünfter Band.
Einführung in die moderne Logik.
Osterwieck/Harz.
Verlag von A. W. Zickfeldt.
1901.
Einführung in die moderne Logik.
Von
Goswin Uphues
Professor an der Universität Halle.
Erster Teil:
Grundzüge der Erkenntnistheorie.
Osterwieck/Harz.
Verlag von A. W. Zickfeldt.
1901.
VORWORT.
Wer die Entwicklung der philosophischen Forschung der letzten zehn Jahre mit aufmerksamem Blicke verfolgte, dem konnte es nicht entgehen, dass in der Auffassung des Verhältnisses von Psychologie und Logik eine Wandlung eintrat oder sich wenigstens anbahnte. Anfangs hatte es den Anschein, als ob die Psychologie die Stellung einer ersten und herrschenden Disciplin erhalten sollte. Das Erkennen und Denken sind doch Bewusstseinsthatsachen und anderseits Voraussetzungen aller Wissenschaften und somit auch der Philosophie. Was lag näher, als die Wissenschaft von den Bewusstseinsthatsachen, die Psychologie, als grundlegende philosophische Disciplin zu betrachten, ja noch mehr, sie zur Grundlage aller Wissenschaften zu machen. Allmählich aber brach sich der Gedanke Bahn, dass vom Erkennen und Denken als Bewusstseinsthatsachen das Erkannte und Gedachte sorgfältig unterschieden werden müsse und dass die Untersuchung hierüber eher das Recht in Anspruch nehmen könne als Voraussetzung aller Wissenschaften und als grundlegende philosophische Disciplin zu gelten. So trat die Logik an die Stelle der Psychologie; sie nahm wieder, wie ehemals in der Philosophie, unter den philosophischen Disciplinen die erste Stelle ein. Aber Hand in Hand damit ging auch eine andere Auffassung der Logik. Man begnügte sich nicht mehr mit einer Behandlung der blossen Formen des Denkens, sondern Fragen, die den Inhalt des Denkens und Erkennens, das Gedachte und Erkannte betreffen, wurden in immer grösserer Zahl in die Logik hineingezogen. Die Logik wurde aus einer formalen Disciplin, zu der sie unter dem Einflusse Kants geworden war, in eine erkenntnistheoretische Disciplin umgestaltet. Das hatte seinen Grund nicht bloss in der Entwicklung der philosophischen Forschung, sondern wird auch durch die Natur der Sache gefordert.
Verstehen wir unter Logik die Wissenschaft vom Denken, so ist doch nicht alles Denken Gegenstand der Logik, sondern nur das Denken, durch welches aus dem im Bewusstsein Gegebenen Erkenntnisse werden, das Denken also, das seinen Zweck im Erkennen hat und ihm als Mittel dient. In der Logik ist also das Denken dem Erkennen untergeordnet. Die Logik ist in erster Linie Erkenntnislehre und erst in zweiter Linie Denklehre. _Was heisst Erkennen? Was können wir erkennen?_ Das sind die Fragen, welche die Logik vor allem zu beantworten hat. Ihre erste Aufgabe ist, den Begriff des Erkennens nach seinem Inhalt und Umfang zu bestimmen.
Aber das Erkennen ist eine Thätigkeit, die sich auf ein Ziel richtet. Dieses Ziel ist die Wahrheit. Eine solche Thätigkeit setzt die Erkenntnis des Zieles, seiner Erreichbarkeit und der Normen, die sie zu befolgen hat, voraus. Was Erkennen heisst, können wir nur bestimmen, wenn wir wissen, was Wahrheit ist (Definition der Wahrheit), wie wir sie erreichen können (Kennzeichen der Wahrheit), welche Regeln wir zu diesem Zwecke beobachten müssen (Gesetze des Erkennens). Die Untersuchungen über den Begriff der Wahrheit, über das Kennzeichen der Wahrheit und über die Gesetze des Erkennens, wie ich sie in der vorliegenden Schrift dargestellt habe, machten seit 1896 den ersten Teil meiner in jedem Sommer gehaltenen Vorlesungen über Logik aus. Sie erscheinen hier um ein Beträchtliches vermehrt, nämlich um den ganzen vierten Abschnitt dieser Schrift, der vom Umfange unsers Wissens handelt. In diesem Abschnitte beantworten wir die zweite Frage der Erkenntnistheorie: Was können wir erkennen? während die Untersuchungen über die Definition der Wahrheit, das Kennzeichen der Wahrheit und die Gesetze des Erkennens, die drei ersten Abschnitte dieser Schrift umfassend, die erste Frage der Erkenntnistheorie: Was heisst Erkennen zu beantworten suchen.
Die Auffassung der Logik als erkenntnistheoretischer Disciplin ist eine Wendung zum Besseren. Allein rücksichtlich dessen, was Erkenntnistheorie zu leisten hat und leisten kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Das Erkennen im gewöhnlichen von allen wissenschaftlichen Forschern mit Ausnahme einiger Erkenntnistheoretiker angenommenen Sinne hat eine _metaphysische_ Bedeutung. Die Wahrheit ist ein metaphysischer Begriff. Was wahr ist, ist nur wahr, weil es für alle Zeit und darum für die Ewigkeit gilt. Nur darum gilt es auch für alle Denkenden. Wirklich ist etwas nur, weil es an diesem Ewigkeitscharakter der Wahrheit teilnimmt. Diesem Begriff der Wahrheit möchten viele um jeden Preis aus dem Wege gehen, obgleich er in jeder ernstgemeinten Behauptung wiederkehrt und natürlich von allen wissenschaftlichen Forschern ausser einigen Erkenntnistheoretikern, wenn auch unbewusst, festgehalten wird. Man greift zu allerlei Kunststücken, beginnt mit der Umdeutung und endet mit der Wegdeutung dieses Begriffs -- alles aus Scheu vor der Metaphysik. Man hat das Gefühl, diese Forscher wandern an einem Abgrunde in beständiger Furcht, in ihn hineinzufallen. Der Abgrund heisst Metaphysik. Oft werden sie vom Schwindel ergriffen und fallen wirklich hinein. Der Begriff der Wahrheit lässt sich eben nicht unterdrücken. Aber alsbald arbeiten sie sich wieder in die Höhe und setzen ihre gefährliche Wanderung fort. Ihre mühselige Arbeit macht einen trostlosen Eindruck. Das Ergebnis ist ein unfruchtbarer Formalismus.
Kant wollte das Wissen beseitigen, um dem Glauben Raum zu schaffen. Hätte er diesen Gedanken weiter verfolgt, dann würde er zu einer Würdigung der geschichtlichen Erkenntnisse gekommen sein, die wir bei dem grossen Denker vermissen. Denn die Glaubensüberzeugungen gehören zu den geschichtlichen Erkenntnissen. Für unsere modernen Formalisten hat dieser Gedanke Kants keinen Wert, sie empfinden ihn als des grossen Kant unwürdig. Folgerichtig darf man darum auch bei ihnen keine Würdigung der geschichtlichen Erkenntnisse erwarten. Es scheint oft, als ob sie durch die Erkenntniskritik nur der vergötterten Naturwissenschaft freie Bahn machen wollen und als ob diese an die Stelle des realen Inhalts der Philosophie treten soll. Und doch ist der Erkenntnis- und Bildungswert der Naturwissenschaft, wie wir zeigen werden, viel geringer als der der Geschichte.
Die gegensätzliche Trennung des Erkennens und seines Gegenstandes führte Kant zu dem Unbegriff des Dinges an sich oder des Gegenstandes, wie er unerkannterweise ist. Unsere Formalisten möchten dieses caput mortuum der Kantischen Spekulation am liebsten beseitigen oder durch den transcendentalen Gegenstand, die Regel der Vorstellungsverknüpfung ersetzen -- da das Ding an sich nach ihrer Meinung die Grundvoraussetzung aller Metaphysik bildet. Wäre das der Fall, dann müsste man freilich aller Metaphysik entsagen. Denn das Ding an sich ist in der That ein ungereimter Begriff. Aber gerade die Aufrechthaltung der metaphysischen Bedeutung des Erkennens und sie allein macht, wie wir zeigen werden, die Beseitigung des Dinges an sich möglich.
Die Scheu vor der Metaphysik ist noch viel verbreitet; sie ist eine Nachwirkung der sensualistischen Psychologie und der formalistischen Logik. Aber die Anzeichen einer Entwicklung des philosophischen Denkens, die der Metaphysik günstig ist, mehren sich. Viele bekennen sich rückhaltlos zur Metaphysik und treten mutig für sie ein. Sie möchten nicht, dass ein formalistischer Logismus die Stelle des sensualistischen Psychologismus einnähme. Auch der formalistische Logismus kann wie der sensualistische Psychologismus nur eine vorübergehende Entwicklungsphase der Philosophie sein. Die Logik bedarf notwendig zu ihrem Unterbaue einer Auseinandersetzung über die Wahrheit im alten Sinne, und diese Auseinandersetzung ist ein Zweig der Metaphysik. Das ist die Anschauung, die wir im ersten Teile unserer Schrift vertreten.
Die Erkenntnistheorie umfasst die schwierigsten Fragen der Philosophie. Ihr Verständnis setzt nachdenkliche verinnerlichte Naturen voraus, die heutzutage nicht allzuhäufig sind. Gewiegte Pädagogen behaupten, dass manchen im übrigen gut begabten Schülern jede Anlage für Mathematik fehlt. Mit anscheinend grösserem Rechte kann man sagen, dass fast allen Menschen mit sehr wenigen Ausnahmen die Anlage für jenen Teil der Philosophie abgeht. Aber ich bin überzeugt, dass jeder einigermassen Beanlagte bei entsprechendem Unterrichte ein Verständnis der Mathematik gewinnen kann. Und was dem Eindringen in jenen schwierigen Teil der Philosophie hinderlich im Wege steht, sind Lebensgewohnheiten, die durch Selbsterziehung überwunden werden können und überwunden werden müssen. Wer fühlt sich nicht angezogen von der Schilderung des wahren Philosophen im platonischen Theätet? Wer möchte sich von einem Platon nicht gern die Weihe des Gedankens erteilen lassen? Aus der schwierigsten dieser Fragen, der Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Wirklichkeit redet der Geist Platons zu uns. Er hat sie zuerst gestellt, und die Antwort, welche er gab, ist auch heute noch beachtenswert.
Ich habe das Buch geschrieben für diejenigen, welche diese schwierigen Fragen studieren d. h. durchdenken wollen, um sich eine eigene Meinung zu bilden; nicht für die, welche sich mit einer blossen Kenntnisnahme der in der Erkenntnistheorie behandelten Fragen begnügen möchten. Kritische Auseinandersetzungen mit den Anschauungen anderer, diese Schatten für das Licht der eigenen Gedanken, die seinen Glanz erhöhen sollen, wurden grundsätzlich vermieden. Sie sind für die blosse Kenntnisnahme nützlich, für die Vertiefung in die Sache meistens schädlich.
Hoffentlich dienen dem Zweck dieser Vertiefung das ausführliche Inhaltsverzeichnis, das die behandelten Thesen der Reihe nach formuliert und das ebenso ausführliche Namen- und Sachregister, das die erörterten Grundbegriffe in alphabetischer Folge darstellt. Beide zeigen, wie viel Gedankenarbeit der Verfasser selbst übernimmt und wieviel er seinen Lesern zumutet. Die letztere ist nicht geringer als die erstere. Es gibt Wissenschaften, die man sich nicht aneignen kann ohne selbst an der Forschungsarbeit teil zu nehmen, das Lernen ist hier bedingt durch das Mitforschen. Zu diesen Wissenschaften gehört in erster Linie die Erkenntnistheorie. Es wäre für mich leichter gewesen bei den einzelnen Fragen länger zu verweilen und ihre Behandlung umfangreicher zu gestalten, wohl auch bequemer für den Leser. Es lag so nahe zu diesem Zweck die gewohnte und geläufige Form von Vorlesungen zu wählen, wie ich sie über diese Fragen oft gehalten habe. Was ich hier biete ist nur ein gedrängter Auszug aus diesen Vorlesungen, den ich am Schluss derselben zu diktieren und zur Grundlage von seminaristischen Übungen zu machen pflege. Nach meinen Erfahrungen regt gerade diese gekürzte Form der Darstellung am meisten zum Selbstdenken an. Sache des Lesers ist es bei den einzelnen Gedanken stehen zu bleiben und zu diesem Zweck für die erste Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis allein, für die wiederholte Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis und Register zu benutzen. Ich möchte das auch manchen Fachgenossen empfehlen, namentlich denen, die über eine mehr als »mittlere Begabung« verfügen. Jedenfalls bin ich dann vor Missverständnissen geschützt, wie sie in der Philosophie an der Tagesordnung sind. Ich bemerke noch, dass die Zusammengehörigkeit, der Grundbegriff meiner 1893 erschienenen Psychologie des Erkennens auch den Grundbegriff dieser Erkenntnistheorie bildet.
*Halle*, 14. Juni 1901.
INHALTSVERZEICHNIS.
*Die Wahrheit und unser Wissen.*
_Erster Hauptteil._
*Die Wahrheit.*
Erster Abschnitt: *Was ist Wahrheit?*
Erste Untersuchung.
Die herkömmliche Definition der Wahrheit 1
Was ist »Ding an sich«? Definition der Wahrheit; a) falsche, b) richtige Auffassung. Erkennen a) nach rationalistischer, b) nach empiristischer Auffassung. Gegenstand des Erkennens -- die Wahrheit. Inhaltsmerkmal der Wahrheit, Kennzeichen der Wahrheit.
Zweite Untersuchung.
Der überzeitliche Charakter der Wahrheit 3
Begriffsurteile. Thatsachenurteile. Auch die Wahrheit der letzteren hat einen überzeitlichen Charakter.
Dritte Untersuchung.
Bedeutung des überzeitlichen Charakters der Wahrheit 4
Ewige Bedeutung -- Grund der überzeitlichen Geltung. Nur als Glied der Gesamtwirklichkeit ist etwas wahr. Spinozas »sub specie aeternitatis«. Gelten und Existieren, Wahrheit und Wirklichkeit.
Vierte Untersuchung.
Nur Eine Wahrheit für alle Denkenden 5
Aus der überzeitlichen Geltung folgt die Allgemeingültigkeit für alle Denkenden. Die Wahrheit kein Produkt der menschlichen Organisation. Wahrheit kein Ding an sich, untrennbar vom Erkennen a) als Bewusstsein überhaupt, b) als menschliches Erkennen, dessen Hervortreten in der Zeit nicht bloss durch seine ewige Bedeutung bedingt ist, sondern auch selbst eine ewige Bedeutung hat. Die neuentdeckten Wahrheiten darum schon vor ihrer Entdeckung untrennbar vom menschlichen Erkennen.
Fünfte Untersuchung.
Die Wahrheit und das Urteil 6
Das Bewusstsein der Wahrheit gleich der Beziehung auf die Objektivität. Erkennen und Urteil keine Abbildung der Wahrheit, sonst wäre diese Ding an sich. Im Erkennen besitzen wir die Wahrheit selbst, nicht ihr Spiegelbild. Mit jedem Urteil treten wir in die ewige, überzeitliche, unvergängliche, übersinnliche Welt ein und fassen in ihr festen Fuss. Augustin, Eckhart. Nikolaus von Cues. Platons Ideenwelt das, was wir Wahrheit nennen.
Zweiter Abschnitt: *Die Wahrheit und das Wesen der Dinge.*
Sechste Untersuchung.
Wesentliche und unwesentliche Merkmale 7
Das Wesentliche und das Wesen ist Ziel des Erkennens. Wesentlich nicht gleich notwendig dem Dinge oder notwendig für seinen Begriff. Die Merkmale sicher nach ihrem Werte verschieden. Ein Merkmal, das eine Unterscheidung eines Dinges von allen andern ermöglicht, gehört darum noch nicht in die Definition des Dinges. Das Notwendige gehört (zum Teil wenigstens) zum Ausserwesentlichen.
Siebente Untersuchung.
Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale? 8
Wesentlich nicht gleich allgemein oder konstant. Nicht durch Generalisation werden die wesentlichen Merkmale gewonnen, obgleich sie ihre Gewinnung vorbereiten kann, sondern, durch die der Generalisation vorausgehende Abstraktion. _Ein_ Fall, _Ein_ Beispiel genügt für die Gewinnung; sie wird vermittelt durch den Blick des Geistes, den nicht alle besitzen, der der Intuition ähnlich ist und wie diese noch keine Erkenntnis bildet.
Achte Untersuchung.
Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen (vorstellungsmässigen) abzuleiten 10
Sinnenbilder Grundlage alles Erkennens. Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung selbst ausgedehnt und bewegt, schon darum verschieden von den Begriffen der Ausdehnung: Vielheit der gleichzeitigen Teile und Berührung, der Bewegung: Vielheit der aufeinanderfolgenden Teile und Übergang. Sinnenbilder Zusammenfassungen von Empfindungen ohne gegenständlichen Charakter. Wie erhalten die Empfindungen gegenständlichen Charakter, oder wie werden sie zu Vorstellungen? Willensdinge -- Substanzen, Ursachen. Das Finden der wesentlichen Merkmale ein Schaffen; doppelte Funktion desselben: Vereinzelung der Teile des Ausgedehnten und Bewegten, Zusammenfassung der sich berührenden und ineinander übergehenden -- beides Voraussetzung der betreffenden Urteile. Begriff und Sinnenbild von Punkt, Linie, Fläche, Geist. Auch das negative Urteil setzt den Blick für das, was anders ist, voraus.
Neunte Untersuchung.
Das Wesen der Dinge 14
Nicht das Sinnenbild des Kreises, der Ellipse, eher die mathematische Formel, das Gesetz für beide, weiterhin das Gesetz für ihre Stellung unter den Kegelschnitten, endlich ihre Stellung in der Gesamtwirklichkeit -- das Wesen der Ellipse und des Kreises; Wesen und Wahrheit dasselbe. Wesen nicht unveränderlicher Seinskern.
Zehnte Untersuchung.
Der Begriff der Philosophie 15
Wesen der Farbe, des Menschen unerkennbar. Trotzdem die Erkenntnis des Wesens das Ziel des Erkennens. Philosophie Wissenschaft vom Wesen der Dinge und Wissenschaft der Fragen. Wesen des Erkennens? Wesen der Erscheinung der Dinge in uns? Wesen der Orts- und Zeitbestimmungen? Erkennen kein Abbilden.
Elfte Untersuchung.
Die Wahrheit das höchste Gut 18
Wahrhaft schön, wahrhaft sittlich -- was alle als solches anerkennen müssen. Unser Begriff von den Dingen zu unterscheiden von dem Begriff, der ihr Wesen, ihre Stellung in der Gesamtwirklichkeit bestimmt. Für den ersteren gilt: nicht ohne dass es wahr ist, ist etwas gut und schön, für den letzteren: dadurch, dass es wahr ist, ist es schön, gut. Wesen und Wahrheit des Nichtseinsollenden, Scheinbaren? Seine Wirklichkeit nicht zu bezweifeln. Vielleicht ist es das anmasslich Selbständige.
_Zweiter Hauptteil._
*Unser Wissen.*
Dritter Abschnitt: *Kennzeichen der Wahrheit.*
Zwölfte Untersuchung.
Bestandteile des Erkenntnisvorgangs 19
Wesentlich gleich zugehörig, zusammengehörig; Wesen gleich Zusammengehörigkeit -- Grundbegriff des Erkennens. Das was zusammengehörig ist, und seine Zusammengehörigkeit zu unterscheiden. Das Vorgefundene a) Sinnenbilder, b) Vorstellungen Vorstufe des Erkenntnisvorgangs, Erste Stufe: Erfassung dessen, was zusammengehörig, was wesentlich durch den Blick des Geistes -- keine Erkenntnis, eine Abstraktion als Hinsehen, Festhalten, eine schaffende Thätigkeit. Ihr Ergebnis Einzelgebilde des Denkens, auf Grund deren erst die Urteilsthätigkeit möglich ist. Zweite Stufe: Einleuchten der Zusammengehörigkeit kein Zwang, keine Nötigung, -- noch keine Erkenntnis. Dritte Stufe: Einsicht in die Zusammengehörigkeit, Sehen, Wahrnehmen derselben, -- eigentliche Erkenntnis. Vierte Stufe der ersten entsprechend: Gedanklicher Ausdruck der Einsicht im Urteil erzeugt ein neues Gebilde des Denkens -- eine Verbindung, kein Einzelgebilde. Fünfte Stufe der zweiten entsprechend: Bewusstsein der Wahrheit, der Objektivität. Fünfte und zweite Stufe objektiv. Sechste Stufe: Gewissheit der dritten entsprechend Ausschluss des Zweifels, -- positiver Zustand. Sechste und dritte Stufe subjektiv. Einleuchten, nicht die Einsicht Kriterium, gemäss dem wir über wahr und falsch urteilen. Einsicht das, wodurch wir die Wahrheit erkennen.
Dreizehnte Untersuchung.
Gesetze des Erkennens 23
Es giebt nur Eine Wahrheit, keine einzelnen Wahrheiten. Entdeckung dieser Einen Wahrheit nach dem Gesetz der Zusammengehörigkeit, dem Grundgesetz des Erkennens; (Synthese nicht Analyse). An seine Stelle treten die Gesetze für die Urteile: erstens Gesetz der Übereinstimmung, Form eins und vier; zweitens Gesetz des Enthaltenseins, Form fünf und acht. Drittens Gesetz des Widerspruchs, Form zwei und drei, Form sechs und sieben -- Gesetze für einzelne Urteile; viertens Gesetz des ausgeschlossenen Dritten für das Verhältnis zweier Urteile zu einander. Vier Kategorien: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung; die Begriffe der einen Kategorie nicht der einer andern über- oder unterzuordnen. Verhältnis des Enthaltenseins verschieden von Ding und Eigenschaft, Ding und Vorgang, von untergeordneter Bedeutung für unser Erkennen. Urteil setzt Synthese voraus und schliesst diese als bedingenden Bestandteil ein, mag sein gedanklicher Ausdruck auch als Enthaltensein, Subsumtion, Analyse erscheinen; der sprachliche Ausdruck erscheint wieder als Synthese. Die wesentlichen Merkmale nicht einander über- oder untergeordnet, ausser wenn sie den gleichen Kategorien angehören; nicht in den Sinnenbildern enthalten. Auch die negativen Merkmale der Dinge nicht in ihnen enthalten.
Vierzehnte Untersuchung.
Gesetze des Erkennens (Fortsetzung) 29
Gesetze für das Einzelwirkliche als Subjekt der Urteile -- Urteilsgesetze: die genannten. Gesetze für den Zusammenhang des Wirklichen, den wir erschliessen -- Schlussgesetze: das Einheitsgesetz, das Gesetz der Kausalität oder der Ermöglichung des Anfangenden, das Gesetz des Grundes. Drei Gedankengänge, die zum Einheitsgesetz führen. Falsche Formulierung des Gesetzes der Kausalität; es ist verschieden vom Gesetz der Gleichförmigkeit des Naturlaufs -- Sinn dieses Gesetzes -- führt nicht auf das Gesetz des Widerspruchs zurück. Gesetz des Grundes, ein Gesetz des Enthaltenseins in seiner Anwendung auf Urteile. Drei Formen des Gesetzes des Widerspruchs. Real- und Formalgesetze. Auch das Gesetz des Widerspruchs kann einen realen, den Fortschritt des Erkennens bedingenden Charakter haben.
Fünfzehnte Untersuchung.
Erkenntnis und blinde Überzeugung 34
Erkenntnis hat einen vernünftigen Grund in dem Einleuchten, blinde Überzeugung beruht auf Gewöhnung, auf Gefühlen, die meist zuerst ein blindes Urteilen zur Folge haben, an das sich dann die Überzeugung anschliesst von der Wahrheit des Urteils, ferner oft von der (angeblichen, vermeintlichen) Einsicht und dem (vermeintlichen) Einleuchten. Gewissheit nach ihrer negativen Seite ohne Grade, die mit der Einsicht verbundene Gewissheit auch nach ihrer positiven Seite ohne Grade, während die Gewissheit, welche den blinden Urteilen folgt, sich masslos steigern lässt, wie die Gewissheit des Fanatikers zeigt. Ausserdem: die vermeintliche Einsicht folgt dem Urteil, die wirkliche geht ihm immer voran.
Sechzehnte Untersuchung.
Zulänglichkeit des Kennzeichens der Wahrheit 36
Vermeintliche Einsicht und wirkliche Einsicht nicht bloss durch die steigerungsfähige und nichtsteigerungsfähige Gewissheit und durch ihr Verhältnis zum Urteil von einander verschieden, die vermeintliche kann auch durch die wirkliche überwunden werden. Vier mögliche Fälle. Sinn des Gesetzes der Gleichförmigkeit des Naturlaufs.
Siebzehnte Untersuchung.
Einsicht und Denknotwendigkeit 38
Einsicht keinerlei Nötigung. Notwendigkeit, Nichtandersseinkönnen oft nur Folgerung aus der Gewissheit. Das Verhältnis des Enthaltenseins ein Notwendigkeitsverhältnis; aber dieses Notwendigkeitsverhältnis nicht Grund unserer Einsicht in die Wahrheit der betreffenden Urteile. Dasselbe gilt von den Denknotwendigkeiten, die in dem zusammengehörigen Nichtenthaltenen und in den Unverträglichkeitsverhältnissen bestehen. Warum es für unser Denken notwendig ist, der Eigenschaft ein Selbständiges (?), den Veränderungen und Bewegungen ein Veränderliches und Bewegliches, das beharrt, zu Grunde zu legen -- davon haben wir keine Einsicht. Dass das System der Wahrheit _notwendig_ einen Denkenden, das Anfangende _notwendig_ einen Ermöglichungsgrund voraussetzt, ist nur eine Folgerung aus der Gewissheit, die wir vom Gesetz der Einheit und der Kausalität haben.
Achtzehnte Untersuchung.
Einsicht und Wille 43
Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit -- letzte Quelle alles Unsittlichen. Vom Verstandesakte der Einsicht verschieden die Hingabe des Willens und das Ergriffensein des Gemüts. Beides wichtig für die sittlichen und religiösen Wahrheiten, die gewohnheitsmässig festgehalten wieder zu blossen Verstandeseinsichten oder Kopfwahrheiten herabsinken, von denen das Leben unberührt bleibt. Die Wahrheit Gemeinschaftsgut, nicht Gut des egoistischen Willens, sittliches Gut, höchstes Gut.
Vierter Abschnitt: *Umfang unseres Wissens.*
Neunzehnte Untersuchung.
Schranken unseres Erkennens 45