Eine vornehme Frau

Chapter 11

Chapter 113,643 wordsPublic domain

„Was Sie als untrüglichen Nachweis anführen, meine gnädige Frau, ist für mich keiner. Ich bitte, nur den einen Fall ins Auge zu fassen, und ein solcher ist unzähligemal vorgekommen. Was kann bei solchen Gelegenheiten nicht alles vorbedacht und abgesprochen sein! Stößt dem Schwindler oder Dieb eine Ungelegenheit zu, bezeichnet er als Entlastungszeugen eine mit ihm im Bunde stehende Persönlichkeit, die sich also im vorliegenden Fall etwa--Frau von Clairefort nennt. Diese erscheint, macht ihre Aussagen, und der gemeinsame, an einer dritten Person ausgeführte Diebstahl--wer weiß wo; in Paris, Madrid oder sonst in der Welt!--bleibt nicht nur unentdeckt, sondern die Komplicen ziehen noch mit triumphierender Miene ab.--Ohne Zweifel verhält sich das alles in diesem Falle nicht, wie ich hier dargelegt habe, aber bedenken Sie, daß es doch möglich sein könnte und welche Verantwortung auf mir lastet. Meine vielen Geschäfte gestatten mir im allgemeinen nicht, mich mit Zeugen in Erörterungen über Eventualitäten einzuladen. Ich gehe streng nach meinen Vorschriften. Wird erfüllt, was ich gesetzlich zu verlangen habe, schreite ich an die Prüfung und entscheide. Legitimieren Sie sich, und ich werde Ihre Aussagen protokollieren, diese mit denen des Tibet vergleichen, Sie beide konfrontieren und, wenn ich die Überzeugung gewinne, daß ein falscher Verdacht vorliegt, mit größter Genugthuung Ihren Diener entlassen und Sie in den Besitz Ihres Eigentums setzen.“

Ange ließ mutlos den Kopf sinken.

„Also es giebt gar keinen--gar keinen Ausweg, Herr Kommissar?“ fragte sie und sah ihn mit feuchten Augen an. „Bedenken Sie gütigst! Ich, eine einzelne Dame! Noch stehe ich unter den Nachwirkungen einer so ernsten Trauer, mein Gatte ist eben gestorben. Ich reiße mich von allem los und eile hierher; nun soll ich nochmals zurück! Und dazu die Peinlichkeit, in dieser Angelegenheit mit den Ortsbehörden zu verhandeln!--Diamantendiebstahl! Verhaftung! Das alles klingt, als ob wirklich ein Vergehen vorläge, und doch ist alles so korrekt wie nur möglich. Ich bitte, ich flehe Sie an, helfen Sie mir! Ich schwöre Ihnen zu, daß ich die Wahrheit rede! Sehe ich aus wie eine Betrügerin? Ihr scharfer Blick muß es erraten, daß ich die volle Wahrheit rede!“

Der Beamte sann einen Augenblick nach, dann sagte er:

„Meinen persönlichen Empfindungen darf ich nicht folgen. Diese sprechen zu Ihren gunsten, gnädige Frau--ich bitte, beruhigen Sie sich.“ (Ange brach in Thränen aus.) „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: ich werde an den Polizeimeister in C. telegraphieren. Vermag dieser zu recherchieren, daß Sie in C. wohnen, gestern abgereist sind--wann, bitte, mit welchem Zug?--Sehr wohl!--auch Ihr Signalement und dasjenige Ihres Dieners beizufügen--würden Sie endlich das Original der Depesche mir einhändigen können, welche Sie von Ihrem Diener empfingen, so wäre ich hinreichend gedeckt und verspreche Ihnen eine rasche Untersuchung und Erledigung.“

Ange atmete erleichtert auf.

„Wann darf ich also wieder erscheinen, Herr Kommissar?“

„Ich denke, übermorgen vormittag werde ich im Besitz alles dessen sein, was erforderlich ist.“

„Nicht früher?“ warf Ange enttäuscht ein.

„Ich glaube nicht, daß es möglich sein wird.“

„Und darf ich meinen Diener sprechen?“

„Ich bedaure, gnädige Frau--“

„Aber er könnte doch benachrichtigt werden, daß ich hier bin und daß alles eingeleitet ist! Sie würden mich sehr verbinden. Der arme Mensch wird in einer entsetzlichen Unruhe sein, und Sie begreifen, daß ich ihn daraus befreien möchte.“

„Diese Bitte will ich auf Ihren besonderen Wunsch erfüllen, gnädige Frau.“

Der Kommissar klingelte.

„Ich danke Ihnen für diese besondere Rücksicht, Mein Herr,“ sagte Ange, stark betonend.

Der Beamte neigte höflich den Kopf und erhob sich. „Also auf übermorgen zehn Uhr. Ich stehe dann zu Diensten. Ich empfehle mich Ihnen, gnädige Frau.“

Eine stumme Verbeugung, nochmals ein Dankeswort, dann war Ange draußen.

„Nach der Pelzhandlung von M.!“

„Straße? Nummer?“

Ange antwortete, stieg ein und der Wagen rollte fort. Nach zehn Minuten befand sie sich an Ort und Stelle. Sie brachte ihr Anliegen vor und wartete voll Ungeduld auf die Entscheidung. Diese erfolgte erst nach längerer Zeit.

„Wir haben im ganzen nicht viel Neigung zum Kauf, obgleich der Pelz sehr schön ist,“ sagte der Händler, welcher sich mit seiner Umgebung beraten hatte. „Für derartige Ware haben wir hier so gut wie keine Verwendung. Indessen, wollen Sie ihn mit achtzig Thalern abgeben, kann das Geschäft gemacht werden.“

Seit Wochen hatte sich Ange nicht so glücklich gefühlt. Sie hätte aufjauchzen können in der Erleichterung ihrer Seele. Achtzig Thaler! Sie hatte zwar mehr erwartet, da der Pelz mehrere Hunderte gekostet hatte, aber sie empfing Geld--überhaupt Geld, und--dann fand sich alles andere.

Ange nickte, that noch eine Frage wegen Rückkaufs, empfing den Betrag und entfernte sich.

Nach einer Abwesenheit von fast zwei Stunden kehrte sie nun abermals ins Hôtel zurück.

* * * * *

Wer das Leben beobachtet, wird finden, daß diejenigen das höchste Ansehen genießen, welche allezeit den Kopf über das Herz stellen, und in der That sind diese Menschen die eigentlichen Erhalter unserer sozialen Verhältnisse. Was sollte heute aus einer Welt werden, in der die Menschen nach den idealen Vorschriften einer biblischen Bergpredigt handeln wollten?

Anders steht es mit dem Glück solcher Personen. Die tausendfachen Reize, welche den Gemütsmenschen zu teil werden--und mögen diese auch nur bestehen in dem Wechsel zwischen Erfolg und Enttäuschung--entgehen ihnen. Der Gemütsmensch genießt jede Sekunde, der Verstandesmensch entbehrt oft alles. Jener befindet sich bis zum Grabe in einem köstlichen Rausche, dieser--oft ohne wesentlichen Kampf mit der Außenwelt, der Illusionen bar, lernt den eigentlichen Zauber des Lebens gar nicht kennen.

Ange hatte den furchtbaren Ernst ihrer Lage begriffen, und der feste Entschluß, ein neues, auf Pflichttreue beruhendes Leben zu beginnen, war stark und lebendig in ihr geworden; aber ihre lebensfrohe Weltanschauung und ihre sorglose Unerfahrenheit gewannen doch leicht wieder die Oberhand und verführten sie, mehr dem Impuls des Augenblicks zu folgen, als das Ende der Dinge ins Auge zu fassen. Gestärkt durch neue Hoffnungen und im Besitz einiger Mittel, verwischten sich vorübergehend die Eindrücke der letzten Tage, und mit dem halbbewußten Anreiz, sich ihre glückliche Stimmung zu erhalten, durchschritt sie nach dem eingenommenen Mittagessen die Hauptstraßen, guckte in die Läden und betrachtete mit naiver Freude alles, was sich neues ihrem Auge bot.

Die schönen Gegenstände, welche in den Schaufenstern ausgebreitet lagen, reizten ihre Kauflust. Was ihr gefiel, hatte sie bisher stets erhalten--sich erbeten oder selbst gekauft; niemals fand sie den geringsten Widerstand. Nun fielen ihr die Kinder ein! Statt eines Tages würde sie viele Tage fortbleiben! Dafür mußten ihre Lieblinge doch in etwas entschädigt werden!

Unter diesem Gefühlsdrange betrat sie ein Magazin und wählte aus: da war etwas für die kleine Ange, hier etwas für Jorinde und Fred, und da keines der Kinder bevorzugt werden durfte, kaufte sie auch einige hübsche Überflüssigkeiten für Ben und Erna.

Als der Verkäufer die Rechnung summierte, erschrak Ange. Aber dann stellte sie sich die Freude und den Jubel der Kleinen vor, gedachte nochmals der mancherlei Entbehrungen, welche sie durch ihre Abwesenheit erleiden würden, und befahl ohne Zaudern, die Gegenstände abzusenden.

Und dennoch tauchte, als sie draußen zum Nachdenken gelangte, ein bekanntes ernstes und tadelndes Gesicht vor ihr auf; ja sie hörte eine Stimme, die sie sanft schalt und ihr zurief: „Niemals wirst Du die Erfahrungen des Lebens Dir zu nutze machen! Immer wissender wirst Du werden, nicht weiser!“ Es war Teut, der auch diesmal vor ihrem inneren Auge erschien.

Ange erschrak vor sich selbst. Selbsterkenntnis war ihr gekommen, seitdem sie Teut kennen gelernt, Entschlüsse waren in ihr gereift, nachdem Carlos davongegangen und sie in Not zurückgelassen hatte, aber der Gang durch die Schule des Lebens war noch zu kurz, um seine volle Wirkung zu üben.

Den Rest des Tages benutzte sie, um an die Kinder und nochmals an Teut zu schreiben. In ihrem ersten Briefe an ihn hatte sie nur Kunde gegeben von Carlos' plötzlichem Tode; nun bat sie den Freund, ihr in ihrer Lage zu raten. Mit ihrem Zartgefühl zauderte sie lange, die Zukunft zu berühren. War in diesem Falle Rat erbitten nicht gleichbedeutend mit einem Anspruch auf Teuts erneuerte opferthätige Freundschaft?

Dennoch schrieb Ange.

Nachdem sie aber die Feder aus der Hand gelegt, nochmals alles überlesen hatte, und nun den Brief einfalten wollte, stiegen plötzlich Stolz und Scham wie heiße Feuer in ihr empor. Sie zauderte, und aus diesem Zaudern entstand ein unabänderlicher Entschluß. Ange zerriß, was sie dem Papier anvertraut, und warf's in den Kamin.

Es war ein qualvoller, heftiger Widerstreit, der sich in ihrem Inneren erhob. Hier winkten Sorglosigkeit, Fülle vielleicht, mindestens aber alles, was ihre Kinder schützen würde vor der Grausamkeit des Lebens. Dort, in der Zukunft, lagen harte Arbeit, Entbehrung und alle die entsetzlichen Begleiter dieser Quälhexe des Daseins.

Und dennoch, und dennoch! Schon die bisherigen Wohlthaten Teuts brannten wie glühendes Eisen auf ihrer Seele. Und diese noch vermehren?--Niemals! Um keinen Preis! Es war jetzt, wie's war! Etwas blieb! Darben würde sie nicht, wenn sie alles veräußerte. Am besten, sie floh vor dem Freunde für immer, um so mehr, weil sie ihn liebte und weil diese Liebe sie zu einer nachgiebigen Schwäche hinreißen konnte, die sie sicher bereuen würde.

* * * * *

Vier Tage nach dem eben Erzählten saßen sich Ange und Tibet in einem Zimmer des Hotel de Russie gegenüber.

Letzterer war am Tage vorher aus der Haft entlassen worden, und hatte Anges Eigentum zurückerhalten. Eben hatte er, der Aufforderung seiner Herrin folgend, Platz genommen und sich einer ehrerbietigen Haltung entäußert, die unter den bestehenden Verhältnissen auch als etwas Nebensächliches erscheinen mußte.

„Endlich, endlich, mein guter, braver Tibet!“ sagte Ange und reichte dem treuen Menschen die Hand. „Und nun berichten Sie! Ist alles gut verlaufen? Wieviel haben Sie empfangen?“

Über Tibets Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln; er griff in die Seitentaschen seines Rockes und legte Ange ein Papier vor, das diese zwar neugierig betrachtete, aber ohne Verständnis wieder aus der Hand gleiten ließ.

„Es ist ein Check auf die Firma Erlanger, Frau Gräfin. Fünfundfünfzigtausend Mark haben wir erhalten.“

„Wie? Fünfundfünfzigtausend Mark? Viel; nicht, Tibet?“ rief Ange naiv und voller Freude.

„Ich glaube, daß wir mehr bekommen hätten, Frau Gräfin, wenn--“

„Wenn?“

„Die Frau Gräfin wünschten eine rasche Erledigung. Wenn ich das Angebot in scheinbar längere Überlegung gezogen hätte, würde möglicherweise ein größerer Preis erzielt worden sein!“

„Vielleicht, vielleicht, Tibet! Aber unter den gegebenen Verhältnissen--“

„Wenn die Frau Gräfin meine Bitte erfüllt haben würden, wenn ich vorläufig hätte eintreten dürfen--“

„Nun kommen Sie schon wieder mit den alten Dingen! Ist's denn nicht gut so? Fünfundfünfzigtausend Mark! Das ist weit über meine Erwartung! Wieviel meinen Sie, Tibet, daß die Veräußerung meiner Einrichtung bringen wird? Hatte der Graf versichert? Wissen Sie etwas darüber?“

„Es ist eine sehr große Summe, Frau Gräfin. Ich erinnere mich nicht genau, wieviel es gewesen ist. Allein die Gemälde im Salon haben einen bedeutenden Wert.“

„Ah, so daß ich doch nicht ganz eine arme Kirchenmaus sein werde! Wie hoch belaufen sich unsere Schulden, die rückständigen Zahlungen der letzten Zeit?“

„Sie sind nicht unbedeutend, Frau Gräfin. Aber falls Frau Gräfin, was ich nicht hoffe, die Einrichtung veräußern, wird wohl gewiß das Doppelte von dem herauskommen, was ich heute für die Diamanten erzielt habe.“

„Also viel, Tibet, sehr viel! Nehmen wir an, daß mir hunderttausend Mark bleiben--werde ich diese wohl behalten, nachdem die Schulden, auch diejenigen an Baron von Teut, abgetragen sind?--Ja?--Sie wissen nicht?--Nun, nehmen wir an, daß mir so viel bliebe--wieviel Zinsen giebt das vom Kapital?“

„Viertausend Mark, wenn dieses sicher angelegt werden soll, Frau Gräfin.“

„Viertausend Mark--und damit sollten wir uns in einer kleinen Stadt nicht bescheiden einrichten können? Wie glücklich bin ich, daß wenigstens das meinen Kindern erhalten bleibt!“

Tibet seufzte. Er schien Anges Hoffnungen keineswegs zu teilen.

„Nun. Sie Zweifler, was ist denn jetzt wieder?“

„Der Herr Baron wird sicher nicht leiden, daß die Frau Gräfin Ihre Einrichtung verkaufen. Schon wegen der Diamanten werde ich einen schweren Stand mit ihm haben.“

Aber Tibet bereute, was er gesprochen hatte, denn die Frau, die ihm gegenüber saß, sagte in einem völlig veränderten und keinen Widerspruch duldenden Ton:

„Was hat Herr von Teut mit diesen Angelegenheiten zu thun? Ist er mein Vormund? Ich wünsche durchaus keine Einmischungen in meine Geldangelegenheiten von seiner Seite. Und damit Sie es wissen, ein für allemal wissen, Tibet: ich verbiete Ihnen, ohne meinen Willen und meine Zustimmung dem Baron irgendwelche Mitteilungen über meine Verhältnisse zu machen. Ja, noch mehr. Wenn ich C., was unmittelbar geschehen wird, verlasse, darf er meinen Aufenthalt nicht erfahren. Ich würde irgendwelche Äußerung von Ihrer Seite, die ohne meine Genehmigung geschieht, als eine Indiskretion, ja als einen Treubruch ansehen, und Sie würden meine Freundschaft verlieren, die Sie heute in so hohem Grade besitzen.“

„Frau Gräfin--“

„Und überall und zur Klarstellung über das, was ich unabänderlich beschlossen, Tibet,“ fuhr Ange, ohne Tibets Einwand zu beachten, in einer diesem Mann gegenüber vielleicht ungeeigneten, aber ihrer Natur entsprechenden Offenheit fort, „merken Sie sich folgendes: Sie werden es verstehen, und ich sage es Ihnen, weil wir uns in diesem Augenblicke nicht gegenübersitzen als Herrin und Diener, sondern als zwei durch lange Jahre und nun auch durch ein trauriges Schicksal verknüpfte Personen. Es giebt niemanden auf der Welt, den ich so hoch schätze wie den Baron von Teut; er ist mein bester, mein treuester Freund, wie Sie, Tibet, es meinem verdorbenen Gemahl gewesen sind. Aber die Dauer der Freundschaft ist fast immer bedingt durch Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse. Da diese sich verändert haben, so könnte unser bisheriges gutes Einvernehmen Schaden leiden, und um unter allen Umständen solches zu verhüten, will ich ihn in Zukunft meiden. Ich kenne ihn. Seine freigebige Hand kann sich nicht schließen, ich aber will keine Wohlthaten empfangen, und wenn ich hungern sollte! Daraus ergiebt sich alles. Auch wir müssen uns trennen, mein braver Tibet! Ich vermag Ihnen nichts zu bieten und darf Sie nicht zurückhalten, sich ein anderes sicheres Brot zu suchen.“

„Wie--auch mich wollen Sie von sich stoßen, Frau Gräfin?“ rief Tibet.

„Ich will Sie nicht von mir stoßen! Ach, Tibet, ich trenne mich nur allzu schwer von Ihnen. Aber gestehen Sie selbst! Meine Einnahme wird in der Folge gering sein, meine Familie ist zahlreich; ich kann Sie nicht belohnen, wie ich es möchte. Ja, noch mehr: ich kann Ihnen überhaupt nicht--“

„Ich wünsche auch gar nichts, Frau Gräfin. Ich bitte nur, bei Ihnen und den Kindern bleiben zu dürfen, die mir ans Herz gewachsen sind.“ Den Schlußsatz sprach Tibet, dieser unverbesserliche Egoist, nicht ohne Berechnung. Und er täuschte sich auch nicht bezüglich der Wirkung seiner Worte.

Immer, wenn die Kinder in Frage kamen, ward Ange wieder schwach oder schwankend. Sie hingen voll Zärtlichkeit an dem alten Diener des Hauses. Sie stellte sich vor, wie gut er stets mit ihnen gewesen, wie er ihre Schwächen kannte und wie günstig er sie stets beeinflußt hatte; ja, welche Entbehrung eintreten werde, wenn er nicht mehr in ihrer Nähe sein würde.

Ange schüttelte denn auch nur den Kopf; sie bewegte ihn wie jemand, der nicht nein und nicht ja zu sagen vermag.

Aber endlich gewann doch das Vernünftige wieder die Oberhand, und sie sagte:

„Und dennoch nein--nein, Tibet. Sie sind nicht mehr jung--wollen Sie die besten Ihnen noch bleibenden Jahre sich verkümmern, gar mit der Aussicht in eine Abhängigkeit treten, welche sicher ein sorgenfreies Alter abschneidet?“

„Dafür ist gesorgt, Frau Gräfin. Ich habe ein kleines Kapital, wie Sie aus meinem bescheidenen Anerbieten bereits erfahren haben. Ich strebe nicht nach Geld! Lassen Sie mich wenigstens vorläufig bei Ihnen bleiben! Die nächste Zeit erfordert so viel! Zuerst werde ich die ganze Abwickelung in C. besorgen müssen, dann kommt der Umzug, die Neueinrichtung, die Eingewöhnung in die neuen Verhältnisse. Das erfordert gewiß ein Jahr, in dem ich mich Ihnen nützlich machen kann.“

Ange sah dem trefflichen Menschen ins Auge, und eine Thräne der Rührung stahl sich in ihr eigenes.

„Gut, unter einer Bedingung, Tibet!“ entschied sie, während sie ihre Empfindungen zurückdrängte „Sie versprechen mir, daß Sie meine vorher geäußerten Wünsche erfüllen, daß Sie dem Baron von Teut--“

Tibet hatte bei den ersten Worten dankbar das Haupt geneigt, jetzt trat ein unverkennbarer Ausdruck der Unruhe in seine Züge.

„Nun, Tibet?“ unterbrach sich Ange.

„Darf ich offen sprechen, Frau Gräfin?“

Ange nickte, ergriff einen kleinen Gegenstand, der auf dem Tische lag, rollte ihn in ihrer Hand auf und ab und horchte mit einem Anflug von Spannung auf.

„Ich gab Herrn Baron von Teut beim Abschied mein Wort, Frau Gräfin, ihm von allem Mitteilung zu machen, was die gräfliche Familie anbeträfe. Ich meine,“ setzte er schnell auf einen stolzen Blick aus Anges Augen hinzu, „ihm sogleich Nachricht zu geben, wenn bei den einmal begehenden Verhältnissen Ungelegenheiten eintreten sollten. Ich versprach es nach einigem Zaudern, denn früher--damals, als der Herr Baron zuerst ins Hauswesen eingriff--hatte ich jede derartige Zumutung abgelehnt. Nun wußte ich sicher, daß ich etwas Gutes, Ihnen nur Nützliches damit bewirken könne, und sagte zu, was er von mir wünschte. Aber noch etwas anderes, Frau Gräfin: der Herr Baron ist, soviel ich weiß, von dem seligen Herrn Grafen zum Vormund der Kinder eingesetzt, und derselbe hat ihm auch Vollmacht gegeben, Ihre Vermögensangelegenheiten selbständig in die Hand zu nehmen. Haben Sie nichts in dem letzten Willen des Herrn Grafen--in seinem Testament gefunden?“

„Ah!“ murmelte Ange erregt und wie abwesend vor sich hinstarrend.

„Und zudem, Frau Gräfin,“--fuhr Tibet, Mut gewinnend, fort--„welchen Nutzen wird es haben, wenn Sie alles verkaufen? Sie bedürfen doch einer Einrichtung, auch an einem anderen Ort! Und glauben die Frau Gräfin nicht, daß der Herr Baron bald ausfindig machen wird, wo Sie sich aufhalten, und wird er nicht--“

Ange erhob sich und ging unruhig im Zimmer auf und ab.

Sie rückte an den mit Plüsch bezogenen Stühlen, zupfte an der Tischdecke und stieß mit dem kleinen Füßchen ein Schnitzelchen Papier unter das Sofa.

„Nein!“ sagte sie und richtete sich empor. „Ich weiß nichts von diesem letzten Willen meines Gemahls, und ich fand nichts Derartiges unter seinen Papieren. Wozu sollte das auch dienen? Bin ich nicht selbst der natürliche Vormund meiner Kinder?“ Und nach kurzer Pause fuhr sie, in ihren naiven Ton zurückfallend, fort: „Müßte ich mich denn fügen, wenn wirklich ein solches Abkommen vorhanden wäre?“

„Ohne Zweifel, Frau Gräfin.“

„Nun, dann mag es sein! Mag der Vormund raten, aber--“

Ange fiel in den Sessel zurück und bewegte in starker Erregung den Kopf. Was sie eben gesprochen, hatte sich unwillkürlich hervorgedrängt. Es war nichts, was an Tibet gerichtet war. Er verstand dies auch, denn er schwieg taktvoll.

„Meine Kinder sollen“--hob Ange von neuem an--„etwas Tüchtiges lernen, und wenn es ein Handwerk ist. Je früher sie leistungsfähige Menschen werden, desto eher werden sie sich ihr Brot verdienen können. Darauf wird sich meine Sorge richten müssen. Freilich, für die Mädchen ist es schwer!

Ich werde sehen, was sie zu begreifen und später nützlich zu verwerten vermögen. Das ist mein Plan und mein unumstößlicher Entschluß. Wo ich in Ehren mir Erleichterungen verschaffen kann--Erleichterungen, die man Unbemittelten in den Schulen durch Stipendien in ähnlichen Fällen gewährt, werde ich sie suchen. Komme ich in die Lage, ein Darlehen zu nehmen, so werde ich das als ein Geschäft betrachten--kurz, Tibet, ich gehe meinen eigenen geraden Weg, und nichts, nichts wird mich davon zurückbringen oder abhalten!“

„Gewiß, gewiß, Frau Gräfin,“ bestätigte Tibet einlenkend und voll Staunens. War das dieselbe Frau, die er seit so vielen Jahren in fast hilfloser Weise sich hatte bewegen sehen, die immer wie ein unerfahrenes, von jedem Impuls getriebenes Wesen gehandelt, die selbst einem Teut seiner Zeit das um ihrer Kinder willen abgebettelt, was sie doch als recht und vernünftig erkannt hatte!?

Er machte, von der Entschiedenheit ihres Wesens betroffen, auch fernerhin keinen Einwand mehr, verneigte sich nur stumm und bat, ihn wegen der Reisevorbereitungen zu entlassen.--

Die Nachwirkung der vorhergegangenen Aufregung trat erst später bei Ange ein. Zunächst hielt sie noch die Sehnsucht nach den Kindern, dann die freudige Erwartung des Wiedersehens aufrecht.

Als der Zug sich am Tage der Rückkehr C. näherte, als Ange sich vorstellte, alle ihre Lieblinge am Bahnhofe wiederzusehen, klopfte ihr das Herz so gewaltig, daß ihr fast der Atem stockte: und als endlich das Ziel erreicht war, als die Kinder ihre Händchen ausstreckten und sie beim Aussteigen küssend und jubelnd umringten, da erschien Ange alles, was vorgegangen, geringfügig gegen diesen Augenblick des Glücks.

* * * * *

Ange hatte bereits auf der Rückfahrt noch einmal mit Tibet überlegt, welche Schritte für die Zukunft einzuschlagen seien. Sie blieb dabei, ihren Haushalt aufzulösen und C. zu verlassen; Tibet sollte nicht nur mit dem Besitzer der Villa wegen einer früheren Auflösung des Mietvertrages sprechen, sondern auch die Dienerschaft sofort entlassen. Das sämtliche entbehrliche Mobiliar, Pferde und Wagen, alle Kunst- und Luxusgegenstände wollte Ange veräußern und sich mit dem Erlös aus diesen und anderen zu verkaufenden Gegenständen in eine kleine Stadt zurückziehen. Über den Ort hatte sie sich noch nicht schlüssig gemacht. Jeder Tag, an welchem der kostspielige Haushalt fortdauerte, schmälerte das Kapital, das Ange unter Berücksichtigung der noch zu lösenden Verpflichtungen endlich verbleiben konnte.

Eine Stütze fand sie in dem Polizeimeister von C., dem sie gleich nach ihrer Rückkehr einen Besuch machte, um ihm für seine erfolgreiche Hilfe zu danken. Er riet ihr, vor der öffentlichen Veräußerung der Einrichtung abzurufen, und versprach, mit Rat und That beizustehen. Auch überlegte er in einer längeren Unterredung mit ihr den Wohnort und gab Ange Ratschläge, die ihr bei ihrer Unerfahrenheit von großem Nutzen waren.

Anges Entschlüsse wurden auch nicht erschüttert, als nun an einem Morgen endlich zwei Briefe einliefen, von denen einer von Teut selbst mit zitternder Hand geschrieben war und die Worte enthielt: „Heute nur mein innigstes Beileid, liebe Ange; Carlos' Tod hat mich aufs tiefste ergriffen. Ich bin voll Sorge daß ich nicht jetzt bei Ihnen sein kann, um Sie zu trösten und Ihnen helfend zur Seite zu stehen. Aber ich liege schwerverwundet darnieder und--“

Hier brach das Schreiben ab, dem nur noch ein undeutliches A.v.T. später hinzugefügt war.

Der zweite Brief, der von Teuts Diener Jamp abgefaßt und einige Tage später abgesandt war, teilte im Auftrage des Herrn Rittmeisters mit, daß die Geschäftsangelegenheiten geordnet werden würden, daß der Herr Rittmeister neuerdings einen Rückfall gehabt habe, daß der Herr Rittmeister den Kindern Grüße sende und daß der Herr Rittmeister ausführlicher schreiben werde, sobald er nur wieder bei Kräften sei.