Chapter 13
„Allerdings, aber es hat mancherlei Künste gekostet, gnädiger Herr!“ entgegnen Tibet, und in der Erinnerung des falschen Spiels, das er getrieben, sichtlich bedrückt. „Anfänglich, damals, als Sie auf meinen Brief antworteten und mir Verhaltungsmaßregeln gaben, war ich zweifelhaft, ob's möglich sein werde, diese auszuführen. Ich mußte mir erst alles zurechtlegen und förmlich ausklügeln, wie ich dem Argwohn der Frau Gräfin begegnen könne. Wenn ich Einkäufe machte, erklärte ich, die Waren seien im Preise gesunken, und die Frau Gräfin sah mich dann groß an und machte ein zufriedenes Gesicht. Im Anfang freilich wollte sie überhaupt nichts von dergleichen hören. Ich erlaubte mir den Vorschlag, daß ich wie früher die Wirtschaft besorgen dürfe, und that dies insbesondere, weil ich dann alles ohne Schwierigkeit einrichten konnte. Aber darauf wollte die Frau Gräfin nicht eingehen. Sie müsse die Dinge selbst übersehen, meinte sie, sonst könne sie nicht wirtschaften lernen. Mit der Miete hätte sich bald alles verraten. Ich machte, des gnädigen Herrn Befehl folgend, dem Wirte Mitteilung, daß er von uns nur die Hälfte erhalten, daß das übrige anderweitig berichtigt werden würde. Ich nahm ihm das Versprechen ab, gegen die Frau Gräfin Stillschweigen zu beobachten und auch seine Umgebung zu verständigen. Eines Morgens nun unterhielt sich die Frau Gräfin mit einem Einwohner, und bei dieser Gelegenheit war von den Wohnungen in Eisenach die Rede. Da äußerte dieser die unsere sei nicht billig, während die Frau Gräfin gerade ihrem Erstaunen Ausdruck gab, wie preiswürdig dieselbe sei. Ein Wort gab das andere. Endlich ward ich herbeigerufen und bestätigte die Aussagen meiner Herrin. Als jener sich entfernt hatte, betrachtete mich die Frau Gräfin bereits mit einigem Mißtrauen und brach endlich in die Worte aus: ‚Haben Sie gehört? Er hat vor uns dies Haus bewohnt und das Doppelte bezahlt. Wie ist es möglich, Tibet, daß Sie die Villa um die Hälfte mieten konnten?‘--‚Die Frau Gräfin haben ja den Mietskontrakt in Händen,‘ erwiderte ich, als ob ich den eigentlichen Sinn dieser Nachfrage gar nicht verstanden hätte. Kopfschüttelnd ging die Frau Gräfin davon. Schon fürchtete ich, daß alles würde entdeckt werden.“
„Und das Schulgeld?“ fragte Teut, der mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte. „Wie haben Sie das gemacht?“
„Ich habe gleich das ganze Semester bezahlt und der Frau Gräfin gesagt--“--Tibet hielt inne, dunkle Schamröte färbte seine Wangen--„daß der Direktor auf meine Vorstellung dasselbe erlassen habe.“
„Und das glaubte die Gräfin?“
„Vorläufig ja, Herr Baron. Aber ich zittere doch jeden Tag, daß es ans Licht kommt, und dann--“
„Und Steuern?“ fragte Teut und konnte sich des Lächelns nicht erwehren, weil er wie ein Beichtvater alle Vergehen aus dem armen Sünder herausholte.
„Die habe ich gar nicht erwähnt! Davon hat die Frau Gräfin keine Ahnung. Ich fing den Steuerboten ab und--“
„Und drohten ihm mit allen Folterqualen der Hölle, wenn er noch einmal erscheine?“ schaltete Teut mit gutmütigem Spotte ein.
„Ja, Herr Baron, Sie können wohl scherzen.“ sagte Tibet, nun wieder von dem Ernst und der Verantwortlichkeit seiner Aufgabe erfaßt. „Aber Sie mögen mir glauben, daß die Dinge sich nicht so freundlich abspielen werden, wenn die Frau Gräfin jemals erfahren sollte, was wir gethan haben.“
Teut trank seinen Wein und wollte, um einer aufsteigenden Empfindung Herr zu werden, die Stiefelhacken zusammenschlagen. Aber es war nur eine Bewegung. Mit einem leisen Anflug von Schmerz hielt er inne. Nicht ohne Grund! Das eine, das linke Bein fehlte, er hatte es im Kriege eingebüßt.
„Aber die Kinder?“ fragte Teut nach einer Pause. „Wie geht's denen? Entwickeln sie sich gut? Sind sie fleißig?“
Tibet nickte. „Gewiß, gnädiger Herr! Wir helfen beide, die Frau Gräfin und ich, bei den Schularbeiten.“
„Ist die kleine Ange hübsch geworden, Tibet? Sie versprach sehr schön zu werden!“
Tibet betätigte lebhaft. „Ange ist ein sehr schönes Kind, gnädiger Herr, und so klug, daß es mich oft fast ängstlich macht. In der kurzen Zeit von einem halben Jahre spielt sie schon kleine Stücke auf dem Klavier und ist so sicher dabei, daß man erstaunen muß.“
„So, so! Wer unterrichtet sie denn?“
„Die Frau Gräfin selbst, Herr Baron! Jeden Nachmittag erhält Ange Unterricht von der Frau Gräfin, und Erna und Jorinde müssen ebenfalls täglich bei ihr üben. Sie machen alle gute Fortschritte.“
Teut machte eine Bewegung, er murmelte auch etwas vor sich hin, das Tibet nicht verstand. „Wie ist denn Eure Tageseinteilung, Tibet? Die Frau Gräfin muß ja sehr in Anspruch genommen sein. Sie hat doch Mädchen zur Hilfe?“
„Nur eins, Herr Baron! Aber die wurde uns gleich schwer krank und mußte wochenlang das Bett hüten. Da hat die Frau Gräfin selbst morgens Kaffee gemacht, die Stuben geräumt, die Kinder angezogen und in die Schule befördert. Die Frau Gräfin ist überhaupt von morgens früh bis abends spät unausgesetzt in der Wirtschaft und um die Kinder beschäftigt.“
Teut murmelte wieder etwas.
„Ah! herrliches Weib!“ glaubte Tibet zu hören.
„Und Sie, Tibet?“ fragte Teut dann kurz und mit einem scheinbaren Vorwurf, während in sein Auge ein silbernes Pünktlein trat.
„Ich, ich?“ erwiderte Tibet arglos und verlegen zugleich. „Ich habe morgens alle die Stiefel geputzt, die--die--gröbere Arbeit in den Schlafstuben besorgt und der Kinder Betten gemacht und--und auch gekocht während der Zeit. Kochen kann die Frau Gräfin nicht; aber sie lernt es schon ganz gut. Neulich hatten wir zwei Gerichte, die sie ganz allein zubereitet hatte. Ihre Augen glänzten, als es den Kindern so gut schmeckte. Die Frau Gräfin war so glücklich, daß sie im Zimmer herumtanzte.“
„Aber Freund!“ schaltete Teut scheinbar tadelnd ein. „Weshalb haben Sie denn damals nicht eine Hilfe genommen?“
„Die Frau Gräfin wollte es durchaus nicht, gnädiger Herr! Sie meinte, es sei der beste Weg, alles zu lernen. Freilich, ich folgte auch nichts thun--aber ich habe sie sogar überrascht und in einer Nacht mit Hilfe einer Frau die Wäsche besorgt. Die Alte hat die Garderobengegenstände vorgenommen, ich machte mich an Servietten und Tischzeug. Gegen Morgen haben wir aufgehängt, jeder sein Teil.“
„Allen Respekt!“ murmelte Teut, trank in hastigen Zügen und schenkte von neuem aus der Flasche ein. „In der That, über alles Lob erhaben! Aber das muß doch anders werden!“ Und nach einer Pause: „Wenn ich nur einen Weg wüßte--“
Tibet hatte nur halb gehört, aber doch genug, um zu verstehen. Er nahm sich, in der Sorge um seine Herrin, die Erlaubnis einzufallen, und sagte:
„Wenn der Herr Baron mir gestatten wollten, einen Vorschlag zu machen?“
Teut bewegte den stolzen Kopf und sagte in seiner kurzen, unhöflich klingenden Weise:
„Nun, was soll's?“
Tibet ward durch diesen Ton eingeschüchtert. Er fürchtete, sich eine Vertraulichkeit angemaßt zu haben, die ihm nicht zukam. Takt und Vorsicht riefen ihm zu, sich in den bisherigen Grenzen zu halten. Er entgegnete deshalb rasch:
„O, es war doch nichts, gnädiger Herr--“
Teut blickte auf und sah, daß Tibet mit dem Ausdruck einer gewissen Enttäuschung vor ihm saß. Er verstand und bereute seine Schroffheit.
Ohne auf den Gegenstand zurückzukommen, dessen Berührung von jener Seite ihm nach den wunderbaren seelischen Schwankungen, denen jeder, selbst der beste und vorurteilsfreiere Mensch, unterworfen ist, plötzlich widerstrebt hatte, sagte er:
„Eine Angelegenheit will ich doch heute gleich berühren, Tibet. Mein Zustand verhinderte mich, Ihnen das bisher zu schreiben:
Vom Ersten des nächsten Monats sind Sie bei mir für Lebenszeit als Sekretär engagiert. Es werden Ihnen monatlich dreihundert Mark von meinem Rendanten ausbezahlt werden. Alle Ihre Auslagen seit vorigem Jahr werden Sie mir baldigst aufgeben, und auch das Honorar für die verflossene Zeit werde ich ordnen. Sind Sie damit einverstanden, Tibet?“
„Herr Baron!--Gnädiger Herr!“ rief Tibet. Er erhob sich und neigte in seiner überströmenden Empfindung das Gesicht auf die Hand des Mannes, der seine Worte mit einem Blick begleitet hatte, in dem sich die ganze Fülle seines unvergleichlichen Herzens widerspiegelte.
„Aber Waschen und Kochen ist nun vorbei! Das paßt nicht für den Sekretär und Vertrauten des Herrn von Teut-Eder, nicht wahr? Und nun wollen wir morgen weiter reden, Tibet! Es wird kühl, ich muß ins Haus, Jamp, Jamp!“ rief er mit seiner schneidigen Stimme, und dieser eilte herbei, um ihn ins Gartenhaus zu geleiten.
Nachtfalter und weiße Sommermotten irrten durch die warme Luft. Drüben zirpte es in dem dunklen Garten, und aus dem Rasen drang der sanfte erdige Geruch des Sommers. Im Hôtel zur Rose aber blitzten Lichter durchs ganze Haus, und durch die Abendstille ertönte noch einmal verspätetes Lachen sich haschender Kinder. Eine Zeit lang stand Tibet wie träumend da. Endlich warf er den Blick gen Himmel, und eine Thräne stahl sich in die ernsten Augen des Mannes.
Er gedachte seines zerstörten Lebensglückes und der Menschen, die er liebte--seiner schon ein halbes Jahr nach der Trauung unheilbar erkrankten Frau, seiner Mutter, seiner Schwester--, aber das Naß, das in seine Augen trat, entquoll diesmal der unbeschreiblichen Empfindung, daß nun sicher für die Zukunft jener gesorgt sei.
* * * * *
Tibet wurde am nächsten Morgen zu Teut zum Frühstück befohlen und fand den Major, umgeben von tausend Siebensachen, die auf Tischen und Stühlen umherlagen, bereits eifrig schreibend. Er trug einen kurzen, seidenen Hausrock, und um den offenen Hals war lose ein weißes Tuch von demselben Stoff geschlungen. Aus den Ärmeln guckte eine feine Batistmanschette hervor, und sein Fuß steckte in einem roten ledernen Schuh.
„Guten Morgen, Herr Sekretär!“ rief Teut, ohne sich umzuwenden. „Bitte, nehmen Sie Platz! Gut geschlafen?“
Tibet bejahte. „Darf ich mich erkundigen, wie der Herr Baron geruht haben?“
„Ah--nicht zum besten, Tibet! Die verteufelte Sache beschäftigt mich allzusehr. Wie Ameisen laufen die Gedanken in meinem Kopfe herum. Aber ich glaube jetzt einen Ausweg gefunden zu haben.“ Hier wandte sich der Major um, sah, daß Tibet noch immer stand, und unterbrach seinen Satz durch die wiederholte Aufforderung, einen Stuhl zu nehmen.
„Also, wie ich schon gestern sagte, Tibet, so geht die Sache auf die Länge doch nicht!“ hob Teut an, humpelte durchs Zimmer, winkte dem herbeieilenden Tibet ab, klingelte, gab dem eintretenden Jamp einen Befehl und ließ sich dann an dem Frühstückstisch nieder.
Mit inniger Teilnahme sah Tibet, wie unbehilflich der bisher so kernfeste, kräftige Mann mit dem künstlichen Bein sich bewegte und welche Spuren Strapazen und Krankheit auf seinem Angesicht zurückgelassen hatten.
„Bedienen Sie sich!--Also, Tibet, so geht's nicht. Aus diesem Grunde bat ich Sie auch, mich hier zu besuchen. Sie sollen mit der Gräfin sprechen; ich habe einen Plan, dem sie hoffentlich beipflichten wird. Die Sommerferien sind vor der Thür, die Gräfin wird gewiß wünschen, ihren Kleinen ein Vergnügen zu bereiten und selbst sich ein wenig nach all den Aufregungen und Sorgen zu zerstreuen. Ich werde sie einladen, auf Schloß Eder diese Wochen zuzubringen, und will meiner Cousine, der Gräfin Aspern, schreiben, dort die Honneurs zu machen. Ich werde dann vielleicht auch--später--nachkommen und bei dieser Gelegenheit auszuführen suchen, was ich seit dem Tode des Grafen in mir herumtrage. Was meinen Sie dazu, Tibet?“
„Vortrefflich, Herr Baron! Aber ich fürchte, daß die Frau Gräfin dieser Einladung ein entschiedenes Nein entgegenstellen wird. Wir haben so oft über diese Dinge gesprochen--alles war fruchtlos. Die Frau Gräfin geht--darf ich mich ganz offen äußern, Herr Baron?“--Teut erhob den Kopf, nickte und trennte die eben mit dem silbernen Löffel zerschlagene Schale von einem Ei.--„Die Frau Gräfin geht davon aus, daß der gnädige Herr sie beeinflussen will, Wohnort und jetzige Lebensweise zu ändern. Dagegen sträubt sie sich--der Herr Baron kennen die Gründe--zum Teil wenigstens--“
„Hm--zum Teil?“ fragte Teut. „Ist's noch etwas anderes, als was Sie mir mitteilten und was ich bei dem Charakter der Gräfin auch wohl verstanden habe?“
Tibet zuckte die Schultern nur machte die Miene eines Menschen, der wohl sprechen möchte, aber sich's doch nicht getraut.
„Nun?“ forschte Teut ungeduldig. Aber dann in einen anderen Ton übergehend sagte er: „Ein für allemal, Tibet! Ich nannte Sie gestern meinen Vertrauten, aber noch mehr, ich betrachte Sie als meinen Freund! Sprechen Sie, was es auch sei! Das Schicksal, das Wohlergehen dieser Frau beschäftigt mich mehr als mein eigenes. Der Zweck, ja der ganze Zweck meines Lebens ist, sie glücklich zu machen. Ich versprach's dem Grafen beim Abschied, und viel früher hatte ich mir's selbst zugeschworen. Das alles wissen Sie am besten. Also, weshalb hinterm Berge halten, wo diesem Vorhaben genützt werden kann!?--Ah!“ fuhr Teut seufzend und stark betonend fort und lehnte sich zurück. „Ich sollte nur kein Krüppel sein! Wir säßen nicht hier und berieten! Nur dieser Umstand hat verhindert, daß ich--alles wäre lange--“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, und ein Ausdruck von tiefer Trauer blieb in seinen Zügen haften.
„Nun, Herr Baron,“ sagte Tibet, rasch den Rest des Frühstücksbrötchens hinabschluckend und seinem Herrn ins Auge schauend, „wenn ich denn sprechen darf, wie mir's ums Herz ist?--Ich meine--ich meine--die Frau Gräfin hat--eine--tiefe Neigung zu dem gnädigen Herrn, und darin ist alles zu suchen! Wenn die Frau Gräfin sich so scheu zurückzieht, so--so--“
Tibet spähte ängstlich auf Teuts Angesicht, während er sprach. Trotz aller Ermunterung stand er unter dem Eindruck, dies, eben dies hätte er niemals ansprechen dürfen.
Teut hatte sich gerade erhoben, um sich eine Cigarre zu holen. Nach Tibets Worten blieb er am Fenster stehen und schaute lange wortlos hinaus.
Als er sich wieder umwandte, blickte er Tibet mit freundlichem Ernst ins Auge und schüttelte den Kopf. „Sie täuschen sich, Tibet! Täuschen sich gewiß! Und wenn nicht--wenn nicht--Nein, solche Gedanken habe ich begraben ein für allemal--“
Nun ging er abermals ans Fenster und ließ gewaltige Rauchwolken der angezündeten Cigarre durchs Zimmer schweben. Der eindringende Sonnenstrahl fing sie auf und verwandelte sie in lichtes Blau. Eine lange Pause trat ein, ohne daß eine Silbe gesprochen ward.
„Ah! ja!“ rief dann Teut plötzlich. „Es muß so sein! Hören Sie mich an, Tibet! Machen Sie also der Gräfin den Vorschlag auf mein Anerbieten einzugehen. Sie wissen ja, wie und wo am besten einzusetzen ist. Stecken Sie sich hinter die Kinder! Wenn diese betteln, daß ihr Wunsch erfüllt wird, kann sie nicht widerstehen! Und wenn die Gräfin auf den leidigen Punkt kommt--Sie wissen--meine gefürchtete offene Hand und dergleichen Thorheiten mehr--so sagen Sie ihr--ja, so sagen Sie ihr, was Sie wollen, aber in allen Fällen, daß ich ihr verspräche, niemals diesen Punkt zu berühren, viel weniger ihren Absichten entgegen zu handeln.“
„Zu Befehl, Herr Baron! Ich hoffe, Ihrem Vertrauen Ehre zu machen. Ich werde mein möglichstes thun.--Nur eins! Wenn ich diesen Auftrag erhalte, muß ich eingestehen, daß ich Sie gesehen habe, und das wird den Argwohn der Frau Gräfin wecken. Je scheinbar unvorbereiteter ich das vortrage, um so besser ist es!“
„Nun, im Flunkern haben Sie ja schon gute Übung, Tibet!“ lächelte Teut und suchte doch durch seine Miene den auf Tibet hervorgerufenen Eindruck zu verwischen. „Ich denke, Sie müßten schon sagen, Ihre Angehörigen wohnten hier in der Gegend, und zufällig hätten Sie mich getroffen. Wo wohnen denn eigentlich die Ihrigen?“
Tibet nannte den Ort.
„Ah--in M.! Sind Sie auch dort geboren?“
„Ja, Herr Baron.“
„Und lebt Ihr Vater noch?“
„Nein, Herr Baron.“
„Ihre Mutter ist Witwe?“
„Ja, Herr Baron--“
Teut unterbrach Tibet lächelnd und sagte, sich eines Gesprächs erinnernd, das er einst im Clairefortschen Hause mit demselben Manne geführt, der jetzt so einsilbig Antwort ereilte: „Ganz wie damals:--ja--nein, Herr Baron!--antworten Sie mir, Tibet. Aber ich will gar nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Nur mein Interesse für Ihre Person ließ mich fragen.“
„Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, Herr Baron. Mich leitete etwas anderes. Was ich über die Meinigen mitzuteilen habe, ist sehr wenig erfreulicher Natur. Ich habe nie darüber geredet, schon deshalb nicht, weil meine Person dabei eine nicht gleichgültige Rolle spielt.“
„In der That,“ sagte Teut teilnehmend, „geht es den Ihrigen schlecht? Haben Sie etwa noch unversorgte Geschwister?“
„Ich habe“--hier stockte Tibet eine Weile--„eine arme kranke Frau, unheilbar krank und gelähmt seit der ersten Zeit unserer Ehe, die mir ein kurzes Glück gewährte; sie lebt bei meiner Mutter und meiner Schwester, die sie pflegt, gnädiger Herr. Auch meine Mutter war schon völlig gelähmt, als mein Vater, der als Musiker sein Brot verdiente, starb. Vermögen war keins vorhanden bei seinem Tode. Ich hatte ursprünglich das Gymnasium bis zur Aufnahme in die Prima besucht und wurde dann--wie ich früher schon mitzuteilen mir erlaubte--Kaufmann. Ich hatte aber darin kein Glück, es wollte mir nicht gelingen, vorwärts zu kommen. Die dringende eigene Not und die meiner Angehörigen, die ganz auf mich angewiesen waren, bestimmte mich, die Stellung eines Haushofmeisters bei dem Herrn Grafen von Clairefort anzunehmen, die ich seit so vielen Jahren bekleidet habe. Ich mußte verdienen, gleichviel in welcher Lebensstellung, und hier fand ich, was ich suchte. Während dieser Zeit habe ich die Meinigen ernährt, ja mir selbst ein wenig sparen können für meine späteren Tage. Was ich empfand, gnädiger Herr, als Sie mir gestern die Aussicht eröffneten, fürs Leben an Ihrer Seite bleiben zu dürfen, vermag ich nicht zu sagen. Und Sie werden nach dieser Darlegung auch verstehen, welche Sorge von mir genommen ist. Ich bin ja nun sicher, daß die Meinigen--“ In dem hageren Gesicht stieg's bei diesen Worten auf, wie wenn der Sonnenschein plötzlich durch dunkle Wolken bricht, und die Rührung übermannte den Mann so sehr, daß er sich abwandte.
„Wie? Alle die Jahre haben Ihre Frau, Ihre Mutter und Schwester lediglich von Ihrem Fleiß gelebt?“ sagte Teut voll bewundernden Erstaunens. „Braver Mann! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen! Ich schätze es um so höher, weil selbst Ihre engsten Freunde von diesen Dingen nichts wußten. Es bleibt wahr: Die echten Perlen liegen versteckt in den Muscheln tief auf dem Meeresgrund! Man muß sie mühsam hervorholen. Eine echte Perle ist solche Pflichterfüllung und den Ruhm nicht an den breiten Weg stellen! Sie üben sie um ihrer selbst willen, in der Stille, ohne Geräusch. Das heißt ein Christ sein! Hier meine Hand, Sie braver Mensch! Ich bitte jetzt um Ihre Freundschaft! Ich biete sie Ihnen nicht mehr an!“
Tibet richtete sich bei diesen Worten in seiner ganzen Größe empor; ein ungewöhnlicher Glanz trat in seine Augen, und über sein Angesicht flog der Widerschein eines Sturmes von Empfindungen.
„O, zu viel! Zu viel, gnädiger Herr!“ rief er in jenem Rausche, der nur die Brust solcher Menschen zu durchdringen vermag. „Mit diesem Worte habe ich nicht umsonst gelebt! Mit diesem Tage werde ich ein anderer in dieser Welt und die Welt eine andere für mich! Aber mit diesem Worte, gnädiger Herr, haben Sie auch Ernst Tibet zu Ihrem Schatten gemacht für alle Tage und Stunden seines Lebens! Was ich bin und habe für die Zukunft, gehört Ihnen!“
* * * * *
Es war Morgenzeit. Ange öffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, daß er an dem heutigen Tage zurückkehren werde. Als Ange dies mittags den Kindern kundgab, faßten sie einstimmig den Beschluß, ihn vom Bahnhof abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten über den Perron hinaus. Als der Zug endlich näher kam, drängten sie sich zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begrüßen.
„Tibet! Tibet! Hier!“ riefen sie und stürmten auf den Ankömmling zu, der sich gerührt zu ihnen hinabbeugte und ihre Liebkosungen entgegennahm. Alle griffen zugleich nach seiner Hand, um einen besonderen Vorzug zu genießen, bis endlich Jorinde und Ange sich seine Rechte und Linke eroberten.
Tibets erste Frage galt der Mama, und diese ward zufriedenstellend beantwortet. Mama Ange ginge es gut; sie habe auch an den Bahnhof kommen wollen, sei aber abgehalten worden. Dann setzte sich die kleine Schar, Tibet in der Mitte, in Bewegung.--
An demselben Abend saßen sich Herrin und Diener im Wohnzimmer gegenüber.
Tibet erzählte, wie's ihm auf der Reise ergangen sei, und Ange hörte freundlich und aufmerksam zu.
„Auch den Herrn Major von Teut habe ich gesehen und gesprochen,“ warf Tibet in unbefangenem Tone hin, nachdem er den ersten Bericht erstattet hatte. „Er läßt sich der Frau Gräfin aufs angelegentlichste empfehlen.“
Ange blickte im höchsten Grade befremdet empor. „Wie? Sie haben Herrn von Teut gesehen, Tibet? Wann? Wo? Und ganz zufällig?“
Tibet nickte und erzählte eine Geschichte, die er sich unterwegs zurecht gelegt hatte.
„Und geht's ihm besser? Geht's ihm wieder gut?“ fuhr Ange zögernd fort.
Tibet betätigte und wollte schon, froh, daß die Dinge sich so günstig gefügt hatten, fortfahren. Aber entweder wünschte Ange das Gespräch nicht fortzusetzen oder sie wollte Zeit gewinnen. Sie brach ab und kam auf allerlei häusliche Angelegenheiten.
Inzwischen grübelte Tibet, wie er die Dinge nach seinen Wünschen einrichten könne, und sagte endlich, eine kleine Pause benutzend, ziemlich unvermittelt:
„Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Gräfin von dem Herrn Baron auszurichten. Ich vergaß vorher--“
Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht am Weitersprechen. Nur ein kurzes: „Nun?“ glitt von ihren Lippen.
„Zunächst läßt sich der Herr Baron für den Brief der Frau Gräfin recht sehr bedanken. Er würde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht wünschte, der Frau Gräfin mündlich--“
Tibet hielt inne; er fürchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu seiner Überraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso ernst, ja, so eigentümlich auf ihm haften, daß er unwillkürlich die Augen niederschlagen mußte. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:
„Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu sein, daß er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und auf dieser Reise die Frau Gräfin gern in Eisenach begrüßen.“
„Und was sagten Sie dazu, Tibet?“ fragte Ange kalt.
„Ich--ich--Frau Gräfin--“ Er sprach nicht aus. Einen Augenblick schwiegen beide: nur Anges fleißige Nadel, die auf-und abflog, unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Möbel, welche einst in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmückten die Wände; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem Schreibtisch. Plötzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte, dem Manne, der ihr gegenübersaß, forschend ins Auge schauend:
„Tibet!“
„Frau Gräfin?“
„Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen und einen solchen Auftrag übernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich muß es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem Rücken! Also war's doch, wie ich fürchtete, als Sie mir von einer notwendigen Reise sprachen!“
„Frau Gräfin--ich bitte--ich verstehe nicht--“
„Sie verstehen ganz gut, Tibet! Mehr noch. Sie waren befangen, als Sie in unserem Gespräch auf diesen Gegenstand kamen, und da ich nicht arglos war, beobachtete ich Sie.“