Eine vornehme Frau

Chapter 3

Chapter 33,566 wordsPublic domain

„Aber weil ich Ihnen so gut bin--Sie wie ein Bruder und Freund liebe,“ fuhr Teut fort, „muß ich Ihnen etwas sagen, was Ihr Glück betrifft.“ Und nun sprach er in langer Rede auf sie ein. Er tadelte und tröstete, er forderte und flehte. Er teilte ihr Carlos' Worte an jenem Tage mit, klärte sie über ihre Verhältnisse auf und ließ das Bild einer düsteren, vielleicht durch ihre Handlungsweise heraufbeschworenen Zukunft vor ihr Auge treten. Atemlos horchte sie auf und erbebte. Welch drohende, vernichtende Wolken hingen über ihrem ahnungslosen Haupt! Nachdem er geendet, saß sie lange stumm und sprach kein Wort. Aber als dann aus seinem Munde ihr Name drang: „Liebe Ange, liebe Freundin, zürnen Sie mir?“ da überwältigte sie ihr Gefühl und sie neigte das Haupt und schluchzte.

Er wagte es: er strich sanft über ihr Haar; er that, als ob er nichts anderes fühle als Mitleid, nichts anderes geben wolle als Trost, und doch bedurfte er seiner ganzen Kraft, um sie nicht in dem Ausbruch unterdrückter Leidenschaft ans Herz zu ziehen.

* * * * *

Am nächsten Tage nach diesem Ausflug traten Clairefort und Teut nach Tisch--es waren heute ausnahmsweise nur drei Gedecke, da die Kinder früher speisten--in des ersteren Gemach.

Clairefort schien düsterer als je, es war während der Tafel, bei welcher Tibet mit seinem geräuschlosen Schritt bedient hatte, fast keine Silbe über seine Lippen gekommen, und Ange--noch unter dem Eindruck der jüngsten Unterredung--verhielt sich ebenso einsilbig.

In dem matt erleuchteten, dunkel tapezierten Zimmer kam es Teut heute fast unheimlich vor. Seltsam schaute der Marmorkopf einer Venus aus dem Dunkel hervor, und düster starrten ihm die Arabesken aus dem Teppich entgegen, der den Fußboden bedeckte.

Eine Weile saßen beide Männer rauchend und ohne zu reden, nebeneinander. Jedem lagen Worte auf der Zunge, keiner wollte zuerst sprechen. Endlich sagte Clairefort tonlos:

„Sie haben gestern mit Ange gesprochen, Teut?“

Der Angeredete nickte, ohne etwas zu erwidern.

Clairefort wiederholte nun seine Frage.

„Ja,“ sagte Teut, „ich habe mit Ihrer Frau geredet.“

„Was sagte sie, bitte?“

Ohne auf diese Frage unmittelbar zu antworten, entgegnete Teut: „Hat sie Ihnen keine Mitteilung gemacht?“

„Nun--ja und nein! Sie sprach sehr unzusammenhängend. Sie hing sich an meinen Hals, weinte und rief: ‚Ich will mich bessern, Carlos!‘ Ich vermutete, daß diese Äußerung aus dem Gespräch mit Ihnen hervorgegangen sei. Gesagt hat mir Ange nichts.“

Teut horchte auf.--Wie rührend! Welch eine liebenswürdige Reue lag in diesen paar Worten!

„Gut! Warten wir also ab, Clairefort!“

„Ja--“ sagte dieser gedehnt und offenbar unbefriedigt.

Jetzt sah Teut Clairefort versteckt ins Auge. Ein verdrossener, nervöser Zug lag auf seinem Gesicht. Plötzlich stieg in Teut ein beunruhigender Gedanke auf. War Clairefort eifersüchtig? Was stand ihm und Ange bevor, wenn seine Vermutung sich betätigte? Und zugleich überfiel ihn ein gefährlicher Drang, diesen Verdacht zu lösen und zu bekämpfen. Er wollte Vertrauen, er wollte für Freundschaft und Hingebung nicht Mißtrauen, Verstimmung--vielleicht weit Schlimmeres noch.

„Clairefort--!“ hob er durch die peinvolle Stille an. „Clairefort, ich bin Ihr Freund! Sie hatten wohl nie einen aufrichtigeren Freund! Glauben Sie das?“

Clairefort erhob den Blick und sah Teut verlegen an.

„Ja, lieber Teut! Weshalb fragen, weshalb--beteuern Sie?“

Der letzte Satz kam zögernd hervor. Die Worte verfehlten auch ihre Wirkung nicht, denn Teut sagte abweisend:

„Ich beteuerte nichts! Ich wollte Ihnen nur einmal, ein einziges Mal, nachdem Sie mir ein Vertrauen schenkten, das man höchstens etwa seinem Bruder in ähnlichen Verhältnissen zuwendet, sagen, daß Sie--was immer sich ereignen könnte--darauf rechnen dürfen, daß ich Ihr wirklicher Freund bin und stets als ein solcher handeln werde. Verstehen wir uns jetzt?“

„Ja,“ nickte Clairefort; er schien aber keineswegs überzeugt.

Teut sprang auf. Er trat auf Clairefort zu und faßte seine Hand. „Armer Clairefort,“ sagte er. „Ich bedauere Sie aus tiefster Seele, um so mehr, weil ich verstehen kann, was Sie bedrängt. Aber niemals begegnete ein Mensch einem anderen mit ungerechterem Mißtrauen. Und nun noch einen Rat, bevor wir heute scheiden. Erleichtern Sie Ihrer Frau die Entschlüsse. Handeln Sie, Clairefort, und seien Sie dabei ein Mann und ein wohlwollender Freund zugleich. Verstehen Sie?“

Clairefort antwortete nichts. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Teut wandte sich zur Thür. Als er eben das Zimmer verlassen wollte, erhob sich ersterer rasch, berührte Teuts Schulter und sagte leise:

„Verzeihung, Teut! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!“

Die Erinnerung an diesen Vorfall beschäftigte Teuts Gedanken. Aber doch begriff er eins nicht, und deshalb grübelte er hin und her.

Ange hatte ihm erklärt, die Sorgen ihres Mannes seien sicher ungerechtfertigte. Schon seine Mutter habe unter dem Wahne gelebt, sie könne nicht auskommen und sei doch im Besitz eines ungewöhnlich großen Vermögens gewesen. Dies wäre eine Krankheit aller Claireforts. Es sei ungenau, behauptete sie, daß die Zinsen nicht genügten, um alle Ausgaben zu bestreiten. Sie glaube im Gegenteil zu wissen, daß Tibet vierteljährliche Überschüsse, von denen ganze Familien bequem würden leben können, zum Banquier trage. Auch habe sie selbst ein völlig unberührtes, nach ihrem Tode den Kindern zufallendes Vermögen, das ausreiche, eine Familie mit größeren Ansprüchen zu befriedigen. Trotzdem gebe sie aber zu, daß ihr Aufwand ein großer sei, daß sie vieles verschwende, und daß es verständig sei, alles einschränken.

Sie bat Teut, da ihr Mann Geldverhältnisse, wer weiß aus welchen Gründen, niemals gegen sie berühre, ihn auszuforschen und ihr zu berichten. Sie könne, fügte sie hinzu, auch Tibet fragen, aber dieser sei in solchem Punkte stets verschlossen. Zudem erachte sie es als nicht angemessen, einen Untergebenen zwischen sich und ihren Gemahl zu stellen.

Bei der nächsten Begegnung zwischen Clairefort und Teut nahm sich letzterer vor, diesen Punkt schon deshalb durch eine Frage aufzuklären, weil alle Maßnahmen danach zu treffen waren. Falls Clairefort die Wahrheit gesprochen, mußte Teut, um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, auf sofortige Einschränkungen dringen, und diese konnten doch, wie die Dinge lagen, nur von Ange ausgehen.

An einem der nächsten Tage, an welchem Clairefort Teut in der alten herzlichen Weise begegnete, knüpfte letzterer an diesen Zwischenfall an und sagte:

„Sie haben mich, Clairefort, in Ihre intimsten Verhältnisse eingeweiht. Ich habe nicht nach den Gründen gefragt. Entweder war es die Folge jenes natürlichen Dranges, der uns in schweren Nöten zur Mitteilung treibt, oder Sie erkannten Ihre Machtlosigkeit und fühlten das Bedürfnis, sich einer Freundeshilfe zu bedienen. Gleichviel! Sie schenkten mir Ihr Vertrauen, und ich gab Ihnen mein Wort, dieses nach bestem Vermögen zu rechtfertigen. Unter solchen Umständen ist nun aber völlige Offenheit eine unbedingte Notwendigkeit.“

In Claireforts Augen blitzte es bei dieser Anrede auf. Eine seltsame Spannung malte sich in seinen Zügen; offenbar mißdeutete oder überschätzte er den Sinn der Worte. Teut verstand nicht, was Clairefort beunruhigte, aber um so mehr beeilte er sich, fortzufahren:

„Eines ist noch der Aufklärung bedürftig,“ sagte er in gelassenem Tone, „und ich bitte meine Frage nicht als eine ungerechtfertigte Einmischung zu betrachten. Ange behauptet, daß Sie nur eine übertriebene Sorge beherrsche, daß Ihre und ihre eigenen Renten so groß seien, daß jährlich erhebliche Überschüsse aus den Zinsen zurückgelegt werden könnten.“

„Nun,“ rief Clairefort, offenbar erleichtert, aber immerhin erregt, und in dieser Erregung nur den letzten Äußerungen Teuts Gehör schenkend, „ich denke, daß wir keine Kinder sind! Es ist, wie ich Ihnen sagte. Mein Ehrenwort darauf,--das ich indes nur erhärtend hinzufüge, weil die Behauptung meiner Frau der meinigen gegenübersteht. Durch den Sturz eines Bankhauses habe ich große Summen verloren, wodurch mein Vermögen ganz außerordentlich zusammengeschmolzen ist. Das weiß auch Ange, denke ich--“

„Nein! Sie weiß gar nichts! Aber gut,“ sagte Teut, „wenn dem so ist, dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis handeln!“

* * * * *

Kurze Zeit darauf hatte Teut Gelegenheit, noch einmal mit Ange zu sprechen. Ein Vorfall, der nur allzu bezeichnend für sie war, gab dazu Veranlassung. Er trat am Spätnachmittag ins Haus und fand sie bei der Besichtigung eines seidenen Kleides, das sie gerade der Jungfer mit den Worten zurückgab: „Nein, auch das geht nicht. Ich werde mir dann für das Fest ein neues machen lassen und heute noch ausfahren, um den Stoff auszusuchen.“

„Ich störe wohl, Frau Gräfin--“ hob Teut, rücksichtsvoll ins Zimmer tretend, an.

Sie schüttelte ihren Kinderkopf, raffte errötend und verlegen allerlei auf den Stühlen umherliegende Garderobengegenstände auf, schob sie der Kammerjungfer über den Arm und hieß sie und Erna, welche eben, die Thür sperrweit offen lassend, ins Zimmer gestürmt kam, gehen.

„Nein, halt! Warten Sie, Charlotte!“ unterbrach sie aber doch ihren Befehl. „Der Herr Rittmeister mag entscheiden.“

Die Jungfer that, wie ihr gesagt wurde. Sie legte die Kleider auf einen Stuhl und suchte unter den überreichen Ballroben eine hervor, die sie ihrer ungeduldig wartenden Herrin überreichte.

„Ich verstehe von Kleidern gar nichts,“ sagte Teut schroff. Es störte ihn, daß Ange in Gegenwart der Zofe mit ihm dergleichen Dinge besprechen wollte.

Ange sah ihn mißmutig an, wollte etwas erwidern, unterdrückte aber die Entgegnung.

Inzwischen nahm Erna eines der Kleider an sich, fuhr mit den Armen hinein, schob die Schleppe mit den Füßen ungeschickt hin und her, so daß sie diese mit den bestäubten Schuhen berührte, und rief endlich laut: „Mama, Mama, sieh einmal!“

„Aber Erna, Erna!“ flehte Ange und eilte erschrocken hinzu. Das Kind aber hob den seidenen Rock empor, lief rasch davon und rief: „Das müssen Jorinde und Ange sehen! Nein, nein, ich gebe es nicht!“

Ange ließ denn auch das Kind gehen und machte der Zofe ein Zeichen, nachzueilen.

Als sie zu Teut emporblickte, begegnete sie seiner mißbilligenden Miene. „Unverbesserlich sind Sie, liebe Gräfin,“ sagte er und schüttelte den Kopf.

„Nicht schelten!“ bettelte sie und sah ihn mit ihrem bezaubernden Blicke an. „Aber doch ernsthaft raten! Sehen Sie, liebster Teut, das ist mein bestes Kleid, und darin kann ich doch den Ball nicht besuchen, nicht wahr?“

Allerdings: das Kleid war unverantwortlich behandelt. Die Spitzen, mit denen man es besetzt hatte, waren zerrissen; die Schleppe war besudelt, an der Taille fehlten Knöpfe. Im übrigen war der Stoff eine mit anmutigen Blumenbouquets durchwirkte weiße Seide, einer Königin würdig.

„Man könnte die Robe einer geschickten Schneiderin übergeben, sie mit neuen Spitzen garnieren und säubern lassen,“ sagte Teut phlegmatisch. Er war selbst erstaunt über den Umfang seiner Kenntnisse und über seine praktischen Ratschläge.

„Nein, nein!“ sagte Ange, als ob es sich um ein Puppenkostüm handle. „Hier ist ja sogar ein großes Loch!“ und sie zeigte ihm den Rock, in welchem übrigens nur die Naht hinten seitlich eingerissen war.

„Kann genäht werden!“ entschied Teut mit seiner stoischen Ruhe.

„Ach, mit Ihnen über Toilette sprechen! Kommen Sie, Teut! Wir haben wundervolle Melonen erhalten. Der Frühstückstisch ist gedeckt.“

„Nein,“ sagte er, „erst muß ich Sie sprechen. Heute ist die erste Lektion.“

Sie sah ihn mit ihrem naiven Blick an, dann glitt ein ungeduldiger Ausdruck über ihr Gesicht.

„Wieder eine Waldpredigt! Nein, heute mag ich nicht; weshalb quälen Sie mich! Ach, wie war ich sonst glücklich! Nun stehen Sie neben mir wie ein Schulmeister; ich bin doch kein Kind mehr!“

„Doch, ja,“ sagte Teut kurz. Und dann weicher: „Sie sind ein Kind, ein liebes, reizvolles Kind. Aber nun kommen Sie! Lassen Sie uns noch einmal reden!“

Er stand auf und schloß die Thür. Ange graute bei diesen Vorbereitungen.

„Zuerst, liebe Freundin--bitte, setzen Sie sich doch mir gegenüber, dort in den Fauteuil“ (sie that es schmollend und zerpflückte eine spät erblühte weiße Rose, deren Blätter sie auf den Teppich fallen ließ)--„ein sehr ernstes Wort! Ich habe mit Clairefort gesprochen; es ist, wie er sagt. Sie besitzen heute nur einen Teil Ihres beiderseitigen Vermögens.“

Er hielt einen Augenblick inne und beobachtete die Wirkung seiner Worte.

„Und wie ist dies zugegangen?“ fragte Ange mehr neugierig als erschrocken.

„Ein Banquier, bei dem Clairefort seine Papiere niedergelegt hatte, mußte seine Zahlungen einstellen. Es ging dort alles verloren.“

„Der arme, arme Clairefort! Ist er sehr betrübt?“ hob sie besorgt an. Sie forschte ängstlich in Teuts Angesicht; sie dachte nur an ihren Mann, wie er die Sache aufgenommen, in welcher Stimmung er sei. Ob sie gehen solle, um ihn zu trösten, ihm zu sagen, daß sie auch fortan sparsamer sein wolle. Es bliebe dann gewiß noch genug, schloß sie.

„Ja, das ist es. Nun sehen Sie doch ein, daß Sie ganz anders leben müssen, daß Sie den großen, überflüssigen Hausstand einschränken, die Kinder regelmäßig in die Schule schicken und sich sorgsamer um Ihre Wirtschaft bekümmern müssen!“ sagte Teut ernst.

Sie nickte wie ein Kind, das gescholten wird, das voll guter Vorsätze ist, zerknirscht anhört, was es verbrochen hat, bis Natur und Freiheit, bis Spiel und Tändelei alles wieder verwischen.

„Das erste wird sein, daß wir auch Tibet ins Vertrauen ziehen. Wir werden überlegen müssen, wer von der Dienerschaft bleiben kann, welche Ausgaben überflüssig sind, wie die Geselligkeit zu beschränken, wie Fuhrwerk und Pferde drunten--“

„Meine himmlischen Pferde auch?“ rief Ange „Und gar die Hunde? Müssen wir ein anderes Haus, eine andere Wohnung beziehen? Ach, Teut, sagen Sie, ist's denn so schlimm? Besitzen wir nichts, gar nichts mehr? Sprechen Sie ein Trostwort!“

Mit tränendem Blick sah sie zu ihm empor und erwartete zitternd seine Antwort.

Umfang und Bedeutung der eingetretenen Verhältnisse überschätzte sie nun so sehr, daß sie sich, wie ihre weiteren Fragen ergaben, schon in einem kleinen, beschränkten Häuschen sah und mit Ängsten an ihre Kinder dachte, die dadurch Entbehrungen erleiden würden. Teut erkannte besorgt, welchen Eindruck seine Worte hervorgerufen, welche Schreckbilder er unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte.

„Sie sollen nichts entbehren, liebe Freundin!“ beruhigte er, hingerissen von Anges Anmut, von ihrem bei alten diesen Erörterungen hervortretenden selbstlosen Wesen, und strich in heftiger Bewegung den Schnurrbart. „Nichts, meine teure Freundin! Ich stehe dafür! Nur Überflüssiges, Thörichtes wollen wir beseitigen. Schon um der Kinder willen werden wir--“ Er betonte die Worte und stockte.

Sie schaute ihn an. Was lag alles in diesen guten, klugen Augen, die sich mit solcher Innigkeit auf sie richteten. Und da riß es sie fort; sie schnellte empor und umschlang den tröstenden Freund in stürmischer Freude mit ihren Armen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür; beide flogen auseinander. Clairefort aber, der sich zeigte, sagte mit einem eisigen Blick: „Ach, ich störe wohl?“

„Carlos, Carlos!“ rief Ange, ahnend, daß sich etwas Furchtbares ereignen würde, und stürmte dem Fortgegangenen nach. Teut aber schlug heftig mit den Hacken der Reiterstiefel zusammen und seufzte einige Male tief auf.

* * * * *

„Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu sprechen?

von Clairefort.“

„Bitte, kommen Sie rasch!

Ange.“

Teut blickte gedankenvoll auf zwei Blättchen, die er empfangen hatte und die diese Worte enthielten. Seit einigen Tagen war er nicht zu Claireforts zurückgekehrt; nun war geschehen, was er hatte kommen sehen.

Er übersetzte sich die Worte seiner Freunde in seine Sprache. „Rechtfertigen Sie sich!“ lauteten diese.--„Eilen Sie, ich bin sehr unglücklich und bedarf Ihres Trostes!“ deutete er sich jene.

Lange Zeit saß Teut grübelnd da und ließ alles, was geschehen war, noch einmal an seinem Geist vorübergehen. Hin und wieder erhob er den Blick, und dieser haftete mechanisch an den vielen Gegenständen, die seine Gemächer ausfüllten. In einem genialen Durcheinander sah man die widersprechendsten Dinge. Auf einem seidenbezogenen Sessel lag ein neuer, ungebrauchter Sattel, an den Wänden zur Linken hingen, flankiert von ausgestopften Vogel- und anderen Tierköpfen, Pistolen, Säbel und sonstige alte und neue Waffen. Die rechte Wandseite nahm ein übergroßes, wundervoll ausgeführtes Frauenbrustbild in der zarten Manier Angelika Kaufmanns ein; daneben waren in unregelmäßigen Abständen Photographieen, zahlreiche Kupferstiche und Lithographieen aufgehängt, teils Porträts, teils Jagd- und Reiterbilder: hier ein Sturz vom Pferde beim Rennen, dort rote Röcke mit Trara hinter dem fliehenden Wild im Walde.

Auf den Tischen lagen Berge von Handschuhen, vertrocknete Blumen, aufgerufene Kartons und Jagdutensilien. Auf einem chinesischen Kästchen erhob sich eine Bronzefigur Napoleons I. mit verschränkten Armen. Ihm zur Seite stand eine halbnackte, zum Sprung ins Bad bereite Frauengestalt aus weißem Marmor. Auf einer an den Tisch gerückten Etagère lagen in merkwürdiger Ordnung zahlreiche Cigarrenetuis: viele mit Wappen in Silber oder Elfenbein; auch kostbar gebundene Bücher; daneben erhoben sich einige Medaillonbilder auf zierlichen Gestellen--und all diese Gegenstände beherrschte eine weißschimmernde marmorne Klytia mit dem schwermütig sanften Blick. Auf dem grünen Teppich, der das ganze Zimmer bedeckte, war vor einem Schreibtisch das riesige Fell eines Eisbären ausgebreitet, und den ersteren bedeckten zahlreiche Schriften, Papier, aufgeschnittene Bücher und Schreibmaterialien, die sich um eine alte französische Uhr gruppierten, welche hier Platz gefunden hatte. Und ringsum saubere hellpolierte oder tiefschwarze Möbel; auch einige primitiv gearbeitete, aber praktisch eingerichtete Schränke, aus deren geöffneten Schubladen Rehposten, Patronen und Pulversäcke hervorschauten. Endlich stand in der Mitte des Zimmers ein mit einem Tigerfell behangener Chaiselongue, der aber selten benutzt zu werden schien, denn eine ganze kleine Bibliothek war hier aufgeschichtet.

Früher hatte Teut täglich viele Stunden in seiner Wohnung zugebracht. Er blätterte in den Journalen, las die neuesten deutschen und französischen Romane, empfing Billetdoux und beantwortete sie, schraubte wohl mit zufriedenem Lächeln einen Flintenlauf vom Kolben oder drückte an dem Schloß und freute sich der schönen Ciselierungen am Rohr. Oder er richtete im Nebengemach, im Eßzimmer, ein Abendessen, bereitete selbst die Bowle und stand in lederner Hausjoppe neben Flaschen und Gläsern. Aber alles hatte seinen Reiz verloren. Jede Stunde, die er nicht im Dienst war, floh er die Räume und eilte zu Ange.

Aber noch mehr. Die rechte Freude am Dasein war dahin; es gab nur noch Kämpfe, Sorgen, Selbstüberwindungen, um ein gegebenes Wort zu erfüllen. Ihr guter Geist wollte er ja fortan auf Erden sein, das hatte er geschworen--ihr Freund--ihr stumm verzichtender Verehrer.--

„Kleine Ange, kleine liebe Ange,“ flüsterte der Mann und grub die Zähne in die Lippen, um seiner innerlichen Erregung Herr zu werden. „Nun beginnt der große Roman--der Roman unseres Lebens!“

* * * * *

Teut beantwortete beide Briefe zugleich. Ange schrieb er:

„Auch von Carlos erhielt ich einige Zeilen. Der kurze formelle Inhalt läßt mich schließen, daß es sich um nichts Gutes handelt! Ich komme bestimmt heut abend. Dann sieht Sie

Ihr getreuer Teut.“

Dem Freunde aber sandte er nur seine Karte und schrieb:

„Ich besuche Sie kurz vor der Theestunde in Ihrem Zimmer.

v.T.“

Als aber der Nachmittag kam, änderte Teut seinen Entschluß. Es fiel ihm ein, daß er den Kameraden versprochen hatte, abends den Besuch eines Freundes im Kasino zu feiern. Er ging deshalb früher zu Claireforts. Als er die Wohnung erreichte, stieg er, in Gedanken verloren und ohne sich umzusehen, die Treppe empor. Er wünschte, obgleich er das Richtige zu vermuten glaubte, zunächst von Ange zu erfahren, was vorgefallen sei, und dann Clairefort aufzusuchen. Zu seiner Überraschung fand er alle Thüren offen und weder jemanden im Empfangssalon noch in Anges Gemächern, überall aber eine große Unordnung.

Hier stand das Schaukelpferd eines der Knaben, dort hing, neben fortgeworfenem Spielzeug, eine Puppe mit gesenktem Kopf und schlaffen Armen rückwärts über einem Stuhlpolster. Auf dem Tisch des Wohngemaches lagen Kinderhüte und der hastig abgestreifte Paletot eines der Kinder. In Anges Schreibtisch war eine Schublade aufgezogen, und eine Sammlung von zartgefärbten Handschuhen lag in wilder Unordnung durcheinander. Einer hing mit schlaffen Fingern über den Rand des Schubfaches hinaus.

Teut schritt weiter bis an die Kinderzimmer. Er fand auch hier niemanden, aber ein ähnliches Durcheinander.

Die Wohnung machte den Eindruck, als ob eine Familie in fliegender Hast, vor einer Gefahr flüchtend und alles im Stiche lassend, davongeeilt sei. Kopfschüttelnd ging Teut weiter und trat gegenüber in Claireforts Privatgemach. Er klopfte. Keine Antwort. Er öffnete behutsam. Hier fand er es wie stets: dieselbe peinlich-übertriebene Ordnung, derselbe düstere Ernst, derselbe Mangel an freundlichen, belebenden Eindrücken. Keine Blume, keine lebhaften Bilder! Ein Hauch von Schwermut lag über dem Gemach ausgebreitet und nur allzu deutlich drückte sich in den Räumen der Charakter seines Bewohners aus.

Natürlich that auch die Dienerschaft, unter solchem Beispiel und keine strenge Hand über sich fühlend, was sie wollte. Nirgends ein männliches oder ein weibliches Wesen, das nach dem Fortgang der Herrschaft die Thüren geschlossen und in den Zimmern Ordnung geschaffen hätte.

Teut wandte sich zurück, und während er noch überlegte, ob er nach Hause zurückkehren oder warten solle, bis die offenbar auf einer Ausfahrt begriffene Familie wiederkommen werde, hörte er Schritte. Er horchte auf und trat einen Augenblick beiseite. Es war Tibet, der geschäftig ausräumte, hier sich nach einem Spielzeug, dort nach einem Kleidungsstück bückte und ordnend die Hand an Tisch und Stühle legte. Ja, Tibet, Tibet! Er übernahm die Pflichten aller.

„Die Herrschaften sind aus gefahren?“ fragte Teut, nun hervortretend und den Kammerdiener begrüßend.

„Jawohl, Herr Baron. Frau Gräfin macht Besuche mit den Kindern; der Herr Graf ist schon früher fortgeritten.“ Er sprach in seiner gewohnten ehrerbietigen Weise und schob eine Puppe, die er gerade in der Hand hatte, verlegen hinter sich.

Teut nickte und ließ sich nieder. Es kam ihm sehr gelegen, den Vertrauten des Hauses einmal allein zu treffen, und er beschloß, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen.

„Wie lange sind Sie eigentlich schon in der gräflichen Familie, Tibet?“

„Seit meinem fünfundzwanzigsten Jahre,“ erwiderte dieser mit einem melancholischen Anflug in der Stimme.

„Im Hause der Familie Butin oder bei Claireforts?“

„Bei Claireforts.“

„Und Sie hatten nie eine andere Beschäftigung oder Tätigkeit?“

„Doch, Herr Baron!“

„Und welche?“

„Ich wollte mich ursprünglich dem Kaufmannsstande widmen.“

„So so! Hatten Ihre Eltern schon Beziehungen zu der Familie?“

„Nein, Herr Baron.“

„Sie sind wohl schon ein guter Vierziger, Tibet?“

„Ja, Herr Baron.“

Nein--ja, Herr Baron! Auch im Verfolg des Gespräches gab er diese einsilbigen Antworten. Dieser Mensch sprach nur, wenn man ihn fragte, und dann lediglich das Notwendigste. Teut beschloß, es anders anzufangen, und indem er in bekannter Weise die Stiefelhacken zusammenschlug und den Schnurrbart drehte, sagte er mit starker Betonung.

„Tibet!“

„Herr Baron!“

„Ich weiß, daß Sie eine große Anhänglichkeit an den Herrn Grafen und besonders auch an die Frau Gräfin haben. Sie wissen zugleich, daß ich ein aufrichtiger Freund der Familie bin. Nicht wahr, Sie glauben das?“