Eine vornehme Frau

Chapter 14

Chapter 143,598 wordsPublic domain

Ange stützte schwermütig den Kopf und schien für Augenblicke ganz mit anderen Gedanken beschäftigt. Sie hörte nichts von Tibets Beteuerungen, nichts von seiner geläufigen Rede, durch die er ihr das Mißtrauen zu nehmen suchte. Erst als er zu einem anderen Mittel griff, sie seinen Plänen gefügiger zu machen, und plötzlich sagte: „Sehr, sehr verändert hat sich doch der Herr Baron. Sie wissen, Frau Gräfin, das Traurige noch gar nicht. Ich gelangte noch nicht dazu, dies Ihnen mitzuteilen. Der Herr Baron hat das linke Bein im Kriege verloren!“ überwogen Teilnahme und Sorge alle anderen Gedanken.

„Wie? was?“ rief Ange erregt, ließ die Arbeit fallen, erhob sich von ihrem Stuhl und blickte Tibet mit allen Zeichen der Bestürzung an. „Amputiert? Das Bein verloren?“

Tibet atmete erleichtert auf.

„Mein armer, armer Freund!“ flüsterte Ange vor sich hin. „Ist er sehr ernst, sehr bedrückt deshalb, Tibet? Sie sagen, er habe so leidend ausgesehen? O, und das wußte ich nicht einmal! Das verschwieg er mir. Ich möchte zu ihm eilen, ihn trösten, ihn pflegen--“

Aber sie unterbrach sich ebenso rasch, setzte sich wieder und ergriff still und wortlos die eben fallen gelassene Arbeit.

„Erzählen Sie weiter, Tibet. Berichten Sie mir, was Herr von Teut Ihnen gesagt hat,“ hob sie dann gelassen an. „Natürlich verlangt es mich Näheres zu erfahren.“

„Zu Befehl, Frau Gräfin. Ich fand den Herrn Baron sehr wortkarg und offenbar tief verstimmt. Er äußerte die Absicht, sich ganz von allem zurückzuziehen, fortan in Eder zu wohnen und jeden Verkehr einstellen. Welche Stimmung den Herrn Baron beherrschte“--nun hielt Tibet es an der Zeit, seine Pläne auszuführen, und er that es mit zitterndem Herzen--„mögen Frau Gräfin daraus erkennen, daß, als zufällig in einem Gespräch zwischen dem Herrn Baron und einem dort anwesenden Freunde die Rede auf des letzteren bevorstehende Heirat kam und derselbe den Herrn Baron scherzend auf Gleiches hinwies, dieser sagte: ‚Lieber Freund, das war längst und ist jetzt erst recht für alte Zeiten begraben! Nichts blüht mir noch auf Erden, selbst meine besten Freunde habe ich--ohne meine Schuld, ich darf es sagen--verloren!‘“

Tibet schwieg und wartete. Weiße Rosen brachen hervor auf Anges Wangen. Eine Blässe färbte diese, vor der Tibet erschrak. War er zu weit gegangen, hatte er zu rasch, zu unvermittelt gehandelt. Gewiß, so schien es, denn Ange sagte bitter: „Galt mir die letzte Bemerkung, Tibet? Nur das wünsche ich noch zu wissen.“

Der Mann schwieg.

„Nun?“ wiederholte sie hart.

„Ich glaube--ich weiß nicht, Frau Gräfin.“

„Und was sagen Sie zu alle dem, Tibet?“

Plötzlich brachen die Thränen unter Anges Wimpern hervor; ihre Augen verschleierten sich, und jener zaghafte Ausdruck trat in ihre Mienen, der das Gesicht von Kindern und Erwachsenen gleich rührend verändert.

Tibet wollte reden, aber Ange schüttelte den Kopf und wehrte ihm ab. „Ich habe schon zu viel heute abend gehört,“ sagte sie kurz und in seltsamer Weise abbrechend. „Wir sprechen morgen weiter. Gute Nacht.“

Noch stand der Mann eine Weile; er hoffte, Ange würde wenigstens noch einmal emporblicken. Nichts! Nun verbeugte er sich und ging.

Sobald Tibet das Zimmer verlassen hatte, sprang Ange auf und durchmaß den Raum mit erregten Schritten. Ihre Gestalt hatte trotz der Anstrengungen des letzten Jahres an reizvoller Fülle gewonnen. Die Züge ihres Gesichtes waren ausdrucksvoller geworden ihre dunklen gesättigten Augen hatten eine eigene Glut und jenen rätselhaften, halb schmachtenden, halb in sich gekehrten Ausdruck, der uns so unwiderstehlich zu Frauen hinzieht. Noch immer wirkte ihre Erscheinung überraschend, noch immer war sie eine blendend schöne Frau. Wie es in ihrem Innern gärte nach diesen Mitteilungen! Jene Liebe, die sich noch unter dem Schmerz um einen teuren Verdorbenen in zartem Empfinden gegen eine andere auflehnt, jene tiefe wahre Liebe, die ihre Neigung ängstlich verbirgt, jene stolze Liebe, die fürchtet, sie könne nicht um ihrer selbst willen begehrt werden, durchdrang das Herz der Frau--und nun war alles vernichtet, was doch hoffend in dem tiefsten Winkel ihrer Seele geschlummert hatte. Denn es giebt Wünsche, die der Mensch aus besserer Einsicht zurückdrängt bis zum letzten Atemzug--Wünsche auch, von denen er weiß, daß sie sich nie erfüllen können, aber die doch beglücken, so lange ein Wahrscheinlichkeitsschimmer bleibt.

Teut ein Krüppel! Teut des Trostes, vielleicht noch der Pflege bedürftig; Teut abwehrend gegen alles, was sonst Menschen mit Menschen verbindet; Teut voll Verbitterung. Teut--die Liebe, den Besitz eines Weibes ein für allemal von sich weisend im mißmutigen Verzichten!

Und sie stieß ihn von sich, wo sie ihm vielleicht ersetzen konnte, wonach sein Herz verlangte; sie erfüllte--vielleicht in falschem Stolze--nicht einmal die Pflichten dankbarer Freundschaft!?

Ange verlor den Faden für den richtigen Maßstab dessen, was Recht und Pflicht geboten.

Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kämpften in ihr und ließen sie zu keinem Entschluß gelangen. Einmal hatte sie alles zurückgedrängt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen, wie's auch sein mochte, sie mußte an seiner Seite stehen, solange sie ihn unglücklich, zweifelnd und zagend wußte.

Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf überwunden zu haben. Aber dann nahm doch wieder die angstvolle Befürchtung von ihr Besitz, Teut könne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem Vorwand, sich ihm zu nähern. Diese Annäherung könne als eine stumme Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige, nur dem Genuß lebende und nach plötzlichen Eingebungen handelnde Frau von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfüllte Wesen ohne rechte Grundsätze, festen Willen und Thatkraft.

Und dann würde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurückweisen wollte um jeden Preis: die Mildtätigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade sie hatte doch einen so großen, ja vielleicht allen Anteil an der entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mußte helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich thöricht und unbeholfen dem Leben gegenüberstand. Scham und Stolz, auch Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und ließen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.

* * * * *

Am folgenden Vormittage fand sich für Tibet keine Gelegenheit, abermals mit Ange zu sprechen. Er forschte auf ihrem Gesicht, ob das Gespräch des vorhergehenden Abends böse Nachwirkungen zurückgelassen habe, und in der That schien es ihm, als ob ihr Blick ernster als sonst, ihr Morgengruß nicht so warm sei, wie er stets gewesen. Er war voll Ungeduld, mit ihr zu sprechen, um so mehr, als er bisher nur die Vorbereitungen für den Auftrag getroffen hatte, der ihm von Teut geworden war.

Nachmittags gab Ange einer Bitte der Kinder nach, mit ihnen einen Spaziergang zu unternehmen. Sie verständigte Tibet, daß sie zum Abendbrot zurückkehren werde, und machte sich mit ihren Lieblingen auf den Weg zur Wartburg.

Ange sehnte sich selbst hinaus; in der freien Natur hoffte sie besser der sie bestürmenden Gedanken Herr zu werden und zu irgend einem Entschlusse zu gelangen, der Teut wenigstens bewies, daß sie ihm nicht teilnahmlos gegenüberstand.

Niemals war ihr der Sommer so schön erschienen wie in diesem Jahre. Die Bäume standen in blütenschwerer Fülle, und als sie den Weg zur Wartburg hinaufstiegen, hemmte sie immer von neuem ihre Schritte, um ihre Blicke ringsum auf die Gegend zu werfen, oder bei Lichtpunkten auf das vor ihnen liegende Thal hinabzuschauen.

Ange wohnte vor der Stadt in einer von ihrem Auslugepunkte linksseitig belegenen kleinen Villa. Auch heute ruhten die Kinder nicht eher, als bis die unter dem Grün hervorschimmernden weißen Mauern herausgesucht und alle Einzelheiten festgestellt worden waren.

Als sie die Burg fast erreicht hatten, streiften sie bei einer Wegwendung einen älteren Herrn, vor dem Ben und Fred eilfertig die Mütze zogen und der freundlich dankte. Bei dieser Gelegenheit entglitt jenem der Spazierstock, und die Kinder eilten herzu, um denselben aufzuheben.

„Dank, liebe Kinder! Ah, Ben und Fred Clairefort!“ sagte er. „Seid Ihr alle kleine Claireforts?“ fuhr er fort und lüftete, gegen Ange gewendet, den Hut und verbeugte sich artig.

„Es ist unser Herr Direktor, Mama,“ flüsterte Fred und forderte Ange durch Zeichen und Geberden auf, stehen zu bleiben.

Inzwischen war der Herr selbst schon näher getreten und sagte mit ausnehmender Höflichkeit:

„Ich habe wohl die Ehre, der Frau Gräfin von Clairefort gegenüberstehen?“

Ange bejahte, und bald entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem die Kinder, nach kleiner Menschen Art, neugierig und mit halb offenem Munde zuhörten. Als aber auf die beiden Knaben die Rede kam, ihres Fleißes und ihrer Fortschritte gedacht ward, verscheuchte Ange sie durch einen Blick, und sie traten beiseite. Beim endlichen Abschied drängte es sie, dem Direktor noch einige Worte zu sagen.

„Ich habe Ihnen schon schriftlich meinen Dank ausgesprochen für die große Güte, die Sie mir erwiesen haben, Herr Direktor. Gestatten Sie, daß ich Ihnen diesen für Ihre Befürwortung und die mir dadurch entstandene Erleichterung auch mündlich wiederhole.“

Der Direktor blickte überrascht empor, und da er offenbar nicht verstand, worauf Ange hinzielte, zuckte er unter einigen darauf bezüglichen Worten die Achseln.

„Ich bitte, gnädige Frau, ich verstehe nicht ganz. Meine Befürwortung?--Ihr Brief?--Ich habe keinen solchen erhalten.“

„Ich spreche von der Erlassung des Schulgeldes für meine Knaben, Herr Direktor; Sie erinnern sich, daß Sie die Freundlichkeit hatten--“

„Hier liegt wohl ein Irrtum vor, gnädige Frau,“ berichtigte jener mit höflicher Wendung. „Es ist nach dieser Richtung von Ihnen nie ein Antrag gestellt worden, wenigstens mir nicht zugekommen, Frau Gräfin. Wohl aber hat Ihr Bevollmächtigter seiner Zeit das Schulgeld auf Ihren besonderen Wunsch für das ganze Semester berichtigt.“

Ange war so verwirrt, daß sie im ersten Augenblick nicht zu sprechen vermochte; die Röte höchster Verlegenheit stieg ihr in die Wangen. Dann aber brach sie mit einem gezwungenen Lächeln und wie unter plötzlichem Besinnen das Gespräch ab und sagte: „Ach, ganz recht. Es war allerdings--ein--Irrtum meinerseits!“

Noch wenige Sekunden, dann war der Direktor auf dem der Stadt zugewendeten Wege verschwunden und Ange mit ihren Kindern auf dem Weitermarsche nach der Burg.

Dieser Zwischenfall weckte in Anges Innerem ein solches Heer von widerstreitenden Empfindungen, daß sie zerstreut und völlig wortlos neben ihrer kleinen Schar einherschritt.

Das gestrige Gespräch mit Tibet und nun diese Eröffnung! Was würde sie alles erfahren! Sie konnte es nicht erwarten, nach Hause zurückzukehren, und nur die Rücksicht auf die Kinder veranlaßt sie, den Spaziergang fortzusetzen.--

Nach dem Abendbrot--die Kleinen waren früh ins Bett geschickt--ersuchte Ange Tibet unter dem Vorwande zu bleiben, daß sie noch einige Fragen an ihn zu richten habe. Auf Tibet hatte es den ganzen Tag wie eine schwere Last gelegen, und einmal hatte er es schon verwünscht, Teuts Auftrag übernommen zu haben. Dennoch ergriff er nach einem kurzen Vorgespräch zuerst wieder das Wort in dieser Angelegenheit.

„Ich wollte gestern noch hinzufügen,“ begann er, und suchte eine unbefangene Miene anzunehmen, „daß der Herr Baron der Frau Gräfin den Vorschlag macht, die Sommerferien auf Schloß Eder zuzubringen. Der Herr Baron ging namentlich davon aus, daß dies den Kindern Freude machen werde.“ Tibet forschte in Anges Gesicht. „Und auch der Gräfin sei, wie der Herr Baron meinte, Luftveränderung und Ruhe nach den Aufregungen und Anstrengungen sicher außerordentlich förderlich. Der Herr Baron bittet die Frau Gräfin dringend, diese Einladung annehmen zu wollen.“

„Tibet!“ sagte Ange, schüttelte den Kopf und sah den Mann mit demselben vorwurfsvollen Blick an wie am gestrigen Tage.

„Frau Gräfin?“

„Was hatten Sie mir versprochen? Was hielten Sie selbst, nach meinen Auseinanderlegen und Ihrer damaligen Miene nach zu deuten, für richtig? deshalb schenkte ich Ihnen mein Vertrauen--ein Vertrauen, das sich nicht auf oberflächliche Erklärungen beschränkte, sondern auch die Gründe entwickelte? Nur einem Freunde öffnet man sein Herz, wie ich es gethan. Sie haben mich hintergangen, Sie haben gegen meinen Willen gehandelt, Sie haben mich betrogen. Und da Sie mich betrogen haben, verliere ich den Glauben an die Menschheit. Ich glaube nichts--nichts mehr!“

Bei den letzten Worten erhob sich Ange, die in steigender Erregung gesprochen hatte, trat an ihren Schreibtisch und blieb dort abgewendet und von ihren Gefühlen überwältigt, stehen.

Tibet war blaß geworden und zerrte an den Knöpfen seines Rockes. Er wollte sprechen, aber er vermochte es nicht.

„Ihre Anschuldigungen, Frau Gräfin, sind so schwere,“ stieß er endlich heraus, „daß ich vergeblich nach Worten ringe. Um mich verteidigen zu können, bitte ich, mir nähere Aufklärungen geben zu wollen. Was habe ich gethan, um Vertrauen und Freundschaft zu verlieren? Ja, es ist wahr, ich habe einen Auftrag von dem Herrn Baron entgegengenommen, und ich habe nicht gezögert, mich desselben zu entledigen, weil der Vorschlag nach meiner unmaßgeblichen Ansicht ein guter, der Frau Gräfin und den Kindern ein nützlicher war. Daß aber die Frau Gräfin daraus--“

„Ach, reden wir endlich deutsch! Gehen wir nicht ferner um das Wesen der Sache herum!“ fiel Ange Tibet heftig in die Rede. „Sie wissen so gut wie ich, worin der Schwerpunkt liegt! Sie sind sich wohl bewußt, weshalb ich erregt, erschreckt, empört bin! Werfen Sie die Maske endlich ab, Tibet, seien Sie wenigstens jetzt ehrlich und gestehen Sie, daß Sie Teuts Agent sind, daß Sie von ihm Verhaltungsmaßregeln empfingen in Angelegenheiten, die ich abzuweisen suchte mit allen Mitteln, in Angelegenheiten, welche hervorgingen aus zartester Empfindung und deshalb von Ihnen hätten geachtet werden sollen als etwas Heiliges! Ja, ja, jetzt glaubt man mir das alles bieten zu können! Hätten Sie gewagt, gegen meine Befehle, gegen meine Bitten zu handeln, als ich noch die gebietende, von Reichtum umgebene Frau von Clairefort war? Nein, sicher nein! Aber nun, da ich arm, verlassen und durch die Verhältnisse gedemütigt bin, glauben Sie das Recht einer Bevormundung gewonnen zu haben, meinen Sie, mir Ihre unzarten Dienstleistungen aufdrängen zu dürfen--“ Sie hörte Tibets raschen Atem, sah sein erregtes Gesicht und fuhr doch fort: „Also richtig war meine Ahnung und allzusehr traf ein, was ich fürchtete, obgleich ich mir schon vorwarf, diese Dinge zu viel und zu oft berührt zu haben! Nun erfahren Sie es nochmals, obgleich es das A und O aller meiner Gespräche war, die ich mit Ihnen pflog: nicht als etwas Gutes, Dankenswertes sehe ich das alles an, sondern als etwas Unwürdiges, Beleidigendes!--Ehrlos--ja, ehrlos handelten Sie, wenn Sie mich gegen meinen Wunsch und Befehl nach Ihren eigenen kleinlichen Auffassungen zu messen sich erdreisteten und danach handelten!“

„Frau Gräfin! Frau Gräfin!“ drang's aus Tibets Munde, und wie einst, als Carlos gestorben war und ihn Anges beleidigte Worte trafen, stand er bebend am ganzen Leibe. „Ehrlos--sagen Sie? Ehrlos?--Nun, dann darf ich in der Folge Ihre Schwelle nicht mehr berühren! In dies reine Haus darf kein Ehrloser treten!“

„Nein, nein, Sie haben recht!“ rief Ange außer sich in gekränktem Stolz und in der Verzweiflung ihrer vernichteten Liebe. „Gehen Sie! Gehen Sie! Ich will versuchen, Ihnen zu verzeihen im Gedenken des vielen Guten, das ich von Ihnen empfing. Auch das in der Erregung gesprochene Wort nehme ich zurück. Aber unseres Beisammenbleibens ist nicht mehr! Gehen Sie!“ Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und wollte, nicht mehr Herrin ihrer Gefühle, das Zimmer verlassen.

„Ich thue, was Sie befehlen!“ flüsterte Tibet. „Wie sehr Sie mir aber unrecht thaten, Frau Gräfin--“

„Wie--unrecht?“ rief sie, nochmals zurücktretend, und reckte ihre schlanke Gestalt hoch empor. „Unrecht?“ wiederholte sie. Ihre feinen Nasenflügel vibrierten und ihre Augen blitzten. „Trieben Sie Ihre zudringliche und bevormundende Dienstfertigkeit nicht so weit, daß ich heute wie eine Närrin vor dem Direktor des Gymnasiums stand? Ich dankte ihm für seine Güte gegen die Knaben. Solche Güte anzunehmen, schämte ich mich nicht, denn es ist der Staat, der den Bedrängten einen Teil der Pflichten abnimmt, die ihnen obliegen, um ihre Kinder zu tüchtigen Menschen heranzubilden. Er thut damit nur etwas Weises. Sie vermögen es ihm einst zu lohnen, indem sie gute Bürger werden. Wissen Sie, was er erwiderte? Daß er weder eine Eingabe noch einen Dankesbrief von meiner Hand empfangen! Nun, was sagen Sie dazu?--Sie unterschlugen Eingabe und Brief, Sie belogen mich, während ich Ihnen Hab und Gut hingab in grenzenlosem Vertrauen, ja mehr noch, mich Ihnen sogar anvertraute in Dingen, die schwer, wohl nie über die Lippen eines Weibes dringen, selbst unter gleichen Verhältnissen. Nun, Tibet, sind Sie der Agent des Herrn Baron von Teut?--Einmal wenigstens seien Sie wahr!“

Tibet schüttelte sich, als ob er die Flamme, die in seiner Brust emporstieg, auslöschen, als ob er die übermenschliche Erregung, die jeden Nerv pulsieren machte, abstreifen könne. Und dann drang es heiser aus seinem Munde: „Und doch waren meine Gedanken rein, meine Absichten die besten, meine Handlungsweise selbstlos; und doch war alles--so falsch die Mittel sein mochten--das Ergebnis meiner unbegrenzten Hingabe an Ihre Person. Das sagt Ihnen, Frau Gräfin, Ernst Tibet, der sich heute für immer von Ihnen verabschiedet.“

Er sprach's und verließ das Zimmer. Ange stand da, wie ein weißer Stein. Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie hörte, wie der Mann auf sein Zimmer ging. Sie sah durch die Mauern, daß er sich eilte, seine Sachen zu packen. Eine wahnsinnige Angst erfaßte sie; sie hätte aufschreien und ihm nachstürzen mögen, und doch hielten sie die nachwirkende Empörung--und das einmal gesprochene Wort zurück.--Nun ging auch er, der letzte, den sie hatte und der doch--sie wußte es--ein Freund war, wie außer Teut seinesgleichen nicht zu finden auf dieser liebeleeren Welt.

* * * * *

Umfang und volle Bedeutung dessen, was geschehen war, stieg vor Ange erst in den nachfolgenden Tagen auf. Auch die Reue blieb nicht aus, aber Ange erstickte diese Regung. Ein Mensch, der für seine Überzeugung kämpft, für den giebt's kein Rechts und kein Links. Nur ein einziger gerader Pfad ist vorgezeichnet. So war es auch hier. Sprach ihr Herz zu gunsten Tibets, so verwischte doch ihr stolzes, beleidigtes Gefühl wieder die versöhnlichen Regungen. Das waren keine bloßen Worte gewesen, die sie einst in Frankfurt gesprochen und deren Inhalt sie ihm später so oft wiederholt hatte. Sie wollte, sie mußte den Weg gehen, welchen sie ihm bezeichnet hatte. Ihr besseres Ich, ihr Ehrgefühl hatten gesprochen, und diesen mußte sie folgen.

Vielleicht--es mochte sein--hatte sie die Dinge zu sehr auf die Spitze getrieben, ließ ihrem verletzten Stolze zu sehr die Zügel schießen. Aber lag nicht gerade in dieser Form, ihr Erleichterungen zu verschaffen, etwas von jener leis spöttelnden Bevormundung, welcher sie sich entziehen, zu der sie gerade Teut Recht und Veranlassung hatte nehmen wollen?----So blieb in ihr haften, wogegen sich doch im Grunde ihr Herz und ihr Verstand auflehnten, und sie tötete die mahnende Stimme ihres Innern, die ihr sogar zurannte, daß ihre Handlungsweise gegen Tibet den Grundsätzen hochherziger Gesinnung schon deshalb nicht entsprach, weil sie ihn--sie mußte es eingestehen--zugleich schuldlos für die Enttäuschungen ihrer Liebe hatte büßen lassen.

Schon am nächsten Tage traf ein vollkommen geschäftlich gehaltenes Schreiben von Tibet ein, in welchem er die genaueren Angaben machte über alles, was seither seiner Sorge anvertraut gewesen war und jetzt Ange allein obliegen sollte. Insbesondere machte er ihr über ihre Geldangelegenheiten Mitteilung und gab in höflich gemessener Form Ratschläge, indem er auf den bisher von ihm beobachteten Gebrauch hinwies. Um sie vor ferneren Enttäuschungen zu bewahren, bekannte er in diesem Briefe, welche Ausgaben er ohne ihr Zuthun bestritten hatte, und fügte endlich hinzu, daß er im Auftrage des Barons von Teut gehandelt habe. Eine Angabe über die Höhe derjenigen Summe, mit welcher letzterer für Ange eingetreten war, gab er aber nicht, und sie beeilte sich deshalb--unter welchen Empfindungen ist leicht zu bemessen--ihn schriftlich zu ersuchen, ihr sofort darüber eine Nachricht zukommen zu lassen. Am Schluß des Tibetschen Briefes hieß es:

„Frau Gräfin werden über die Zwischenfälle heute nicht anders, aber ruhiger denken, das ist meine sehnliche Hoffnung. Und da auch ich den Dingen nach der gestrigen Unterredung mit veränderten Ansichten gegenüberstehe, so mag es mir mit Rücksicht auf die jahrelangen Beziehungen, die ich zu der Frau Gräfin pflegen durfte und in deren Verlauf die gnädige Frau mir so oft ein Lob und ein freundliches Wort zu erteilen geruhten, gestattet sein, zu sagen: daß ich tief bereue und stets wiederkehren werde, sobald mich die Frau Gräfin rufen. Wenn diesem Rufe hinzugefügt sein wird, daß die Frau Gräfin mir vergeben haben--ich bitte Gott, daß dieser Tag mir noch einmal werden wird--, dann bin ich entschädigt für alles, was auch mir Schweres, Ernstes und Sorgenvolles in meinem Leben begegnete und das mich doch nicht hinderte, meine höchste Lebensaufgabe darin zu erkennen, der Frau Gräfin und Ihrer Familie ein bescheidener, wahrer, wenn auch in den Mitteln häufig irrender Freund zu sein.

Ich bitte gehorsamst, die gräflichen Kinder grüßen zu wollen, denen ich nicht einmal ein Lebewohl sagen konnte u.s.w.“

Ange las diesen Brief in tiefster Bewegung. Was hätte sie darum gegeben, wenn die Dinge, die sich enthüllt hatten, nicht geschehen wären.

Plötzlich lag ihr Leben vor ihr wie eine endlos zu durchschreitende Wüste, und doch fühlte sie jetzt schon, daß sie erlahmte. Ihr Herz erbebte, obgleich sie kaum den Fuß über die Grenzen gesetzt hatte. Aber sie raffte sich auf zum ernsten Tagewerk, und ruhige Überlegung gewann die Oberhand.

Ange begann zu rechnen. Zum erstenmal in ihrem Leben beschäftigte sich Ange von Clairefort mit Zahlen. Bis spät in die Nacht, wenn die Kinder schon schliefen, schrieb und summierte sie, stellte fest und strich wieder aus, fügte hinzu und kürzte von neuem. Und sie ward gewahr, was jedem sich offenbart, der mit diesen unerbittlichen Ausrufungs- und Fragezeichen zu kämpfen hat. Auch ihr erschienen alle Einnahmeposten wie Quecksilberkügelchen, die man fassen zu können wähnt, und die dann plötzlich in bisher unsichtbare Poren verschwinden, während die Ausgabesummen zudringlich emporschießen, wachsen und sich vermehren.

Als Ange zum erstenmal alles zusammengestellt hatte und, glücklich aufatmend, zu dem Resultat gelangt war, es werde gehen, da fiel ihr plötzlich ein, daß Schulgeld und Steuern noch fehlten, daß der Feuerung für den Winter, ihrer eigenen Garderobe, der Abzahlung an Teut nicht gedacht sei, daß die unvorhergesehenen Ausgaben--und sei's auch nur eine Gabe der Wohlthätigkeit--nicht mit vorgesehen wären.