Part 6
Kätes Herz, das bei dem Toast anfänglich ein wenig bang geklopft hatte – der gute Doktor würde doch, angeregt durch ein gutes Glas Wein und ein gutes Diner, nichts ausplaudern von dem, was man nur ihm und dem Anwalt anvertraut hatte?! – klopfte jetzt in einer lebhaften Empfindung von Glück. Ihre Augen suchten ihren Mann und sandten ihm heimlich-zärtliche, dankerfüllte Blicke. Und dann ging sie zu dem alten Freund hin und dankte ihm ›für all die guten, lieben Worte‹. »Auch in Wölfchens Namen,« sagte sie herzlich weich.
»Also hab ich’s doch recht gemacht? Na, das freut mich!« Der Freund zog ihren Arm in den seinen und ging ein wenig abseits von den übrigen mit ihr auf und ab. »Ich sah es, liebe Frau, Sie waren ängstlich, als ich von des Jungen Herkunft anfing. Was denken Sie denn von mir?! Aber es geschah mit Absicht, längst habe ich auf die Gelegenheit gebrannt. Glauben Sie mir, wenn ich jedesmal einen Taler kriegte, so oft ich nach des Jungen Herkunft – sei’s offen oder hintenherum – ausgefragt werden soll, ich wäre jetzt schon ein vermögender Mann. Über manche Frage habe ich mich geärgert; das heut war die Antwort darauf. Hoffentlich haben sie sie verstanden! Sie sollen künftig ihre Vermutungen für sich behalten!«
»Vermutungen –?!« Käte zog die Augenbrauen zusammen und drückte des Arztes Arm. Was vermuteten die Leute – wußten sie schon etwas, ahnten sie das Venn?! Eine plötzliche Angst fiel sie an. Mit Blitzesschnelle tauchten Bilder vor ihr auf – hier mitten im festlich hellen Raum – dunkle Bilder, von denen sie nichts mehr wissen wollte.
»Um Gottes willen,« sagte sie leise, und ein Zittern war in ihrer Stimme. Wenn die Leute erst etwas wußten, o, dann – sie sprach es nicht aus, die plötzliche Angst schnürte ihr die Kehle zusammen –, dann wurde man die Vergangenheit nicht los! Dann kam die und verlangte ihr Recht und war nicht mehr abzuschütteln! »Glauben Sie,« flüsterte sie stockend, »glauben Sie – daß man – das Richtige – vermutet?«
»I wo, keine Spur!« Hofmann lachte, wurde aber dann gleich ernsthaft. »Lassen wir doch die Leute und ihre Vermutungen, liebe Frau!« O weh, da hatte er sich auf ein heikles Thema eingelassen – ihm wurde ganz heiß – wenn sie wüßte, daß man ihrem Paul, dem treuesten aller Ehemänner, eine ganz besondere Verpflichtung gegen das Kind zuschrieb?!
»Vermutungen – ach, was vermutete man denn?« Sie drängte ihn, ihre Augen forschten angstvoll.
»Unsinn,« sagte er kurz. »Was wollen Sie sich darum kümmern?! Aber das habe ich Ihnen und Ihrem Gatten ja gleich gesagt: wenn Sie ein solches Geheimnis aus des Knaben Herkunft machen, wird viel daran herumgedeutelt werden. Nun, Sie haben es ja nicht anders gewollt!«
»Nein!« Und die Augen schließend, schauerte Käte leicht zusammen. »Er ist unser Kind – nur unser Kind –« sagte sie mit einer seltenen Härte im Ton. »Und etwas andres existiert nicht!«
Kopfschüttelnd und fragend sah er sie an, betroffen über ihren Ton.
Da stieß sie hervor: »Ich habe Angst!«
Er fühlte, wie die Hand, die auf seinem Arm lag, leise bebte. –
Mitten in der Heiterkeit des Abends war es auf Kätes Freude wie eine Lähmung gefallen. Sie wurde viel nach dem kleinen Wolf gefragt – das war so natürlich, man zeigte ihr durch diese Fragen freundschaftliches Interesse – und man beobachtete sie dabei im stillen: ganz großartig, wie sie sich benahm! Man hätte der zarten Frau kaum solchen Heroismus zugetraut. Wie sehr mußte sie ihren Mann lieben, daß sie sein Kind – denn der Knabe mußte ja sein Kind sein, die Ähnlichkeit war zu augenfällig, ganz genau derselbe Gesichtsschnitt, das gleiche dunkle Haar – dieses Kind seiner schwachen Stunde an ihr Herz nahm, ohne Groll, ohne Eifersucht. Sie, die Kinderlose, das Kind einer andern! Das war großartig, fast zu großartig! Das begriff man denn doch nicht ganz.
Und Käte empfand instinktiv, daß in den Fragen, die man an sie richtete, etwas versteckt lag – war es Bewunderung oder Mitleid, Zustimmung oder Mißbilligung? – etwas, das man nicht fassen, nicht einmal nennen konnte, nur argwöhnen. Und das machte sie befangen. So gab sie auf freundliche Fragen nach Wölfchen nur zurückhaltende Antworten, war knapp in der Erzählung, kühl im Ton und konnte doch ein heimliches Vibrieren ihrer Stimme nicht hindern. Das waren die zärtliche Freude, der Mutterstolz, die sich nicht unterdrücken ließen, die Wärme ihres Gefühls, die ihrer Stimme den verborgenen Unterton der Erregung liehen. Andre nahmen’s für eine ganz andre Erregung.
Die Damen, die nach aufgehobener Tafel sich noch im Garten ergingen, plauderten vertraulich. Die kieferduftenden Gartengänge, in denen die Lampions nur bunt glühten, aber nicht erhellten, waren recht dazu geeignet. Man wandelte zu zweien und dreien, Arm in Arm, und sah sich vorsichtig erst nach Lauschern um: daß nur die gute Frau nichts hörte! Da war kaum eine unter den Frauen, die nicht ihre Beobachtungen gemacht hatte. Wie tapfer sie sich hielt, es war eigentlich ergreifend anzusehen, wie Empfindlichkeit und Neigung, Abneigung und Wärme in ihr rangen, sowie die Rede auf das Kind kam! Und wie sich dann in ihren heiteren Blick eine Unruhe stahl – ach ja, sie mochte viel durchgekämpft haben und noch immer durchkämpfen, die Arme!
Eine einzige meinte zwar, Schlieben viel zu lange und viel zu genau zu kennen, um nicht zu wissen, daß es zum Lachen – nein, daß es geradezu ungeheuerlich sei – von ihm so etwas anzunehmen. Von ihm, dem Korrekten, der nicht nur in der äußeren Haltung und Erscheinung, nein, ebenso innerlich allezeit der untadlige Kavalier war. Von ihm, dem treuesten Gatten, der heute noch, nach langer Ehe, so verliebt in seine Käte war, als hätten sie eben geheiratet. Die Sache lag ganz anders: sie hatten sich immer Kinder gewünscht, was war natürlicher, als daß sie sich, nun sie die Hoffnung endgültig aufgegeben hatten, eins angenommen hatten?! Taten denn andre Leute das etwa nicht auch?!
Freilich, das kam schon vor, gewiß! Aber dann erfuhr man doch Näheres: ob es ein Waisenkind war oder der illegitime Abkömmling aus hohen Kreisen, ob es in der Zeitung aufgeboten war – ›an edeldenkende Menschen zu vergeben‹ – ob es das Kind eines verlassenen Mädchens oder der unerwünschte Spätling einer schon überreich mit Kindern gesegneten Proletarierfamilie war und so weiter, immer wußte man doch wenigstens einiges. Aber hier – warum denn hier ein solches Geheimnis?! Warum nicht offen erzählt: daher haben wir’s, so und so trug’s sich zu?!
Frau Käte ganz offen nach der Herkunft des Kleinen zu fragen, war schwer; man hatte sich schon früher einmal in dieser bestimmten Absicht zu ihr begeben, aber gleich nach den ersten einleitenden Sätzen war in die Augen der Frau etwas so Angstvolles gekommen, in ihr Wesen etwas so scheu Ablehnendes, daß es mehr als taktlos gewesen wäre, das Gespräch weiter zu verfolgen. Man sah sich gezwungen, das Fragen zu lassen – aber merkwürdig, merkwürdig!
Auch die Herren im Rauchzimmer, die der Wirt einen Augenblick allein gelassen hatte, behandelten das gleiche Thema. Der Doktor wurde ins Gebet genommen.
»Hören Sie, verehrter Geheimrat, Ihr Toast war ja sehr famos, eines Diplomaten würdig, aber uns machen Sie nichts vor! Sie sollten auch nicht wissen, woher der Kleine stammt?! Na!« Besonders die beiden Sozien intrigierte es, daß Schlieben sie so wenig eingeweiht hatte. Wenn man allen Kix und Kax im Geschäftlichen besprach, hatte man doch auch ein gewisses Anrecht auf die Privatverhältnisse, zumal man schon mit dem alten Herrn zusammen gearbeitet hatte. Wo wäre der Paul heute, wenn sie beide nicht für ihn eingetreten wären mit ihrer ganzen Arbeitskraft, zur Zeit, als er noch an allem andern mehr Interesse fand und mehr Geschmack als am Geschäft?! Der schon ältliche Meier, der sein gutmütig-intelligentes, weinfrohes Gesicht über einem beträchtlichen Embonpoint trug, konnte sich ordentlich über einen solchen Mangel an Vertrauen kränken: »Als ob wir ihm was in den Weg gelegt hätten – lachbar! Doktor, sagen Sie mal wenigstens eins: hat er den Jungen von hier?!«
Aber der andre Kompagnon, der etwas gallige Bormann, der alle Jahre nach Karlsbad mußte, unterbrach schroff: »Ich bitte Sie, Meier – Sie sehn doch! Was geht’s uns auch an?! Von der letzten großen Reise wollen sie sich ihn mitgebracht haben – na, schön! Wo waren sie denn eigentlich zuletzt? Nach der Schweiz doch im Schwarzwald und dann in Spaa?!«
»Nein, an der Nordsee,« sagte Hofmann ruhig. »Sie sehen’s ja auch, der Junge hat ganz friesischen Typus!«
»Der –? Mit seinen schwarzen Augen?!« Nein, aus Hofmann war wirklich nichts herauszubekommen! Er machte ein so harmloses Gesicht, daß man hätte meinen können, es sei ihm Ernst anstatt Scherz. Aha, dahinter verschanzte er sich; er wollte eben nichts sagen! Man mußte das Thema fallen lassen.
Der Doktor, der sich im stillen schon der Ungeschicklichkeit geziehen – o weh, da hatte er, statt den guten Schliebens zu helfen, ihnen erst recht die Neugier auf den Hals gehetzt! – hörte voller Befriedigung, wie die Herren zur Politik übergingen. –
Es wurde Mitternacht, bis die letzten Gäste die Villa verließen; ihre heitere Unterhaltung und ihr Lachen war noch laut in der nächtlichen Stille und noch vom Ende der Straße her deutlich vernehmbar, als sich Mann und Frau am Fuß der Treppe, die zum Oberstock führte, trafen.
Noch standen alle Fenster der unteren Räume offen, das Silber lag noch auf dem Eßtisch, das kostbare Porzellan stand umher – mochte die Dienerschaft es vorläufig wegräumen! Käte fühlte eine große Sehnsucht, das Kind zu sehen. Sie hatte heute so wenig von ihm gehabt – den ganzen Tag Gäste! Und dann all die Fragen, die sie hatte hören, all die Antworten, die sie hatte geben müssen! Ihr Kopf brannte.
Als sie mit ihrem Mann zusammenstieß – Schlieben kam eilig aus seinem Zimmer, er hatte sich nicht einmal Zeit genommen, die Zigarren wegzuschließen –, mußte sie lachen: aha, er wollte auch hinauf! Sie hing sich an seinen Arm, und so stiegen sie Stufe um Stufe im gleichen Tritt.
»Zu Wölfchen,« sagte sie leise und drückte seinen Arm. Und er sagte, wie sich entschuldigend: »Ich muß doch mal sehen, ob der Junge von dem Lärm nicht wach geworden ist!«
Sie sprachen mit gedämpfter Stimme und traten vorsichtig auf wie Diebe. Sie stahlen sich ins Kinderzimmer – da lag er so ruhig! Im Schlaf hatte er sich aufgedeckt, die Beinchen zeigten ihr nacktes rosiges Fleisch, und ein warmer, lebensvoller, unendlich frischer Duft stieg auf von dem reinen, gesunden Kinderkörper und mengte sich mit dem Kraftgeruch der Kiefern, den die Nacht durch die geöffnete Fensterspalte hereinsandte.
Käte konnte nicht an sich halten, sie bückte sich und küßte das kleine Knie, das Grübchen in seiner festen Rundung zeigte. Als sie wieder aufblickte, sah sie das Auge ihres Mannes mit nachdenklichem Ausdruck auf das schlafende Kind geheftet.
Sie war so gewohnt, alles zu wissen, was ihn bewegte, daß sie fragte: »Was denkst du, Paul? Bist du verstimmt?«
Er sah sie ein paar Augenblicke mit einer gewissen Zerstreutheit an und dann an ihr vorbei; er war so in Gedanken, daß er ihre Frage gar nicht gehört hatte. Nun murmelte er: »Ob es doch nicht besser wäre, offen zu sein?! Hm!« Er schüttelte den Kopf und strich sich nachdenklich den Bart am Kinn spitz zu.
»Was sagst du, was meinst du? – Paul!« Sie legte ihre Hand auf die seine.
Das weckte ihn aus seinen Gedanken. Er lächelte ihr zu und sagte dann: »Käte, wir müssen den Leuten reinen Wein einschenken! Warum denn auch nicht sagen, woher er stammt? Ja, ja, es ist viel besser, ich fürchte, wir werden sonst noch rechte Unannehmlichkeiten haben! Und wenn’s der Junge nun beizeiten erfährt, daß er eigentlich nicht unser Kind ist – ich meine, unser rechtmäßiges –, was schadet das denn?«
»Um Gottes willen!« Sie erhob die Hände wie in Entsetzen. »Nein – um keinen Preis – nein! Nie, nie!« Sie sank am Bettchen nieder, breitete beide Arme wie schützend über den Kinderkörper und schmiegte ihren Kopf an die kleine warme Brust. »Paul, dann ist er uns verloren!«
Zitternd holte sie schwer Atem. Es lag ein solches Grauen in ihrem Ton, eine so große Angst, ein wahrhaft prophetischer Ernst, daß es den Mann stutzig machte.
»Ich dachte nur – ich meine – ich fühle eigentlich längst die Verpflichtung,« sagte er stockend, wie sich wehrend gegen ihre Angst. »Es ist mir unangenehm, daß die – daß die Leute – nun, daß sie reden! Käte, sei nicht so merkwürdig, warum sollen wir’s denn nicht sagen?«
»Nicht sagen – warum nicht?! Paul, das weißt du doch selbst! Erfährt er’s – o, diese Mutter – o, dieses Venn!«
Sie hielt den Knaben nur noch fester umschlungen; aber den Kopf hatte sie von seiner Brust gehoben. Aus dem blassen Gesicht sahen ihre Augen ganz verstört ihren Mann an: »Hast du die denn vergessen?!«
Ihr zitternder Ton wurde hart: »Nein, nie darf er’s wissen! Und ich schwöre es, und du mußt es mir auch versprechen, heilig versprechen, heut an diesem Tage, hier an seinem Bettchen, bei seinem friedlichen Schlaf – Paul, und wenn ich sterben sollte, auch dann nicht –« sie steigerte sich immer mehr in ihrer Erregung, ihr harter Ton wurde fast schreiend – »nie werden wir’s ihm sagen! Und ich gebe ihn nicht her! Er ist =nur= mein Kind, nur unser Kind allein!«
Ihr Ton schlug um: »Wölfchen, mein Wölfchen, du wirst doch nie von Mutterchen gehn?!«
Jetzt strömten ihre Tränen, und unter diesen Tränen küßte sie das Kind so heftig, so inbrünstig, daß es erwachte. Aber es weinte nicht, wie sonst wohl, wenn es im Schlaf gestört ward.
Es lächelte, und beide Ärmchen um den Hals der sich zu ihm Niederbeugenden schlingend, sagte es, schlaftrunken noch, aber doch deutlich-klar: »Mutti!«
Sie stieß einen Laut des Entzückens aus, einen Ruf triumphierender Freude: »Hörst du’s? Er sagt: ›Mutti!‹«
Sie lachte und weinte durcheinander wie in einem Übermaß von Glück und haschte nach der Hand ihres Mannes und hielt ihn fest: »Paul – Väterchen! – komm, gib du unserm Kinde jetzt auch einen Kuß!«
Und Schlieben bückte sich auch nieder. Seine Frau schlang den Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf noch tiefer herab, dicht neben den ihren. Da legte das Kind den einen Arm um seinen Nacken, den andern um den ihren.
Sie waren sich alle drei so nah in dieser stillen Sommernacht, in der alle Sterne glänzten und Mondstrahlen silberne Brücken schlugen vom friedvollen Himmel hinab zur friedvollen Erde.
7
Das waren Tage reinsten Glücks in der Villa Schlieben. Man hatte sie nun gekauft, noch ausbauen lassen und auch zum Garten noch ein Stück Land als Spielplatz dazu erworben. Es war nicht zu denken, daß der Junge nicht Platz genug haben sollte, sich auszutummeln. Sand wurde gefahren, ein Berg, so hoch wie eine Düne, darin er buddeln konnte. Und als er anfing, zum Turnen groß genug zu sein, wurden eine Schaukel angeschafft, ein Reck und ein Barren.
Aber dies alles war doch noch nicht ausreichend. Er stieg über sämtliche Zäune der Nachbarvillen, über alle die mit Stacheldraht und Glasscherben bewehrten Mauern.
»Herrlicher Junge,« sagte Geheimrat Hofmann, wenn er =von= Wolfgang sprach. Sprach er =mit= ihm, so sagte er freilich: »Du bist ein ganzes Rauhbein! Warte nur, wenn du in die Schule kommst, da werden sie dich das Stillesitzen lehren!«
Wolf war wild – ›etwas zu wild‹ fand die Mutter. Schlieben machte der Übermut des Jungen Spaß, es steckte eben so viel überschüssige Kraft in ihm. Aber Käte fühlte sich ein wenig befremdet durch so viel Wildheit. Nein, befremdet war sie eigentlich nicht, wußte sie doch nur zu gut, woher diese Wildheit stammte; bange machte ihr die.
Sie schalt nicht über zerrissene Hosen – o, die konnten ja wieder ersetzt werden! – aber als er heimkam mit dem ersten Loch im Kopf, da wurde sie ganz unglaublich erregt. Sie schalt heftig, sie wurde ungerecht. Es war ihr nicht möglich, ihm das Blut zu stillen – huh, wie es rann! – wie einen Krampf begann sie’s am Herzen zu fühlen, mühselig schleppte sie sich in ihr Zimmer und blieb da stumm in einem Winkel sitzen, die Blicke starr ins Leere gerichtet.
Als ihr Mann ihr, solcher Übertreibung wegen, einige Vorwürfe machte, sagte sie kein Wort dawider. Er tröstete sie dann: sie konnte ja nun ganz ruhig sein, die Sache war weiter nicht von Belang, das Loch genäht und der Junge seelenvergnügt, als sei nie etwas gewesen!
Aber sie fröstelte in einem nervösen Schauer und blieb blaß. Ach, wenn Paul wüßte, an was sie dachte, immerfort denken mußte! Daß sich ihm nicht die gleiche Erinnerung aufdrängte?! – – – O, Michel Solheid hatte blutend auf dem Venn gelegen – Blut war zur Erde getropft heute wie damals! Der kleine Knabe hatte sich nicht beklagt, ebensowenig, wie sein – sie sträubte sich selbst in Gedanken gegen dieses Wort – wie sein Vater, wie Michel Solheid geklagt hatte! Und doch war das rote Blut hervorgespritzt wie ein Springquell; wieviel natürlicher wäre dabei ein Weinen gewesen! Empfand Wolf denn anders, als andre Kinder empfanden?!
Käte ging die Reihe ihrer Bekannten durch: da war kein einziges Kind, das bei solcher Verwundung nicht geweint hätte, und es brauchte deshalb noch lange kein Feigling zu sein. Es war gewiß, Wölfchen war weniger feinfühlig. Nicht nur stumpfer gegen körperlichen Schmerz, nein – und das hatte sie schon mehrmals zu bemerken geglaubt –, auch stumpfer in den Regungen der Seele. Selbst bei Freuden. Zeigten nicht andere Kinder ihr Beglücktsein, indem sie jubelnd in die Hände klatschten? Den begehrten Gegenstand: das Spielzeug, die Puppe, den Kuchen mit Rufen des Entzückens umhüpften? Er hatte nur ein stummes Danachgreifen; nahm’s an sich, eben weil es ihm geboten ward, ohne all die kindliche Geschwätzigkeit, ohne dies anmutig-jauchzende Erfreutsein, das es so unendlich dankbar macht, Kinder zu beschenken.
›Wie ein Bauer,‹ pflegte Schlieben zu sagen. Das gab ihr jedesmal einen Stich durchs Herz. War Wölfchen wirklich aus so anderm Holz?! Nein, ›Bauer‹ durfte Paul nicht sagen! Wölfchen war doch nicht stupide, nur vielleicht ein wenig langsam im Denken, aber doch schlau genug! Und er war eben kein Großstadtkind; man lebte ja hier ganz wie auf dem Lande.
»Du Bauer!« Bei der nächsten Gelegenheit, als der Vater es wieder sagte – es war diesmal zum Lobe gesagt und nicht zum Tadel, aus Freude darüber, daß der Knabe sein Gärtchen so gut im Stande hielt –, brauste die Mutter auf. Warum?! Schlieben begriff den Grund nicht. Warum sollte er sich nicht freuen? Hatte der Junge seinen kleinen Garten denn nicht allerliebst eingefriedigt? Aus Haselstöcken hatte er sich ein Staket errichtet, das zur Verdichtung mit biegsamen Weidenruten durchflochten und mit Kiefernzweigen belegt war. Und Bohnen und Erbsen hatte er gesteckt, die er sich von der Köchin erbettelt hatte; und nun würde er auch noch Kartoffeln legen. Hatte ihn’s jemand so tun geheißen? Nein, niemand! Die perfekte Köchin und das Hausmädchen waren Großstadtkinder, was wußten die von Erbsenstecken und Kartoffellegen?!
»Der geborene Landwirt,« sagte lachend der Vater.
Wie im Schmerz aber wandte sich die Mutter ab; viel, viel lieber hätte sie gesehen, ihres Sohnes Garten wäre ein Unkrautfeld gewesen, als daß er so emsig pflanzte, jätete und begoß.
Sie hatte ihm Blumen geschenkt; aber für die hatte er weniger Interesse, sie gediehen ihm auch nicht so. Nur eine große Sonnenblume wuchs und wuchs; sie war bald so hoch wie der Knabe, bald noch höher, und er stand oft davor, das kindliche Gesicht ernst erhoben, und sah lange in ihr goldenes Rund.
Als der Sonnenblume goldene Blätter verschrumpften, dafür aber ihr Same reif ward – jeden Tag wurde der prüfend betrachtet und dann endlich eingeerntet –, kam Wolfgang zur Schule. Er ging schon ins siebente Jahr und war groß und stark; warum sollte er jetzt nicht mit andern Kindern lernen?
Die Mutter hatte es sich zwar wundervoll gedacht, ihm selber die Anfangsgründe beizubringen, hatte sie doch als junges Mädchen, das zu Hause nichts zu tun fand und sich gern weiterbilden wollte, das Seminar besucht und das Lehrerinnenexamen sogar mit Auszeichnung bestanden; aber – es war schon zu lange her – hier versagte ihre Kraft. Besonders die Geduld. Das ging so langsam voran, so unsäglich langsam! War der Junge unbegabt? Nein, aber schwerfällig, von einer zu großen Schwerfälligkeit. Und ihr war oft, als redete sie an wie gegen eine Mauer.
»Du bist viel zu lebhaft,« sagte ihr Mann. Aber Gott im Himmel, wie sollte sie’s ihm denn klarmachen, daß das ein ›A‹ war und das ein ›O‹, und wie sollte sie’s ihm erklären, daß, legt man zu eins noch eins, es zwei sind, wenn sie nicht lebhaft dabei wurde?! Sie ereiferte sich, sie nahm die Rechenmaschine und zählte dem Knaben die blauen und roten Kugeln vor, die wie runde Perlen an einer Schnur saßen; sie wurde heiß und rot dabei, fast heiser, und hätte zuletzt vor Ungeduld und Verzagtheit weinen mögen, wenn Wölfchen dasaß und sie mit seinen großen dunklen Augen so interesselos ansah und nach Stunden der Arbeit doch noch nicht wußte, daß eine Perle und noch eine Perle zwei Perlen sind.
Mit Schmerz sah sie’s ein, sie mußte den Unterricht aufgeben. »Beim Lehrer wird es schon besser gehen,« tröstete Schlieben. Und es ging besser, wenn man auch nicht gerade ›gut‹ sagen konnte.
Wolfgang war nicht faul. Aber seine Gedanken wanderten. Das Lernen interessierte ihn nicht. Er hatte andres zu denken: ob die letzten Blätter im Garten wohl gefallen sein würden, wenn er am Mittag aus der Schule nach Hause kam?! Und ob im nächsten Frühjahr der Star, dem er das Kästchen hoch oben in die Kiefer genagelt hatte, sich wohl wieder einfinden würde? Alle schwarzen Beeren hatte der abgepickt vom Holunderbaum und war dann fortgezogen mit Geschrei; wenn der nun keine Holunderbeeren mehr fand, was fraß er dann?! Und bange Sorge rüttelte des Knaben Herz – hätte er ihm doch noch ein Säckchen voll Beeren mitgegeben! –
Jetzt lag der Schnee auf den Kiefern des Grunewalds. Als Wolfgang heute morgen zur Schule gegangen war, das Ränzel auf dem Rücken, das Hausmädchen als Begleitung neben sich, hatte die weiße Decke unter seinen Stiefelchen geknirscht und geknackt. Es war sehr kalt. Und da hatte er einen Schrei gehört, einen hungrigen krächzenden Schrei. Das Hausmädchen meinte, es sei eine Eule gewesen – pah, was die wußte! Ein Rabe war’s, der hungrige Bettelmann im kohlschwarzen Röcklein, wie in der Fibel stand!
Und an den dachte jetzt der Knabe, als er in der Schulbank saß und mit großen Augen auf die Wandtafel starrte, an die der Lehrer Wörter schrieb, die man ergründen sollte. Wie angenehm mußte es jetzt unter den Kiefern sein! Da flog der Rabe und streifte mit seinen schwarzen Flügeln den Schnee von den Ästen, daß der stäubte. Wohin er dann fliegen mochte?! Wie dem Star, so eilten dem Raben die Gedanken nach, weit, weit fort! Des Knaben Blick erglänzte, seine Brust hob sich unter einem tiefen Atemzug – da rief ihn der Lehrer an.
»Wolfgang, schläfst du mit offenen Augen? Wie heißt das hier?!« Der Knabe fuhr zusammen, wurde rot, dann blaß und wußte nichts.
Die andern Jungen wollten sich totlachen – ›schläfst du mit offenen Augen?‹ – das war zu drollig gewesen!
Der Lehrer strafte nicht, aber Wolfgang schlich doch nach Hause, als hätte er Strafe bekommen. Vor dem Hausmädchen, das ihn immer abholen kam, hatte er sich versteckt – nein, mit der ging er heute nicht! Auch den Kameraden war er davongelaufen – mochten sie sich heute mal ohne ihn balgen, morgen würde er ihnen desto mehr Schneeballen aufbrummen!