Chapter 16
Es war so kalt! Und Ange konnte nicht heizen. Während der letzten Tage hatte sie eine völlige Apathie erfaßt; die Dinge mußten sich durch irgend etwas ändern;--wie, das wußte sie nicht; sie that auch nichts dafür. Aber es konnte sich doch nichts ändern, ohne daß sie handelte.
„Ich will Dir, solange es noch so kalt ist, das Bett drinnen auf dem Sofa einrichten,“ entschied Ange. „Ja, ja, mein liebes Kind, es ist zu frostig oben, es ist nicht gut für Deine Brust. Wir müssen sehen, wie wir's machen.“
In diesem Augenblick entstand ein Streit zwischen den Geschwistern. Fred neckte die beiden Mädchen, Ange weinte und Erna schrie auf, als er die Hand gegen sie erhob. Bisher hatte Ben stumm neben seiner Mutter gesessen. Er hörte alles und es grub sich in ihn ein. Er sprang empor und fuhr gegen seinen Bruder auf. Er packte ihn an die Brust und schüttelte ihn wie eine Katze, die sich einer Maus bemächtigt hat. Unter der seelischen Erregung, unter dem Mitgefühl für seine Mutter, unter dem Leid um seine kranke Schwester ging es zehrend durch sein Inneres. Nun hatte ihn die Empörung erfaßt, daß der leichtfertige Ruhestörer selbst jetzt keine Rücksicht nahm.
„Ben! Ben!“ rief Ange voller Schrecken und mischte sich unter die kämpfenden Knaben. Fred hatte seinen Bruder in die Haare gefaßt und suchte ihn unter keuchendem Atem herabzuziehen.
„O, Du! Du! Kannst Du nicht einen Augenblick Rücksicht nehmen? Ich wollte Dir schon lange eine Lektion geben! Nein, lass' mich, lass' mich, Mama!“ trotzte Ben gegen Anges Befehl und Mahnung auf. „Er hat es verdient! Er ist es gar nicht wert, daß Du ihn so lieb hast!“
Und nun lagen beide auf der Erde, und Ben schlug seinen Bruder in besinnungsloser Wut auf Kopf und Schultern. Und die kleine Ange weinte geängstigt, die Kranke hustete und Erna stand voll Mitgefühl da und faltete ratlos die Hände. So wüteten Krankheit, Sorge und Unfriede im Hause.
„Auch das noch!“ seufzte Ange wie verzweifelt und ließ sich in ihren Stuhl fallen. „O Ben, Fred! Daß ihr mir auch noch solchen Kummer macht!“ Sie weinte und schluchzte.
Es giebt Augenblicke, in denen alles tot und trostlos um den Menschen ist; in denen seine Seele weint, und ihm traurig ist zum Sterben.
Die Knaben hatten sich erhoben und ordneten ihre Kleider. Ihr hastiger Atem ging durchs Gemach; ihre Glieder bebten unter der Erregung. Als Ben aber seiner Mutter Stimme hörte, als die gerechte Anklage sein Ohr traf, zog plötzlich jähe Blässe über sein Gesicht; er stürzte hinaus, eilte im Dunklen auf sein Zimmer, warf sich ins Bett und vergrub das weinende Antlitz in die Kissen.
Als endlich der Schlaf ihn übermannen wollte, als nach wühlenden Gedanken und nagenden Vorwürfen die Erschlaffung eintrat, blitzte in dem kalten, von dem Silberweiß des Winters umrahmten Gemach plötzlich ein Licht auf, und fast wie eine überirdische, aber trostreiche Erscheinung trat zu ihm seine Mutter mit den tiefen dunklen Augen und dem blassen zarten Gesicht. Eine sauste Hand legte sich auf seinen Kopf, und weiche Wangen schmiegten sich zärtlich an die seinigen.
„Du Trotzkopf!“ sagte sie und sah ihm in die Augen. „Nun schlaf' Dich aus und--Ben, thu's mir zuliebe--vertrag' Dich morgen mit Deinem Bruder und gieb ihm das erste Wort!“
Er zögerte, aber er nickte doch, da sie es wollte.
„Ich weiß, ich weiß, Du ängstigst Dich um mich; um meinetwegen erhobst Du die Hand gegen ihn,“ flüsterte Ange bewegt. „Aber es war nicht recht, Ben! Du thust's nicht wieder, Ben, mein Ben?“
Und da schlangen sich seine Knabenarme um ihren Nacken. Weinend und schluchzend hing er an ihrem Halse und bereute, daß er aus Liebe gefehlt hatte.
* * * * *
Ange entschloß sich nach schwersten Kämpfen, an einem der nachfolgenden Tage nun doch mit ihrem Nachbar zu sprechen und ihn um etwas Geld anzugehen. Sie wußte keinen Rat mehr, war am Ende mit der geringfügigen Summe, welche ihr geblieben war, und stand vor einer Not, vor welcher alle Bedenken schweigen mußten.
Sie schrieb an Putz zu diesem Zwecke einen kurzen Brief, in welchem sie die Bitte aussprach, sie wegen einer dringenden Angelegenheit bei seinem gewohnten Morgenspaziergang durch einen Besuch erfreuen zu wollen.
„Nun, verehrte Frau Gräfin, da bin ich,“ sagte er, stieß den Schnee von den Füßen und trat in das Wohnzimmer.
Ange stand noch in einer weißen Schürze, und ihre Hand hielt ein Wischtuch und einen Staubwedel, mit welchem sie Winkel und Ecken gesäubert hatte. Ben, der nun auch wie Jorinde wegen eingetretener Erkältung das Zimmer hüten mußte, befand sich im Nebengemach. Er trat bei des Nachbars Erscheinen einen Augenblick hervor, verbeugte sich höflich und zog dann leise die Thür an. Nun war Ange mit Putz allein.
„Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Herr Nachbar,“ sagte sie etwas verlegen, streifte die Schürze ab, strich über die erregte Stirn und holte einen Stuhl herbei, um sich ihm gegenüber zu setzen.
„Wollen Sie nicht im Sofa--“
„Nein, bitte, bitte, ich sitze hier sehr gut. Muß auch gleich wieder fort,“ erwiderte er kurz, legte während des Sprechens die Hände auf den Knopf seines Spazierstockes und richtete sein noch von der Kälte umwehtes, aus dem hohen Pelz herausschauendes listiges Gesicht auf Ange. „Sie schrieben mir, daß Sie mich zu sprechen wünschten, Frau Gräfin.“
„Ja, Herr Putz, und ich habe zunächst um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie bemüht habe, statt zu Ihnen zu kommen.“
„Das hat ja nichts auf sich,“ erwiderte er ebenso kurz und fuhr mit einem Anflug von Ungeduld fort: „Nun also, Frau Gräfin, bitte--“
„Ich sprach neulich mit Ihnen über eine Geldsache, Herr Putz. Sie hatten die Güte, mir Ihren Rat zu erteilen, und ich fand bei näherer Überlegung, daß Sie recht hatten,“ begann Ange rücksichtsvoll. „Heute handelt es sich um Ähnliches, aber um etwas--“ Ange hielt mitten im Sprechen inne, erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und nahm ein Geldbriefkouvert heraus. „Sehen Sie, Herr Putz, das ist die letzte Geldsendung, welche ich am ersten Oktober empfing. Es sind Zinsen, die ich vierteljährlich erhalte. Ich komme bis Neujahr nicht aus--ich hatte viele unerwartete Ausgaben gerade in den letzten Tagen. Da wollte ich Sie nun freundlich bitten, Herr Putz, daß Sie die große Güte haben möchten, mir bis Januar mit einer Summe auszuhelfen.“
Ange hielt zaghaft inne und blickte den Mann an, der wie eine Brunnenfigur vor ihr saß und keine Miene verzog.
Er schielte auf das Kouvert, das Ange auf den Tisch gelegt hatte, sah nur zu genau, that aber, als ob er gleichgültig hinüberblinzele, und sagte dann kalt:
„Ja, ja, kann's mir wohl denken--würde auch wohl gefällig sein, Frau Gräfin. Ich will aber gleich bemerken, daß ich vor Neujahr auch sehr, sehr knapp bin. Ich erhalte Anfang Januar--gerade wie Sie--mein Geld, und jetzt, gegen Ende des Monats und um das Fest herum, ist's fast unmöglich! Wieviel brauchen Sie denn?“
Ange nannte eine beträchtlich geringere Summe, als sie vor diesen in einem so wenig ermunternden Tone gesprochenen Worten hatte erbitten wollen.
Putz schien nach einem festen Grundsatz zu handeln, denn er sagte ohne Besinnen einfallend:
„Ich bedauere, Ihnen nur die Hälfte vorschießen zu können, Frau Gräfin. Schon das macht mir sogar Ungelegenheiten. Wie gesagt--“
„Ah!“ machte Ange nur allzu enttäuscht. Was er ihr bot, war neben der Bestreitung dringendster Ausgaben kaum ausreichend für die nächsten acht Tage, und bis Weihnachten waren noch fast drei Wochen.
„Und wann gebrauchen Sie das Geld? Heute schon?“ nahm Putz das Wort und erhob sich, ohne Anges sichtliche Unruhe zu beachten.
Und wie immer der Ertrinkende nach dem Strohhalm greift, so griff auch Ange nach dem Geringen, das sich ihr bot, nahm dankend an, versprach die prompte Rückgabe im Januar und unterschrieb einen Schuldschein, den Putz sogleich ausfertigte.
Auch den Betrag erhielt sie sofort aus einer Brieftasche, die Putz in der Seitentasche seines Rockes bei sich führte. Er schien sich auf die Sache vorbereitet zu haben. Weshalb hatte sie ihn sprechen wollen? Doch sicherlich um Geld! Natürlich! Was er, ohne ihre Wünsche zu kennen, geben wollte, war schon vorher von ihm überlegt worden.
Während Ange und Putz noch einige Worte austauschten, erschien in der verbindenden Thür die schlanke Gestalt von Ben, der altes gehört hatte. Ein Ausdruck zorniger Erregung malte sich in seinen Zügen, aber auch Schmerz, Scham und Mitleid spiegelten sich auf dem Angesicht des stolz erhobenen Kopfes. Nun wandte sich Ange zurück, und der Knabe verschwand rasch, bevor sie seiner gewahr wurde.
Nach kaum acht Tagen hatte Ange freilich noch Feuerung im Hause, aber sonst lagen die Dinge ebenso, fast schlimmer als vordem. Von dem Drange getrieben, achselzuckenden Mienen vorzubeugen, machte sie der Nachbarschaft größere Abzahlungen, als sie ursprünglich vorgesehen hatte, und erfuhr dabei, was jeder täglich beobachten kann, daß Geld der fahnenflüchtigste Geselle ist, der je einem Kriegsherrn diente.
Aber nun kam das Weihnachtsfest immer näher, an dem sogar jeder Tagelöhner seinen Kindern eine Freude zu bereiten suchte. Ange hatte für die Kinder nichts eingekauft, aber diese arbeiteten eifrig und versteckt an Geschenken für sie und erinnerten sie dadurch immer von neuem, daß sie auch Überraschungen von ihr erwarteten.
Selbst Fred war fleißig mit Gummi und Radiermesser bei einer Zeichnung beschäftigt, geschickter allerdings mit diesen, als mit Bleifeder und Kreide. Er war einmal ein flüchtiger kleiner Geselle.
* * * * *
Es war einige Tage vor dem heiligen Feste und um die Abendzeit. Ein starker Schneefall hatte die Gegend in starre, bleiche Gewänder gefüllt. Von. Mondlicht umflossen, ragte die Wartburg wie ein von Geistern bewohntes Schloß unter den weißbedeckten Wäldern hervor. Ringsum in den Villen aber glitzerten hinter den Scheiben kleine unruhige Lichter, die seltsam, fast unheimlich abstachen gegen, die schweigsame, aller lebendigen Farben entkleidete Natur.
Es mochte gegen zehn Uhr abends sein, als ein großer kräftiger Mann, der sich soeben auf offener Landstraße von seinem ihn offenbar über Ort und Gelegenheit orientierenden Gefährten getrennt hatte, mit langsam schwerfälligen Bewegungen die Höhe hinaufstieg, auf der das Häuschen lag, welches Ange bewohnte. Je näher er seinem Ziele kam, desto bedächtiger wurden seine Schritte. Einigemal hielt er inne und schaute spähend um sich. Aber nirgends zeigte sich etwas Lebendiges: die Gegend war wie ausgestorben.
Endlich erreichte er das Haus, in welchem noch Licht war, klinkte leise eine kleine Pforte auf und wandte sich mit vorsichtigen Bewegungen rechtzeitig in den Garten. Vor dem nach diesem herausschauenden Fenster war kein Vorhang herabgelassen, es gestattete ungehinderten Einblick.
Der Mann--es war Teut--dämpfte seinen raschen Atem, blieb stehen und schaute lange und unverwandt ins Innere des Gemaches. Oftmals griff er sich in tiefer Bewegung an die Brust und einmal traten silberfunkelnde Tropfen der Rührung in seine Augen über das, was er erblickte.
Ange saß, das Gesicht ihm zugewandt, an dem Tisch, der mitten im Wohnzimmer stand, und betrachtete prüfend ein Kleidungsstück, das vor ihr auf dem Tische lag. Teut erkannte es als ein Militärbeinkleid, das Clairefort gehört haben mochte. Die bleiche Frau prüfte und maß, indem sie das kürzere Gewand eines der Knaben dagegen hielt.
Nachdem sie nach einigem Hin und Her zu einem Entschluß gelangt war, trennte sie die Nähte auseinander, breitete jeden Teil für sich aus, legte das Knabenbeinkleid darüber, schnitt mit vorsichtiger Hand das erstere danach zurecht und nähte dann die einzelnen Teile zusammen. Ohne auch nur ein einziges Mal aufzuschauen, saß sie über die Arbeit gebückt, und nur einmal ließ sie die Nadel ruhen, lehnte sich zurück, hob das neue Gewand empor und zupfte an dem Stoff.
Nun vermochte ihr Teut voll ins Angesicht zu schauen, und fiebernd flog es durch seine Brust, als ihr liebes, zärtliches und blasses Gesicht vor ihm aufstieg.
Einmal war's ihm, als ob sie seiner ansichtig geworden sei, denn plötzlich wandte sie mit verändertem, ängstlichem, gleichsam gebanntem Blick ihr Auge gegen das Fenster, hinter dem er lauschte. Er trat unwillkürlich zurück und spähte aus dem tieferen Dunkel ins Gemach.
Hatte sie ihn gesehen?--Nein! Vielleicht war's einer jener seltsamen Ahnungsschauer, die uns erfassen können, wenn auch diejenigen weit von uns sind, mit denen wir uns--in blitzartiger Erinnerung--beschäftigen.
Später stützte Ange den Kopf, starrte sinnend vor sich hin, griff dann nach einem Bleistift und machte sich auf einem Blättchen Papier allerlei Notizen. Offenbar beschäftigte sie sich mit ihren Kindern, vielleicht stellte sie noch einmal deren Wünsche für Weihnachten zusammen. Und dann begab sie sich abermals voll Eifer an die Arbeit, rührte fleißig die Hand und machte nur Pausen, um die Nähte mit dem Fingernagel nachzuglätten.
Wer sie heute so sah und einst gekannt hatte! Ein Gefühl heißer Rührung mußte emporsteigen und sich in Bewunderung verwandeln.
Einmal über das andere strich Teut in starker Erregung den Schnurrbart. Wie lange stand er nun schon da, und doch flog ihm die Zeit wie eilende Sekunden. Es waren lebhafte Gedanken, die ihn beschäftigten. Er sah, was vor sich ging, und sah's doch nicht; denn während er den Blick hineintauchte, gingen zahlreiche Gedanken durch seinen Kopf.
Und nun bewegte Ange in leisem Frost den Oberkörper und fuhr, die Nadel falten lassend, wiederholt über die sinkenden Lider. Sie starrte vor sich hin, sann und grübelte, bis endlich die Müdigkeit sie überwand und ihre Augen sich schlossen. Einmal blinzelte sie noch kämpfend auf, dann sank das Haupt tiefer und tiefer, und endlich saß sie regungslos da. Sie war eingeschlummert.
„Ange, Ange,“ murmelte der Mann in heftiger Bewegung, richtete noch einmal einen langen Blick auf die Schlummernde und verließ nun vorsichtig und fast erschreckt durch seine eigenen Schritte auf dem hartgefrorenen, knarrenden Erdboden den Ort, an welchem er gesehen, was eine stumme, aber so beredte Sprache geredet hatte.
* * * * *
Am folgenden Vormittage schlich Ange--sie hatte durch Zufall erfahren, wo sie gegen Pfand ein Darlehen erhalten konnte--mit zagendem Herzen ins Versatzamt und verschaffte sich das Geld, dessen sie so dringend benötigt war. Sie hatte unter anderem ihre goldene Uhr--ein kostbares Stück--hingegeben und befand sich durch den dafür erhaltenen hohen Betrag sogar in der Lage, ihrem Nachbar die vorgeschossene Summe zurückzahlen zu können. Sein zögernd gewährter Dienst brannte ihr wie Feuer auf der Seele, und sie fand keine Ruhe, bis sie die Summe in seine Hände zurückgelegt hatte.
„Wer seine Schulden bezahlt, verbessert sein Vermögen,“ sagte Putz, ohne eine Befremdung über den früher innegehaltenen Termin an den Tag zu legen, und entließ auch Ange ohne Nachfrage oder Angebot für andere Fälle.
An demselben Nachmittag machte Ange sich auf den Weg, um Einkäufe zu machen, und Ben, der ihr Helfer und Vertrauter in allen Dingen geworden war, mußte sie begleiten. Als sie ziemlich wortkarg neben ihm herschritt, schmiegte er sich zärtlich an sie, und als sie ihm seine Besorgnisse durch eine fröhliche Miene zu nehmen suchte, sah er sie mit seinen tiefen Augen an und drückte ihren Arm fester, den sie gefaßt hatte, als sei er ihr kleiner Kavalier.
Als Ange unterwegs noch einmal alles überrechnete und mit einem: „Du armer Kerl wirst wenig oder nichts erhalten!“ bedauernde Worte gegen ihren Liebling fallen ließ, sagte der Knabe:
„Ich will gar nichts, ich brauche nichts, Mama!“
„Du bekommst auch wirklich nichts, mein lieber Junge, sei ohne Furcht!“ betätigte sie mitleidig. „Was ich Dir zugedacht habe, ist etwas, das Du dringend nötig hast und was ich Dir gern besser gegönnt hätte!“
Am nächsten, dem letzten Abend vor dem Feste, wollten Ange und Ben den Baum ausputzen. Heute saß sie noch mit fleißiger Hand und arbeitete an einem wollenen Halstuch für Jorinde, der es besser ging, die aber geschont und vor kalter Luft in acht genommen werden mußte.
Anges Gesicht war etwas fröhlicher; ein stiller, sanfter Zug lag in ihren dienen. Was sie erreicht hatte, erfüllte sie wenigstens vorübergehend mit einer glücklichen Befriedigung, und nur eins drängte sich schwermütig in ihre Gedanken: daß das Fest ohne Tibet gefeiert werden müsse. Sie gedachte auch Carlos', ihres Mannes, aber vornehmlich trat Teut in ihre Gedanken. Sie seufzte tief auf. Eine verzehrende Sehnsucht erfaßte sie nach ihm. Sie verlangte nach seiner festen Stimme, nach seinem Blick, nach seiner Teilnahme, nach seiner--Liebe.
Ange sah nach der Uhr. Es schlug gerade zehn. Noch wollte sie aufbleiben, länger als gestern, wo sie zu ihrem Leidwesen dem Schlaf erlegen war.
Und gerade in diesem Augenblick vernahm sie draußen ein Geräusch an der Thür, und im nächsten wurde auch die Klingel gezogen. Überrascht, erschreckt wandte sie den Blick ins Freie. Das Mädchen war schon zur Ruhe gegangen, die Kinder schliefen. Sie begriff nicht, wer noch so spät Einlaß begehren könne.
Statt auf den Flur zu gehen, trat sie ans Fenster und spähte behutsam hinaus. Aber wie von einem Blitz getroffen fuhr sie zurück, denn als sie den Vorhang verschob, sah sie unmittelbar neben der Mauer einen Mann, von dessen Gestalt sie nur die Umrisse zu erkennen vermochte, dessen Züge ihr aber in der Dunkelheit verschleiert blieben. Einen Augenblick! Dann faßte sie sich, drückte, ihre Erregung zu dämpfen, die Hand aufs Herz und fragte kurz mit künstlicher Fassung: „Wer ist da und was wird gewünscht?“
„Liebe Gräfin! Liebe Freundin! Ich bin's, Teut! Erschrecken Sie nicht! Soeben bin ich angekommen. Ich muß Sie durchaus sprechen. Bitte, öffnen Sie. Verzeihen Sie dieses späte Eindringen.“
Teut--so plötzlich--ohne Anzeige--in später Nacht?--Ange verlor den Atem, fast die Besinnung. Es war seine Stimme, dieselbe Stimme, die sie so lange nicht gehört und bei deren Klang ihr Herz zu zerspringen drohte.
Noch einmal schaute sie hinaus, dann überwog ihr ahnendes Gefühl Bedenken und Furcht. Mit einem leisen, zitternden: „Ich komme--ich mache auf!“ trat sie hinaus und öffnete.
Ja, es war Teut! Mit einem unterdrückten Schrei, totenblaß--und als er nun auf sie zutrat und ihre Hand ergriff--mit dem brennenden Rot der Erregung übergossen, stand sie da und war keines Wortes mächtig. Aber als sie nun das Zimmer erreicht hatten, als das Licht über seine Züge fiel, als die hohe, kräftige Gestalt vor ihr auftauchte, als dieser ernste und doch so gütige Blick aus seinen Augen sie traf, da folgte sie der unwillkürlichen Bewegung seiner Hände, trat zu ihm heran und lag plötzlich sanft weinend an seiner Brust.
Einige Augenblicke verharrten die beiden Menschen in jener stummen, inneren Bewegung, in der jeder Gedanke hinabtaucht in eine einzige Empfindung und in der Worte zu Thränen werden.
Dann aber faßte er sie und lehnte sie sanft in einen Stuhl, beugte sich über sie und schaute ihr lange in die Augen.
„Das alles konnten Sie thun und ganz vergessen, daß Axel von Teut nur einen Lebenszweck auf dieser Welt hatte: Sie glücklich zu machen? Aber ich komme nicht, zu hadern, sondern Ihnen zu sagen, daß ich meiner Unruhe nicht mehr Herr wurde und meine fiebernden Gedanken sich zusammendrängten in dem einzigen Wunsche: Sie endlich wiederzusehen! Und nun hören Sie mich an und unterbrechen Sie mich nicht. Wollen Sie?“
Leise zustimmend bewegte Ange das Haupt.
„Nehmen, lesen Sie zuvörderst, um Ihnen den Anlaß meines plötzlichen Kommens zu erklären,“ fuhr Teut fort und entfaltete einen Brief. „Oder nein! Lassen Sie mich,“ unterbrach er sich und begann, Anges Zustimmung durch einen sanften Blick einholend:
„Lieber Onkel Axel!“ Ange horchte erschreckt auf bei dieser Einleitung. Eine Ahnung des Zusammenhanges stieg in ihr empor und wurde schon zur halben Gewißheit.
„Sei nicht böse, wenn ich Dir heute schreibe. Nicht einmal genau weiß ich Deine Adresse. Ich habe in der letzten Zeit so viel geweint um meine Mama und kann nicht mehr ansehen, daß sie so traurig ist. Lieber Onkel Axel! Mama hat so viele Sorgen; ganz gewiß. Tibet ist nicht mehr bei uns. Ich weiß weshalb. Wenn Du kommst, erzähle ich Dir alles. Und Du wirst kommen, bald, bald, wenn ich Dich bitte. Nicht wahr, lieber Onkel? Gewiß würde ich Dir dies nicht schreiben, aber ich muß es thun. Schreibe mir, bitte, und adressiere an meinen Schulkameraden, den Tertianer Carl von Trock in Eisenach. Er wird mir den Brief geben. Niemals aber darf Mama von meinem Brief an Dich wissen. Du sagst es ihr nicht? Bitte, lieber Onkel! Und nun grüßt Dich Dein Dich liebender
Benno von Clairefort.
Begreifen Sie jetzt, liebe Freundin? Gewiß, Sie verstehen, und ich habe nun endlich erreicht, wonach ich verlangt habe seit Carlos' Tode, was mein Recht war, aus einer Zusammengehörigkeit zwischen uns, wie menschliche Beziehungen sie kaum wieder aufzuweisen haben. Lassen Sie mich von vorn beginnen, damit ich Ihnen erkläre, wie alles sich so gestalten mußte. Lassen Sie mich auch deshalb zurückgreifen, um Ihnen zu beweisen, daß es nichts gegeben hat, was ich in Ihrer Handlungsweise nicht verstand, nicht ehrte.“ Und mit bewegter Stimme rief er das Geschehene in ihr Gedächtnis zurück.
„O, wehren Sie mir nicht!“ sagte er, als er ihre Erschütterung sah. „Weinen Sie nicht! Sind es noch Thränen des Zorns oder Thränen der Versöhnung? Ist's gar--darf ich es hoffen?--ein Beweis, daß ich Ihnen in diesem Augenblick die Genugthuung gab, nach der Sie verlangten? Ja, Frau Ange?--Ich danke Ihnen.--Und nun hören Sie weiter!“
Teut machte eine kurze Pause, und dann sagte er, behutsam seine Worte abwägend und mit einer Zartheit, wie sie nur ihm eigen:
„Ich habe mir folgendes gedacht, liebe Frau Ange: Sie überlegen, ob wir nicht an einem Orte gemeinsam wohnen können und uns--als alte Freunde--täglich sehen; ja, durch unseren Verkehr uns das Glück verschaffen, was uns neben dem Wohlergehen Ihrer Kinder noch auf Erden beschieden sein kann. Wenn ich sage ‚uns‘, so verzeihen Sie dieses Wort; ich hätte nur von mir sprechen sollen. Ich habe keinen anderen Wunsch, als in Ihrer Nähe zu leben und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen zugethan bin. Fürchten Sie keine aufdringliche Freundschaft, Ange, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihre Ansichten und Absichten ehren werde wie ein Gottesgebot. Stimmen Sie zu! Ist es nicht thöricht, daß wir, die wir schon zueinander gehörten, als wir uns zum erstenmal begegneten, uns voneinander abschließen wie Feinde? Sind wir nicht Freunde? Gingen Sie, wenn auch begreiflicherweise bei den furchtbaren Gegensätzen Ihres Lebens--nicht zu--weit, nicht zu sehr ins Extrem? Ist es nicht auch eine Größe, nehmen zu können? Mißverstehen Sie mich nicht! Wenn ich sprach, wünschte ich nur von den natürlichen Rechten der Freundschaft ein Wort fallen zu lassen; nicht einen Vorwurf wollte ich Ihnen machen, liebe Freundin. Mich zu entschuldigen wünschte ich. Ich ließ mich hinreißen von dem unbeschreiblichen Glück, das den Geber durchdringt--ich fehlte; aber Sie gaben nicht einen Finger, um mir dieses Glück zu gönnen.--Ich habe nichts mehr zu sagen.--Nun, liebe Frau Ange, was meinen Sie?“
Er stand auf und faßte ihre beiden Hände, er suchte ihre verschleierten Augen und drängte sich mit seiner Seele zu der ihrigen. Und als dann plötzlich so viele Tropfen unter ihren Wimpern zuckten, da wußte er, daß sie vergeben hatte, daß alles zwischen ihnen war wie ehedem.
* * * * *
Bevor Teut sich an dem eben geschilderten Abend von Ange trennte, erwirkte er auch Verzeihung für Tibet, der seit seiner Trennung von Ange bei ihm in Eder sich aufgehalten und ihn auch nach Eisenach begleitet hatte.