Chapter 8
„Ist es denn Neugierde, die mich veranlaßt, Sie zu fragen?“ sagte Ange mit sanftem Ernst und blickte Tibet traurig an. „Ist es nicht die Sorge für meinen geliebten Mann! Ach, ach! wie viele thränenvolle Stunden habe ich schon um seinetwillen gehabt!“
Tibet hatte ganz die Fassung verloren. Er stand da wie jemand, der sich eines schweren Vergebens schuldig fühlt und aus Scham und Verzweiflung kein Wort findet. Endlich raffte er sich auf und sagte:
„Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin. In allem, was ich that, folgte ich dem Befehl des Herrn Grafen. Wenn ich unrecht that--ich that gewiß unrecht gegen Sie--o, so vergeben Sie es mir!“
„Nun wohl! Lassen wir Vergangenes! Aber was ist jetzt?“ drängte Ange. „Sprechen Sie endlich.“
Tibet sah mit scheuem Blick nach der Thür und flüsterte leise: „Schon seit reichlich einem Jahr nimmt der Herr Graf überaus starke Dosen Morphium zu sich. Niemand weiß es. Er befahl mir unbedingte Verschwiegenheit. Auch gegen Sie verbot er, darüber zu sprechen.“
Ange bewegte traurig das Haupt: plötzlich aber schrak sie auf.
„Barmherziger Himmel! Sollte ihm doch bereits etwas zugestoßen sein?“
Sie eilte von Tibet fort, wandte sich ins Nebenzimmer und stieß, hineinblickend, einen Schrei aus.
Clairefort saß wachend aufrecht im Bett. Er sah Ange mit stieren Augen an und schien sie doch nicht zu sehen. Unzusammenhängende Worte glitten über seine Lippen.
„Carlos, Carlos, mein geliebter Carlos!“ rief Ange, flog an sein Lager und ergriff seine Hand.
„Sag, was ist Dir? O, komme zu Dir! Es ist Ange, Deine Ange! Hörst Du sie nicht?“
Er nickte wie ein Abwesender. Offenbar ward er nicht Herr der ihn bedrückenden Vorstellungen, und um sie zu verscheuchen, glitt er wiederholt mit den kranken Händen über Stirn und Haar.
Ange heftete mit zerrissenem Herzen die Augen auf ihren Mann. Auch Tibet war tief erschüttert durch diesen Anblick.
„Wünschest Du das Frühstück, Carlos? Soll ich nicht die Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen? Willst Du aufstehen--Dich in Deinen Stuhl setzen? Sprich Lieber! Was hast Du? Ach, ach!“
Nichts! Er schien nicht zu hören, und sie sank wie zerknickt neben ihm nieder.
Immer starrte er geradeaus, griff sich an die Stirn und suchte mit vergeblicher Anstrengung seinen Geist zu ordnen.
Jetzt erhob sich Ange und riß die Fenster auf.
„O, ich ersticke in dieser Luft! Sie muß auch Dir schädlich sein! Komm, laß Dich mit Wasser benetzen. Tibet helfen Sie! Wir wollen den Grafen drinnen in dem luftigen Zimmer betten.“
Aber Clairefort fiel, ehe sie ihn berührten, schwerfällig zurück, schloß die Augen und blieb bewußtlos liegen. Es hatten ihn abermals der Schlaf oder eine Ohnmacht befallen.
Nun eilte Tibet zu dem Arzt, und inzwischen saß Ange wie eine Verzweifelte an dem Bett des Kranken.
Nach einer Weile kamen die Kinder, die ihre Mama vergeblich beim Frühstück erwartet hatten. Es schnitt Ange durch die Seele, als sie so fröhlich und ahnungslos hereinstürmten. Noch lag die feine Röte einer gesund verbrachten Nacht auf ihren Wangen, noch umströmte sie in ihren sauberen hellen Morgenkleidern jene aufquellende Frische, die namentlich Kinder nach dem Schlafe wie ein unsichtbarer Hauch umwebt.
„Mama, Mama, wo bleibst Du denn?“ rief die kleine Ange und stand da und sah so schön aus, als ob eine zarte Blüte eben vom Baum geschwebt sei.
Aber sie schraken zurück, als sie den kummervollen Ausdruck in Anges Augen bemerkten, als sie mit ihrem Instinkt begriffen, daß ihrem Papa etwas zugestoßen sein müsse.
„Geht, geht, lieben Kinder!“ sagte Ange sanft und traurig wie damals, als den kleinen Carlitos das furchtbare Fieber erfaßt hatte. „Papa ist sehr krank. Ich muß noch bei ihm bleiben. Ich komme bald! Frühstückt nur allein--und--dann eilt euch. Ben, Fred, ist's nicht schon Zeit für die Schule?“
Sie nickten gehorsam und schlichen auf den Zehen davon.
Und doch war dies nur ein trauriges Vorspiel zu dem noch traurigeren Ende.
Zwar erholte sich Clairefort, und einige Zeit schien er sogar wieder geistig frischer und körperlich gesunder, aber dann erfaßte ihn von neuem eine wortkarge teilnahmlose Schwermut. Er wollte niemanden sehen und sandte selbst Tibet fort, der neuerdings bei ihm nachts gewacht hatte.
„Nein, nein, gehen Sie! Seit lange hatten Sie keinen ordentlichen Schlaf, Tibet. Ich fühle mich heute ganz wohl und bedarf Ihrer nicht mehr,“ beschied er ihn eines Abends und bestand auf seinem Willen.
Als Tibet sich entfernt hatte--ein ungewöhnlich freundlicher Blick traf ihn heute aus Claireforts Auge--, setzte sich dieser an seinen Schreibtisch und arbeitete mehrere Stunden. Endlich erhob er sich mühsam und trat, sich an Tisch und Stühlen vorwärts tastend, an den Spiegel. Er blickte hinein und schrak vor seinem eigenen Bilde zurück. Es machte ihn sogar ängstlich, denn er schaute sich furchtsam um, und ein Schauer flog über seinen Körper.
„Sterben!“ flüsterte er. „Ja dann fallen alle Gespenster, weichen alle Schmerzen und sind alle Seelenqualen vorüber.“
Auf dem Wege zu seinem Schlafgemach blieb er noch einmal zaudernd stehen.
Nur allzu lang ist oft die Brücke! Ein einziger plötzlicher Gedanke, irgend eine liebe oder peinliche Erinnerung verknüpft den Menschen von neuem mit dem Leben, und der grauenhafte, blitzartig oder allmählich entstandene Entschluß wird doch zu Nichte.
Clairefort ließ sich aufs Bett nieder und griff mit zitternden Händen tief unter die Decke. Bei dieser Bewegung setzten unerwartet die Schmerzen wieder an, und wimmernd hielt er inne. Aber bald begann er von neuem, fand endlich, was er hier verborgen hielt, und stellte es auf den Tisch. Es waren zwei Flaschen mit verschiedenem Inhalt.
„Dies wird sicher genügen, um nicht wieder aufzuwachen,“ murmelte er. Aber doch verging noch eine lange Zeit, ehe er sich zum Sterben rüstete. Seine Gedanken flogen hin und her wie Herbstvögel; oft traten ihm Thränen ins Auge. Einmal schleppte er sich in sein Wohngemach zurück, öffnete den Schreibtisch und nahm Anges Bild hervor. Es war zur Zeit ihrer Verlobung gemalt.
„Ach, wie schön, wie schön!“ flüsterte der Mann und bedeckte das Glas mit Küssen. „Und Dich soll ich verlassen? Und Euch, Euch, Ihr süßen Kinder--“
Es packte ihn die Angst und die Scham, furchtbare Schauer jagten durch seine Seele. Kalter Schweiß brach hervor auf seiner Stirn. Was wurde aus ihnen? Welch ein erbärmlicher, gewissenloser Mensch war er! Er wollte davongehen, und nicht einmal für das Nächstliegende, ja vielleicht nicht einmal für sein eigenes Totenhemd war gesorgt.
Aber halt! War da nicht ein Geräusch auf dem Korridor?
Hastig verschloß Clairefort das Porträt, als sei's ein Vergehen, es zu betrachten. Er lauschte herzklopfend--schlich wie ein Dieb an seine eigene Thür. Aber es war nichts.
Nun nahm er seinen Platz wieder ein und lehnte sich zurück. Konnte er noch gesund, schmerzensfrei werden?
Nein, jetzt niemals mehr! Ohne Morphium vermochte er überhaupt ferner nicht zu leben. Was that er noch auf der Welt? Seine Pflicht, die Pflicht gegen die Seinigen hielt ihn! Nein, auch die konnte ihn nicht ans Leben fesseln. Er war ja ein Nichts. Er war nur eine Last--nur ein--
Es übermannte ihn die Seelenqual: er schluchzte und erschrak vor den Tönen, die sich seiner eigenen Brust entrangen. Er war nur ein Hindernis für Anges Glück. Fort denn, je schneller, desto besser!--Teut! Teut! Da kam ihm der Gedanke an ihn. Welch ein Mensch! Er würde sie nicht verlassen. Nein, sicher nicht! Gut, also sterben--
Was Clairefort noch zu sagen hat, befindet sich in den Blättern aufgezeichnet, welche Ange morgen finden wird.
Aber wenn er nun nicht stirbt, wenn es nicht gelingt, wie jüngst? Er bewegt den Kopf. Wohl, er wird das Schriftstück unter sein Kopfkissen legen, nicht auf den Tisch. Wacht er abermals auf, dann bleibt seine Absicht verborgen.
Während er sich an sein Bett wendet, ziehen noch einmal die letzten Jahre an ihm vorüber. Wie er zum erstenmal gespielt und ihn dann der Teufel erfaßt hat, wie er vom Glück begünstigt wird und dann doch alles wieder verliert. Und immer von neuem verliert! Wie er innehalten will und doch sich überredet, er werde den Verlust zurückerobern, endlich--ein Verzweifelter--die größten Summen einsetzt, um abermals betrogen zu werden und zuletzt sich sogar am fremden Eigentum vergreift! Das Vermögen seiner Frau, seiner Kinder opfert er auch noch dem wahnsinnigen Gelüste!
Die Decke auf dem kleinen Nachttisch hat sich verschoben. Clairefort zupft daran. Noch im letzten Augenblicks beherrscht ihn der kleinste Gewohnheitsdrang.
Er legte sich nieder, macht fast pedantisch alle Vorbereitungen, zittert, setzt erst das eine Glas an, greift dann zum anderen--
Nun sinkt er zurück----
* * * * *
Noch während Carlos' sterbliche Überreste in der Villa standen, warf Ange einen Blick in die zurückgelassenen Blätter. Sie las den Inhalt in der zweiten beginnenden Nacht, und die Gespenster des Entsetzens drangen auf sie ein.
Sie zerknitterte die Schriftstücke in ihrer Hand, sprang empor und rief nach Tibet. Ernst, bleich, ahnend, was vorgefallen, erschien der Mann und blieb wie angewurzelt an der Thür stehen.
„Tibet! Tibet!“ schrie Ange, blaß, abgehärmt und kaum wiederzuerkennen durch die Wirkungen ihres maßlosen Schmerzes. „Das alles wußten Sie seit langen Jahren und Sie schwiegen? Dem allen waren Sie ein Helfer und kannten und liebten doch meine Kinder? O Mensch, sprechen Sie, damit ich wenigstens einen Grund finde, Ihnen zu verzeihen! Nicht verloren durch Ungemach, alles was wir besaßen--nein, durch Spiel--durch Spiel! Man sitzt über Menschen zu Gericht, tötet sie, wenn sie, von der Leidenschaft fortgerissen, einen andern morden!--Ist Leidenschaft denn Vernunft, und kann man richten, wo die Vernunft fehlte? Aber wie ahndet ein Gott ein so furchtbares Verbrechen?--Wie er es ahndet? An dem Glück Lebendiger, indem er die Unschuldigen ins Verderben zieht! Kinder, reine, arglose Geschöpfe müssen dafür büßen!--Was hier geschehen, sucht seinesgleichen; Ich las wohl Schreckliches, wie Menschen sich gegen Menschen versündigten; ich hörte von Mord, Gift, Verrat, Folter. Ist eine solche Handlungsweise nicht herzloser, unmenschlicher? Ein Familienvater, der weiß, daß ihn Gott mit zehrender Krankheit geschlagen, spielt--spielt auch dann noch ohne Anlaß, ohne Not, vergreift sich an fremdem Eigentum und wagt das letzte um eines Vorteils willen, der ihn um keinen Schatten glücklicher machen konnte. Zuletzt giebt er sich den Tod--ein Selbstmörder!--Ein Selbstmörder?--O leise, leise, daß es niemand hört! Verbrennen wir diese Schande! Rasch, Tibet!--Und doch, nein! Es ist ja von seiner Hand, das letzte von ihm, welcher der Vater meiner Kinder war, den ich so unsagbar liebte, der litt, in Schmerzen sich wand!--Nein, nein, vergessen Sie, was ich sagte! Ich sprach irre. Mit meinem Herzen hatte es nichts zu thun. Ich weiß, wie er gelitten hat. Kein Mensch starb unter solchen Qualen, keinen Menschen gab es, den der Tod bei Lebzeiten schon so marterte!--Aber was soll nun werden? Hier, hier steht's. Ein rätselhafter Satz: ‚Und dennoch ist für Deine Zukunft gesorgt, Ange. Ich glaube es. Dieser Glaube, diese Hoffnung erleichtert mir den Tod. Ich darf nicht reden. Ein Schwur verbietet es. Frage Tibet, ihn bindet kein Gelöbnis.‘--Nun, so reden Sie, Tibet! Was ist's? Um meiner armen Kinder willen flehe ich Sie an! Sprechen Sie! Ach! ach!“
Ange sank in einen Stuhl neben dem Tische nieder, auf dem Carlos' furchtbares Vermächtnis lag, und weinte so herzerbarmend, daß dem Manne, der das alles stumm angehört hatte, bei diesem Jammer das Herz zerschmolz.
Als Tibet immer noch nicht antwortete, schoß Ange empor:
„Sprechen Sie!“ rief sie. „Ich fordere es bei dem Andenken des Unglücklichen! Ich fordere es für die Unmündigen! Ich erbitte es--um meinetwillen--“
Ihre Stimme versagte.
„O, beruhigen Sie sich, Frau Gräfin!“ zitterte es aus Tibets Munde. „Ich will sprechen, da Sie es verlangen, und ich schwöre Ihnen bei dem Gott, an den ich glaube, daß ich unschuldig bin! Ich habe in all den Jahren den Grafen angefleht, von dem unseligen Spiel zu lassen. Ich habe ihm sogar in dem Gedanken an Sie und die Kinder einmal einen Gewinn verheimlicht, bis die Not--“--er stockte, und Ange sah ihn fragend und furchtsam an--„bis die Not mich zwang. Wir hatten nichts mehr zum Leben. Mit diesem Betrage bestritt ich im letzten halben Jahre die Ausgaben bis, bis--“
Ange unterbrach ihn nicht; sie saß wie erstarrt.
„Ein Eid band mir die Zunge. Ich verdanke ja alles dem Herrn Grafen. Ich durfte nicht reden und litt mehr darunter, als Worte zu beschreiben vermögen, Frau Gräfin; glauben Sie mir! O, vernichten Sie mich nicht ganz, indem Sie mir Ihr Wohlwollen entziehen!“
„Gut, gut! Weiter!“ drängte Ange leichenblaß und in steigender Erregung. „Und das Geheimnis? Ich will alles wissen. Auch das Schrecklichste kann mich nicht mehr erschüttern, und ist es ein Trost, eine Erleichterung--nun, um so besser.“
Noch zögerte Tibet; die Zunge war ihm wie gelähmt. Seine Knie schlotterten. Er wußte, was er hervorrief. Er hörte schon den Schrei der Empörung von ihren Lippen.
„Mensch,“ rief Ange und ballte die kleinen Hände in furchtbarer Erregung, „machen Sie nun ein Ende! Ich bin ein Weib, zarter, schwacher geartet, auch nicht vertraut mit Hinterlist und Lügen--“
„O, Frau Gräfin!“ ächzte Tibet bei diesen Worten. Eine fahle Blässe flog über sein Gesicht.
Sie begriff, wie tief sie ihn verwundet. Sie sah es und streckte ihm die Hand entgegen. Sie wußte nicht mehr, was sie sprach. Sie bat es ihm ab, und ein Schimmer dankbarer Freude flog über seine Züge.
„Nun denn--“ sagte Tibet kurz und ohne Betonung, „wir leben bereits seit Ausbruch des Krieges von der Güte des Herrn von Teut. Ich habe monatlich tausend Mark, später fünfzehnhundert Mark bei einem hiesigen Bankhaus für unseren Unterhalt erhoben.“
Ja, nun schrie allerdings die Frau auf, daß die Gegenstände umher zu erbeben schienen. Es hallte durch das ganze Haus, drang in den kleinsten Raum.
„Carlos! Carlos!“ rang es sich aus Anges Brust. Er mußte in seinem Totenschrein aufwachen bei diesem Schrei, denn er umfaßte eine Welt von Empörung, Schmerz und Scham. Derselbe Mann, der Teut durch Eifersucht verwundet, durch Mißtrauen gekränkt, noch jüngst durch hochmütige Zurückweisung von Geschenken verletzt hatte, nahm Wohlthaten in solchem Umfange und verwies im Sterben, im Selbstmord auf die Hochherzigkeit dieses Freundes.
Für Augenblicke war es totenstill in dem Zimmer. Ange brach zusammen, und Tibet stand wie eine Bildsäule. Endlich erhob sie den Blick und winkte ihm, das Gemach zu verlassen.
Bevor Anges Gatte draußen auf dem Kirchhof neben dem kleinen Carlitos bestattet wurde, trat Ange noch einmal an sein Totenlager. Die Vorhänge des nach dem Garten gehenden Zimmers waren herabgelassen, und eine erstickende Luft benahm ihr fast den Atem.
Nun sah sie ihn zum letztenmal: in einer Stunde sollte der Sarg geschlossen werden. Er glich kaum einem Abgeschiedenen. Ruhe lag auf seinen Zügen, und um die Mundwinkel spielte jetzt im Tode jenes milde Lächeln, das Ange für so manchen ernsten Blick und so manche mürrische Miene während seiner Lebenszeit entschädigt hatte.
„Vergieb, Carlos!“ flüsterte sie und berührte mit ihrer Hand die weiße Stirn des Toten. Und in ihren Gedanken fuhr sie, das Auge auf ihn gerichtet, fort: „Im ersten Schmerz bäumte ich mich gegen Dich auf. Ich saß über Dir zu Gericht und vergaß, daß ich allein an allem schuld bin. In den Blättern, die Du mir hinterlassen hast, steht auf jeder Seite, wie sehr Du mich liebtest und wie Deine Gedanken sich immer damit beschäftigten, daß ich nichts entbehren möge von dem, womit Du mich seit unserer Ehe umgeben hattest. Ja, ja, mein Geliebter, Du wolltest unseren Besitz vermehren--nicht aus eitler Gewinnsucht, nein, für mich, damit ich ein Wohlleben nicht einschränken brauchte, in dem Du mich allein glücklich wähntest. Du irrtest, Carlos! Ich nahm alles, weil ich es fand, weil Du mir nie einen Zwang, eine Beschränkung auferlegtest. Ich wäre nicht minder glücklich gewesen in bescheidenen Verhältnissen, denn Deine Liebe, der Besitz unserer Kinder war mein Glück. Ja, vergieb mir, daß ich nicht selbst erkannte, wie thöricht mein Leben war, daß ich nicht aus den mich umgebenden Erscheinungen Vergleiche zog und eine Lebensweise änderte, die schon die tausendfältige Not anderer verbietet. Aber, Carlos, begehrte ich auch für meine Person viel, Du hast mir verziehen, weil ich es nicht besser verstand. Hier, hier schwöre ich Dir in dieser Stunde, mein Carlos, daß ich denen, die Gott mir erhalten hat, eine treue, sorgsame Mutter sein will und--vermag ich es--sie erziehen werde zu braven, tüchtigen, einfachen Menschen. O, wie graut mir heute vor dem Reichtum. Alles, was mich umgiebt, ekelt mich an. Es sind die Bilder des Scheins, der Lüge, der Überhebung.“
Ange sank schluchzend an dem Sarge nieder. Jetzt kamen ihr wieder die Gedanken, die sie bald nach ihres Gatten Tode beherrscht hatten: Was ward aus ihren unmündigen Kindern? Es war begreiflich, daß ein so seelenvolles Wesen wie Ange Clairefort mitten im Schmerz Betrachtungen über ihre Zukunft und die Handlungsweise ihres Mannes angestellt hatte, weil ihr Denken und Fühlen zu eng mit ihren Kindern verwachsen war. So war auch ihre Empörung, so waren auch die Ausbrüche ihrer Verzweiflung nichts anderes als ein Ausfluß ihrer Liebe, und nur zu bald wichen diese Erregungen einem sanfteren Schmerz, in welchem sie alle Schuld von dem Toten abzuwälzen suchte.
Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sich Anges Gedanken nicht auch zu Teut gewendet hätten, wenn nicht die Hoffnung in ihr emporgestiegen wäre, er werde sie nicht verlassen, jetzt, wo die Sorge sich an sie heranwälzte.
Aber in diese Hoffnung mischten sich Angst und Scham. Jetzt, vielleicht in diesem Augenblick, war Teut schon nicht mehr unter den Lebenden. Sie zitterte bei diesem Gedanken, aber sie schüttelte sich auch in seelischer Qual, wenn sie überdachte, daß sie fortan allein auf seine Wohlthaten würde angewiesen sein.
Ihr Stolz bäumte sich auf; sie faßte die wirrsten Entschlüsse, bis sie nach langen Irrgängen der Überlegung immer wieder zu der entsetzlichen Einsicht zurückkehrte: Es bleibt entweder nur die Wohlthätigkeit fremder Menschen, damit Deine Kinder leben können, damit sie nicht darben und vergehen, damit sie erzogen werden, um brauchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu werden, oder--
Ja, da kamen andere furchtbare Gedanken, die sich in ihrem Gehirn festbrannten, die geboren wurden aus Hilflosigkeit und Verzweiflung. Wie wäre es, wenn sie mit ihren Kindern dem folgte, der hier im Sarge lag? Was stand den Armen bevor! Demütigung, Entbehrung, Not--gar Schande.
Sie hörte sie klagen und weinen. Sie scharten sich um ihre Mama. Sie bettelten um die ihnen jetzt entzogenen notwendigen Dinge, sie wollen ihre unschuldigen Liebhabereien, sie kamen, damit ihre kleinen Herzen getröstet wurden.
Und die Menschen! Wie sie zischelten und mit den Fingern zeigten, wie sie sich abwandten und gar hämisch frohlockten, daß diese übermütige, verwöhnte Frau die Bitterkeit des Lebens nun auch endlich kostete wie sie selbst.
Ah, wie das alles ihre Seele marterte! Ja, lieber sollte sie ihre Kinder, sich selbst töten----
Aber ein Herz wie das ihre mußte schon bei dem bloßen Gedanken an den Tod ihrer Kinder erstarren.
Nein! nein! Entsetzlich! Lieber Not leiden, ja betteln, als ihren süßen Geschöpfen auch nur ein Haar krümmen! Und Sterben war nicht eine Sache des Willens; zum Selbstmord gehörten tausend Dinge, die sie nicht verstand und bei deren Vorstellung ihr grauste.
„Barmherziger Schöpfer, vergieb! Vergieb auch Du mir, mein Carlos, diese gräßlichen, unreinen Gedanken!“ betete Ange, faltete die Hände und atmete, aus dem Schauder ihrer Vorstellungen befreit, erleichtert auf.
Sie besaß so kostbaren Schmuck, daß sie durch dessen Verwertung noch eine Zeit lang ohne Wohlthaten leben konnte. Diese Überlegung war ihr gekommen in der letzten schlaflosen Nacht und erleichterte ihr wenigstens die nächsten Sorgen.
Bevor Ange, durch die Handwerker aufgestört, das Zimmer verließ, brachen doch noch einmal die Thränen unaufhaltsam hervor. Sie rief eilend die Kinder, ließ sie niederknien und betete mit ihnen.
„Hattet Ihr ihn lieb, Euren Papa?“ schluchzte sie.
Die Kinder nickten ängstlich und scharten sich mit den feinen blassen Gesichtern um die Mama.
Als sie sich endlich zur Thür wandten, schmiegte sich die kleine Ange an ihre Mutter und sagte: „Wird Papa auch so hübsch begraben wie Carlitos?“
Bei dieser Frage zuckte Ange zusammen.
„Nein, Ange, nein! Onkel Axel ist ja nicht da.“
„Kommt er denn nicht?“
Ange antwortete nicht; sie bewegte nur das Haupt und zog hastig die Kleinen mit sich fort, die nun zum letztenmal das bleiche Gesicht ihres Papas gesehen hatten.
* * * * *
Während noch der Graf über der Erde stand, war ein Brief von Frau von Ink an Ange eingelaufen.
„Ich muß es Ihnen aussprechen, gnädige Gräfin“--schrieb Olga--„wie sehr ich schon bei dem Tode Ihres herrlichen Knaben mit Ihnen fühlte und wie mich heute Ihr Schicksal bewegt! Ein Fremder vermag gegenüber einer solchen Trauer nichts. Das barmherzigste und mitleidigste Wort muß ohne Wirkung verhallen, weil die Besänftigung des Schmerzes nicht abhängig ist von äußerlichen Einflüssen, sondern in dem Menschen selbst sich reisen muß durch die allheilende Zeit. Und unter dieser Erwägung, gnädige und hochverehrte Frau, wird vielleicht auch meine aus aufrichtigster Teilnahme hervorgehende Bitte wirkungslos sein, daß Sie sich Ihrem Kummer nicht allzusehr hingeben mögen und daß Sie sich der Hoffnung nicht verschließen, daß auch für Sie wieder lebensfrohere Tage zurückkehren werden. Ich wünsche es von ganzem Herzen und würde überaus glücklich sein, wenn Sie mir gestatten wollten, Ihnen bald einmal mündlich mein Beileid ausdrücken zu dürfen. Glauben Sie, ich bitte, an das herzliche Mitgefühl und die verehrungsvolle Freundschaft Ihrer sehr ergebenen
Olga von Ink.“
Ange fand in der Aufregung, Unruhe und Sorge der ersten Tage keine Zeit, diesen Brief zu beantworten. Sie ward aber an das Schreiben erinnert, als bald nach dem Begräbnis--es war der Erste des neuen Monats--Tibet sich ihr mit unschlüssiger Miene näherte und erklärte, daß das Bankhaus weitere Zahlungen verweigere. Es habe, berichtete dieser, den bestimmten Auftrag, nur gegen die eigenhändige Quittung des Grafen zu zahlen. Er--der Banquier--wisse ja selbst nicht, aus welcher Quelle jene Summen flössen, und müsse deshalb jedenfalls erst nähere Weisungen rücksichtlich der weiteren Ordnung der Angelegenheit abwarten. Daraus ergebe sich alles übrige.
Ange verlor auf Augenblicke gänzlich die Fassung. Schon der zustimmende Entschluß, Tibet wie bisher den Monatsbetrag erheben zu lassen, war ihr namenlos schwer geworden. Zweimal rief sie ihn, als er sich schon die Treppe hinabwandte, schamerfüllt zurück. Erst des umsichtigen Beraters Auseinandersetzungen über die unbedingte Notwendigkeit: die Bestreitung der durch den Todesfall hervorgerufenen Ausgaben, die täglichen Bedürfnisse des Haushaltes, die fällige Miete, die Kinder, die Dienstboten, endlich dessen beschwichtigender Hinweis, daß dieser Betrag aus irgend welchem Erlös ihres Eigentums zurückerstattet werden könne, schlugen Anges zitternde Bedenken nieder, und stumm nickend, hatte sie ihn endlich gehen lassen.
Und nun wurden alle diese ihrer feinen Seele entsprungenen Qualen doch noch weit mehr vergrößert durch--das Nichts.
Tibet kam mit leeren Händen!
Teut schreiben, ihn bitten, Geld anzuweisen, das vermochte Ange nicht. Sie wies diesen Gedanken als völlig ausgeschlossen zurück.
Jetzt erinnerte sie sich wieder ihres Schmuckes. Bei dieser Überlegung ängstigte sie es aber, daß Tibet ihn ausbieten, in C. ausbieten, wenige Tage nach Carlos' Begräbnis denselben veräußern solle. Nein, auch das gewann Ange nicht über sich.