Chapter 7
„Nun es steht doch alles auf dem Spiel, wenn ich nicht zahle. Sie kennen ja die Konsequenzen.“
Zirp wagte während der Schlußworte das Auge nicht emporzuschlagen.
Teut sah ihn an und schüttelte den Kopf; dann sagte er in einem milden Ton:
„Zirp! Sie waren bisher leichtsinnig. Ich schätzte Sie aber als Ehrenmann. Wäre es nicht besser, Sie beugten bei Zeiten einer Katastrophe vor, die mir bei dieser Sachlage unausbleiblich erscheint?“
Zirp hatte sich erhoben und ordnete auf der Etagère Teuts zahlreiche Cigarrentaschen. Halb gärte es in ihm auf, halb packte ihn die bessere Einsicht. Endlich sagte er: „Ich sehe, daß Sie mir nicht helfen wollen. Bitte--“ unterbrach er seine Rede, als Teut eine Bewegung machte, „ich mache Ihnen daraus keinen Vorwurf. Da Sie aber in bester Absicht gesprochen haben--ohne Zweifel--wie soll ich mit Ihren Ratschlägen und Hindeutungen auf die Zukunft morgen meine Verpflichtungen erfüllen?“
Ohne eine unmittelbare Antwort zu geben, sagte Teut, sich gegen die Fensterbank lehnend und einen Siegelring an seiner kräftigen Hand drehend:
„Wer ist der Inhaber des Wechsels und wieviel sind Sie wirklich darauf schuldig?“
„Matt hat das Papier in Händen,“ ertönte es kleinlaut.
„Ich dachte es mir! Und wie viel empfingen Sie darauf?“
„Dreitausend Mark hat mir der Schuft gegeben.“
Teut sann einen Augenblick nach. Dann erhob er den Blick, sah Zirp freundlich an und sagte kurz entschlossen:
„Gut, dreitausend Mark und einen guten Zins über den landesüblichen will ich Matt zahlen, auch selbst den Kerl vornehmen und alles für Sie ordnen--“
„O Teut, lieber, braver Freund!“
„Halt, Zirp! Ich habe eine Bedingung: Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht mehr spielen und nie mehr Wechsel unterzeichnen.“
Zirp machte eine zustimmende Bewegung.
„Nein, nein, nicht so rasch! Besinnen Sie sich wohl!--Ferner: Sie beantworten mir eine Frage, wahrheitsgetreu, ohne Rückhalt, als Kavalier.“
Zirp horchte gespannt auf. Des Sprechenden Stimme klang verändert--ernster, fast drohend.
„Ich bitte, sprechen Sie, Teut.“
„Nein, Zirp, erst antworten Sie mir, ob Sie meine Bitte erfüllen wollen. Was ich von Ihnen fordere, ist nichts, was Sie mit Ihren Grundsätzen in Konflikt bringen kann, denn derjenige, der gut genug ist, in intimsten Privatangelegenheiten als Freund zu helfen, ist wohl so viel wert wie diejenigen, bei denen der Antragsteller die Stunden seiner Langenweile vertreibt. Also?“
„Gut! Obgleich mir Ihre Rede unverständlich ist und obgleich ich fast erschreckt bin durch den feierlichen Ton--ich gebe Ihnen hiermit mein Ehrenwort, daß ich Ihre Frage nach bestem Wissen, wahrheitsgetreu, beantworten werde.“
„Nun,“ hob Teut an, „dann frage ich Sie: Hat jemals jemand behauptet, daß--die Gräfin Ange--Clairefort--meine--Geliebte--sei?“ Teut stieß die Worte zögernd, in Absätzen hervor. In scharfer Abgrenzung markierten sich die Linien seines mageren Gesichtes und seine Mundwinkel zuckten. Zugleich schob er das Monocle ins Auge und schien Zirp mit seinen Blicken durchbohren zu wollen.
„Sie schweigen?“ drang es heiser aus Teuts Munde. „Gut! Das ist auch eine Antwort. Ich danke Ihnen. Rechnen Sie auf mich; aber“--und ein so drohender Ernst malte sich auf des Rittmeisters Zügen, daß Zirp unwillkürlich zusammenschrak--„ich rechne auch auf Sie, daß Sie in Zukunft Ihre Reitpeitsche jedem ins Gesicht schlagen, der es wagen sollte, diese edle Frau auch nur durch eine Miene zu verdächtigen!“
Für Augenblicke war es stumm zwischen beiden Männern. Teut hatte sich abgewandt und schaute auf die Gasse. Endlich trat Zirp näher und ergriff dessen Hand.
„Teut, welch ein Mensch sind Sie! Unter Tausenden ist nicht Ihresgleichen. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich eingedenk sein werde dieser Stunde und mich Ihnen bewähren werde als Freund. Dank, nochmals Dank! Ich gehe jetzt. Adieu----.“ Zirp wartete. Keine Bewegung, keine Antwort.
Erst nach geraumer Zeit veränderte der Mann, dem ein so braves Herz unter des Königs Rock schlug, seine Stellung, und mit einem Blick, in dem sich widerspiegelte das Leiden seiner Seele, drückte er jenem die Hand und bat ihn durch eine Bewegung, das Zimmer zu verlassen.--
Vierzehn Tage später empfing Teut von Zirp die Anzeige, daß dieser sich mit Eva von Ink verlobt habe. Anfänglich starrte Teut das Billet überrascht an und schüttelte den Kopf, bald aber ergriff er die Feder und schrieb unter Beifügung des inzwischen eingelösten Wechsels die nachfolgenden Worte:
„Lieber Freund! Ich gratuliere. Sie haben den Weg eingeschlagen, der Ihnen die Ausführung Ihrer Entschlüsse zu einem neuen Leben erleichtert, ja, wie ich hoffe, sichert! Bravo deshalb!
Stets Ihr
Axel von Teut-Eder.“
Auch der Familie Ink sandte Teut seine Glückwünsche, aber einen Besuch machte er nicht.
* * * * *
Der Sommer 1870 war gekommen, der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich stand vor der Thür. Eine ungeheure Erregung hatte alle Gemüter ergriffen, und auch in C. sprach man von nichts anderem als von diesem drohenden, in alle Verhältnisse eingreifenden Ereignis. Begierig lasen die Männer die Zeitungen, eine Nachricht überholte die andere, und in den militärischen Kreisen herrschte fieberhafte Spannung über die zu erwartenden Marschordres.
„Ist's wahr, ist's möglich?“ rief Ange und eilte Teut entgegen, der sich sogleich zu seinen Freunden begab. „Haben Sie schon Befehl zum Ausrücken erhalten? Wann? Wohin geht's? O, kommen Sie! Carlos ist in großer Ungeduld, Sie zu sehen und zu sprechen.“ Und sie zog ihn mit sich fort in ihres Mannes Gemach.
Clairefort war kaum wiederzuerkennen. Die drei Jahre, seitdem er nach C. versetzt war, hatten ihn völlig verändert. Sein Blick war unheimlich starr, ein schwarzer Bart umrahmte sein Gesicht, und die mageren Finger zuckten in nervöser Erregung. Er bewegte sich unsicher, hielt sich meistens an den Möbeln fest und schritt auch dann mit jenen willenlosen Bewegungen einher, an denen man die Rückenmarkleidenden erkennt. Durch übermäßigen Gebrauch narkotischer Mittel hatte er seinen Zustand nicht gebessert, und oft glich er, wenn er aus dem künstlichen Schlaf erwachte, einem Geisteskranken.
Heute war er klarer; er hob sich in seinem neuerdings für ihn angefertigten Krankenstuhl empor und richtete einen fragenden Blick auf den Eintretenden.
„Schon etwas Neues, Teut? Wann geht's fort? Ah, und ich liege hier, ein ohnmächtiger Kranker, und muß zusehen.“
Ange tröstete mitleidig und verwies auf Besserung, freilich ohne es selbst zu glauben. Teut nickte ernst und gab Antwort auf diese und spätere Fragen.
„Ich denke, wir werden übermorgen C. verlassen“, sagte er. „Dem Oberst ist nur mitgeteilt, daß wir uns bis dahin marschfertig halten sollen. Eine bestimmte Ordre ist noch nicht eingetroffen.“
„Schon übermorgen,“ rief Ange erschrocken, ließ die Arme sinken, die noch eben auf der hohen Lehne des Krankenstuhls geruht hatten, und legte die Hand aufs Herz. Auch Clairefort wiederholte dieselben Worte, aber wie ein Abwesender, der mit seinen Gedanken weit fort ist.
„Bitte, Ange,“ hob er endlich mit sichtlicher Überwindung an, „verlasse uns jetzt. Ich habe etwas mit Teut zu besprechen.“
Ange sah das ernste Gesicht der beiden Männer und wandte sich gehorsam zum Gehen. Teuts Mienen blieben unbeweglich: vergeblich suchte sie seinen Blick.
Nachdem sie das Gemach verlassen hatte, fiel Clairefort zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Sie sind bewegt! Was ist Ihnen, Clairefort?“ begann Teut, einen Stuhl herbeirückend und des Freundes Schulter berührend. „Sie wünschen mir etwas zu sagen? Ich höre, Clairefort.“
Er hielt inne und erwartete, daß jener das Wort ergreifen werde. Als Clairefort stumm blieb, fuhr er fort:
„Reden Sie! Was es auch sei, es fällt in den tiefsten Brunnen! Teilen Sie sich dem Freunde mit, der alles verstehen, und alles--“
„Verzeihen kann?“ ergänzte der Kranke, richtete sich plötzlich empor und sah Teut mit einem flehenden Blicke an.
„Ja,“ sagte Teut, „der alles verzeihen kann.“
Endlich beim Abschied, vielleicht beim Nimmerwiedersehen löste sich Claireforts Zunge. Wie lange hatte Teut ein Vertrauen herbeigesehnt, das unter den gegebenen Verhältnissen so natürlich war. Immer hatte Clairefort geschwiegen. Oft schien er einen Anlauf nehmen zu wollen, um sein Inneres zu öffnen, um abzustoßen, was ihn bedrückte, aber stets hatte sich sein Mund wieder geschlossen.
„Wohlan, es sei!“ begann Clairefort. „Es drängt mich, Ihnen heute zu sagen, was mich quält, Teut. Wer weiß, ob Sie mich noch lebend finden, wenn Sie zurückkehren. Hoffen wir es nicht, daß ich inzwischen davongehe, nehmen wir aber an, daß wir uns das letzte Mal gegenüberstehen. Vergeben. Sie mir auch--“ Clairefort stockte und holte mühsam Atem--„wenn ich Ihnen so oft wehe gethan habe, Sie durch Empfindlichkeiten, durch eifersüchtige Regungen, durch ein falsches Ehrgefühl kränke. Rechnen Sie, wenn es Ihnen möglich ist, ein wenig mit meinem Zustand, den ich selbst in seiner Bedeutung und seinem Umfang nicht kannte. Ich bin ein willenloser, schwankender Mensch geworden. Ach, Freund--“ Clairefort unterbrach sich, Schweißtropfen traten auf seine Stirn, und die Hände irrten unruhig umher--„ich habe mich unsühnbar vergangen gegen meine Frau und--meine Kinder--“ Er hielt inne, und auf seinem Gesicht malte sich eine furchtbare Angst. Er wollte weiter reden, aber vermochte es nicht.
Teut sprach sanft auf ihn ein: „Erholen Sie sich, Clairefort. Und nochmals: Fürchten Sie keinen Tadel! Was es auch sei, vertrauen Sie sich mir an.“
„Nun denn--“ ächzte jener und griff krampfhaft nach des Freundes Hand. „Nun denn--hören Sie. Ich habe--ich habe--nein, ich vermag Ihnen das Verbrechen--meine Schande nicht aufzudecken! Und doch möchte ich nichts verschweigen einem Manne, der wie keiner mein Vertrauen verdient, der es fordern kann, dem ich schon lange mich hätte eröffnen folgen, zu dem ich aber nicht sprach, weil die Scham mich erdrückte.“
Teut hörte mit angstvoller Spannung zu. Was würde er hören? Schande, Verbrechen? Vergeblich sann er hin und her.
„Seien Sie ein Mann, Clairefort. Raffen Sie sich auf. Wir sind hier zu zweien. Es bedarf keiner Versicherung, daß nie eine Silbe über meine Lippen kommen wird.“
„Nun denn, Teut, ich habe--unser ganzes Vermögen, das Vermögen meiner Frau, mein eigenes, das meiner Kinder--an der Börse verspielt,“ zitterte es aus des Kranken Munde. „Wir leben schon seit Jahresfrist von dem letzten durch Tibet ohne mein Wissen geretteten Kapital--und stehen in wenigen Wochen vor dem--vor dem Nichts--dem ich--ich--“
Der Mann fiel zusammen wie ein Scheit, das im Ofen zu Asche verglommen, plötzlich sich ablöst.
Teut wurde leichenblaß; es krallte sich um sein Inneres Schmerz und Empörung zugleich. Was er hörte, war mehr als entsetzlich. Das konnte ein Mann thun einem solchen Wesen, solchen Kindern? Er biß sich auf die Lippen und sprang empor. Aber nur einen Augenblicke dann lichtete sich in der Brust dieses seltenen Menschen der Funke edler Gesinnung, und lodernd schoß die Liebe empor für sie, der er geschworen, ein Freund zu sein fürs ganze Leben.
„Clairefort,“ sprach er, „wir erörterten nur einmal Geldangelegenheiten, und es soll heute das letzte Mal sein. Fürchten Sie nichts. Anders wird Ihr Leben sich zwar gestalten, aber Sie werden nicht darben. Axel von Teut meint es ernst mit Freundschaft und Gelöbnissen. Diese Versicherung sei Ihnen genug. Was geschehen, was hinter uns liegt, werde nie wieder zwischen uns berührt. Nur eine Bitte spreche ich aus: Sichern Sie mir zu, daß Ange nie erfahren wird, wie Ihr Vermögen zerronnen, noch weniger, daß es gänzlich dahin ist. Verschweigen Sie namentlich die Rolle, welche fortan der Freund übernimmt. Ich gelte von heute als Verwalter Ihrer Einkünfte und als der Vormund Ihrer Kinder. Sind Sie einverstanden?“
Clairefort hob sich empor. Seine Knie schlotterten, seine Augen glänzten überirdisch, aber indem er die Arme ausstreckte, um sich an des Freundes Brust zu werfen, glitt er aus und fiel schwerfällig auf den Teppich.
Teut beugte sich herab und horchte an seinem Herzen. Es schlug. Rasch eilte er zur Klingel. Gleich darauf trat Ange, von Tibet gefolgt, ins Zimmer.
„Beruhigen Sie sich, Gräfin,“ sagte Teut besänftigend. „Es ist nichts Schlimmes. Bringen wir Carlos ins Bett. Nur eine Ohnmacht. Er fühlte sich so schwach. Es wird vorübergehen.“
Ange forschte angstvoll in den ernsten Mienen des Sprechenden, während Tibet seinen Herrn aufrichtete und sorgsam zu betten suchte.
Nichts! Nur einmal sah er sie an, und in seinem Auge blitzte die alte, mit Trauer vermischte Zärtlichkeit.
Und dann kam der Abschied. Es war an einem Spätnachmittage. Ange war im Begriff, in den Garten hinabzusteigen, um die abgekühlte Luft zu genießen und nach den Kindern zu sehen. Jorinde und Ben schaukelten unter den schon dunkle Schatten werfenden Buchen in der Hängematte, und Fred und Erna holten Gießkannen herbei, um den Blumen ihrer Beete Wasser zu geben. Aus den Gebüschen, aus dem Erdreich quoll ein sanfter Duft, denn der Tau reizte die zarten Nerven der Bäume und Gräser. Bevor Ange die letzten Treppenstufen erreicht hatte, öffnete sich die Thür und Teut trat ihr entgegen. Sie sah an seinem Blick, daß er komme, um lebewohl zu sagen.
„Ich gehe zu Carlos hinauf,“ sagte Teut, „falls Sie in den Garten wollen, werde ich Sie später dort aussuchen. Noch diesen Abend verlassen wir die Stadt.“
Ange lehnte sich an das Geländer und legte die Hand auf die Brust.
„Also wirklich?“ Sie sah ihn mit einem ihrer stillen Blicke an, und er suchte ihre Augen mit einem Ausdruck, in dem sich nur zu deutlich widerspiegelte, was ihn bewegte.
„Werden Sie mitunter meiner gedenken, Ange?“
Sie antwortete nicht, sie neigte nur leise das Haupt. Wie schön sie gerade heute war! Ein eng anschließendes schwarzes Kleid umspannte ihren Leib, und zwei weiße Rosen schmückten ihre Brust. Um den Kopf hatte sie ein leichtes Tuch geschlagen, unter dem das zarte Gold ihres Haares hervorschaute. Und in dem Blauweiß ihrer Augen schwammen jene sanften und doch so dunkel blitzenden Sterne, welche kein Mann vergaß, wenn er sie einmal gesehen hatte. Während sie so vor ihm stand und das leichte Haupt auf die Hand stützte, fielen die reichen Spitzen des Gewandes zurück, und ein Arm von tadellosem Ebenmaß ward sichtbar. Ihre Gestalt schien in diesem Augenblicke frei in der Luft zu schweben, bei der unnachahmlichen Grazie ihrer Erscheinung von der Erde abgelöst zu sein.
„Liebe Ange!“ flüsterte Teut, von ihrem Anblick hingerissen, und trat einige Schritte vorwärts.
Sie aber glitt langsam die Stufen hinab und bat ihn durch eine Bewegung, ihr zu folgen.
Sie umschritten, ungesehen von den Kindern, das Haus und bogen in einen stillen Laubgang ein. Die untergegangene Sonne webte noch mit schwachen Lichtern in der Ferne; hier war es fast dunkel.
Wortkarg gingen sie nebeneinander her; beiden stockte die Sprache. Als sie zum zweitenmal den Weg maßen, schlug der Ruf eines der Kinder an ihr Ohr. „Mama Ange! Mama Ange! Wo bist du?“
Nun ergriff er hastig ihre Hand, legte seinen Arm um ihren Leib, und indem sie es duldete, fühlte er, daß eine Sekunde ihr Haupt an seiner Brust ruhte.
„Dank, Dank für alles, Teut! Auf Wiedersehen!“ schluchzte sie und riß sich von ihm los. „O Ange, Ange, meine liebe Freundin! Vergessen Sie mich nicht!“ flüsterte der Mann und hielt die aus dem Dunkel wie eine Lichterscheinung hervortretende Gestalt zurück.
„Niemals, niemals, Teut!“ preßte sie unter Thränen hervor. „Doch nun--die Kinder rufen!“
Sie traten aus den sie umgebenden Bäumen heraus. Im Grase zirpte es leise, ein Vogel flatterte schlaftrunken in den Zweigen. Drüben schien die Sonne ganz versunken; der Tag war zur Ruhe gegangen, und ihre Hände lösten sich.
* * * * *
„Lieber Teut!
Gottlob, daß Ihr Brief kam. Sie haben mich aus einer unsagbaren Angst befreit. Jetzt weiß ich, daß Sie am Leben und gesund sind; nun tritt alles übrige in den Hintergrund. Ich schreibe auch gleich, um Ihnen an den Tag zu legen, wie sehr meine Gedanken bei Ihnen sind.
Lassen Sie mich vorerst erzählen, wie es bei uns geht. Carlos' Zustand ist derselbe hilflose, aber er ist zeitweise heiterer und mitteilsamer. Ich war sehr gerührt, als er vorgestern die Kinder zu sich kommen ließ, sie liebkoste und sich mit ihnen beschäftigte. Das ist seit Jahr und Tag nicht mehr der Fall gewesen.
Sie glauben aber auch nicht, wie artig die kleine Schar ist und welche Fortschritte sie macht.
Ben und Fred gehen nun ins Gymnasium und stolzieren sehr wichtig mit ihren Schulranzen einher. Mit Fräulein Elise, der Gouvernante, geht es fortdauernd gut. Sie ist eine liebenswürdige, gutherzige Dame, und die Mädchen zeigen ihr auch täglich, wie lieb sie dieselbe haben.
Es wird Sie freuen, lieber, vortrefflicher Freund, daß Carlos jetzt auch nicht mehr so übertrieben sparsam ist. Seit Ihrem Fortgang hat er für den Haushalt zugelegt, und auch Tibet hat mehr zur Verfügung als in dem letzten halben Jahre. Ich hatte schreckliche, peinliche Verpflichtungen bei Handwerkern und in meiner Umgebung--schelten Sie nur nichts ich verstand es ja bisher so schlecht, lerne es aber gewiß noch einmal ganz gut--, die nun alle bezahlt sind. Welch ein köstliches Gefühl, keine Schulden zu haben!
Die Villa behalten wir einstweilen, da die Miete ermäßigt ist. Carlos stellte dem Besitzer die Alternative, abzulassen oder der Kündigung gewärtig zu sein.
Sehen Sie, so ist es bei uns. Wäre mein teurer Carlos nicht so krank, lebte Carlitos noch und wären Sie nicht fort, Sie mein lieber, treuer Teut, ich würde sagen, daß wir vollkommen glücklich sind!
Ich bekam neulich, auf Empfehlung von Fräulein Elise, die Briefe der Madame de Sévigné an ihre Tochter in die Hand. Welch ein Genuß! Jede Mutter sollte lesen, was diese weltkluge und feinfühlende Frau geschrieben hat, und suchen, es sich zu eigen zu machen.
Noch eins. Jorinde spielt jetzt wirklich allerliebst Klavier, und neulich hatte sie mit Fred ein kleines vierhändiges Stück zu Carlos' Geburtstag eingeübt, das großen Erfolg hatte. Elise war sehr stolz, und ich habe ihr--das werden Sie, Bärbeißiger, nun wieder höchst unvernünftig finden--eines meiner seidenen Kleider geschenkt.
Ich komme ja doch nicht mehr in die Gesellschaft, habe auch, ehrlich bekannt, wenig Verlangen danach.
Neulich hat Frau von Ink mir einen Besuch gemacht. Ich begegnete Fräulein Eva, der Braut, und nahm sie mit mir. Ich finde es doch sehr artig, daß sie sich persönlich bedankt hat. Ich weiß, Sie mögen die Dame nicht, gestehe aber, daß ich sie sehr liebenswürdig finde, und daß ich den Eindruck habe, sie meine es gut mit mir.
Nein! nein! höre ich Sie sprechen. Nun, wenn Sie kommen, können wir ja den Verkehr wieder einschlafen lassen.
Fred läßt Ihnen sagen, Sie möchten ihm einen französischen Tschako mitbringen. Werden Sie es nicht vergessen? Ange umarmt Sie zärtlich. Eben kommt sie herbeigelaufen und will Bonbons. Sie erhält aber keine. Onkel Axel möchte französische Bonbons schicken! meint sie.
Heute will ich meines Carlitos' Grab besuchen, Teut; ich lege auch in Ihrem Namen eine Blume darauf nieder.
Und nun leben Sie wohl, Sie Einziger, Bester, und schreiben Sie bald wieder und Gutes Ihrer Sie herzlich grüßenden und dankbaren
Ange von Clairefort.
Ach, wenn doch der schreckliche Krieg erst beendet wäre!“
Als Teut diese Zeilen empfangen hatte, schrieb er einen Feldpostbrief, welcher an seinen Banquier in Berlin gerichtet war. Dieser Brief, von dessen Inhalt Ange später Kenntnis erhielt, möge hier Platz finden.
„Geehrter Herr!
Kurz vor meiner Abreise von C. ersuchte ich Sie monatlich die Summe von tausend Mark an die Adresse des Bankhauses Danz u. Co. in C. abzuführen und demselben mitzuteilen, daß dieser Betrag gegen die eigenhändige Quittung des Grafen Carlos von Clairefort und die Gegenzeichnung des Empfangnehmenden Ernst Tibet auszufolgen sei.
Ich bitte, und zwar vom ersten des kommenden Monats ab, diesen Betrag um fünfhundert Mark zu erhöhen, also fortan fünfzehnhundert Mark zur Begleichung einer Schuld an den Herrn Grafen Clairefort zu zahlen. Wegen der an mich zu sendenden Monatsraten bleibt es bei den früheren Bestimmungen.
Ich ersuche Sie zugleich, sich umzusehen, ob die beiden großen Posten von je dreihunderttausend Mark nicht in Zukunft zu fünf Prozent in zweiten Hypotheken unterzubringen wären. Ich denke, es giebt dergleichen sichere Anlagen, und ich könnte meine Einnahmen erhöhen. Da ich in der Folge vom Zinsenkapital nicht mehr zurücklegen kann, muß ich mich etwas einzurichten suchen.
Dem dortigen Hilfskomitee für die Verwundeten wollen Sie unter A.v.E. gefälligst fünftausend Mark überweisen.
Ich sage Ihnen im voraus meinen Dank und erbitte Ihre baldigen Mitteilungen.
Baron von Teut-Eder,
Rittmeister und Eskadronchef.“
* * * * *
Die beiden Briefe, nach ihrem Inhalt bezeichnend für Ange und Teut, wurden im September geschrieben, aber bereits zwei Monate später trat im Clairefortschen Hause ein so folgenschweres Ereignis ein, daß alles für die Familie in Frage gestellt schien.
Als sich Ange eines Morgens in das Zimmer ihres Mannes begab, um sich ihrer Gewohnheit gemäß, nach seinem Befinden zu erkundigen, schlug ihr eine unerträgliche Hitze entgegen, und sie fand ihn nicht wie sonst bereits an seinem Schreibtische sitzen. Wenn Clairefort starke Schmerzen in der Nacht fürchtete, pflegte er häufig noch spät abends von Tibet heizen zu lassen, denn nur allzuoft verursachte ihm sein Zustand Schlaflosigkeit.
Als Ange ins Gemach spähte, fand sie zu ihrem Schrecken, den Nachttisch umgeworfen; Glaser, Leuchter und Flaschen waren herabgestürzt und bedeckten Fußboden und Teppich. Clairefort selbst aber lag--das Haupt nach unten und mit den Füßen das Kopfkissen berührend--neben der zurückgeschlagenen Schlafdecke wie ein Lebloser hingestreckt.
Ange flog ans Bett und horchte auf ihres Mannes Atem. Sein Herz schlug so leise, daß sie es kaum zu hören vermochte, und sein Aussehen war so verändert, daß sie--jetzt todesgeängstigt--die Schnur zog.
„Was ist geschehen? Was ist geschehen, Tibet?“ rief sie, als dieser näher trat. „Waren Sie noch in der Nacht bei dem Grafen? Sehen Sie, wie schrecklich er aussieht! Sein Herzschlag geht leise! Ich ängstige mich namenlos!“
Tibet warf einen betroffenen Blick umher und näherte sich seinem Herrn.
„Ich möchte glauben, daß der Herr Graf wohl ein sehr starkes Schlafpulver zu sich genommen hat,“ erklärte er beruhigend. „Während heftiger Träume mag er um sich geschlagen und zufällig den Tisch berührt haben. Das ist früher auch schon vorgekommen.“
„Ach, der Arme!“ sagte Ange mitleidig. „Gewiß hatte er wieder seine furchtbaren Schmerzen. Und meinen Sie, daß er schläft, daß keine Gefahr vorhanden ist, Tibet?“
„Nein, Frau Gräfin, dürfen sich beruhigen.“
Nach dieser Versicherung traten beide ins Wohngemach.
„Glauben Sie nicht,“ fragte Ange nach einer Pause und dämpfte ihre Stimme, „daß diese starken Schlafmittel sehr schädliche Nachwirkungen haben?“
„Ja, Frau Gräfin,“ erwiderte Tibet; „aber viel schlimmer sind noch--“
Er unterbrach sich mit einem Gesichtsausdruck, als ob das letzte Wort ihm nur entschlüpft sei.
Als Ange sah, daß ihr etwas verheimlicht werden sollte, stieg ihre Angst.
„Nicht doch, nicht doch! Sie wollen mir etwas verschweigen. Ich will und muß es aber wissen. Ach Tibet! War es überhaupt gut, daß Sie nie mitteilsam gegen mich waren? Wer weiß, ob nicht manches hier im Hause anders stände!“
Sie strich sich mit der schmalen Hand über die thränenden Augen.
„Reden Sie, ich beschwöre Sie!“ fuhr sie fort, als er noch immer schwieg. „Was ist noch schlimmer? und welche Heimlichkeiten haben Sie mit meinem Gemahl schon seit Jahren?“
„Ach, Frau Gräfin--“ stotterte Tibet und sah Ange bittend an. „Es ist nichts, gewiß nicht!“