Eine vornehme Frau

Chapter 15

Chapter 153,702 wordsPublic domain

Nun ging's abermals ans Rechnen, aber die Zahlen waren wenig biegsam und trotzten allem Beschönigen. Und mit diesem Unvorhergesehenen war's nicht einmal am Ende! Wenn--wenn--Krankheit kam? Arzt, Apotheker--das Vielerlei, was zu einer sorgfältigen Pflege gehört! Ange sann und plante. Wo konnte noch gespart werden? Gab's nicht einen Posten, der überflüssig erschien?--Nein, nein!--Und wenn sie nun selbst krank ward, wenn sie gar--Was wurde aus den Kindern? Konnte sie nicht sterben? War's nicht erste, vornehmste Pflicht, an diesen Fall zu denken? Mußte sie nicht ihr Leben versichern?--Aber woher nehmen? Da fiel's wieder wie Regenschauer auf ihre Seele, da raunte ihr eine fürchterlich nüchterne Stimme zu, daß selbst der beste, ehrlichste Anfang doch nur ein schlechtes Ende haben könne. Sie vermochte mit ihrem kleinen Zinskapital nicht alles zu bestreiten. Es war unmöglich, unmöglich!

Aber Ange erstarkte in ihrem Pflichtgefühl und in ihrer Liebe zu den Kindern und beschloß zu handeln. Sie schrieb an den Direktor des Gymnasiums und bat um Nachlaß des Schulgeldes, indem sie begründete, worauf sie schon einmal hingedeutet hatte. Wegen einer Ermäßigung der Steuern befragte sie an einem der kommenden Tage ihren Nachbar um Rat. Sie empfand keine Scham dabei, während sie doch ehedem schon gezittert hatte, ihr Diener könne bemerken, daß ihr das Geld zur Reise fehle. Sie schüttelte verwundert den Kopf, als sie dieser Zeit gedachte; ja, sie begriff heute nicht, daß ihr das Eingeständnis ihrer bedrängten Lage jemals schwer geworden sei.

Und nun begann in der Folge der wirkliche Lebenskampf. Welche Auseinandersetzungen mit den Kindern, wenn sie nach alter Gewohnheit irgend etwas begehrten, das ihnen die Laune eingab!

„Nein, nein!“ sagte Ange.

„Weshalb nicht, Mama?“

„Weil ich es nicht will; weil es überflüssig ist.“

Die kleine Ange, bisher ohne eine Entbehrung, schielte dann wohl zum Einholen eines beipflichtenden Lächelns wegen dieser unerwarteten Worte zu den älteren Geschwistern hinüber. Aber sie fand kein Echo für ihren kindlichen Unverstand. Jene fühlten mit ihrem Instinkt, daß die Sache durchaus nichts Komisches habe.

* * * * *

Das erste, was Ange nach Tibets Fortgang überlegte und in der Folge auch zur Ausführung brachte, war eine noch strengere Tageseinteilung als bisher. Sie stand in aller Frühe auf und sorgte, daß die Kinder Frühstück erhielten und in die Schule gelangten.

Während die Magd Einkäufe machte und nach diesen an die Vorbereitung für das Mittagessen ging, besorgte Ange die übrige Hausarbeit.

Gleich nach Tisch begannen die Arbeitsstunden für die Kinder. Ange suchte den Knaben sowohl behilflich zu sein wie den Mädchen und gab den letzteren auch täglich den von Tibet erwähnten Musikunterricht.

Wenn die Witterung es erlaubte, ward ein gemeinsamer Spaziergang unternommen, und den Rest des Tages beschäftigte sich Ange mit dem Vielerlei, was zu einer Wirtschaft gehört: dem Ausbessern der Kleider, mit Handarbeit und ihrem kleinen Rechnungswesen.

Alle ihre Gedanken waren auf die Kinder gerichtet. Aus den Schulbibliotheken wurden Bücher herbeigeholt, und abwechselnd las eines der Kinder abends vor. Die sich daran knüpfenden Fragen beantwortete Ange nach bestem Können, und wenn dieses nicht ausreichte, griff sie zu Hilfsmitteln, die sich unter Carlos' Nachlaß befanden, und saß dann--ein Kind unter Kindern--und suchte auch sich neugierig zu belehren.

Jeden Wunsch, der in ihren Lieblingen aufstieg, hörte sie an, und überlegte vorher, ob er erfüllbar sei. Sie hatte sich zum Grundsatz gemacht, nie gleich ja zu sagen, sondern sich erst Bedenkzeit auszubitten. Wenn sie dann--wie meistens--eine abschlägige Antwort erteilte, begann wohl ein: „Warum nicht, Mama? Bitte!“ und ein Betteln und Drängen, dem sie nur schwer zu widerstehen vermochte. Die Kinder hatten so viele Grunde wie draußen Blüten auf den Bäumen, und wo diese fehlten, schmeichelten sie und machten Angriffe auf Anges schwaches Herz. Aber sie blieb fest, wenn es auch heiß in ihrem Inneren aufstieg. Ben stand ihr stets zur Seite und wehrte die übrigen ab. Er hatte viel Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Carlitos. Der Knabe war voll Herzensgüte, er besaß Charakter, und für seine Jahre überraschte er durch die Reise seines Urteils und das Gesetzte seines Wesens. Dabei war er voll Aufopferung für seine Mutter, die er zärtlich liebte. Sobald es ihr galt, war ihm keine Arbeit zu schlecht oder zu schwer; wenn keiner Zeit hatte--er hatte sie stets. Er half ihr, selbst bei Küchenarbeit, und lief fort, wenn etwas rasch besorgt werden mußte.

Der Knabe fühlte nicht mehr instinktiv, sondern war sich bewußt, wie die Dinge lagen, und sein Herz trieb ihn, seiner Mutter die täglichen Beschwerden zu erleichtern.

Das alles aber trat nur zum Vorschein im Hause. Draußen war der Knabe ein völlig anderer. Vor allen übrigen besaß er einen brennenden Ehrgeiz. Jeden Tag berichtete er, was in der Schule geschehen, wie ihm Recht oder Unrecht geworden, und er überlegte, wie er es anzufangen habe, auf den Sprossen seiner Sturmleiter weiter emporzusteigen.

Und alles stand ihm gut; er konnte nicht anders sein, wie er war. Wenn aber einmal ein Lächeln über sein hübsches Gesicht glitt oder gar seine Augen tiefere Empfindungen widerspiegelten, dann war der so schön, daß er einem Maler hätte Modell stehen können.

„Wie heißt Du?“

„Graf Benno von Clairefort.“

Nie nannte er sich anders, aber seltsamerweise rief dies selbst bei Erwachsenen kein Lächeln hervor.

* * * * *

Bisweilen schien Ange altes, was früher gewesen, wie ein Traum, und in diesem Bilde ihrer Vorstellungen tauchte immer von neuem Teut auf. Wer ihr einstmals gesagt hätte, sie werde ihn ängstlich fliehen, und deshalb fliehen, weil er Wort gehalten in allem, was er ihr damals in besseren Tagen im Walde versprochen, und welches doch das Höchste war, was ein Mensch dem anderen gewähren konnte--den würde sie einen unverständigen Thoren gescholten haben. Und doch war's kein Traumbild. Sie war heute vielleicht von ihm getrennt--fürs ganze Leben! Würde er, nach der bisherigen Beurteilung ihrer Person, ihre Haltung nicht als eine Weiberlaune deuten? Sie sah ihn vor sich--das überlegene Lächeln umspielte seinen Mund, er schüttelte über solche Kindereien den Kopf. Hatte er gar recht?

Und dann kam's wieder über sie eines Tages in dem grübelnden Suchen nach dem Rechten, in der ängstlichen Besorgnis, den verletzt zu haben, dem sie so viel verdankte und der nun stumm blieb, als ob er unter die Toten gegangen.

Sie beschloß, ihm zu schreiben und ihren Standpunkt zu verteidigen. Aber mitten darin hielt sie wieder inne.

Was sie auch schrieb, sie konnte seine Gedanken nicht beeinflussen. Vielleicht betrachtete er den Inhalt ihres Briefes nur als Vorwand ihrer veränderten Gesinnung. Und war's nicht auch begreiflich, natürlich, daß sich nun auch sein Stolz regte? War er einer von denen, die sich anderen zudringlich nähern? Nein! Und da er ihr nicht mit denselben Gefühlen gegenüberstand--sie wußte es nun aus Tibets Munde--, hatte er ihr Andenken vielleicht ausgelöscht--ausgelöscht für immer?

Und nun sollte sie das erste Wort geben, in ihm den Eindruck hervorrufen, endlich sei sie durch Lebensnot und Sorge, gedrängt auch von ihrer alten Natur, doch gekommen und habe erbeten, was sie einst so schroff zurückgewiesen? Nimmermehr! Vorbei war's mit all den Hoffnungen, die sich an frühere Zeiten knüpften! Es gab nur einen Lichtstrahl: das Glück der Kinder, und in diesem allein mußte sie ihr eigenes suchen. Somit unterblieb das Schreiben.

Aus dem schwankenden Herbst schritt allmählich der Winter mit rücksichtslosen Schritten hervor, stäubte, des Widerstandes nicht achtend und seines Rechtes sicher, mit Schneewirbeln über die Landschaft und schlug die ganze Natur in seine weißen Decken ein.

Aber mit dem Winter traten auch die Sorgen wie weiße Gespenster an Ange heran. Als sie von ihrem Bankhause die Quartalszinsen erhielt und einen Überschlag machte, was noch zu bezahlen und was nötig war, bis das neue Jahr erschien, sah sie, daß ihr jetzt schon fast nichts mehr blieb. Ange hatte trotz äußerster Sparsamkeit kleine Schulden machen müssen, und die von Tibet gemeldete erschrecklich hohe Summe, welche Teut in dem ersten halben Jahre zu ihrem Haushalt beigesteuert hatte, ragte noch drohend über dem übrigen empor. Gerade diese zu tilgen, beschäftigte immer aufs neue, zulegt fast ausschließlich Anges Gedanken. Schon machte sie sich Vorwürfe, daß sie nicht früher abgezahlt hatte. Teut triumphierte vielleicht, daß sie so eilfertig und trotzig darnach begehrt--und nun doch alles still war.

Sie beschloß--es war ein falscher Entschluß--ihren Nachbar, einen kleinen, mit einer Haushälterin lebenden Kapitalisten--um eine größere Summe darlehnsweise zu bitten und solche Teut sogleich einzusenden.

Als sie schon auf dem Wege war, flüsterte ihr eine besonnene Stimme zu, daß ein einziges Goldstück als Abtrag genügen werde, um sich vor sich selbst und vor Teut zu rechtfertigen. Aber mit leiser Eitelkeit vermischter Stolz überwog, was bessere Einsicht ihr zurannte, und sie zog die Klingel und betrat das Haus.

Es giebt Wohnungen, denen eine kalte Luft entströmt, selbst zur Sommerszeit. Frostiges Selbstbehagen, das einen engen, abwehrenden Kreis um sich zieht, die übrige Welt nur sieht, sie nur anhört und sich nur mit ihr beschäftigt, sofern diese keinerlei Ansprüche erhebt, durchdringt die Bewohner und wirkt so erkaltend, daß es sich selbst den toten Dingen mitzuteilen scheint.

Als Ange den Flur beschritt, überfiel sie jene Zaghaftigkeit, welche fast immer den allzu raschen Vorstellungen unserer Phantasie zu folgen pflegt.

Auf dem großen Flur standen zwei in peinlicher Sauberkeit gehaltene, in Eichenholzfarbe gemalte Schränke, die den Eintretenden schon kalt anstarrten. Und sonst nichts ringsum: kein Spiegel, keine Stühle, keine Kleiderhaken, keine Uhr. Was eine rasche Hand etwa stehlen konnte, war weislich entfernt. Ein kalter, übersauberer, abgeschlossener Raum, in dem die Klingel impertinent laut nachtönte! Nun klopfte Ange.

„Ah, Frau Gräfin!“ sagte die Gesellschafterin artig. Es war eine alte Dame in einem einfachen dunklen Kleide und mit einer weißen Mütze auf dem Kopf. „Bitte, Herr Putz ist zugegen.“

Putz hatte nichts in der Welt zu thun; er schwatzte überaus gern, sprach eigentlich nur von sich und stand trotz seines Egoismus und der Langenweile, die er ausströmte--lediglich im Raterteilen war er ein Verschwender--unter dem Eindruck, der Verkehr und Umgang mit ihm sei für andere ein ungewöhnlicher Vorzug. Daß er nur seinen Neigungen dabei folgte, lediglich sich selbst die Zeit vertrieb, und daß durch den Verkehr irgend eine Gegenseitigkeit erwachse, diese Gedanken kamen nie in seinen Kopf.

Während Ange sich umschaute, hatte sie beim Anblick der Personen und der altbekannten Dinge plötzlich die Überzeugung, ihre Bitte werde ihr abgeschlagen werden. War's doch Putz, den sie bereits in ihre Verhältnisse einen Einblick hatte thun lassen, indem sie ihn um Auskunft wegen Ermäßigung der Steuern gebeten. Es war ihr unfaßlich, daß sie das nicht vorher bedacht, und sie schalt ihren Mangel an Überlegung nun, da es zu spät war.

Ange fand übrigens nicht so rasch Gelegenheit dem Alten vorzutragen, was sie beschäftigte. Die Gesellschafterin war ein unliebsamer Zeuge, und selbst, als diese einmal fortging, fand sich kein Anknüpfungspunkt.

So wurden denn gleichgültige Gesprächsgegenstände berührt, und Ange empfand doppeltes Unbehagen an der Unterhaltung, da sie ihre Absicht nicht auszuführen vermochte.

Plötzlich sagte Putz: „Nun, haben Sie Nachricht von der Steuerbehörde, Frau Gräfin? Ich wollte schon immer fragen.“

Ange bejahte. Sie berichtete, daß man sie aufgefordert habe, ihre Anträge nachweislich zu belegen, und daß dann eine nochmalige Prüfung stattfinden solle. Vorläufig müsse die Summe gezahlt werden, zu der sie eingeschätzt sei.

„Ganz recht, ganz recht! So, so!“ sagte der Alte, und nach kurzer Pause fuhr er fort: „Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, Frau Gräfin--recht gern, mit größtem Vergnügen!“

Die Gesellschafterin war noch nicht zurückgekehrt. Diese freundlichen Worte ermutigten Ange. Nun, so konnte es denn sein! Plötzlich war sie wieder voller Hoffnungen.

„Ich danke Ihnen sehr, Herr Putz. Ich wollte auch noch in einer anderen Sache Ihren Rat oder vielmehr Ihre Hilfe erbitten.“

„Bitte, bitte, Frau Gräfin!“ Der Alte war immer neugierig. Das Gespräch hatte schon etwas geschleppt, nun ward es wieder anziehend.

„Also, Herr Nachbar, ich möchte Sie fragen, ob Sie mir wohl zwölfhundert Mark würden leihen wollen, die ich nach und nach abzahlen könnte. Ich, ich--“ Ange stockte.

„Bitte, Frau Gräfin!“ Putz wollte alles hören. Es fiel ihm nicht ein, auf dergleichen Dinge einzugehen, aber hören wollte er. Anges Vertrauen wuchs.

„Ich habe,“ fuhr sie geläufiger fort, „eine einzige alte Schuld, die mich zwar nicht drückt, durchaus nicht drückt--ich meine, derentwegen ich nicht gedrängt werde, die ich aber aus anderen Gründen--“

„Hm, ich begreife,“ sagte Putz. Und als Ange nicht gleich fortfuhr, fügte er, seine Neugierde nur schlecht unterdrückend, hinzu: „Von einem Verwandten wahrscheinlich?“

„Nein, nicht von einem Verwandten; ich habe überhaupt nicht einen einzigen Verwandten auf der Welt, weder von seiten meiner Eltern noch von seiten meines Gatten.“ Wie unvorsichtig war diese Offenherzigkeit! Ange sah es ein--zu spät. Ihr war plötzlich, als ob sie Olga von Ink gegenübersäße, und all ihre Hoffnungen sanken in einen tiefen Brunnen. „Ich habe das Geld von--von--“ Nun stand Ange sogar vor dem Namen; sie sollte vor diesem Menschen Teuts Namen aussprechen! Wohin war sie geraten! Sie suchte und griff in ihrer Ratlosigkeit zu einer Unwahrheit, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, wo es sich um ernste Dinge handelte. „Von Herrn Tibet,“ platzte sie heraus.

„Ah so!“ sagte Putz, offenbar aufs höchste überrascht, und zog die Augenbrauen über die listigen Augen. „Von Herrn Tibet? Er ist fort, nicht wahr? Kehrt er überhaupt nicht zu Ihnen zurück?“

Ange bereute, was sie gesagt; wie bereute sie überhaupt jetzt, daß sie gesprochen! Es wurde ihr klar, daß der Mann nur seine Neugierde befriedigen wolle und daß der Gegenstand ihn nicht im geringsten interessiere.

Sie war nun auf demselben Punkt angelangt, von dem sie in richtiger Erkenntnis ausgegangen. Sie hatte endlich wirklich die Enttäuschung, nach der sie verlangt hatte.

„Nein, er kehrt nicht zurück,“ sagte sie kurz abweisend. „Aber, um wieder auf die Sache zu kommen: wie ist es, Herr Putz, würden Sie mir die Hand bieten?“

Auskosten mußte Ange die Enttäuschung bis auf den Grund.

„Ich kann nicht, Frau Gräfin, mit dem besten Willen kann ich nicht! Aber--Sie gestatten, daß ich ein freundschaftliches Wort hinzufüge und meine Ansicht ausspreche. So sehr ich begreife, daß man seinem Dienstboten kein Geld schuldig bleiben möchte--“

Ange unterbrach den Sprechenden und sagte stolz: „Sie gebrauchten den Ausdruck Dienstbote! Das ist durchaus nicht zutreffend! Tibet war der Sekretär und Bevollmächtigte meines Gatten und zugleich Haushofmeister in unserem früheren großen Hauswesen. Er folgte mir aus Freundschaft, nachdem meine Lage sich verändert hatte.“

„Ah, ah, ganz wohl! Dann steht die Sache ja sehr günstig. Erlauben Sie einem erfahrenen Mann, Frau Gräfin! Selbst wenn ich Ihnen dienen könnte, würde ich mir den Vorschlag erlauben, daß Sie dort Stundung erbitten und lieber den alten Gläubiger behalten, trotz etwaiger Peinlichkeiten. Geld ist Geld! Wer's giebt, will Sicherheit, und--und--“

„Sie haben recht!“ fiel Ange fast übereilig ein. „Sprechen wir nicht weiter davon! Nur eins zu meiner Rechtfertigung! Ich ging davon aus, daß es Ihnen nicht unbequem sein werde, und da völlige Sicherheit in meiner Person liegt--“

„Natürlich, natürlich, Frau Gräfin! Ich würde Ihnen das Geld auf bloßen Schuldschein geben--selbstverständlich!“

* * * * *

Nachdem vier Wochen vergangen waren, fand sich Ange fast völlig von Geld entblößt, und sie sann und sann, auf welche Weise sie sich helfen könne. Auch der Nachbar kam ihr wieder in den Sinn. Gewiß, wenn sie nicht ihrer thörichten Eingebung gefolgt wäre--von ihm hätte sie eine kleine Aushilfssumme bereitwillig erhalten. Ob er sie jetzt noch geben würde? Vielleicht! Aber die Scham überwog den Drang der Not, und sie gab den Gedanken auf.

Einmal überlegte sie auch, an das Bankhaus zu schreiben und um einen Vorschuß auf das Januarquartalsgeld zu bitten. Daß dergleichen von ihr versucht werden könne, war ihr bisher nicht einmal in den Sinn gekommen. Nun weckte die Sorge praktische Gedanken. Aber auch diesen Plan ließ sie wieder fallen.

Der Jahresanfang erforderte so viel, daß sie schon nicht wußte, wie auskommen. Schaffte sie jetzt Hilfe, so entbehrte sie in der Folge. Das war nur ein schwacher Notbehelf, und vielleicht gelang's nicht einmal, und sie bereute später den Schritt.

Mit einemmal türmte sich wieder vor ihr auf, wie schwer, wie ganz unmöglich es sein werde, mit ihren geringen Mitteln auszukommen, und zu dieser Einsicht schlich sich ein anderer Gedanke, der sie so ängstlich peinigte, daß ihr die Röte in die Wangen stieg. Hatte sie überhaupt ein Recht gehabt, ihren Nachbar um Geld in solcher Höhe anzugehen? War's nicht leichtsinnig gewesen und mußte sie sich nicht schämen, daß sie so stolz auf ihre Person als Sicherheit hingewiesen hatte?--

Eines Abends machte sich Ben, nachdem die übrigen Kinder bereits zur Ruhe gegangen waren, im Wohnzimmer zu thun. Ange nähte an der kleinen Ange Schulmappe, an der ein Riemen sich gelöst hatte. Die Nadel war zu fein, es ward ihr schwer.

Plötzlich setzte sich der Knabe ihr gegenüber, blieb einen Augenblick stumm und begann dann mit einem eigentümlichen Ton in der Stimme:

„Du, Mama, weshalb ist eigentlich Tibet fortgegangen? Du erzähltest neulich, ihr hättet ein Zerwürfnis gehabt; war es etwas--etwas mit Geld?“

Ange neigte den Kopf; dann sagte sie: „Ja, ja, Ben, das verstehst Du nicht.“

„Doch, Mama. Wollte er Geld von Dir haben und konntest Du es ihm nicht geben?“

„Nein, Ben, es war umgekehrt.“

„Umgekehrt--wie? Wolltest Du Geld von ihm--“

„Du verstehst falsch, Ben. Er wollte--er gab mir Geld--das heißt--Nein, das ist auch nicht richtig. Ich weigerte mich, von ihm--etwas anzunehmen, und deshalb--“

Des Knaben Pupillen erweiterten sich, und es jagte über sein Gesicht.

„Er wollte Dir Geld geben, und weil Du es nicht nehmen wolltest, ging Tibet fort?“

„Nein, Ben, ich hieß ihn gehen. Aber ich wiederhole, daß ich Dir das nicht erzählen, nicht erklären kann.“

„Doch, Mama!“ sagte Ben fest. „Erzähle mir alles, bitte. Ich bin nicht mehr ruhig, wenn ich nicht alles weiß. War Papa nicht sehr reich? Hat er all sein Geld verloren?“

Ange nickte.

„Hat Tibet damit zu thun?“

„Nein, Ben. Papa war allerdings sehr reich, verlor aber sein Geld in dem Bestreben, es für Euch noch zu vermehren. Als er starb, war nichts mehr da.“

„Nichts? Das war unrecht. Das war--“ Der Knabe unterbrach und bezwang sich. „Ah, und nun wollte Tibet Dir helfen, und Du wolltest nichts nehmen, und--“

„Ja, ja, so ähnlich war es, mein lieber Junge. Aber noch einmal: Du vermagst den inneren Zusammenhang nicht zu verstehen, frage mich nicht weiter.“

„Er meinte es doch aber gut, Mama!“

Ange senkte den Kopf.

„Bist Du ihm böse? Werdet Ihr Euch nicht wieder vertragen?“

„Ich weiß es nicht, mein guter Ben. Ich glaube es nicht--“

„Und weshalb? Nur, weil--“

Abermals bewegte Ange sanft zustimmend das Haupt.

„O, hab ich Dich lieb!“ stieß der Knabe hervor und umhalste seine Mutter. „Wenn ich doch erst groß wäre und--und--“

Kraft und Eroberungslust blitzten in seinen Augen. Wenn's an ihm gelegen hätte, er würde seine liebe Mama auf die Arme genommen und durch das Gewühl der Welt getragen haben.

Als sie ihn nach einer zärtlichen Umarmung entließ und er schon mit einem „Gute Nacht!“ in der Thür stand, überflog sein Auge noch einmal ihre Gestalt. Er kehrte zurück, umfaßte sie stürmisch und flüsterte:

„Bitte, arbeite nicht zu lange. Ich schlafe nicht ein, bevor Du zu Bett gehst. Ja, Mama?“

Welche heiße Liebe blitzte aus beider Augen! Nun schlüpfte er fort und suchte sein Lager auf.

* * * * *

Das war ein Winter. Seit Tagen lag ein starrer, unbeweglicher Schnee auf der Landschaft, und die Luft trug jenes liebeleere Grau, bei dessen Anblick uns schon fröstelt und schaudert. Dazu kam ein rücksichtsloser, Mark und Bein durchkältender Ostwind, der seinen Hauch durch die festverschlossenen Thüren jagte und aller Abwehr in den Häusern Widerstand entgegensetzte.

Die Kinder kamen mittags, von Frost und Kälte geschüttelt, nach Hause, und da die in dem oberen Teil der Villa gelegenen Schlafgemächer nicht geheizt wurden, war morgens das Wasser in den Krügen kegelspitz gefroren, und nur ein Fingernagel vermochte die Arabesken des Eises zu durchdringen, mit dem die Fenster beschlagen waren.

Die Feuerung war schon wieder verbraucht. Die Magd meldete, daß sie die letzten Körbe vom Boden herabgeholt habe. Fred kam nach Hause und hatte sich auf dem Eise beschädigt. Die Beinkleider waren auf dem Knie geplatzt, und Ange schalt und suchte unter dem Vorrat nach anderen. Was aber der Knabe an Garderobe besaß, war zu leicht, und so mußte Ange nach dem Schneider senden, um sie ausbessern zu lassen, da sie solche Arbeit nicht verstand. Das war am Ende nichts, aber oft sind's eher die kleinen Verdrießlichkeiten, die uns das Leben erschweren, als die großen.

Über Ernas Winterhut hatten die Mädchen in der Schule allerlei Spott getrieben. Der gehöre wohl ihrer Mama oder sei aus einer Komödiantengarderobe? so berichtete sie aufgeregt. „Freue Dich, daß Du einen Hut hast, mein Kind: er ist heil und sauber. Laß die Kinder reden.“

Aber wenn Ange dies auch sagte, schnitt es ihr doch ins Herz. Es war allerdings ein Hut, den sie selbst abgelegt hatte, und das Kind sah seltsam darin aus. Einen anderen kaufen? Nein! Sie hatte nicht einmal Geld, Feuerung zu bestellen, die so bitter nötig war.

Im Anfang hatten die Kinder noch alle hübsche, ja äußerst kleidsame Gewänder. Die beiden Mädchen sahen so zierlich und vornehm aus, daß die Menschen sich nach ihnen umschauten. Aber inzwischen war so vieles schadhaft geworden und nicht erneuert. Die kleine Ange trug zum erstenmal auf den Knieen gestopfte Strümpfe und zog das Kleid herunter, das dadurch doch nicht länger ward und nichts verbarg.

Die Kopfbedeckungen der Knaben waren reichlich abgenutzt, und Kragen und Manschetten mußten länger dienen als früher. Bisweilen drang's Ange mit Messern durch die Brust, wenn sie das Aussehen ihrer Lieblinge mit dem anderer Kinder verglich.

An einem dieser Abende saß Ange unthätig an ihrem gewohnten Arbeitsbuch und stützte voller Kummer und Sorge das Haupt. Sie dachte aber nicht einmal an die Gegenwart, sie beschäftigte sich mit der Zukunft. Sie mußte rasch die jetzige Wohnung aufgeben, sie war zu teuer. Auch konnten die Mädchen so kostspielige Schulen ferner nicht mehr besuchen. Die guten Kleider, die Ange noch besaß, waren besser zu verkaufen oder für die Kinder zu ändern. Ja, das alles mußte--mußte geschehen! Nur wenn sie die bisherigen Ausgaben um die Hälfte einschränkte, dann konnte sie auskommen.

„Du bist wieder so betrübt“ flüsterte Ben, seine Mutter sanft umschlingend. Die übrigen Geschwister waren noch anwesend; immer scheute sich der Knabe, seine Gefühle vor ihnen zu zeigen. Gerade hustete Jorinde ängstlich auf und draußen pfiff und tobte es um die lose befestigten Fensterladen.

„Nein, nein!“ erwiderte Ange, vor den Tönen zusammenschauernd. „Geh ins Bett, mein süßes Kind.--Und ich komme gleich nach und bringe Dir einen heißen Trank,“ fuhr sie, zu Jorinde gewendet, fort, die aufgestanden war und sich an sie schmiegte.

„Es ist so kalt oben; ich fürchte mich auch. Soll Erna nicht auch zu Bett gehen, Mama?“