Chapter 9
Endlich erhob sie den Blick zu dem Manne, der mit der ernsten und bekümmerten Miene vor ihr stand, und sagte: „Was raten Sie, jetzt zu thun, Tibet?“
„Frau Gräfin,“ stieß dieser heraus, „wollen Sie mir nicht zürnen? Ich wüßte wenigstens vorläufig für das Drängendste Hilfe, wenn Sie diese annehmen wollten. Verzeihen Sie, wenn ich mich unbescheiden aufdränge--ich habe ein kleines Kapital gespart, darf ich dieses--“
„O braver Mensch!“ rief Ange gerührt; aber sogleich verbesserte sie sich: „Nein, Tibet, nein! Auch Sie noch der Ungewißheit preisgeben? Niemals! Ich darf Ihr Anerbieten nicht annehmen!“
„Sie können mir ja den Vorschuß später zurückgeben, Frau Gräfin,“ beharrte Tibet stockend. „Es ist ja Ihr eigen Geld--ich empfing es von Ihnen--ich verdanke es Ihrer Güte.“
Ange, zwar ergriffen von Tibets selbstlosem Zureden, aber, ihrer Veranlagung entsprechend, gerade deshalb von ihrem Gefühl lediglich beherrscht, hörte nicht auf seine Worte. Sie schüttelte den Kopf und zeigte in ihren Mienen ein deutliches Nein.
In diesem Augenblick meldete einer der Diener, daß Frau von Ink vorgefahren sei und um die Erlaubnis bitte, der Frau Gräfin aufwarten zu dürfen.
War dies nicht ein Fingerzeig des Himmels? Ange schwankte unschlüssig; endlich neigte sie den Kopf und der Diener eilte fort.
Gleich darauf hörte sie auch schon, wie Olga in ihrer ungestümen, etwas plumpen Weise den Wagenschlag hinter sich zuwarf und die Treppen der Villa hinaufeilte. Und nun trat sie, von Tibet gemeldet, ins Zimmer, umarmte Ange mit allen Zeichen der Betrübnis und setzte sich ihr mit dem Ausdruck aufrichtigster Teilnahme gegenüber. Dabei streifte ihr Blick das Gemach, und die kleinen Unordnungen blieben ihr nicht verborgen.
Nach einem längeren Austausch über den Verlauf der Krankheit und die letzten kummervollen Tage nahm Olga das Wort und sagte:
„Und nun noch eins, Frau Gräfin. Sollte ich Ihnen in etwas dienen können, bitte, verfügen Sie ganz über mich. Ich versichere Sie, daß ich außerordentlich glücklich sein würde, wenn ich Ihnen in irgend einer Weise meine Freundschaft und Teilnahme an den Tag legen könnte!“
Ange, der es in ihrer angstvollen Lage und angesichts von so viel Herzlichkeit schon auf den Lippen gezuckt hatte, vorzutragen, was sie beschäftigte, atmete erleichtert auf und nahm sogleich das Wort:
„Sie kommen mir in Ihrer Güte zuvor, gnädige Frau: ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich hätte allerdings wohl eine große Bitte--“ Sie stockte.
Olga horchte auf. Diese Gesprächswendung berührte sie aufs angenehmste. Was konnte Ange Großes wünschen, und wie hoch würde eine Frau wie diese ihr den geringsten Dienst anrechnen!
Auch die Rückwirkungen auf Teut überlegte sie rasch. Noch immer hoffte Olga auf einen Ausgleich mit dem Rittmeister, und in dem geheimsten Schubfach ihres Innern nicht nur auf diesen, sondern, zuguterletzt auch auf eine bedeutungsvolle Anknüpfung zwischen ihm und einer ihrer Töchter.
„Sprechen Sie, sprechen Sie, gnädige Frau--Ich bitte!“ rief Olga lebhaft nach Anges Worten.
Und nun setzte Ange dieser kaltherzigen, nur von ihren eigenen Interessen beherrschten Frau in ziemlich unzusammenhängender und unklarer Weise auseinander, daß sie durch den plötzlichen Tod ihres Gatten in peinlichste Verlegenheit geraten und vorübergehend einer größeren Summe Geldes benötigt sei.
„Arme Gräfin! Auch das noch! Die kleinlichen Nebensorgen bei so großem Schmerz und Kummer!“ rief Olga mit vortrefflich gespieltem Ausdruck der Teilnahme in den Mienen, in Wirklichkeit erfaßt von einer mit Schadenfreude vermochten äußerten Befremdung. „Ja wie ist da zu helfen? Offenheit gegen Offenheit, liebe Frau Gräfin! Wir haben allerdings ein aus unserem Gutsverkauf hervorgegangenes, recht ansehnliches Vermögen, aber alles, das weiß ich, ist unkündbar festgelegt für eine lange Reihe von Jahren, und die Summe, deren Sie bedürfen--Sie nannten fünftausend Mark, wenn ich recht verstand? Nicht wahr, Frau Gräfin? Ja, ja, ganz richtig!--ist etwa der fünfte Teil unserer ganzen Zinseneinnahme im Jahre.“ Diese Redewendung--ein feiner Dolchstoß--war absichtlich. „Zudem habe ich persönlich gar keine Verfügung; meinen Mann müßte ich schon ins Vertrauen ziehen.“
Ange hatte in ihrer Unerfahrenheit nur von ihren Verlegenheiten und von deren Abhilfe gesprochen. Über die Rückzahlung ließ sie nichts fallen, diese war ja in ihren Augen selbstverständlich, aber so unterblieb dasjenige, was für Olga natürlich die Hauptsache war. Die letztere war sogar überzeugt, daß Ange diesen Punkt nur in ihrer Erregung und in ihrer Naivetät nicht berührt hatte, aber sie hütete sich, selbst eine Brücke zu schlagen, die ihr eine Ablehnung erschwerte. Obgleich sie deshalb entschlossen war, nicht einmal mit ihrem Manne die Möglichkeit einer Hilfe in Überlegung zu ziehen, fügte sie doch hinzu:
„Wenn Sie gestatten, werde ich also mit Ink sprechen und alles thun, was in meinen Kräften steht--natürlich--selbstverständlich, liebe Frau Gräfin! Aus diesem Grunde aber will ich mich auch gleich wieder empfehlen. Ich möchte bald etwas Gutes melden, da ich den unerträglichen Zustand begreife, in welchem Sie sich befinden. Würde es möglicherweise in einigen Tagen früh genug sein?“ fuhr sie heuchlerisch fort. „Ja? Nun gut. Ich denke sicher, es wird sich machen! Mein Mann ist ja so teilnehmend und gut, daß ich ihn zu überreden hoffe, wenn es irgend möglich ist.“
Ange, die schon alles gewonnen glaubte, dankte mit gerührten Worten. Besonders beglückt aber war sie, als ihr Olga beim Abschied die Hand drückte und die Worte zuflüsterte: „In jedem Fall, wie sich auch die Dinge gestalten“ (hier deckte sich Olga nicht nur den Rückzug, sondern vergoldete diesen auch noch durch eine Äußerung, deren Wirkung auf Ange sie richtig berechnete) „seien Sie versichert, daß niemand von dieser Angelegenheit etwas erfahren wird, daß sie bei mir unter einem stummen Munde ruhen bleibt.“
Nach diesen Worten und nach einer abermaligen zärtlichen Umarmung ging sie.
An demselben Abend hatte Ange bereits eine von vielen schönen Worten umrankte Ablehnung, und um dieselbe Stunde fand eine Unterredung zwischen ihr und Tibet statt. Sie verhehlte ihm weder den Inhalt von Olgas Brief, noch die jetzt in ihr emporsteigende Befürchtung, daß jene nicht verschwiegen sein werde. Sie bewegte sich in leisen Hoffnungen, daß ihr Tibet in diesem Punkt nicht recht geben werde, aber er nickte zustimmend und sagte:
„Frau Gräfin, wenn Sie nur das nicht gethan hätten! Morgen wird's die ganze Stadt wissen!“
Ange erschrak. Was sie beängstigte, bestätigte Tibet mit kalter Einsicht. Ihr Stolz bäumte sich auf, und eine angstvolle Scheu vor den Menschen bemächtigte sich ihrer. Nun würde auch ihre Umgebung, ihre Dienerschaft bald darum wissen, daß sie in ihrem fürstlich eingerichteten Hause eine Bettlerin sei. Sie sah schon die Mienen derer, die bald geschmeidige Katzen, bald fletschende Wölfe sind, je nachdem sie glauben oder fürchten, es könne ihnen des Teufels bestlockender Köder werden oder entgehen.
Und nun kam Ange in ihrer Ratlosigkeit auf die Verwertung der Diamanten zu sprechen, und Tibet widerriet lebhaft.
Es ist eine eigentümliche, sich stets wiederholende Erscheinung, daß einfache Leute den Verlust geringfügiger Dinge in solchen Lebenslagen schwerer empfinden als irgend etwas anderes. Das Unglück selbst entlockt ihnen nicht so viele Thränen als die Aussicht, sich von gewissem Tand trennen zu müssen. Die Pfändung einer Uhr, einer Kette, eines Medaillons, ja oft eines blitzenden Küchengeräts raubt ihnen den letzten Trost und versetzt sie in einen Zustand heftiger Gemütserregung. Ebenso erging es Tibet, bei dem überdies noch die gleichsam ins Blut übergegangene Ehrfurcht vor den Personen und Dingen, unter denen er gleichsam aufgewachsen, mitwirkte.
Er war außer sich, als Ange ihre Absicht zu erkennen gab, und bot in fast demütiger Weise von neuem seine Ersparnisse an.
Aber in Ange kämpfte edle Vorsicht mit der Scheu, sich ihrem Diener zu verpflichten. Sie wies Tibets Anerbieten abermals aufs entschiedenste zurück.
Tibet schlug nun vor, wenigstens den Verkauf nicht in C., sondern in einer anderen Stadt zu bewirken. Es sei kaum einmal wahrscheinlich, daß am Orte jemand eine so große Summe dafür hergeben oder darauf anleihen werde. Den Schmuck lediglich zu verpfänden, empfahl Tibet zudem dringend, immer in der Hoffnung, dieser könne Ange doch noch gerettet werden.
Ange nahm seinen endlichen Vorschlag, nach Frankfurt zu reisen, lebhaft auf. Sie eilte fort, kam zurück und öffnete ihr Schmuckkästchen.
Als es aus Auswählen ging, ward's ihr schwer. Nicht der Verlust der Juwelen ließ sie zaudern, aber es schien ihr wie eine Entheiligung, fortzugeben, woran sich so viele teure Erinnerungen knüpften.
„Hier, hier!“ rief sie indessen schnell wieder gefaßt. „Ich weiß, daß diese Perlen Tausende wert sind. Wie kann ich fragen? Ich muß an meine Kinder denken, an die Pflichten, die ich gegen meine Umgebung habe, solange sie zu fordern hat. Alles andere ist nebensächlich.“
Nun machten sie sich daran, den Wert des Schmuckes abzuschätzen.
„Und wenn das dahin ist?“ zuckte es in Ange auf. „Wenn das dahin, was dann?“
Immer wieder packte sie ein angstvolles Grauen vor der Zukunft, immer wieder mußte sie sich zurückrufen, daß das alles Wahrheit, keine Vorstellung, kein Roman sei, den eine lebhafte Phantasie sich ausgedacht hatte. Nein! nein! Carlos war tot; sie blieb zurück mit fünf lebendigen Geschöpfen und besaß außer diesen Kleinodien und ihrer Einrichtung nichts!
* * * * *
Einige Tage nach diesem Zwischenfall--es war am Spätabend und die Kinder ruhten bereits--überreichte der Diener Ange ein Telegramm. Die Gouvernante, die noch eben an ihrer Seite gesessen, hatte das Zimmer verlassen, und da Ange allein war, gab sie sich ganz ihren Gedanken hin. Im Kamin brannte ein lebhaftes Feuer, das einen hellen Schein und zugleich wohlthuende Wärme in dem Gemach verbreitete. Draußen aber fuhr ein rücksichtsloser Sturm durch die Bäume und rüttelte den hohen Schnee, der die Erde bedeckte, aus seiner Ruhe auf.
Ange öffnete hastig die Depesche, und mit einem leisen Schrei sank sie zurück.
„Auch das noch!“ glitt es von ihren Lippen.
„Bin wegen Diebstahlsverdacht verhaftet. Wertsachen sind mit Beschlag belegt. Frau Gräfin persönliches Erscheinen hier auf dem Kriminal-Kommissariat möglichst bald erforderlich. Bedaure unendlich hervorgerufene Unruhe.
Gehorsamst Tibet.“
„Auch das noch!“ wiederholte Ange noch einmal und blickte wie eine Irrsinnige ins Leere. Es schien mit den Prüfungen erst der Anfang gemacht; immer Neues ballte sich zusammen, um die gequälte Frau zu ängstigen, zu verwirren und völlig mutlos zu machen.
Als Ange damals Olgas Billet empfangen hatte, saß sie wie erstarrt. Aber zunächst waren es nicht die dadurch wieder emporsteigenden Geldsorgen, die sie beunruhigten, sondern es jagten Scham und Enttäuschung und neben diesen die Gefühle bitterer Reue durch ihre Seele. Sie sah Teut vor sich, der ernst und vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und ihr zurief: „Sie haben wieder Ihren Verstand spazieren geschickt und sich mit Ihrem Gemütsdrang auf den Weg gemacht. Warnte ich Sie nicht vor dieser Frau? Das alles hätte ich Ihnen vorherigen können, und unnötig, ja, zu Ihrem Schaden haben Sie sich bloß gestellt. Frau von Inks Gutherzigkeit ist nur Maske, und überall, wenn das Unglück in die Hinterpforte schleicht, ist die Welt plötzlich von Menschen ausgestorben.“
Als die Gouvernante zurückkehrte, verbarg Ange die Depesche, schützte Müdigkeit vor und zog sich zurück. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in einen Stuhl und weinte sich aus.
„O Carlos, Carlos! Wer sang mir an meiner Wiege von so viel Herzeleid!“ flüsterte Ange. „Bin ich ein so schwacher Mensch, daß die Angst Tag und Nacht durch mein Inneres jagt, daß ich nicht mehr lachen, daß--ach--ach--“--hier brachen die Thränen durch die zarten Finger--„daß der Anblick meiner Kinder mich nicht mehr zu trösten vermag?“
Sie ergriff die Lampe und wandte sich in das Zimmer ihres Mannes.
Der eigentümliche Duft, der stets die Räume durchweht hatte, erfüllte sie auch heute noch. Carlos saß nicht mehr in dem hohen Stuhl. Ringsum die Spuren eines lebenden, nun für immer dahingegangenen Menschen. Geradlinig wie sonst standen die Bücher in den Regalen. Im unverschobenen Winkel lag die Schreibmappe. Hier hing sein Säbel, die Militärmütze, dort standen noch seine Reiterstiefel, und drüben lagen die weißledernen Handschuhe, die er abgestreift hatte, als er des Königs Rock auszog.
Von einer unheimlichen Angst erfaßt, drehte Ange den Schlüssel zu Carlos' Schlafgemach ab. Ihr war plötzlich, als ob der Tote in der Thür erschienen sei und nicht mitleidig, nein, ernst und vorwurfsvoll sie angeblickt habe. Weilte sein Geist noch in den Räumen, wirkte sein Wesen noch nach, das fieberhaft und reizbar jeden Eintritt abgewehrt hatte?
Ange suchte sich zu fassen und öffnete die Schubladen des Schreibtisches.
Ein plötzlicher unerklärlicher Drang hatte sie hierher getrieben. Noch einmal mußte sie die Aufzeichnungen durchblättern, die er ihr hinterlassen. Sie wußte, daß sie nichts darin finden werde als neuen Anreiz für ihren Schmerz; aber ein ruheloses Gefühl durchhastete sie, seine Schriftzüge zu lesen, an seinem Mitleid Trost zu finden.
Ja das war es! Sie sehnte sich nach Trost, weil sie keinen Menschen auf der Welt hatte, an dessen Brust sie sich werfen und ausweinen konnte. Einen gab es doch! Ja, er wog alle übrigen auf: aber er war fern, kam vielleicht nie zurück.
Ange sann nach, ehe sie zu lesen begann.
Wie abergläubische Menschen ein Buch aufschlagen und nach der Auslegung eines zufällig gefundenen Wortes ihren Entschluß fassen, so tastete Ange in Carlos' Nachlaß nach einem erlösenden Ausdruck. Tiefer zurückgeschoben, fand sie, beim Ausräumen, noch einige Blätter, die sie bisher nicht beachtet hatte. Sie waren durchstrichen, offenbar ausgesondert und zum Vernichten beiseite gelegt. Sie griff hastig danach und begann zu lesen.
Das Schriftstück datierte noch aus der Zeit ihrer ersten Liebe und war viele Jahre vor ihrer Übersiedelung nach C. geschrieben.
In diesem Augenblick glaubte Ange einen Ruf zu vernehmen. Kam er aus dem Schlafgemach der Knaben drüben? Ängstlich lauschte sie--ja unheimlich ward ihr--aber er wiederholte sich nicht. Stumm war die Nacht.
„Für meine teure Ange, wenn ich einmal gestorben sein werde. Ich schreibe diese Worte unter dem Eindruck, daß mir nur kurz zu leben bestimmt ist. Ich habe keinen thatsächlichen Anhalt dafür, es beherrscht mich aber ein ahnendes Gefühl. Heute ist ein Mensch frisch und thatkräftig, morgen ist er dahin. Auch ein böser Zufall kann uns plötzlich abrufen.
„Sieh, Ange, da drängt es mich, Dir an dieser Stelle noch einmal mein Herz zu öffnen und Dir zu sagen, wie unbeschreiblich ich Dich geliebt habe. Als ich Dich zum erstenmal sah, hielt ich es nicht für möglich, daß ein so holdes Wesen wie Du, mich vor allen anderen auswählen könne, und als ich es endlich aus Deinem Munde hörte, schwankte ich zwischen Furcht und Glückseligkeit. Weshalb? Weil mich ein trauriges Vorgefühl beherrschte. Ich fühlte, daß ich Dir nie würde etwas abschlagen können, und doch hatte ich, da Du ein unerfahrenes Kind warst, die Aufgabe, Dich für das Leben zu erziehen, Dich zu leiten und zu belehren.
„Weißt Du, Ange, daß ich mich mitunter ins Freie geflüchtet habe in zitternder Angst, wenn Dir das Geringste zugestoßen war. Ich bin im Schlachtgetümmel gestanden, die Kugeln haben um meinen Kopf gepfiffen, und ich habe, das Zeichen zum Angriff gebend, empfindungslos mich in den Kampf gestürzt; ich kenne auch keine Furcht vor greifbaren Dingen, aber ich bebte bei dem Gedanken, daß Du littest, daß ich Dich durch dieses Leiden verlieren könne.
„Wenn ich einmal mürrisch gegen Dich gewesen war, folterten mich Vorwürfe, und ein heißer Drang, Dich zu versöhnen, Dir von neuem Liebesbeweise zu geben, quoll in mir auf. Freilich unterließ ich sie. Ich habe diesen Zwiespalt nie begriffen.
„Deine Schönheit, Dein Liebreiz, Deine unbeschreibliche Herzensgüte ängstigten mich. Ich fühlte, daß Du einst darunter leiden und daß wir beide dadurch zu Grunde gelten müßten.
„Ich zittere bei dem Gedanken, daß ich früher aus der Welt gehen werde als Du, aber nur deshalb, Ange, meine teure Ange--glaube mir--, weil ich weiß, daß Du, so gut auch altes bestellt sein mag, niemals verstehen wirst, Dich einzurichten und--gänzlich unbekannt mit dem Wert des Geldes--vermöge Deines unbesonnenen Dranges, aller Welt zu helfen, immer nur auf das Geben, nie auf eine Beschränkung bedacht sein wirst.
„Ich dachte darüber nach, unser Vermögen so festzusetzen und durch fremde Hand so für Dich verwalten zu lassen, daß Dir unübersteigbare Schranken in Deinen Ausgaben auferlegt werden würden. Aber abgesehen davon, daß die Wirkung dieser Vorsicht dennoch eine zweifelhafte sein kann, widersteht es mir auch, Dich in solcher Weise zu bevormunden. Ich beschwöre Dich aber bei der Liebe und bei dem Glück unserer Kinder, sieh Dich um in der Welt und traue nicht jedermann. Wo Dein Herz am lautesten spricht, sei am vorsichtigsten.
„Aber noch mehr! Thue Du, was ich unterlasse. Berate Dich mit unserem Anwalt und gieb ihm zu erkennen, was ich als Wunsch Dir hier ausgesprochen habe. Hörst Du, Ange? Willst Du diese Bitte ansehen als meinen letzten Willen, ihn ausführen als einen Akt der Pietät gegen mich?
„Ich hoffe, unser Vermögen noch so zu vermehren, daß selbst die größten Ansprüche zu befriedigen sein werden. Vielleicht, wenn Du diese Worte liest, ist es mir bereits gelungen. Tibet wird Dir alles vorlegen. Ihm kannst Du ganz vertrauen. Ich habe ihn erprobt und fand ihn bewährt in allen Verhältnissen, ja selbst unter Versuchungen, denen andere kaum widerstanden haben würden. Ich bitte Dich, daß Du Dich seines verständigen Rates, seiner Hilfe bedienst, wenn ich nicht mehr unter Euch sein werde, und namentlich hoffe ich, daß Du ihn niemals von Deiner Seite läßt, es sei denn, daß er selbst zu gehen begehren sollte. Betrachte ihn nicht als einen Diener, als einen Untergeordneten. Sein Herz ist von Gold, sein Verstand--obgleich in der großen Welt nicht gestählt--kühl und besonnen. Bedenke ihn auch einst reichlich!
„Du findest in unserem Testament, wie ich wünsche, daß er für alle mir geleisteten Dienste belohnt werden soll.
„Ange, Ange! Wenn ich mir vorstelle, Du könntest je unglücklich sein aus Herzenskummer, aus Sorge! Wenn ich daran denke, es könnte Dich eine böse Krankheit erfassen und Du müßtest mit täglichen Schmerzen kämpfen! Ich bitte das Schicksal, alles von Dir abzuwenden.“
Anges Augen flossen über; sie beugte sich über die Blätter und stützte das Haupt.
Aus Liebe hatte er gefehlt; diese Aufzeichnungen erhärteten es nur allzu überzeugend. Nun war auch das letzte verwischt, was in ihrem Herzen sich noch in Zweifeln hätte bewegen können. Nichts blieb zurück als sanfte Trauer und Schmerz des Mitleides.
Mochte die Welt Carlos schmähen, sie wußte ihn frei von Schuld; eine nicht minder große traf sie selbst, und ihre Kinder wollte sie lehren, sein Andenken hoch zu halten für alle Zeiten.
Und Tibet? Wohlan! Ange mußte handeln! Am nächsten Tage beschloß sie abzureisen, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien.
* * * * *
Ange erhob sich am nächsten Morgen ihrer Reisevorbereitungen wegen schon in aller Frühe. Einer der Diener mußte forteilen, sich nach dem Abgang der Züge zu erkundigen, und die Jungfer ward herbeigerufen, die Garderobe einzupacken. Während Ange noch den sie umringenden Kindern Antwort erteilte, sich auch beschwatzen ließ, den Knaben wegen ihrer Abreise die Schule zu erlassen, ja überlegte, ob sie nicht etwa die kleine Ange mitnehmen solle, die ihr diese Bitte unter zärtlichen Schmeichelworten vortrug, fiel ihr plötzlich ein, daß sie vielleicht nicht einmal genügend Geld für die Eisenbahnfahrt habe. Sie eilte in ihr Kabinet, öffnete den Schreibtisch und zählte mit fiebernder Hast, was noch vorhanden sei. Bis zum letzten Augenblick war sie gewohnt gewesen, daß Tibet alle Geldangelegenheiten besorgte. Es fiel ihr jetzt sogar ein und es bedrückte sie, daß sie diesem nicht einmal das Reisegeld eingehändigt habe. Sie würde in der Folge fast nichts ihr eigen nennen! Nur diese Thatsache in ihrer Allgemeinheit und in ihrem nüchternen Schrecken waren in ihr hasten geblieben. Was augenblicklich nötig war, was sie noch in ihrem Besitz fand, darüber hatte sie nicht nachgedacht.
Als nun Ange ihren Schreibtisch durchsuchte, fand sie nur noch drei kleine Goldstücke. Völlig enttäuscht, ließ sie die Arme sinken und beugte mutlos das Haupt.
„Darf ich denn mitreisen, Mama?“ schmeichelte in diesem Augenblick eine Stimme. Es war die kleine Ange, welche ihr leise nachgeeilt war und sich nun bittend an sie drängte.
„Ach, nein, nein, mein Liebling!“ rief Ange, aus ihrer Ratlosigkeit aufgeweckt. „Ich weiß selbst noch nicht einmal, ob ich heute fortkomme. Laß mich jetzt, süße Ange. Geh hinüber; ich bin gleich bei Euch.“
Die Kleine schlich verdrießlich und weinend von dannen und nur zu fühlbar ward Ange durch die Frage des Kindes erinnert, wie heute alles anders sei, denn ehedem!
Was sollte nun geschehen?
Tibet war in einer Lage, aus welcher die Pflicht gebot, ihn so rasch wie möglich zu befreien. Ange durfte keinen Augenblick zögern, und nun ward sie doch aus solchen Gründen vielleicht am Reisen verhindert!
Und was sollte sie ihrer Umgebung sagen, wenn sie etwa alle Vorkehrungen wieder aufhob?
Nach der abschlägigen Antwort von Olga, bei der Befürchtung, alle Welt vermute, wisse bereits um ihre Lage, vermeinte sie, sich durch das Nebensächlichste bloßzustellen und unliebsamen Vermutungen Nahrung zu geben.
War es denn Wirklichkeit? Sie besaß nicht einmal mehr die genügenden Mittel, eine kleine Reise anzutreten, und doch war sie rings umgeben von Luxus und erhob noch immer den Anspruch auf einen großen Haushalt?
Dieser Schein, diese Widersinnigkeit erhöhten Anges bedrückte Stimmung; dazu trat ihre Unkenntnis menschlicher Verhältnisse. Brauchte sie für die Reise nach Frankfurt das Dreifache oder Fünffache, was sie besaß? Sie wußte es nicht. Sie war schon so scheu und unsicher geworden, daß sie nicht nach den Kosten der Fahrt zu fragen wagte, weil sie fürchtete, dies werde auffallen.
Auch die Mittel und Zwecke nach ihrer Bedeutung verwechselte sie bereits. So überlegte sie, ob sie noch das Recht habe, in einem Coupé erster oder zweiter Klasse zu fahren. Nein! Wer nichts besaß, hatte die Pflicht sich einzuschränken. Sie durfte nur das billigste Billet kaufen.
Aber sie sollte an den Bahnhof eilen in ihrem eigenen Wagen, gefolgt von einem Diener, zurücklassend einen solchen Haushalt, und einen Sitz neben rauchenden, vielleicht trunkenen Männern einnehmen in einem ungeheizten Coupé? Sie, die vornehme Dame, in dem kostbaren Reisemantel, der ein kleines Vermögen gekostet halte?
Ah! der Pelz kostete Hunderte, und sie sorgte um einen Bruchteil, wollte um diesen fast verzweifeln? Hatte er einen so großen Wert, weshalb ihn nicht veräußern?
Das war es ja eben! Sie war machtlos zum Handeln, jetzt wenigstens in diesen ersten Tagen. Immer wieder diese Gegensätze von Wahrheit und Schein!
„Carlos, Carlos!“ schrie Ange auf. Noch einmal stieg das Gefühl der Bitterkeit empor, freilich um in dieser sanften Seele ebenso schnell wieder zu verlöschen.
Zuletzt ward Ange noch von einem anderen unruhigen Gedanken beherrscht. Wenn sie nicht zurückkehrte! Wenn jemand ihres Gatten Papiere fand, sie las und der Welt offenbar ward, er habe Hand an sich selbst gelegt--?
Höher als alles stand doch die Pflicht, seinen Namen über das Grab hoch zu halten. Sie beschloß, seine Aufzeichnungen zu vernichten, und ihre Pietät ließ sie doch wieder mit der Ausführung zaudern.