Einer Mutter Sohn

Part 17

Chapter 173,854 wordsPublic domain

Was Paul sich dachte! Freilich, er hatte ganz recht, gängeln durfte sie ihn nicht mehr! Das konnte sie auch gar nicht mehr – hatte sie nie gekonnt. Aber wie konnte sie sich ruhig zu Bett legen?! Schlafen würde sie ja doch nicht. Wo blieb er?! –

Käte war grau geworden. In den drei Jahren, die verstrichen waren seit des Sohnes Einsegnung, hatte sie sich äußerlich sehr verändert. Während Wolfgang in die Höhe wuchs, stark und sich breitete wie ein junger Baum, hatte ihre Gestalt sich geneigt wie eine Blume, die regenbeschwert ist oder welken will. Ihre feinen Züge waren dieselben geblieben, aber ihre Haut, die so lange eine fast mädchenzarte Glätte bewahrt hatte, war schlaffer geworden; ihre Augen sahen aus, als hätten sie viel geweint. Die Bekannten fanden Frau Schlieben recht gealtert.

Wenn sich Käte jetzt in dem Spiegel sah, hatte sie nicht mehr das freudige Erröten über die eigne wohlkonservierte Erscheinung; sie sah sich nicht gern mehr an. Es hatte ihr irgend etwas innerlich und äußerlich einen Ruck gegeben. Was das gewesen war, ahnte niemand. Schlieben freilich wußte es, aber er sprach mit seiner Frau nicht darüber: warum sie von neuem aufregen, alte Wunden wieder aufreißen?!

Er hütete sich wohl, noch einmal wieder auf jenen Konfirmationstag zurückzukommen. Es war auch bequemer so. Den Jungen hatte er freilich damals noch ordentlich vorgenommen, ihm in strengen Worten sein undankbares Verhalten klar gemacht und ein rücksichtsvolleres und besonders gegen die Mutter liebevolleres Benehmen von ihm verlangt. Und der junge Mensch, den sein Betragen wohl längst reuen mochte, hatte dagestanden wie ein armer Sünder, nichts hatte er gesagt, den gesenkten Blick nicht gehoben. Und als der Vater ihn zuletzt zur Mutter geführt hatte, hatte er sich führen lassen und sich von der Mutter, die ihn mit beiden Armen umschlang, umschlingen lassen. Sie hatte über ihm geweint und ihn dann geküßt.

Und dann war nie, nie mehr darüber geredet worden. –

Das weiße Haus mit seinem heiteren Grün und Rot, an dem und in dem immer wieder neue Verschönerungen und Verbesserungen vorgenommen wurden, fiel allen, die vorübergingen, als besonders anheimelnd auf. Die Sonntagsausflügler blieben am schmiedeeisernen Gitter stehen und bewunderten die Blumenfülle; im Sommer die hängenden Geranien der Balkons und die Pracht der edlen Rosenstöcke, im Winter die Azaleen und Kamelien hinterm dicken Glas des Wintergartens und die farbigen Primelreihen zwischen den Doppelfenstern und die frühen Hyazinthen und Tulpen. Die Dame in dem weichen Tuchkleid mit dem welligen grauen Scheitel und dem sanften Gesicht, auf dem es wie ein leicht-wehmütiges Lächeln lag, paßte gut zu dem Haus und zu den Blumen, zu dem ganzen Frieden. ›Entzückend,‹ sagten die Leute.

Wenn Wolfgang früher, als Junge, so etwas gehört hatte, hatte er den Bewunderern ein Fratze geschnitten: was gingen die Haus und Garten an, da war doch nichts daran zu bewundern?! Nun schmeichelte es ihm, wenn sie stehen blieben, wenn sie’s gar beneidenswert fanden. O ja, es war recht nett hier! Er fühlte sich.

Schlieben und Käte hatten nie einen besonderen Wert auf Geld gelegt, sie hatten ja immer genug gehabt, das gute Auskommen war ihnen einfach selbstverständlich; sie ahnten es gar nicht, daß der Sohn Wert auf den Reichtum legte. Wenn Wolfgang daran dachte, daß er einst in knabenhaftem Ungestüm das alles nicht geachtet hatte, fortgelaufen war in die Irre, ohne Geld, ohne Brot, mußte er lächeln: wie kindisch! Und wenn er bedachte, daß er einmal, als er doch schon älter geworden war und überlegen konnte, mit Ungestüm etwas verlangt hatte, das gleichbedeutend gewesen wäre mit Aufgabe all dessen, was sein Leben so bequem gestaltete, dann schüttelte er jetzt den Kopf: zu einfältig!

Es gewährte ihm eine gewisse Genugtuung, sich mit andern zu vergleichen. Kesselborn schwitzte noch in Prima – der sollte durchaus studieren, Theologie, womöglich wegen seines Adels Hofprediger werden – Lehmann mußte seinem Vater bei der Spedition helfen, trotz des Einjährigen, mit dem er abgegangen war, Möbelwagen karren! Und Kullrich – ach, Kullrich erst, der hatte die Schwindsucht! Wie seine Mutter. Trauriges Erbe das!

Ein halb geringschätziges, halb mitleidiges Lächeln zog Wolfgangs Mundwinkel herab, wenn er der Schulkameraden gedachte. Hieß das leben?! Ah, und leben, leben war so wunderschön!

Wolfgang hatte das Bewußtsein seiner Kraft: er konnte Bäume entwurzeln, Mauern, die sich ihm entgegenstellten, umpusten, als seien es Kartenblätter.

Es war nicht länger mehr mit ihm auf der Schule gegangen, seine Glieder und seine Neigungen hatten nicht mehr in die Schulbank hineingepaßt. Er bekam ja auch schon einen Schnurrbart! Wie ein schwarzer Schatten war der schon lange auf der Oberlippe zu ahnen gewesen; nun war er da, er war da! So ein fertiger Mensch konnte doch nicht mehr in Sekunda sitzen? Wozu auch, er sollte ja kein Gelehrter werden?! Mit der Reife für Prima war Wolfgang abgegangen.

Schlieben hatte die Absicht, ihn gleich nach Absolvierung der Schule ins Ausland zu schicken, noch für ein Jahr aufgegeben; erst wollte er ihn doch noch etwas unter Augen behalten. Nicht, daß er ihn etwa so ängstlich wie Käte zu hüten bestrebt war, aber der alte Sanitätsrat, der gute Freund, auf den er so viel gab, hatte ihn in einer vertraulichen Stunde, in der sie ganz allein, von niemandem gehört, beim Glase Wein saßen, gemahnt: »Hören Sie, Schlieben, nehmen Sie den Jungen doch lieber in acht! Ich würde ihn noch nicht so weit weggeben – er ist so jung. Und er ist ein Unband und – wissen Sie, bei dem, was er als Kind durchgemacht hat – hm, man kann doch nicht sagen, ob das Herz so mit standhält!«

»Warum nicht?« hatte Schlieben da betroffen gefragt, »Sie halten ihn also für krank?!«

»Nein, durchaus nicht!« Der Arzt war ordentlich ärgerlich geworden: gleich diese Übertreibung! »Wer sagt denn was von ›krank‹?! Aber drauf losgehen darf der Bursche doch nicht so. Na, und Jugend hat doch keine Tugend! Das wissen wir doch auch noch von unsrer Zeit her!«

Und beide Männer hatten sich zugenickt, waren heiter geworden und hatten gelacht.

Wolfgang bekam ein Reitpferd, ritt erst in der Bahn und dann täglich seine paar Stunden draußen. Der Vater hielt darauf, daß er nicht zu viel im Kontor saß: was ihm zum kaufmännischen Beruf not tat, würde er schon lernen, rechnen konnte er ja!

Die beiden Sozien, alte Junggesellen, waren entzückt von dem frischen Jungen, der mit der Reitgerte ins Bureau kam und auf dem Kontorbock hockte, als säße er auf einem Gaul.

Schlieben hörte keine Klagen über den Sohn; das ganze Personal, Leute, die ihre zehn, zwanzig Jahre in der Firma waren, alle gut eingeölte, tadellos funktionierende Maschinen, schnurrten um den jungen Menschen herum: das war doch der künftige Chef! Es ging alles glatt.

Beide Eheleute bekamen Komplimente über den Sohn zu hören: ›Ein famoser Mensch! Welche Frische!‹ »Er soll ja erst werden,« sagte Schlieben dann wohl, aber man merkte ihm doch eine gewisse innere Befriedigung an. Er hatte nicht diese peinliche Seelenunruhe wie seine Frau. Käte zog nur die Augenbrauen ein wenig höher und lächelte ein leicht zustimmendes, etwas wehmütiges Lächeln.

Sie konnte sich nicht mehr über den großen Menschen freuen, wie sie sich einst über das kleine Jungchen auf ihrem Schoß gefreut hatte. Ihr war, als sei ihr überhaupt die Fähigkeit zur Freude abhanden gekommen, langsam zwar, ganz allmählich, aber doch stetig, bis der letzte Rest dieser Fähigkeit auf einmal ausgerissen ward, mit der Wurzel, an =einem= Tag, in =einer= Stunde, in jenem unglückseligen Augenblick – ›ich will gehen, ich will an meine Mutter denken, wo ist sie?!‹ – seitdem! Sie wünschte ihm noch alles Beste auf Erden, aber sie war gleichgültiger geworden; müde. Er hatte sie zu schwer aufs Herz getreten, schwerer, als einst seine kleinen urkräftigen Füße auf ihren Schoß gestampft hatten. –

Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich die einsam Wartende weiter zum Fenster hinaus. War das nicht unerhört, unverzeihlich von ihm, so spät nach Hause zu kommen?! Wußte er denn nicht, daß sie auf ihn wartete?!

In der Anwandlung eines Zornes, der ihr sonst selten kam, ballte sich ihre Hand, die sich auf den Fenstersims stützte, zur Faust. Sie war eine Närrin, auf ihn zu warten! War er nicht alt genug – achtzehn Jahre – brauchte er noch erwartet zu werden wie ein Knabe, der zum ersten Mal allein von einer Kindergesellschaft heimkommt?! Er hatte sich mit andern jungen Leuten in Berlin verabredet – weiß Gott, in welchem Nachtcafé sie jetzt herumbummelten!

Sie stieß mit dem Fuß auf. Ihr heißer Atem stieg wie ein Rauch in die kalte klare Frühlingsnacht, es fröstelte sie vor Überwachtheit und Unbehagen. Und Stunden fielen ihr ein, alle Stunden, die sie schon um ihn verwacht hatte, und eine große Bitterkeit quoll in ihr auf. Selbst ihre Zunge kostete Bitternis – das war Galle. Nein, sie fühlte jetzt nicht mehr die Liebe früherer Jahre! Damals, ja damals war – selbst wenn sie um ihn litt – noch Wonne dabei gewesen; jetzt fühlte sie nur dumpfen Groll. Warum hatte er sich in ihr Leben gedrängt?! O, wie war das früher so glatt, so sorgenlos, so – ja, so viel glücklicher gewesen?! Wie hatte er sie zerbrochen – würde sie sich je wieder aufrichten können?!

Nein! Ein hartes kurzes Nein. Und dann dachte sie an ihren Mann. Auch den hatte er ihr geraubt. Waren sie zwei nicht früher eins gewesen, ganz eins? Nun hatte sich dieser dritte dazwischen gedrängt, sie beide immer weiter und weiter voneinander geschoben – bis daß er hier ging, und sie da!

Ein jäher Schmerz stieg in der Grübelnden auf, ein erbarmungsvolles Mitleid mit sich selber trieb ihr die Tränen in die Augen; heiß tropften sie nieder auf die Hände, die sich auf dem kalten Steinsims ballten. Wenn er, wenn er doch nie in ihr Leben –

Da schreckte sie eine Hand, die ihre Schulter berührte, auf. Blitzschnell wendete sie sich: »Bist du endlich da?!«

»Ich bin’s,« sagte Schlieben. Er war aufgewacht, hatte sie nicht neben sich atmen hören und sich dann geärgert: wahrhaftig, da saß sie nun wieder unten und wartete auf den Jungen! Solch ein Unverstand! Und als er noch ein Weilchen gelegen und auf sie gewartet und sich geärgert hatte, warf er notdürftige Kleidung über, schlüpfte in die Morgenschuhe und tappte durchs nächtliche Haus. Ihn fröstelte, und er war schlechter Laune. Nicht genug, daß er aus dem besten Schlaf gestört war und daß sie morgen Migräne haben würde, nein, was noch schlimmer war, Wolfgang mußte es ja geradezu unleidlich finden, so beobachtet zu werden!

Es war natürlich, daß er mit ihr schalt. »Was ist denn Schlimmes dabei, wenn er einmal ein bißchen länger ausbleibt, ich bitte dich, Käte! Das ist ja rein lächerlich von dir! Ein bißchen bummeln, das hab ich auch als junger Mensch getan, und meine Mutter war, Gott sei’s gedankt, verständig genug, sich nicht darum zu kümmern. Komm, Käte, komm jetzt zu Bett!«

Sie wich zurück. »Ja – du!« sagte sie langsam, und er wußte nicht, wie sie’s meinte. Sie drehte ihm den Rücken und lehnte sich wieder zum Fenster hinaus.

Er stand noch einige wenige Augenblicke und wartete, aber als sie nicht mitkam, sich nicht einmal umwandte nach ihm, schüttelte er den Kopf: man mußte sie lassen, sie wurde eben geradezu wunderlich!

Schlaftrunken stieg er wieder allein die Treppe hinauf; er taumelte fast vor Müdigkeit, und die Glieder waren ihm schwer, und trotzdem war sein Denken klarer, unerbittlicher als am Tage, an dem so vieles rund umher ablenkt und zerstreut. Eine Sehnsucht stieg in dieser Stunde in ihm auf nach einer Frau, die seine alten Tage in sanftem Geleise ruhig und freundlich führen würde, deren Lächeln nicht nur Schein war wie das Lächeln auf Kätes Gesicht. Eine Frau, die mit dem Herzen lächelt, ach, leider, so eine war seine Käte nicht!

Mit einem Seufzen der Enttäuschung legte sich Schlieben wieder nieder und zog frierend die Decke hoch hinauf. Aber es dauerte lange, bis er einschlafen konnte. Wenn der Junge doch nur endlich käme! Heute dauerte es wirklich etwas lange! Solche Bummelei ging denn doch zu weit! –

Der Morgen graute, als eine Droschke langsam die Straße herunter zockelte. Vor der weißen Villa hielt sie an, und zwei Herren halfen einem dritten heraus. Die beiden, die den dritten unter den Armen gefaßt hielten, lachten, und der Kutscher auf dem Bock, der interessiert herunterguckte, lachte auch verschmitzt: »Soll ick helfen, meine Herren? Na, jeht’s?!«

Sie lehnten ihn gegen das Gitter, das den Vorgarten verschloß, tippten auf die Klingel, sprangen dann eilig wieder in den Wagen und schlugen den Schlag zu: »Los Kutscher, zurück!«

Die Klingel hatte nur einen leisen vibrierenden Ton von sich gegeben – wie einen bangen Hauch – Käte hatte ihn gehört, obgleich sie im Sessel eingeschlafen war; nicht fest, es war mehr ein hindämmerndes Versinken gewesen. Nun sprang sie erschrocken auf, es gellte ihr in den Ohren. Rasch ans Fenster! Draußen am Gitter lehnte jemand. Wolfgang –?! Ja, ja, er war’s! Aber warum schloß er denn nicht auf und kam herein?!

Was war ihm denn passiert?! Es war ihr auf einmal, als müßte sie um Hilfe rufen: Friedrich! Paul! Paul! Nach den Mädchen klingeln. Es war ihm etwas geschehen, es mußte ihm etwas geschehen sein, – warum kam er denn nicht herein?!

Er lehnte da so schwer gegen das Gitter. Ganz seltsam! Der Kopf hing ihm auf der Brust, der Hut saß ihm im Nacken. War er krank?!

Oder hatten ihn Strolche angefallen?! Die abenteuerlichsten Ideen schossen ihr plötzlich durch den Kopf. War er verletzt? Herrgott, was war ihm denn widerfahren?!

Befürchtungen, über die sie sonst gelächelt haben würde, kamen ihr jetzt zu dieser Stunde, in der es nicht Nacht mehr war, und doch auch noch nicht Tag. Ihre Füße waren kalt und steif, wie erfroren, kaum kam sie bis zur Haustür; den Schlüssel konnte sie erst nicht finden, und als ihre zitternden Hände ihn ins Schloß stießen, brachten sie ihn nicht herum. Sie war so ungeschickt in ihrer Hast, so sinnlos in ihrer Angst: etwas Furchtbares mußte geschehen sein! Ein Unglück! Sie fühlte das.

Endlich, endlich! Der Schlüssel ließ sich endlich drehen. Und nun stürzte sie durch den Vorgarten ans Gittertürchen; eine eisige Morgenluft schlug ihr entgegen wie Winterhauch. Sie drückte das Gitter auf: »Wolfgang!«

Er gab keine Antwort. Sein Gesicht konnte sie so nicht recht sehen; er stand unbeweglich.

Sie faßte seine Hand: »Um Gottes willen, was ist dir denn?!«

Er rührte sich nicht.

»Wolfgang! Wolfgang!« Sie rüttelte ihn in höchster Angst; da fiel er so schwer gegen sie, daß er sie beinahe umgestoßen hätte und stammelte, lallte wie ein Blöder, dessen schwerer Zunge man etwas eingelernt hat: »Par–don!«

Sie mußte ihn führen. Sein Atem, ganz voll Alkoholdunst wehte sie an. Ein ungeheurer Ekel, schrecklicher noch als die Angst vorher, packte sie. Das war das Furchtbare, das sie erwartet hatte –, nein, das war noch furchtbarer, noch unerträglicher! Er war ja betrunken, betrunken! So mußte ›betrunken‹ sein!

In ihre Nähe war noch nie ein Betrunkener gekommen; nun hatte sie einen dicht bei sich. Ein Entsetzen schüttelte sie, daß ihr die Zähne aufeinander schlugen. O pfui, pfui, wie ekelhaft, wie gemein! Wie niedrig erschien er ihr, und sie selber wie miterniedrigt. Das war ihr Wolfgang nicht mehr, ihr Kind, das sie an Sohnes Statt angenommen hatte! Dies hier war ein ganz gewöhnlicher, ein ganz gemeiner Mensch von der Straße, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts mehr zu schaffen hatte!

Hastig wollte sie ihn von sich schieben, ins Haus eilen, die Tür hinter sich schließen – mochte er sehen, was er machte! Aber er hielt sie fest. Seinen Arm hatte er schwer um ihren Nacken gelegt, er drückte sie fast nieder; so zwang er sie, ihn zu führen.

Und widerwillig, mit innerem verzweifeltem Aufbäumen und doch bezwungen, führte sie ihn. Sie konnte ihn doch nicht aufgeben, dem Gespött der Dienstboten preisgeben, dem Gelächter der Straße! Wenn ihn jemand so sähe?! Wie lange noch, und die ersten Menschen kamen vorüber, die Milchjungen, die Bäckermädchen, die Straßenarbeiter und die frühen Karlsbadtrinker. Um Gottes willen, wenn jemand eine Ahnung davon bekäme, wie tief er gesunken war!

»Stütze dich, stütze dich fest,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Nimm dich zusammen – so!« Sie brach fast unter ihm zusammen, aber sie erhielt ihn auf den Füßen. Er war so betrunken, er wußte nicht, was er tat, er wollte sich durchaus vor der Schwelle niederlegen, platt auf die Steinstufen. Aber sie riß ihn auf.

»Du mußt – du mußt,« sagte sie, und er folgte ihr wie ein Kind. ›Wie ein Hund‹ dachte sie.

Nun hatte sie ihn in der Vorderhalle – die Haustür war wieder verschlossen – aber nun kam die Angst vor der Dienerschaft. Noch war diese nicht auf, aber nicht lange mehr, und Friedrich tappte auf Lederpantoffeln von der Gärtnerwohnung herüber, und die Mädchen kamen aus ihren Mansarden herunter, das Fegen und Aufräumen fing an, das Öffnen der Fenster, das Hochziehen der Jalousieen, daß Helle – grausame Helle – in jeden Winkel drang. Sie mußte ihn die Treppe hinauf bekommen, in sein Zimmer, ohne daß jemand etwas ahnte, ohne daß sie einen Menschen zu Hilfe rief!

Einen Augenblick hatte sie an ihren Mann gedacht –, aber nein, auch den nicht, kein Mensch durfte ihn so sehen! Mit einer Kraft, die sie sich selber nicht zugetraut hätte, half sie ihm hinauf; sie lud ihn sich förmlich auf. Und sie flehte ihn an dabei, immer flüsternd, aber mit hartnäckiger Eindringlichkeit: »Leise, leise!« Sie mußte ihm schmeicheln, sonst ging er nicht weiter: »Leise, Wölfchen! Geh, geh, Wölfchen – so ist’s schön, Wölfchen!«

Es war eine Höllenqual. Er stolperte und polterte; bei jedem Anstoßen seines Fußes an die Treppenstufen, bei jedem Knarren des Geländers unter seiner dagegensinkenden Hilflosigkeit, fuhr sie zusammen, und ein banger Schreck lähmte sie fast. Wenn jemand das hörte, wenn jemand das hörte! Aber weiter, voran!

»Leise, Wölfchen, ganz leise!« Es klang wie eine Bitte und war doch ein Befehl. Wie er sie vordem bezwungen hatte, mit seinem schweren Arm, so zwang sie ihn jetzt mit ihrem Willen.

Alle im Hause mußten taub sein, daß sie diesen Lärm nicht hörten! Der Frau klang jeder Tritt wie ein Donnergepolter, das sich im weiten Raum mit Rollen fortsetzt und bis in den fernsten Winkel hallt. Paul mußte auch taub sein! Sie kamen an seiner Tür vorüber; gerade am Schlafzimmer der Eltern blieb der Trunkene stehen, er wollte durchaus nicht weiter – da hinein – nicht einen Schritt mehr weiter! Sie mußte ihn locken, wie sie einst das Kindchen gelockt hatte, das süße Kindchen mit den blanken Beerenaugen, das vom Stühlchen aus noch weiter bis zum nächsten Halt laufen sollte. »Komm, Wölfchen, komm!« Und sie brachte ihn glücklich vorüber.

Nun waren sie endlich in seinem Zimmer. »Gott sei Dank, Gott sei Dank,« stammelte sie, als sie ihn auf dem Bett hatte. Sie war so blaß wie er, dessen blödes Gesicht immer fahler und fahler wurde im sich hellenden Morgengrau. Hier – hier – ach, das war derselbe Raum, in dem sie einst vor vielen Jahren – unendlich lange war’s her! – um des Kindes teures, geliebtes Leben mit Angst und Zittern gerungen hatte, vor der Allmacht Gottes gekrochen war wie ein Wurm: nur leben, Gott, laß ihn nur leben! Ach, wäre er damals lieber gestorben!

Wie ein Pfeil, aus allzu straffem Bogen geschnellt, blitzschnell dahinschwirrt, so durchschwirrte das ihren Sinn. Der Gedanke war ihr schrecklich, sie verzieh ihn sich nicht, aber sie konnte sich seiner nicht erwehren. Mit bebenden Knieen stand sie, entsetzt ob der eignen Herzlosigkeit, und dachte doch: wäre er damals lieber gestorben, besser wär’s gewesen! Hier – hier, das war dasselbe Zimmer noch, in dem sie dem Heranwachsenden die Einsegnungskleider anprobiert hatte! Nun zog sie dem Erwachsenen die Kleider aus; zerrte ihm den Smoking ab, die eleganten Beinkleider – so gut es eben ging bei seiner nun völligen Bewußtlosigkeit – und schnürte ihm die Lackschuhe auf.

Wo war er gewesen?! Ein Geruch von Zigaretten und Parfüm und Weinneigendunst strömte von ihm aus; es benahm ihr fast den Atem. Da hing derselbe Spiegel noch, in dem sie neben ihrem hellen weichen Frauengesicht das bräunliche Knabengesicht gesehen hatte, frisch und rundwangig, ein wenig derb, ein wenig trotzig, aber doch so hübsch in seiner Kernigkeit, so lieb in seiner Unschuld. Und jetzt –?!

Ihr Blick streifte das fahle Gesicht, aus dessem offenem Munde der dunstige Atem mit Schnarchen und Röcheln ging, und sah dann im Spiegel ihr eignes verängstetes, überwachtes Antlitz, in dem alle Weichheit sich verschärft hatte zu harten, vergrämten Linien. Ein Schauer durchrieselte sie; mit ihrer kalten Hand strich sie sich die grauen, verwirrten Strähnen aus der Stirn, ihre Augen zwinkerten, als wollte sie weinen. Aber sie zwang die Tränen nieder: nun durfte sie nicht mehr weinen, =die= Zeit war vorbei!

Sie stand noch eine Weile mitten im Zimmer, regungslos mit angehaltenem Atem, die überanstrengten Arme schlaff herunterhängen lassend; dann schlich sie auf Zehen zur Tür. Er schlief ganz fest. Von außen verschloß sie die Tür und steckte den Schlüssel in ihre Tasche – niemand durfte hinein!

Sollte sie sich nun noch zu Bette legen? Schlafen konnte sie ja doch nicht – o Gott, die innere Unrast war so groß, – aber sie mußte sich niederlegen, ja, sie mußte das, was sollten sonst die Mädchen denken und Paul?! Mußte dann aufstehen wie alle Tage, sich waschen, ankleiden, am Frühstückstisch sitzen, essen, sprechen, lächeln, wie alle Tage, als sei nichts, gar nichts geschehen. Und doch war ihr so viel geschehen!

Sie fühlte eine trostlose Vereinsamung, als sie neben ihrem Mann im Bette lag. Da war ja niemand, dem sie klagen konnte. Hatte Paul sie schon früher nicht verstanden, jetzt würde er sie erst recht nicht verstehen; er war ja so ganz anders geworden mit der Zeit. Und war er nicht jetzt noch dazu blind vernarrt in den Jungen? Merkwürdig, früher, als sie den Knaben so geliebt hatte, war’s immer zu viel der Liebe gewesen – wie oft hatte er ihr deswegen Vorwürfe gemacht – und jetzt, jetzt – nein, sie verstanden sich eben nicht mehr! Sie mußte allein durch, ganz allein!

Als Käte die ersten Geräusche im Hause hörte, wäre sie gerne aufgestanden, aber sie zwang sich noch, liegen zu bleiben: es würde den Leuten auffallen, sie so früh zu sehen. Aber eine furchtbare Angst quälte sie: wenn der Mensch – jener – dort drüben in seinem Rausch nun aufwachte, Lärm schlug, an die verschlossene Tür polterte?! Was sollte sie dann sagen, um ihn zu entschuldigen, was machen?! Fiebernd vor Unruhe lag sie im Bett. Endlich war es ihre gewohnte Aufstehenszeit.

»Der Junge ist wohl schrecklich spät nach Hause gekommen,« fragte Paul beim Frühstück. »Wohl vielmehr früh? Was?«

»O nein! Gleich nachdem du heraufgegangen warst!«

»So? Ich habe aber noch eine ganze Weile wach gelegen!«

Er hatte es leichthin gesagt, ohne jeden Argwohn, aber sie bekam doch einen Schrecken. »Wir – wir – er hat mir noch eine ganze Weile erzählt,« brachte sie stockend heraus.

»Töricht,« sagte er, weiter nichts und schüttelte den Kopf.

O, es war doch schwer, zu lügen! In welche Lage brachte Wolfgang sie!

Als Schlieben zur Stadt gefahren war, die Köchin unten im Souterrain wirtschaftete und Friedrich im Garten, belauerte Käte das Hausmädchen: wie lange brauchte das denn heute im Schlafzimmer? Scharf sagte sie: »Sie müssen rascher hier oben aufräumen, Sie sind ja über die Maßen langsam!«

Ganz verwundert über den ungewohnten Ton sah die Dienerin ihre Herrin an und sagte nachher unten zur Köchin: »Hu, ist die Gnäd’ge heute schlechter Laune, hat die mich gehetzt!«

Käte hatte dabei gestanden, bis das Aufräumen des Schlafzimmers beendet war, sie hatte das Mädchen förmlich gejagt. Nun war sie allein, ganz allein mit ihm hier oben, nun konnte sie sehen, was mit ihm war!