Part 23
Käte Schlieben war krank. Der Sanitätsrat zuckte die Achseln: da war nicht viel zu machen, es war eine vollständige Apathie. Wenn nur etwas käme und sie aufrüttelte, etwas, für das es ihr verlohnen würde, sich aufzuraffen, dann würde es schon wieder werden! Vorderhand verordnete er Kräftigungsmittel – der Puls war ja so schlecht – alle Stunden einen Teelöffel Puro, Fleischgelee, Eier, Milch, Austern und dergleichen.
Am Bett seiner Frau saß Schlieben, er war eben aus der Stadt nach Hause gekommen. Nun saß er da, den Kopf gesenkt, die Stirn in Falten gezogen.
»Noch immer nichts von ihm – was sagte die Frau – gar nichts von ihm?« hatte Käte eben mit verlöschender Stimme geflüstert.
Er sagte nur: »Wir werden uns nun doch an die Polizei wenden müssen!«
»Nein, nein, nicht an die Polizei! Ihn suchen lassen, wie einen Verbrecher?! Du bist schrecklich, Paul! Schweig doch, Paul!« Ihre anfänglich so schwache Stimme war fast schreiend geworden.
Er zuckte die Achseln: »Es wird uns nichts übrig bleiben,« und blickte bekümmert sie an und dann stumm vor sich nieder.
Ihm war, als könne er sein Unglück nicht übersehen, als sei das ganz unüberblickbar. Acht Tage waren es nun her, daß Wolfgang fort war – schrecklich, schrecklich, was dieser Mensch ihnen für Sorgen machte! Aber größere Sorgen machte ihm seine Frau. Wie sollte das enden?! Diese gesteigerte Nervosität war gefährlich; und dabei auch dieser Kräfteverfall! Käte war nie eine Riesin gewesen, aber nun wurde sie so dünn, so mager; in den acht Tagen war ihre Hand, die da so matt auf der Decke lag, geradezu durchsichtig geworden. Ach, und ihr Haar so grau!
Mit traurigen Blicken suchte der Ehemann im Gesicht seiner Frau die einstige Schönheit: zu viel Falten, zu viel eingegrabene Linien, Furchen, die der Pflug des Grams gezogen hatte! Er mußte weinen; das kam ihm doch zu hart an, sie so zu sehen. Den Kopf von ihr abwendend, beschattete er die Augen mit der Hand.
So saß er stumm und rührte sich nicht, und sie rührte sich auch nicht, lag, als ob sie schliefe.
Da klopfte es. Erschrocken sah Schlieben nach der Kranken hin: war sie nun gestört worden? Aber sie hob die Lider nicht.
Auf den Zehen ging er zur Tür und öffnete. Friedrich brachte die Post, allerhand Briefe und Zeitungen. Nur aus Gewohnheit griff Schlieben danach, es interessierte ihn jetzt alles so wenig. Die ersten paar Tage nach Wolfgangs Verschwinden hatte Käte immer gezittert, es möchte etwas von ihm in der Zeitung stehen, die schrecklichsten Befürchtungen hatten sie gequält; jetzt fragte sie nicht mehr. Aber nun zitterte der Mann tief im Innern, obgleich er sich selber hart zu machen strebte: was würde man noch erleben müssen?! Keine Zeitung faßte er an, ohne eine gewisse Scheu.
»Knittere doch nicht so unerträglich,« sagte die schwache Frau gereizt. Da erhob er sich, um aus dem Zimmer zu schleichen – es war besser, er ging, sie mochte seine Nähe nicht! Doch sein Blick fiel auf einen der Briefe. Was war denn das für eine unausgeschriebene, noch schulmäßige Handschrift? Wohl ein Bettelbrief? Er war an seine Frau gerichtet, aber sie machte ja jetzt keine Briefe auf; dazu drängte es ihn förmlich, diesen, gerade diesen Brief zu öffnen. Es war nicht Neugier, ihm war, als müsse er es tun.
Er öffnete den Brief, rascher, als es sonst seine Art war. Das hatte eine Frau geschrieben, ein Mädchen sicherlich – es waren ganz unausgeprägte, finzlige Buchstaben. Und das Bestreben war auffällig, die Handschrift zu verstellen.
›Wenn Sie was über Ihren Sohn erfahren wollen, müssen Sie Puttkammerstraße gehn, 140, und aufpassen, drei Treppen hoch im Hof, Seitenflügel links, wo Knappe an der Klingel steht. Da wohnt sie!‹
Eine Namensunterschrift war nicht vorhanden, nur: ›Eine gute Freundin‹ – stand darunter.
Schlieben hatte das Gefühl, als brenne ihm das Papier die Finger – geringes Papier, aber zartrosa und nach parfümierter, billiger Seife riechend – ein anonymer Brief, pfui! Was sollte ihnen der Wisch?! Schon wollte er ihn zusammenknittern, da rief Kätes Stimme vom Bett her: »Was hast du da, Paul? Einen Brief? Zeig mal her!«
Und als er sich ihr nur langsam, zögernd näherte, richtete sie sich auf und riß ihm den Brief aus der Hand. Sie las und schrie laut auf: »Den hat die Lämke geschrieben! Ich bin sicher, er ist von ihr. Sie wollte ihn ja suchen – und ihr Bruder, ihr Bräutigam – sie werden ihn gefunden haben! Puttkammerstraße – wo ist die? 140, da müssen wir hin! Gleich, sofort! Klingle dem Mädchen! Meine Schuhe, meine Sachen – ach, ich kann ja gar nichts finden! So klingle doch! Sie soll mich frisieren – ach, laß nur, ich kann ja schon alles allein!«
Sie war aus dem Bett gesprungen in zitternder Hast; nun saß sie schon vor dem Toilettentisch und kämmte selber ihr langes Haar. Es war verwirrt vom Bettliegen, aber sie riß den Kamm hindurch mit unbarmherziger Eile.
»Daß wir nicht zu spät kommen! Wir müssen uns eilen. Da ist er sicher, da ist er ganz sicher! Was stehst du noch und siehst mich so an? Mach dich doch fertig! Ich bin gleich fertig, wir können gleich gehen. Paul, lieber Paul, wir werden ihn da gewiß finden – o Gott!« Sie faßte um sich, von einem Schwindel der Schwäche ergriffen, aber ihr Wille überwand die Schwäche. Nun stand sie ganz fest auf den Füßen.
Niemand würde es glauben, daß sie eben noch wie eine ganz Hilflose dagelegen hatte! Schlieben wagte es nicht, ihr zu widerstreben: was sollte auch noch Schlimmeres kommen?! Schlimmer, als es jetzt gewesen war, konnte es nicht mehr werden, und wenigstens konnte sie ihm dann nicht mehr vorwerfen, er hätte den Jungen nicht lieb gehabt!
Als sie nach kaum einer halben Stunde den Wagen bestiegen, den Friedrich herbeitelephoniert hatte, war sie weniger blaß und sah weniger alt aus, als er.
5
Wenn Frida Lämke jetzt Wolfgang Schlieben begegnete, schlug sie die Augen nieder, und er tat, als sähe er sie nicht. Er war böse auf sie: verdammte kleine Krabbe, die ihn verraten hatte! Nur sie, sie allein konnte die Eltern auf seine Spur gehetzt haben! Wie hätten die sonst eine Ahnung gehabt? Er hätte sich prügeln mögen, daß er dieser Schlange einmal Andeutungen über seine Bekanntschaft in der Puttkammerstraße gemacht hatte. Die Frida mit ihrer Freundschaft, die sollte ihm noch mal von Freundschaft reden! Pah, Weiber überhaupt, die waren alle nichts wert!
Eine grimmige Weiberverachtung hatte den jungen Menschen gepackt. Er hätte ihnen allen am liebsten ins Gesicht gespieen – alles feile Kreaturen –, er kannte sie jetzt zur Genüge, ja bis zum Ekel!
Der noch nicht Neunzehnjährige fühlte sich müde und alt; seltsam müde. Wenn Wolfgang an die letztvergangene Zeit zurückdachte, kam sie ihm vor wie ein Traum; jetzt, da die Zimmer in der Friedrichstraße aufgegeben waren und er wieder bei den Eltern wohnte, jetzt sogar wie ein böser Traum. Und wenn er dann Frida Lämke begegnete – das ließ sich nicht vermeiden, nun er regelmäßig herein- und herausfuhr zu den Bureaustunden –, gab es ihm jedesmal einen Stich durchs Herz. Er grüßte sie nicht einmal, selbst dazu konnte er sich nicht überwinden.
Wenn er doch nur den Druck abschütteln könnte, den er auf sich fühlte! Sie taten ihm doch nichts – nein, sie waren sogar sehr gut –, aber er hatte doch immer das Gefühl, nur gelitten zu sein. Das reizte ihn und machte ihn zugleich traurig. Vorwürfe hatten sie ihm nicht gemacht, würden sie ihm wohl auch nicht machen, aber der Vater war stets ernst, zurückhaltend, und der Mutter Blick hatte geradezu etwas Quälendes. Ein krankhaftes Mißtrauen erfüllte ihn: warum sagten sie ihm nicht lieber, daß sie ihn verachteten?!
In Nächten, in denen Wolfgang nicht schlafen konnte, plagte ihn etwas, das fast Reue war. Dann klopfte sein Herz heftig, flatterte förmlich, er mußte sich im Bett aufsetzen – das Liegen konnte er nicht ertragen – und nach Atem ringen. Mit ängstlich aufgerissenen Augen stierte er dann ins Dunkel: ach, was war das für ein scheußlicher Zustand! Am Morgen, wenn der Anfall vorüber war – dieser ›moralische Kater‹, wie er ihn spöttisch benannte – ärgerte er sich über seine Sentimentalität. Was hatte er denn Schlimmes getan? Nichts andres, als was hundert andere junge Leute auch tun, nur daß die nicht so dumm waren wie er! Diese Frida, diese verwünschte Klätscherin! Er hätte sie erwürgen können.
Nach den schlechten Nächten war Wolfgang dann noch unliebenswürdiger, noch wortkarger, noch verdrossener, noch in sich verschlossener. Und noch elender sah er aus.
›Er ist reduziert!‹ sagte sich Schlieben. Er sagte es nicht zu seiner Frau – wozu die noch mehr aufregen? – denn daß sie sich beunruhigte, das zeigte ihm die Art, wie sie Wolfgang umsorgte. Nicht mit Worten, nicht mit Liebkosungen, =die= Zeiten waren vorbei; aber eine besondere Sorgfalt legte sie auf seine Ernährung, er wurde förmlich gepäppelt. Ein Mensch in seinen Jahren müßte doch ganz anders bei Kräften sein! Der Rücken schien nicht mehr so breit, die Brust nicht mehr so gewölbt, die schwarzen Augen lagen dunkel umrandet in ihren Höhlen. Die Haltung war schlecht, die Stimmung noch schlechter. Die Stimmung, ja die Stimmung! Die war die Wurzel alles Übels, aber da konnte keine Pflege helfen und auch kein Medikament. Der junge Mensch war eben unzufrieden mit sich, war’s ein Wunder?! Er schämte sich!
Und vor Schliebens Augen stand die Situation grausam deutlich, in der er ihn gefunden hatte.
Er hatte Käte unten warten lassen – sie hatte zwar durchaus mit hinaufgewollt, aber er hatte darauf bestanden, sie mußte unten auf dem Hof, auf diesem engen, dunklen Hof, der nach Moder und Müllstaub roch, stehen bleiben – war allein hinaufgegangen. Drei Treppen. Sie waren ihm unendlich steil vorgekommen, noch nie hatte ihm Treppensteigen so die Kniee angestrengt. Da stand ›Knappe‹. Er hatte an die Klingel gerührt – hei, wie fuhr er zusammen, als sie so schrillte. Was wollte er denn eigentlich hier?! Auf einen anonymen Brief hin drang er zu fremden Leuten ein, in eine fremde Wohnung, er, Paul Schlieben?! Das Blut stieg ihm zu Kopf – da hatte schon die Person geöffnet, in einem hellblauen Schlafrock, gar nicht mehr jung, aber üppig, mit gutmütigen Augen. Und er hatte einen eleganten Überzieher und einen feinen Filzhut im Entree hängen sehen beim Schein des erbärmlichen Küchenlämpchens, das den selbst am Mittag stockdunklen Flur erhellte, und erkannte in ihnen Wolfgangs Sachen. Also wirklich, er war hier?! Hier?! Der anonyme Brief log also doch nicht?!
Was er dann getan hatte, wußte er selber nicht mehr genau; er wußte nur, er war Geld losgeworden. Und dann hatte er den jungen Menschen beim Arm die Treppe hinuntergeführt, das heißt, mehr geschleppt als geführt. In halber Höhe schon war ihnen Käte entgegengekommen, es hatte ihr da unten zu lange gedauert, Kinder mit offenen Mäulern hatten sich um sie versammelt, und aus den Fenstern hatten Weiber auf sie herabgespäht. Sie war fast verzweifelt: warum blieb Paul denn so entsetzlich lange?! Sie hatte ja keine Ahnung, daß er den Sohn erst aus einem bleiernen Schlaf in einem unordentlichen Bett erwecken mußte. Das durfte sie auch nie, nie erfahren!
Nun hatten sie ihn wieder zu Hause, aber war’s eine Freude? Darauf mußte Schlieben sich, und wäre er noch so versöhnlich gestimmt gewesen, noch so vergebungsbereit, mit einem schroffen ›Nein‹ antworten. Hier erblühte ihnen keine Freude mehr. Vielleicht, daß sie später, ganz später, noch einmal welche an ihm erlebten! Vorerst war es das beste, daß der junge Mensch zum Militär kam!
Zum ersten April sollte Wolfgang eintreten, darauf setzte Schlieben die letzte Hoffnung.
Wolfgang hatte immer gewünscht, bei den Rathenower Husaren zu dienen, aber nach den letzten Erfahrungen hielt Schlieben es für angemessener, ihn ganz solide bei der Infanterie eintreten zu lassen.
Früher würde der Sohn heftigen Widerspruch erhoben haben – Kavallerie mußte es sein, auf jeden Fall – jetzt fiel ihm das gar nicht mehr ein. Wenn denn gedient sein mußte, war es ganz gleichgültig wo; er war todmüde. Er hatte nur den Wunsch, sich einmal ganz ausschlafen zu können. Kullrich war tot – gegen Weihnachten hatte der trauernde Vater ihm aus Görbersdorf die Anzeige geschickt – und er? Er hatte zu viele Nächte verbummelt. –
Es war ein Schlag für Schlieben, daß Wolfgang nicht zum Militär genommen wurde. ›Untauglich‹ – ein hartes Wort – und warum untauglich?!
›Schwerer Herzfehler –‹ die Eltern lasen’s mit Augen, die falsch zu lesen glaubten und es doch richtig lasen.
Wolfgang war sehr abgespannt von der Untersuchung nach Hause gekommen, aber er zeigte sich nun weiter nicht aufgeregt über seine Untauglichkeit. Er zeigte es nicht – aber ob er es nicht doch war?!
Der Sanitätsrat zwar, nachdem auch er ihn untersucht hatte, versuchte alles so tröstlich als möglich hinzustellen: »Herzfehler, lieber Gott, Herzfehler! Es gibt ja gar keinen Menschen, der ein ganz normales Herz hat! Wenn Sie sich ein bißchen danach halten, Wolfgang, und solide leben, können Sie steinalt werden!«
Der junge Mensch sagte kein Wort hierauf.
Schliebens überschütteten ihren Arzt mit Vorwürfen: warum hatte er ihnen das nicht längst gesagt? Er mußte das doch wissen! Warum hatte er sie so im unklaren gelassen?!
Hofmann verteidigte sich: hatte er denn nicht immer und immer wieder zur Vorsicht gemahnt?! Seit dem Scharlach damals hatte er für des Jungen Herz gefürchtet und das auch nicht verhehlt. Aber freilich, daß sich die Sache so schnell verschlimmern würde, hatte auch er nicht gedacht. Der Junge hatte eben zu sehr drauf los gelebt!
›Schwerer Herzfehler‹ – das war wie ein Todesurteil. Wolfgang streckte die Waffen. Auf einmal fühlte er nicht mehr die Kraft in sich, gegen diese nächtlichen Anfälle anzukämpfen. Was er früher, ehe er das wußte, ganz für sich allein in seinem Bett, selbst ohne Licht anzuzünden, abgemacht hatte, das trieb ihn jetzt auf die Füße. Es trieb ihn ans Fenster – er riß es auf – trieb ihn in der Stube umher, bis er endlich, völlig ermattet, im Lehnstuhl Ruhe fand. Das trieb ihn sogar, bei den Eltern anzuklopfen: »Schlaft ihr? Ich habe solche Angst! Wacht doch mit mir!«
* * * * *
Wochenlang waren es böse Nächte gewesen. Wolfgang hatte gelitten, und die Mutter mit ihm. Wie konnte sie schlafen, wenn sie wußte, daß nebenan jemand sich quälte?!
Nun ging es wieder besser. Die Medikamente des alten Freundes hatten gewirkt, und Wolfgang hatte eine regelrechte Kur durchgemacht: Bäder, Abreibungen, Massage, besondere Diät. Nun konnte man ganz zufrieden mit dem Erfolge sein. Besonders das streng geregelte Leben hatte ihm gut getan; das Körpergewicht hatte wieder zugenommen, sein Auge war glanzvoller, seine Gesichtsfarbe frischer. Sie hatten alle die größte Zuversicht – nur einer nicht. Dieser eine hatte eben keinen Willen zum Leben mehr. –
Der April war rauh und stürmisch, ganz außergewöhnlich kalt; es war nicht möglich, daß der Rekonvaleszent so viel im Freien sein konnte wie wünschenswert war, besonders da warmmachende Bewegungen, wie Tennis, Radfahren, Reiten, für ihn noch zu ermüdend waren. Der Arzt schlug vor, Wolfgang nach der Riviera zu schicken. Wenn auch dort nur noch ein paar Wochen blieben, bis es zu heiß wurde, die würden schon genügen.
Schlieben war sofort bereit, den jungen Mann reisen zu lassen: wenn’s ihm gut tat, nun natürlich! Käte erbot sich, mitzureisen.
»Aber warum denn, liebste Frau? Der Junge kann ganz gut allein reisen,« versicherte der Sanitätsrat.
Aber sie bestand darauf, sie wollte ihn begleiten. Jetzt war’s nicht mehr die Besorgnis, er könne ihr verloren gehen: es war ihre Pflicht so, sie mußte ihn begleiten, selbst wenn sie es nicht gern getan hätte. Und ein wenig eigne Lust, sich ganz heimlich, ihr selber unbewußt, in ihr regend, kam auch noch dazu. Sie wußte ja so gut Bescheid im Süden – wenn sie zum Beispiel nach Sestri gingen? Fragend sah sie ihren Mann an. Hatten sie nicht dort an der Riviera Levante einst wahrhaft glückliche Tage verlebt? Dort am blauen Meer, wo die breiten Pinien grüner und schattender stehen, als tiefer im Süden die Palmen, wo die Luft bei aller Milde etwas Herbes und Erfrischendes hat, wo nichts Schlaffes ist, lauter Belebung!
Er lächelte: gewiß, sie konnten ja dahin reisen! Ach, er freute sich ja so über den doch noch nicht gänzlich verlöschten Enthusiasmus seiner Frau.
Am Nachmittag seiner Abreise kramte Wolfgang lange in seinem Zimmer. Käte, die besorgt war, daß er sich beim Packen zu sehr anstrengen könnte, hatte ihm Friedrich zu Hilfe geschickt. Aber dieser kam bald wieder herunter: »Der junge Herr will’s alleine machen!«
Als Wolfgang das Letzte in seinen Koffer gelegt hatte, sah er sich nachdenklich im Zimmer um. Hier war er nun aufgewachsen, hier dieses Zimmer hatte er oft als einen Käfig betrachtet – ob er nun wieder in diesen zurückkehrte?!
– – _Wir haben hie keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir_ – –
Drüben hing, schön gerahmt, sein Konfirmationsspruch an der Wand. Lange nicht gelesen. Jetzt las er ihn wieder; leicht lächelnd, ein bißchen spöttisch, und ein bißchen wehmütig. Ja, er würde wieder hier hinein zurückflattern, er war eben an den Käfig gewöhnt!
Und nun beschloß er, als allerletztes, noch etwas Übriges zu tun, und – zu Frida zu gehen. –
Frau Lämke war sprachlos vor Staunen, fast erschrocken, als sie gegen die Zeit, in der ihre Frida gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte, den jungen Herrn Schlieben bei sich eintreten sah. Sie stotterte vor Verlegenheit: »Nee, Frida is noch nich zu Hause – un Artur is auch nich hier – un Vater is oben in die Loge – aber wenn Sie so lange – so lange – bei mir vorlieb nehmen wollen!« Sie schob ihm mit großem Gerappel einen Stuhl hin.
Er rückte sich den Stuhl dicht an den Tisch heran, an dem sie genäht hatte. Nun saß er wieder hier wie einst. Und er entsann sich ganz deutlich jener ersten Einladung zu Lämkes – Fridas zehnter Geburtstag war’s gewesen –, da hatte er hier gesessen mit den Kindern, und der Kaffee und die Kuchenschnecken hatten ihm so köstlich geschmeckt.
Und eine Menge von Erinnerungen kamen ihm noch – lauter nette Erinnerungen – aber doch wollte kein rechtes Gespräch mehr zwischen ihm und Frau Lämke zustande kommen. Fühlte er eine Beklemmung vor dem Wiedersehen mit Frida? Oder was machte ihn so unruhig hier?! Ja, es war so, auch hier war er nicht mehr am Platze!
Es lag wie eine Trauer in seiner Stimme, als er, Mutter Lämke die Hand zum Abschied reichend, sagte: »Nun denn – adieu!«
»Na, verjniegte Erholung – auf Wiedersehen!«
Daraufhin nickte er und schüttelte ihr noch einmal die Hand, und dann ging er; er wollte lieber Frida entgegen gehen, das war besser als hier innen zu sitzen. Er hatte Herzklopfen. Da sah er sie schon auf sich zukommen.
Obgleich es dunkel war, die Beleuchtung nicht so taghell wie drinnen in der Stadt, erkannte er sie schon von weitem. Sie trug das gleiche Matrosenhütchen mit blauem Band wie im vorigen Sommer; das war zwar noch etwas verfrüht, aber es paßte zu ihr. So frühlingsfrisch!
Ein Gefühl quoll in Wolfgang auf, als sie vor ihm stand, das er sonst Frauenzimmern gegenüber nicht gekannt hatte: ein brüderliches Gefühl inniger Zärtlichkeit. Ach, sie hatte es doch wohl nur gut gemeint!
Stumm grüßte er, sie aber sagte froh: »Ach du, Wolfjang?!« und streckte ihm die Hand hin.
Wie früher schlenderte er neben ihr her; sie hatte unwillkürlich ihren Schritt verlangsamt. Sie wußte nicht recht, wie sie wieder mit ihm anfangen sollte, aber das glaubte sie zu fühlen: böse war er nicht mehr.
»Wir reisen morgen,« sagte er.
»Nanu, wohin denn?«
Und er erzählte ihr’s.
Mitten darin unterbrach sie ihn. »Bist du mir böse?« fragte sie ganz leise.
Er schüttelte verneinend den Kopf, aber weiter ging er nicht darauf ein.
Alles, was sie ihm sagen wollte, daß sie nicht anders gekonnt hätte, daß Hans ihn ›ausbaldowert‹, daß sie’s doch seiner Mutter versprochen und daß sie selber so große Angst um ihn gehabt hätte, unterblieb. Es war nicht nötig. Es war, als sei das Vergangene nun tot für ihn, als hätte er es ganz vergessen.
Als er dem interessiert zuhörenden Mädchen von der Riviera, wohin er nun reisen würde, erzählte, beschlich es ihn leise doch wieder wie neue Lebensfreudigkeit. Ah, nur heraus hier, heraus! Wenn er erst dort war, würde alles besser werden! Er machte sich noch kein rechtes Bild, wie es eigentlich dort sein würde; mit halbem Ohr nur, nein, gar nicht hatte er zugehört, wenn die Mutter ihm vom Süden gesprochen hatte, es war ihm ja alles ganz gleichgültig gewesen. Nun empfand er es selber wie eine Wohltat, daß er wieder Teilnahme hatte. Er atmete tief auf.
»Schickst du mir auch ’ne schöne Ansichtskarte von da?« bat sie.
»Natürlich, viele!« Und dann legte er den Arm um ihre schmalen Schultern und zog sie an sich.
Und sie ließ sich ziehen.
Auf offener Straße, an deren Rändern die Büsche schon knospten und der Flieder im ersten Safte schwoll, standen sie und hielten sich umfaßt.
»Komm jesund wieder,« schluchzte sie.
Und er küßte sie zart auf die Wange: »Frida, ich muß mich wirklich noch bei dir bedanken!« – – – – – – –
Als Frida am andern Morgen ins Geschäft ging – die Uhr war halb acht – sagte sie zur Mutter: »Nu is er fort,« und blieb nachdenklich den ganzen Tag. Lange Wochen hatte sie nicht mit Wolfgang gesprochen gehabt – da war es ihr auch ganz gleichgültig gewesen – aber seit gestern abend war ihr weh ums Herz. Sie dachte viel an ihn, sie konnte ihn gar nicht vergessen.
6
Käte war nun mit dem Sohn allein. Nun hatte sie ihn ganz für sich. Das, was sie früher in eifersüchtigem Ringen erstrebt hatte, nun war es ihr gegeben. Nicht einmal die Natur draußen, die mit so lockenden Augen in die Fenster sah, konnte ihn an sich ziehen. Es erstaunte sie – ja, nun verstimmte es sie fast – daß er nicht mehr Anteil zeigte. Sie fuhren durch die Schweiz – er sah sie zum ersten Mal – aber das, was sie beim ersten Anblick zu Tränen anbetender Bewunderung gerührt hatte, diese hohen Berge, deren Gipfel sich in Schnee und Wolken verloren, zwangen ihm kaum einen Blick ab. Dann und wann sah er wohl einmal zum Coupéfenster hinaus, aber meist lehnte er in seiner Ecke, las oder träumte mit offenen Augen vor sich hin.
»Bist du müde?«
»Nein,« sagte er; bloß ›nein‹, aber ohne die schroffe Kürze, die ihm sonst eigen gewesen war. Es war keine unliebenswürdige Ablehnung mehr in seinem Ton.
Mit besorgten Augen sah Käte den Sohn an: die Reise griff ihn doch wohl an? Es war gut, daß sie mit ihm war! Sie kam sich unentbehrlich vor, und das Gefühl innerer Genugtuung ließ die Anstrengungen der weiten Reise gar nicht empfinden.
In Mailand, wo sie einen Tag rasteten, wollte Wolfgang nicht viel vom Dom wissen. »Ja, großartig,« sagte er, als sie sich am Wunderbau begeisterte. Aber auf die Plattform, von der man heute bei dem hellen Wetter eine kolossale Rundsicht haben würde bis hin zu den fernen Alpen, wollte er nicht mit ihr hinauf. »Geh du allein, laß mich hier!«
Es kam ihr anfänglich komisch vor, daß sie, die alte Frau, hinaufsteigen sollte, während er, der junge Mann, unten blieb. Zuletzt konnte sie der Lust, die sie drängte, das früher schon einmal Genossene, Herrliche wieder neu aufleben zu sehen, doch nicht widerstehen. Sie löste sich die Karte zum Hinaufsteigen, und er klappte sich einen der Feldstühle auseinander, die zum Gebrauch in der weiten Leere des Riesendomes stehen, und ließ sich, den Rücken an eine Marmorsäule gelehnt, nieder.