Chapter 6
Es gab wohl niemanden in der Gesellschaft, den nicht der gleiche Gedanke beherrschte, und einer von ihnen gab diesem auch Ausdruck. Es war der Assessor, der mit zudringlicher Vertraulichkeit an Teut herantrat und leicht hinwarf:
„Da war ja Ihre kleine, entzückende Gräfin, Herr Rittmeister--“
Aber er sprach nicht aus, denn Teut wandte sich mit seinem starkknochigen Gnugesicht zu ihm, und indem er den Sprechenden mit einem Blicke musterte, vor dem jener unwillkürlich den seinigen zu Boden senkte, sagte er mit schneidender Zurückweisung:
„Da war die Frau Gräfin Ange von Clairefort, mein Herr! Der von Ihnen beliebte Ausdruck war respektwidrig und äußerst unpassend! Sie werden die Güte haben, sich dies für kommende Fälle zu merken!“
Und dann drehte er dem gemaßregelten Assessor den Rücken und ging auf Klara von Ink zu, mit der er sich, ohne die übrige Gesellschaft für den Rest des Abends sonderlich zu beachten, ausschließlich beschäftigte.
Auch bot er, den Augenblick erspähend, wo Olga einen Platz neben Baron von Zirp wählte, jener seinen Wagen an und kutschierte, seinen Reitknecht hinter sich, eilend in die Stadt zurück. Seine Verabschiedung von Inks war überaus höflich, aber förmlich. Auch lehnte es Teut ab, an diesem Abend der Aufforderung seiner Kameraden zum weiteren Beisammenbleiben zu folgen.
Als der Wächter die Morgenstunde abrief, saß er, die Hand an die Stirn gestützt, noch immer grübeln in seinem juchtenduftenden Arbeitszimmer. Ein wilder Kampf von Empfindungen, der in seiner Brust tobte, raubte ihm Ruhe und Schlaf.
* * * * *
Ange ward, als sie dem Wagen entstieg und ihre kleine Schar von der Dienerschaft herabgehoben wurde, von dem ernsten Ausdruck überrascht, der sich in Tibets dienen widerspiegelte. Er stand, wie immer, wenn sie zurückkehrte, vorn auf dem Treppenausbau der Villa und öffnete ehrerbietig die Thür.
„Was ist?“ fragte sie ängstlich und hieß ihn durch ihre lebhaften Gebärden rascher sprechen, als es seine Gewohnheit war.
„Carlitos hat heute nachmittag einen heftigen Anfall von Ohnmacht und Erbrechen gehabt; wir haben ihn gleich ins Bett gebracht, Frau Gräfin.“
Ange schrie auf und flog die Stufen empor.
„War der Arzt schon da? Ist der Graf in seinem Zimmer?“ redete sie hastig im Vorübereilen die Kammerjungfer an, ohne die Antwort abzuwarten. Sie durcheilte die Wohnräume und erreichte das Kinderzimmer. Hinter ihr schoß wie immer der Strom der Kleinen, die rasch abgezogenen Kleider und Hüte in den Händen und achtlos nach sich schleifend.
„Stille, stille, süße Kinder! Unser Carlitos ist nicht wohl!“ dämpfte sie, als jene ins Gemach stürmten. Sie saß bereits an dem Bett ihres Knaben und ließ die Hand auf seiner heißen Stirn ruhen. „Wachst Du, mein Carlitos?“ flüsterte sie und neigte sich zu ihm herab.
Er wachte nicht und er schlief nichts; er wälzte sich unruhig hin und her, und die Hände erglühten in trockener Fieberhitze. Ange übergab die lebhafte Jorinde und die übrigen Kinder der eintretenden Jungfer und hieß sie ins Speisezimmer hinübergehen. Sie selbst eilte, nachdem sie kühle Tücher über Carlitos' Stirn gelegt, zunächst in das Zimmer ihres Mannes.
Der Graf saß--ein schmerzerweckender Anblick--in seinem großen Stuhl und hatte den Kopf in die Hände vergraben. Die Vorhänge waren fest zugezogen, die mit einem grünen Schirm umgebene Lampe verbreitete ein mattes, schwermütiges Licht, und eine atembeengende Luft erfüllte das Gemach. Dazu die unheimliche Stille und diese peinliche, den Dingen ihr fröhliches Gesicht raubende Ordnung. Ange erschien der dumpfe Raum wie eine Gruft; unwillkürlich schrak sie zusammen. Und kein Lebenszeichen von ihm, als sie die Thür öffnete. Er war entweder eingeschlafen oder eine Erschöpfung hatte ihn in einen halbwachen, willenlosen Zustand versetzt.
„Lieber Carlos!“ sagte Ange weich und trat an den Stuhl, in dem die große gebrochene Gestalt ruhte.
„Du wünschest?“ fragte eine tiefe Stimme.
„Weißt Du denn nicht, daß unser Carlitos krank ist? Ich komme, Dich zu fragen, was der Arzt gesagt hat. Ich bin in großer Sorge.“
Er neigte langsam und müde den Kopf zur Bestätigung.
„Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei unserem Knaben. Er schläft. Der Doktor meint, man müsse die Nacht abwarten, es würden vielleicht kalte Bäder nötig sein.“
„Und was ist es?“ fragte Ange äußerlich ruhig, innerlich von einer unbeschreiblichen Angst verzehrt.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Clairefort tonlos und ließ das Haupt wieder in die gestützte Rechte zurückfallen.
Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhängende Linke. „Mein Carlos!“ hauchte sie leise und innig.
Er gab den Druck sanft zurück, aber er hob sie nicht auf, und für Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedrängter Seele emporstieg. Sie wußten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm hingesunken war und weinte.
War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der kräftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte?
Wie hatte man Ange ihr Glück geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Lächeln, ihr sanfter Blick berauschten ihn, ihre Fröhlichkeit riß auch ihn mit fort, und jede noch so thörichte Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glückes teilte er mit ihr.
Und wie Carlitos geboren ward und später Jorinde und Erna--hatte er nicht im ungestümen Freudentaumel das Haus mit Blumen schmücken lassen, seine Umgebung beschenkt und täglich stundenlang dankerfüllt an ihrem Bett gesessen? Und ähnlich war's noch, als die beiden schönen Knaben zur Welt kamen. Er plante mit Ange, was sie dermaleinst werden sollten, wie er für ihre, für der übrigen Zukunft sorgen könne.
Bei der Geburt der kleinen Ange hatte sich schon manches anders gestaltet. Clairefort war nicht mehr so herzlich, so teilnehmend: andere Dinge beschäftigten ihn.
Es schien, als ob ihn etwas heftig bedrücke, als ob ein schwerer Kummer an ihm nage. Die Rückkehr zu einer heiteren, sorgloseren Stimmung war immer nur eine vorübergehende, und sie war stets mit einem sichtlichen Zwang verbunden. Und dann wurde er immer finsterer, immer wortkarger, immer ausweichender, lebte nur für sich, schalt wohl einmal in heftigem Zorn, aber flüchtete sich doch wieder in seine Einsamkeit.
Bei der Übersiedelung nach C. ergriff ihn scheinbar noch einmal die alte Freude am Leben. Er überschüttete Ange mit Zärtlichkeit, lauschte ihre Wünsche ab und sprach von einem neuen Leben in neuen Verhältnissen. Auch verkehrte er nicht mehr so abgeschlossen und geheimnisvoll mit Tibet.
Aber bald war's wieder wie ehedem, ja schlimmer, denn der alte Kummer schien ihn von neuem zu bedrücken, und auch die Eifersucht verzehrte ihn. Und doch suchte er sein Weib nicht an sich heranzuziehen, und nur vorübergehend war er verständigen Auseinandersetzungen zugänglich. Allmählich ward er leidend die nervösen Beschwerden nahmen zu. Der Arzt hatte es ausgesprochen, es war nicht zu verbergen: ein unheilbares Rückenmarkleiden zehrte an ihm. Zuletzt kam er um seinen Abschied ein.
Nun saß er da; kein Mann, kein Soldat, kein Reitersmann mehr, gebrochen, ein lebensmüder Greis, leise oder laut in Schmerzen wimmernd.
Aber nicht körperliche Leiden hatten allein ihn gelähmt. Er hatte geklagt über jede Ausgabe und doch nicht die Kraft gehabt, etwas zu ändern, oder etwas zu verweigern.
Ja, gewiß, auch die Sorgen quälten und verfolgten ihn.
Und neben diesem gedachte Ange Teuts. Welch ein Mann, welch ein Freund! Wie er eingegriffen hatte in die Verhältnisse, wie er alles so wohl gestaltet, und wie mürrisch ihm Carlos gedankt hatte.
Was sollte nur werden! Wie traurig, wie trostlos starrte der Frau das Leben und die Zukunft entgegen! Heute war sie, von Teut wiederholt ermuntert, einmal wieder hinausgefahren und hatte sich hineingeträumt für Stunden in die alten sorglosen Zeiten.
Ihre Gedanken wurden aber durch die Erinnerung an Carlitos unterbrochen.
„Carlos, mein Carlos!“ flüsterte sie. „Ich leide entsetzlich, weil ich weiß, daß Du leidest. Sag, Carlos“--sie stockte; sie drückte seine Hand und legte ihr Köpfchen an seine Schulter--„liebst Du mich noch?“
„O Ange--Ange!“ preßte der Mann hervor. „Ob ich Dich liebe?“
Plötzlich wandte er sich mit mühsamer, aber rascher Bewegung zu ihr, umfaßte sie mit seinen Armen, hob sie empor und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und--mit Thränen.
„Sag mir, was Dich beunruhigt, mein Carlos, was Dich bedrückt neben Deiner Krankheit, um die ich Tag und Nacht sorge,“ hob Ange endlich an und schmiegte sich fester an die Brust ihres Mannes.
Clairefort zitterte, als ob er an ein Verbrechen erinnert werde. Sie fühlte es. Ein drängendes, unerklärlich angstvolles Gefühl jagte durch ihr Inneres.
Aber er stand ihr nicht Rede, selbst jetzt nicht, wo ihre Seelen in Liebe und Zärtlichkeit zusammenschmolzen, selbst jetzt nicht, wo das Höchste sie ergriff, was Menschenbrust zu durchdringen vermag.
Sie war zu vornehm geartet, etwas erzwingen zu wollen, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. Und um ihn nicht im Zweifel zu lassen, flüsterte sie besänftigend:
„Nicht Neugierde läßt mich bitten, mein einziger teurer Carlos, nur Sorge--Sorge--um Dich--“
Die letzten Worte wurden erdrückt durch ihr Schluchzen. Er aber seufzte, von Seelenschmerz gefoltert, tief auf, und nun sein Haupt an ihrer Brust bergend wie ein Kind, hauchte er: „O Ange, Ange, Du Engel--nicht nur dem Namen nach ein Engel!“
Nachdem Ange ihren Mann verlassen hatte, beherrschte sie nur der einzige Gedanke, wie sie ihrem Kinde helfen könne. Sie ordnete an, daß noch einmal zum Doktor gesandt werde, und widerrief es doch wieder, weil er kaum vor einer Stunde das Haus verlassen hatte. Sie befahl, anzuspannen, um zu ihm zu fahren, und doch sandte sie den Wagen wieder fort. Endlich beschloß sie noch einen anderen Arzt zu Rate zu ziehen und dies bei jenem am nächsten Tage durch ihre Angst und Sorge zu entschuldigen. Sie schrieb auch wirklich ein Billet, und ein Diener mußte damit forteilen; aber er kam unverrichtet Sache zurück, da jener aufs Land gerufen war.
Nun endlich wandte sie sich mit ihren Gedanken zu Teut.
Konnte sie den Freund in so später Abendstunde zu sich bitten?
Sie hockte an dem Bett des Knaben und betrachtete jede seiner Bewegungen. Ach, wenn sie ihm doch nicht nachgegeben hätte, als er darauf bestand, zurückzubleiben, um in dem nahgelegenen Weiher zu fischen! Dort konnten giftige Dünste emporgestiegen sein--er mochte sich heftig erkältet haben--oder ihm war gar ein Unfall zugestoßen, den er verschwiegen hatte. So ging es in ihr auf und ab. Immer von neuem kühlte sie des Knaben Stirn, rückte ihm das Kopfkissen, horchte, lauschte auf seine Atemzüge und war zärtlich und ängstlich um ihn besorgt.
Aber die Krankheit nahm nach Mitternacht einen heftigeren Charakter an. Carlitos wollte aus dem Bett und sprach wirre Dinge.
Er kämpfte mit ihr, während sie ihm weinend widerstand.
„Ach, sei doch ruhig, mein lieber Carlitos, ich flehe Dich an! Siehst Du nicht, daß Deine Mama bei Dir ist! Bitte, bitte, Carlitos, bleibe liegen und rege Dich nicht auf!“
Aber er kannte sie schon nicht mehr, er raste in heftigem Fieber.
In Todesängsten zog Ange die Schnur. Tibet erschien. Er saß geduldig wartend im Nebenzimmer. „Gehen Sie, gehen Sie und sehen Sie, ob der Graf noch wacht. Wenn er kommen kann, bitten Sie ihn zu mir; sollte er aber ruhen--“ Jetzt rührte sich der Knabe wieder und schlug um sich.
„O Tibet, Tibet, mein Kind! Nein, nein, hören Sie! Eilen Sie! Man soll eine Wanne bringen, Eiswasser und dann--Ich danke Ihnen im voraus, Tibet! Eilen Sie zu Herrn von Teut, sagen Sie ihm, ich ließe ihn flehentlich bitten, zu kommen! Nicht wahr, der Doktor sagte, man solle, wenn das Fieber schlimmer werde, ihn kalt begießen? Ah, und die Fenster sind geschlossen! Wir müssen sie öffnen! Ich hörte, Luft, frische Luft sei vor allem nötig!“
Und Tibet eilte fort, und die Frau war wieder allein mit ihrer Sorge und Angst.
Teut war erschienen, hatte getröstet und hatte geholfen. Er setzte den Kleinen in die Wanne und tropfte Wasser aus großen Schwämmen über das heißglühende Haupt; er hob ihn vom Lager und bettete ihn von neuem; er ordnete an, daß die übrigen Kinder in andere Gemächer geschafft wurden, und bewirkte durch seine Fürsorge, daß Carlitos gegen Morgen in einen ruhigeren Schlaf versank.
Aber war es, daß gegen dieses Rasen des Fiebers keine menschliche Hilfe etwas vermochte, oder daß das unerforschliche Schicksal es bestimmt hatte--das Herz dieser holden Frau sollte brechen. Nach zeitweiliger Besserung tobte die Krankheit nur noch heftiger, und was man mit allen Mitteln zu bannen suchte, schien sich lediglich zu verstärken.
Die Ärzte suchten zu trösten, aber das Kind war verloren. Nach mehrtägigem Ringen fielen des Knaben Wangen ein, eine seltsame Farbe bedeckte sein Gesicht, trocken wurde Stirn und Hände, aus dem Munde drang ein Hauch, vor dem Ange erbebte, und endlich--es ging ein Schrei durch das Krankenzimmer--erlosch der Herzschlag des Kindes.
* * * * *
„Teut,“ sagte Ange, die in einem Zimmer nach Garten gebettet war und--einem Marmorbild vergleichbar, das Thränen vergießt--jedes menschliche Mitleid wachrufen mußte, einige Tage später, „eine Bitte habe ich an Sie, wenn mein süßer Knabe--“--hier brach die Stimme und verlor sich in ein so verzehrendes Schluchzen, daß des starken Mannes Inneres erbebte--„wenn morgen Carlitos begraben wird, lassen Sie Lux und Lady Anna den Totenwagen ziehen. Wissen Sie noch, Teut, wie Carlitos die Tiere liebte? Sie zu besitzen, war sein höchster Wunsch. Er wollte ganz werden wie Sie, Teut. Alles, was Sie thaten, was Sie besaßen, war unnachahmlich. Nicht wahr, Sie haben ihn auch geliebt--?“
Thränen erstickten von neuem ihre Stimme.
Teut wandte sich ab und trat ans Fenster. Ja, ihr Wunsch sollte erfüllt werden, aber es bedurfte dazu einer Vorbereitung, vor der Teut einen Augenblick zurückschreckte. Diese wilden Geschöpfe gingen in keinem bedächtigen Trauerschritt; sie mußten gejagt, erschöpft werden, um sanften Schrittes des Knaben sterbliche Überreste an den Totenacker zu führen. „Es giebt nichts, was ich Ihnen verweigern würde, Ange,“ sagte Teut bewegt und reichte der blassen Kranken die Hand. „Ich gehe jetzt, um alles vorzubereiten.“
Er riß sich gewaltsam von ihr los, besuchte Clairefort, der ganz gebrochen daniederlag, und eilte nach Hause. Hier traf er noch einige auf das Begräbnis bezügliche Anordnungen, und dann ließ er anspannen. Seine zwei Diener mußten sich auf den Rücksitz setzen und nun verließ er die Stadt.
Im Carriere jagte Teut über die Landstraßen, fuhr die ganze Nacht, erbarmungslos auf die Tiere einhauend, und als sie endlich zurückkehrten, als Lux und Lady Anna standen, zitterten sie wie in Fieberschauern und keuchten wie gemarterte Schlachtrufe. Ein Geschirr, mit weißen Rosen, Lilien und Kamelien völlig übersät, war bereits eingetroffen. Es ward Lux und Lady Anna angelegt, und sie selbst vor den dunklen Trauerwagen gespannt, von dem unzählige Rosenbüschel in denselben Farben herabhingen oder zu Blumenkronen aufgebunden waren.
So erreichte Teut, von Scharen Neugieriger gefolgt, die Villa.
Im Hause roch es scharf und unheimlich nach Lebensblumen und Lorbeer, zudem erfüllte eine betäubende Luft alle Räume, denn Kränze und schleifenverzierte Bouquets lagen berghoch in den Vorzimmern.
Endlich war der Augenblick gekommen. Man hob den mit Blüten und Blättern überschütteten Sarg empor und trug ihn hinab.
Teut führte Clairefort und Ange, die jetzt thränenlos vor Schmerz, mit irrem Blick, an seinem Arme hing, ans Fenster, öffnete es und ließ sie hinausschauen.
In diesem Augenblick ertönte in sanften Akkorden ein Trauermarsch, langgezogen, schmerzvoll und jeden Anwesenden bis ins Herz rührend.
Und dann sah Ange auf Teuts Lieblingspferde, die mit gesenkten Köpfen, gleichsam mittrauernd und mitempfindend, dastanden und deren schwarze Leiber von den weißen Abschiedsblumen umwunden waren, die Teut seinem kleinen Freunde Carlitos mit auf den Weg gab.
„Carlitos, Carlitos--mein einziger süßer Knabe!--O Carlos! Teut--Teut!“ brach es aus Ange hervor, und in den ersterbenden Blick mischte sich ein Ausdruck dankbarer Hingebung, der Teut für alles belohnen konnte.
Endlich überließen die Männer Ange den Händen der Frauen und schlossen sich den in Trauerkleidern harrenden Geschwistern des Verdorbenen an. Wie sie schön waren mit ihren seinen, blassen Gesichtern und mit ihrem goldenen Haar, und vor allem, wie rührend die kleine Ange aussah, die hinter dem Sarge einherschritt.
Es war, als sei die Mutter noch einmal jung geworden, nun aber kein menschliches Gebilde mehr, sondern ein herabgestiegener Engel mit jenem schwermütigen Verzicht in den ernsten Zügen, welche wir in den Heiligenbildern großer Meister bewundern.
Als die Klänge der Musik in der Ferne verhallt, als die letzten dunklen Gestalten Anges Blick entrückt waren, als nun Wirklichkeit geworden, wogegen sich die Gedanken und Empfindungen der Frau in überqualvollen Tag- und Nachstunden aufgelehnt hatten, da schoß auch der Schmerz noch einmal empor, stieß seine brennenden Zungen in das Herz der geprüften Frau und bewirkte, daß sie mit einem dumpfen Schrei zu Boden fiel.
So fand Tibet, der im Nebenzimmer, bleich wie ein Verurteilter, den Vorgängen draußen mit dem Blick gefolgt war und nun erschrocken herbeieilte, seine schöne, arme, geliebte Herrin.
Wenige Wochen waren vergangen. Teut saß in dem Clairefortschen Wohnzimmer und hatte die kleine Ange auf dem Schoß. Das Kind spielte mit einer silbernen Kette, die aus dem Waffenrock hervorschaute, und zerrte zuletzt daran. Schon oft hatte Ange auf das geheimnisvolle Ticken gelauscht, nun trieb sie heute abermals die Neugierde. „Warte,“ sagte Teut gutmütig, löste die Uhr und legte sie in die zarte Hand des holden kleinen Mädchens.
„Carlitos hatte auch eine Uhr,“ hob Ange an, während sie mit den Fingerspitzen auf das Glas tupfte. Und zu Teut aufblickend, fuhr sie fort: „Hat er sie mitgenommen? Ist sie auch beim lieben Gott?“
Als Teut nicht gleich antwortete, glitt sie ihm vom Schoß und rief lebhaft: „Danach muß ich Mama fragen!“
Er aber hielt sie fest und zog sie abermals an sich.
„Bleib, Ange. Mama schläft. Wir dürfen sie nicht stören. Ich will Dir alles erzählen: Nein, mein Liebling, seine Uhr hat Carlitos nicht mitgenommen. Die hat Dein Papa. Vielleicht, wenn Du erwachsen bist, erhältst Du sie.“
„Die ist ja viel zu groß! Das ist ja eine Herrenuhr!“ rief Ange mit abweisender Wichtigkeit; „Mama hat mir eine kleine versprochen--eine ganz kleine, wie Bella ihre--“
„Bella? Wer ist Bella?“
„Das ist doch meine große Puppe.“
„Ach, verzeih, Ange, daß ich das nicht wußte.“
„Soll ich sie holen?“ nickte das Kind lebhaft. Und ohne Antwort abzuwarten, lief sie fort und kam gleich zurück.
„Es geht jetzt nicht, Onkel,“ erklärte sie ernsthaft, „Bella schläft.“
„So? Sie schläft? Kannst Du sie nicht wecken? Bitte, bringe sie, damit ich sie kennen lerne.“
Ange schüttelte den reizenden Kopf, aber in das bleiche Gesichtchen stahl sich ein schelmischer Ausdruck.
„Da ist sie ja! Da ist sie ja! Und Du hast gar nichts gemerkt!“ jubelte sie, zog das hinter dem Rücken versteckte Püppchen hervor und legte es ihm in die Arme. „Ist sie hübsch, Onkel?“
„Sehr hübsch, Ange.“
„Ich habe noch eine, aber--“
„Nun?“
„Ben hat ihr ein Auge eingestoßen und auch die Nase.“
„Da muß ich Dir wohl eine neue schenken, Ange?“
Die Kleine schüttelte den Kopf.
„Nein? Weshalb nicht?“
„Mama sagt, Du schenktest uns schon so viel. Wir dürften Dich nie mehr um etwas bitten.“
„So, das sagt Mama? Aber Du hast ja nicht gebeten, Ange. Ich habe sie Dir ja angeboten.“
Einen Augenblick sann das Kind und dachte nach, dann nickte es lebhaft:
„Ja, eine recht große, die auch schlafen kann und ein seidenes Kleid hat, Onkel Axel. Schenkst Du sie mir bald--heute?“
„Ich will sehen, Ange. Aber mir fällt etwas ein. Wenn ich Dir nun eine Puppe bringe und den übrigen keine?“
„Die andern spielen ja gar nicht mehr mit Puppen!“ rief Ange, Teuts Unwissenheit mit höchster Verachtung strafend.
„Ganz recht! Aber sie möchten gewiß etwas anderes haben, was ihnen Freude macht. Erna wünscht sich vielleicht einen seidenen Sonnenschirm, Jorinde einen neuen Hut, und Ben und Fred möchten gerne kleine Ponys haben.“
„Ja, ja, Onkel Axel,“ rief Ange stürmisch, „schenk ihnen Ponys, dann können wir zusammen ausfahren--“ Aber sie unterbrach sich ebenso rasch: „Nein, Onkel, es geht doch nicht. Mama will ja nicht, daß Du uns etwas schenkst. Papa erlaubt es nicht.“
Teut horchte auf.
„Er fragte Mama, woher sie ihr Geld hätte. Mama weinte und sagte, daß Du uns Geld geschenkt hättest. Da wurde Papa so böse, daß wir auch alle weinten und hinausgehen mußten. Mama darf nichts von Dir nehmen, Onkel. Nein, Onkel, schenke Ben und Fred keine Ponys. Papa nimmt sie ihnen doch weg, und sie werden bestraft. Aber ich will Papa bitten, ob Du mir eine Puppe schenken darfst. Ja, Onkel? Mama soll ihn bitten.“
Teut antwortete nicht. Es schwirrte ihm noch in den Ohren, was das Kind gesprochen, und seine Gedanken waren weit ab.
„Onkel Axel, Onkel Axel! Hörst Du denn gar nicht?“
„Ja, mein liebes Kind,“ flüsterte Teut, wie aus einem Traum erwachend. „Du wirst Deine Puppe erhalten.“
Ange klatschte in die Hände und sprang von ihm fort.
* * * * *
Am selben Tage in der Nachmittagsstunde öffnete Jamp die Wohnstubenthür seines Herrn und meldete den Rittmeister von Zirp.
„Ah, Zirp! Willkommen! Nehmen Sie Platz!“
„Ich störe doch nicht?“
„Keineswegs--bitte! hier Cigarren.“
Nach wenigen Augenblicken saßen sich die beiden Herren gegenüber.
„Ich komme,“ hob Zirp an, „Sie um eine große Gefälligkeit zu bitten, Teut.“
„Bitte, wenn es in meiner Macht steht--“
„Also, ohne Einleitungen. Ich brauche fünftausend Mark, die ich augenblicklich nicht habe, die ich aber durch Bürgschaft erhalten kann. Ich wollte Sie nun bitten, liebster Teut, daß Sie--“
„Bürgschaften übernehme ich nie,“ erwiderte Teut. „Ich habe meinem Vater einen Schwur geleistet, mich niemals in der Weise zu verpflichten. Also dieser Fall ist ausgeschlossen.“
„Fatal! Ich brauche das Geld bereits morgen und weiß es sonst nicht anzuschaffen.“
„Hm, bis morgen--?“ sagte Teut nachdenklich. Und nach einer Pause: „Entschuldigen Sie die Frage, wie die Sache sich so auf die Stunde hat zuspitzen können? Es wird gar nicht möglich sein, Ihnen so rasch zu dienen.“
Teut schlug mit den Hacken zusammen, und in Zirps Mienen malte sich einige Verlegenheit. Er streifte die Asche von der Cigarre auf den Fußboden ab und benutzte dann mit einem nachträglichen „Pardon!“ den bereit gestellten Aschbecher.
„Bitte, bitte!“ schob Teut phlegmatisch ein.
„Hören Sie, lieber Teut,“ begann Zirp mit gezwungenem Anlauf, „ich will offen reden. Ich habe Wechsel ausgestellt, die bereits gestern fällig waren. Ich hoffte sie auf die Stunde bezahlen zu können. Allein meine Schwester, auf die ich sicher rechnete, hat mir mein Ansuchen abgelehnt.“
Er hielt inne, aber Teut kam ihm nicht zu Hilfe. Eine peinliche Pause trat ein.
„Wohl,“ sagte Teut endlich und strich den langen Schnurrbart; „ich begreife. Aber was ich durchaus nicht verstehe“--Zirp fand diesen hochmütigen Ton, dieses etwas schulmeisterliche Wesen Teuts ganz unerträglich--„wie wollen Sie denn nach der üblichen Frist von drei Monaten zahlen?“
Zirp biß sich auf die Lippen und knipste abermals die Asche auf den Teppich.
„Können Sie eine Garantie geben, daß Sie um jene Zeit die Schwierigkeiten zu beseitigen vermögen?“
„Gewiß, gewiß!“ erwiderte Zirp leichtfertig.
„Und diese wäre?“ fuhr Teut unerbittlich fort.
„Nun, meine Schwester wird sich breitschlagen lassen--“
„Hm! Aber wenn Sie sich nun doch in dieser Annahme irren?“
„Ah, das ist ja nicht denkbar! Sie muß ja--“
„Sie muß? Weshalb? Entschuldigen Sie--“