Eine Reise nach Freiland

Part 8

Chapter 83,258 wordsPublic domain

»Das scheint mir denn doch etwas zu weit zu gehen,« meinte ich. »Ich billige es, wie gesagt, durchaus, daß auch den Hilflosen möglichst ausgiebige Unterstützung zu teil wird; aber daß die Gesamtheit der Arbeitenden zu sothaner Hilfeleistung verpflichtet sei und daß die in solchem Umfange Versorgten ein _Recht_ auf ihre Bezüge besäßen, vermag ich nicht einzusehen. Was ihnen zu teil wird, ist ja doch das Ergebnis der Arbeit anderer, die Arbeitsfähigen haben es aus eigenen Kräften hervorgebracht und könnten es also, wenn sie nur das strenge Recht üben wollten, ausschließlich für sich behalten.«

»Meinen Sie das wirklich?« -- unterbrach mich Frau Wera mit blitzenden Augen. »Nach allem, was mir Karl über Sie erzählte, kann ich gar nicht glauben, daß das Ihre letzte wohlerwogene Ansicht sei. Sie stehen offenbar noch teilweise unter dem Banne jener Wahnvorstellungen, die unzertrennlich verknüpft sind mit den schrecklichen Verhältnissen, denen Sie erst kürzlich entrannen. Ich habe eine sehr hohe Meinung von meinem Manne, aber daß er das, was er leistet, aus eigener Kraft hervorbringe, daß die Lehrsätze der Geometrie und Algebra, die er anwendet, von ihm ersonnen seien, daß die Dampfmaschinen, die er konstruieren läßt, seinem Geiste entsprangen, scheint mir denn doch eine allzuweitgehende Schmeichelei. Ich glaube, mein lieber Karl würde, wenn er wirklich bloß darauf angewiesen wäre, was er kraft seiner eigenen Fähigkeiten hervorzubringen vermöchte, als armseliger Wilder nackt in den Wäldern umherstreichen, und ich bezweifle, daß es irgend einem von uns besser ginge. Alles, was wir haben und sind, verdanken wir der Vorarbeit ungezählter Generationen, und daraus, so glaube ich, folgt, daß die Stärkeren und Geschickteren unter uns, welche die Errungenschaften der Vorfahren allein zu handhaben vermögen, deshalb noch kein alleiniges und ausschließliches Anrecht auf die Früchte dieser ihrer Arbeit haben, denn diese ihre Arbeit wird erst möglich auf Grund jener Behelfe, die unser aller gemeinsames Eigentum sind. Oder meinen Sie vielleicht, daß Watt die Dampfmaschine und Stephenson die Lokomotive nur für Sie und meinen Mann, nicht aber auch für mich und mein Kind oder für den Greis und den Krüppel erfunden haben? Ein solcher Gedanke kann nur entstehen in einer Welt, die den Nutzen aller Erfindungen einigen wenigen Privilegierten zuspricht. Wo man sieht, daß die ungeheuere Mehrzahl aller Menschen ausgeschlossen ist vom Mitgenusse der Ergebnisse wachsender Arbeitsergiebigkeit, und von denjenigen, die im Alleinbesitze allen Reichtums der Menschheit sind, bloß das zu kümmerlicher Fristung ihres Lebens Erforderliche als Lohn dafür zugemessen erhält, daß sie die von den Vorfahren überlieferten Reichtümer für jene wenigen nutzbar macht -- dort allerdings muß auch die Vorstellung entstehen, daß jene, die arbeitsunfähig sind, gar keinerlei Recht genießen. Man füttert doch bloß nützliche Haustiere, die nutzlosen haben keinen Anspruch auf Stall und Futterraufe, und wenn ihnen diese trotzdem zu teil werden, so ist es eben das _Gnaden_brot, das man ihnen zumißt. Hier hat jedermann, sofern er überhaupt der menschlichen Familie angehört, ein _Recht_ auf alles, was Eigentum der menschlichen Familie ist. In Freiland werden bei Beurteilung des Ausmaßes dieser Rechte dieselben Grundsätze in Anwendung gebracht, die auch in Europa und Amerika zur Geltung gelangen, wenn es sich darum handelt, den Fruchtgenuß einer reichen Erbschaft unter den Erben zu verteilen. Stellen Sie sich vor, daß es sich um die Fabrik eines Mannes handelt, der mehrere Kinder hinterließ, unter denen einige arbeitsfähig, andere arbeitsunfähig sind; werden die ersteren das ganze Erbe erhalten, weil sie allein dasselbe nutzbringend zu verwerten vermögen? Sie werden sich, wenn sie den Geschwistern kein Geschenk machen wollen, ihre Mühewaltung vergüten lassen, sie werden einen größeren Anteil fordern; aber als frechen Hohn würde es jedermann betrachten, wollten diese Tüchtigen sich als die alleinigen Erben und ihre Geschwister als Bettler hinstellen, denen man bestenfalls im Gnadenwege ein Almosen hinwerfen müsse.«

Beschämt gestand ich der tapferen kleinen Frau, daß sie mich vollständig überwunden habe, wenn überhaupt das Widerlegen eines mit den eigenen Grundsätzen gar nicht übereinstimmenden Vorurteiles »überwinden« genannt werden darf. Und aus Eigenem fügte ich dann hinzu, daß die in Freiland geübte Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Arbeitsunfähigen in dem schließlichen Interesse selbst der Arbeitenden läge. Denn Not und Elend, Entwürdigung und Schande seien ein fressendes Geschwür, das, unerbittlich um sich greifend, endlich den ganzen Organismus zerstören müsse, wenn ihm nur irgendwo am Körper der Gesellschaft Raum gelassen werde. Gleichwie eine vornehme Familie nicht dulde, daß eines ihrer Mitglieder der Entwürdigung verfalle, so dürfe auch eine zu wirklicher Vornehmheit emporgediehene ganze Gesellschaft nicht dulden, daß wer immer aus ihrer Mitte in seiner Menschenwürde gekränkt werde. Auf sich selbst, auf eigenem Recht muß in einer solchen Gesellschaft jedermann stehen, sonst kann die Würde und das Recht der anderen nicht ungefährdet bleiben.

Ein anerkennender Blick aus Frau Weras Augen belohnte mich. Indessen hielt mich dies nicht ab, eine andere Frage zur Erörterung zu bringen, die mir im freiländischen Versorgungswesen trotz des Vorhergegangenen noch nicht ganz klar geworden war. »Warum,« so fragte ich, »haben in Freiland alle Frauen ohne Ausnahme Versorgungsrecht? Man könnte hierin sogar eine Art Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes erblicken. Vermögen denn die Frauen wirklich nichts zu leisten und können sie zugeben, daß solches grundsätzlich von ihnen vorausgesetzt werde? Oder hält man vielleicht hier die europäische >Dame< für das Frauenideal, jene Dame, die, um durchaus und in allen Stücken als solche zu gelten, selbst den entferntesten Verdacht, daß sie zu irgend etwas in der Welt nütze sei, von sich fernhalten muß?«

Frau Wera protestierte energisch. »Wir freiländischen Frauen wollen uns nützlich machen und wir thun es auch. Aber wir meinen, und unsere Männer teilen diese Anschauung, daß uns die Natur der Hauptsache nach auf einen Beruf angewiesen hat, der fernab von Erwerbsthätigkeit liegt. Wir sind zunächst die Gebärerinnen und die Erzieherinnen unserer Kinder, dann aber die Vertreterinnen des Schönen und Edlen in der Gesellschaft; zu diesem Berufe werden wir erzogen und erziehen wir uns fortgesetzt selber. Wir haben das Recht, auch jeden beliebigen andern Beruf zu ergreifen, aber wenn wir mit Bezug auf die Sicherung einer unabhängigen Existenz auf diese andern Berufe angewiesen würden, so wäre das im Prinzip vielleicht sehr schön, würde aber der übergroßen Mehrzahl von uns Frauen nicht das geringste nützen. Sehen Sie z. B. mich; ich könnte zwar ganz gut als Modellzeichnerin mein Brot verdienen, aber ich thäte es eben nicht, auch wenn ich kein Versorgungsrecht genösse; weder mir noch meinem Manne und am allerwenigsten meinem Kinde würde das passen. Ich würde also thatsächlich nichts verdienen und wäre auf die Gnade meines Herrn und Gebieters angewiesen. Das Schlimmste aber ist, daß ich höchst wahrscheinlich auf diese Versorgung durch den Mann gewartet, daß ich also in der Ehe eine Versorgung gesehen hätte, während ich gestützt auf mein freiländisches Versorgungsrecht, ausschließlich dem Zuge meines Herzens folgen konnte. Und auch das ganze Eheverhältnis nimmt bei uns in Freiland gerade wegen dieser durchgängigen Unabhängigkeit der Frauen einen ganz anderen Charakter an, wie in Europa. Wir stehen nicht unter der Vormundschaft unserer Männer und deswegen haben wir niemals das Gelüste, sie unter unsern Pantoffel zu bringen. Die europäische Frau ist der Hauptsache nach ja doch nur eine Sklavin, und wenn sie Freiheitsgelüste spürt, so muß sie dieselben auf Schleich- und Umwegen zu bethätigen trachten; sie muß, da sie eigenen Willen nicht haben darf, bestrebt sein, sich den Willen ihres Mannes unterthan zu machen. Bei uns ist das alles anders. Hier ist mein Mann weder der Herr noch der Versorger, sondern ausschließlich« -- hier traf den also Angeredeten ein zärtlicher Blick aus den schönen Augen, der auch sofort gleich feurige Erwiderung fand -- »der Geliebte; ich glaube, das ist wohl das Beste, und zwar nicht bloß für mich, sondern auch für ihn. Aber es ist nicht bloß gut so, das Gegenteil wäre auch ungerecht. Kann ich erwerben, wenn ich mich meinem Kinde und meinem Hause widme, kann ich es zum mindesten, ohne eine Überbürdung auf mich zu laden, von welcher der Mann in Freiland nichts weiß? Oder ist vielleicht meine Leistung als Mutter und Hausfrau minder nützlich, als beliebige Erwerbsthätigkeit? Aber alleinstehende Frauen, so werden Sie vielleicht einwenden, könnten doch erwerben, ohne sich zu überbürden. Richtig, und zahlreiche thun es auch. Aber sie dazu _nötigen_ wollen, wäre unklug und ungerecht zugleich. Ersteres, weil die Mädchen dadurch von ihrem eigentlichen Berufe abgelenkt, ihre Ausbildung in falsche Bahnen gedrängt würde; letzteres, weil damit gerade jene Frauen, deren Erziehung die richtige, dem weiblichen Berufe entsprechende bliebe, zu wirtschaftlicher Abhängigkeit verurteilt würden. Jetzt müßten sie erst recht Versorgung in der Ehe suchen, und das, diese Entwürdigung des schönsten heiligsten Gefühls der Menschenbrust -- der Liebe nämlich -- zu einer Sache des Erwerbs, das ist es, was zu verhüten vornehmster Zweck des freiländischen Versorgungsrechts der Frauen ist.«

Neuntes Kapitel.

Die Centralbank, das Geldwesen und das Lagerhaus. Über die Freiheit in Freiland.

Ich hatte meine Stellung als Ingenieur in der »Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft« angetreten und mich rasch in derselben zurecht gefunden. Meine Lebensweise richtete ich, so unabhängig ich auch in allem war, im Wesen doch nach derjenigen meiner Gastgeber und der Freiländer überhaupt. Es wird hier ziemlich allgemein bald nach Sonnenaufgang, d. h. also nach sechs Uhr Morgens, aufgestanden und zunächst ein kühles häusliches Bad genommen. Hierauf folgt ein erstes Frühstück, bestehend zumeist aus einer Tasse Schokolade, Kaffee oder Thee, und diesem ein Spaziergang entweder durch die Straßen und großartigen öffentlichen Anlagen der Stadt oder wohl auch auf eine der umliegenden Höhen, welche durch elektrische Bahnen in zehn bis fünfzehn Minuten zu erreichen sind. Dieser Spaziergang, unterbrochen in der Regel von etwas leichter Lektüre findet seinen Abschluß durch ein kompakteres Frühstück, und darauf begiebt man sich an sein Geschäft. Um zwölf Uhr sucht man entweder sein Haus oder eines der zahlreichen und großartig eingerichteten Badehäuser auf, die an den Ufern des Tana und des Edensees erbaut sind. Um ein Uhr wird gespeist, jedoch nicht allzureichlich, da die eigentliche Hauptmahlzeit in Freiland erst nach Erledigung aller Geschäfte, also des Abends, gehalten wird. Man begnügt sich des Mittags mit einer Warmspeise, Käse und Obst; nur besonders starke Esser legen noch ein Gericht zu. Nach dem Mittagessen sind die meisten Freiländer, sofern sie nicht ein Schläfchen vorziehen, in den öffentlichen Bibliotheken und Lesesälen zu finden, die Verheirateten meist in Begleitung ihrer Frauen, die dort Bekannte treffen, lesen, und die öffentlichen Angelegenheiten des Landes besprechen gleich den Männern. Um drei Uhr wird wieder ans Geschäft gegangen und bis sechs Uhr gearbeitet. Hierauf lassen diejenigen, die nicht schon vor Tisch gebadet haben, ein zweites Bad im Edensee oder Tana folgen, doch giebt es viele Freiländer, die morgens, mittags und abends baden, ein Vergnügen, das, wenn die einzelnen Bäder nicht zu lang ausgedehnt werden, in diesem Klima als der Gesundheit sehr zuträglich gilt. Um sieben Uhr wird die Hauptmahlzeit eingenommen, bestehend in der Regel aus drei bis vier Gerichten. Dann macht oder empfängt man Besuche, besucht die Theater oder Konzertsäle, hört irgend einen wissenschaftlichen Vortrag, kurz, geht allerlei Vergnügungen oder Belehrungen nach, an denen in Edenthal, wie überhaupt in Freiland, nirgends Mangel ist. Die Sonntage sind des Vormittags ernster Lektüre, bei fromm angelegten Gemütern wohl auch Andachtsübungen gewidmet, die Nachmittage gehören meist dem Vergnügen. Man veranstaltet Ausflüge, Picknicks, bei denen musiziert und vom jungen Volke leidenschaftlich getanzt wird.

Ich benutzte natürlich meine freie Zeit mit Vorliebe zur Besichtigung der öffentlichen Anstalten Freilands, unter denen die Centralbank und das Centrallagerhaus mein besonderes Interesse erregten. Daß erstere der Bankier des ganzen Landes ist, angefangen von der öffentlichen Verwaltung und den großen Produktionsgesellschaften bis zum letzten Arbeiter, ja bis zum letzten Kinde, die allesamt ihr eigenes Konto in den Büchern besitzen, habe ich bereits mitgeteilt. Natürlich unterhält die Bank Zweiganstalten in jedem größeren Orte des Landes. Man würde aber irren, wollte man glauben, daß diese sich auf alles erstreckende Buchführung einen sonderlich großen Apparat von Angestellten und sehr verwickelte Schreibereien notwendig mache. Gerade weil alles durch die Bank geht, ist deren Gebarung eine überaus einfache. Jedes Guthaben des einen entspricht genau der Verpflichtung irgend eines anderen Foliobesitzers; Zinsenberechnungen existieren nicht und außerdem sind die meisten Ein- und Austragungen so gleichmäßiger Art, daß in vorgedruckte Formulare bloß die Ziffern eingetragen zu werden brauchen. Die Folge davon ist, daß siebzehnhundert Bankbeamte genügen, um für den freiländischen Staat, für nahezu zweitausend Associationen und für 2½ Millionen einzelne Menschen Buch zu führen, und die Fachmänner sind der Überzeugung, daß mit dem Wachstume der Bevölkerung die Gebarung sich verhältnismäßig noch vereinfachen wird.

Da in Freiland niemand mit Bargeld zahlt -- ich habe in den acht Wochen meines bisherigen Aufenthaltes hier außer den Barmitteln, die ich selbst mitbrachte, noch kein Geldstück zu Gesicht bekommen -- wunderte es mich anfänglich, warum die Freiländer überhaupt das Gold beibehalten haben und nach demselben rechnen. Ihre Hauptmünze ist nämlich das Pfund Sterling, jedoch nicht das englische, welches 25 Franken 22,15 Centimes wert ist, sondern ein Pfund in genauem Goldfeingehalte von französischen 25 Franken. Dieses Pfund wird in 20 Mark und die Mark in 100 Pfennige geteilt. Ich erklärte mir die Sache durch die Bedürfnisse des Außenhandels, den Freiland in sehr bedeutendem Umfange mit fremden Ländern treibt, beschloß aber doch, mir an maßgebender Stelle Auskunft zu holen und machte mich zu diesem Zwecke mit dem Leiter der freiländischen Bank bekannt, der dieselbe Lesehalle wie ich zu besuchen pflegte.

Dieser gemütliche, schon etwas ältere Herr war mit Vergnügen bereit, mich zu belehren, und so erfuhr ich denn, daß man in Freiland hauptsächlich aus dem Grunde das Gold als Geld beibehalten habe, weil es der beste aller derzeit möglichen Wertmesser sei, Freiland aber eines guten Wertmessers noch viel dringender bedürfe als irgend ein anderes Land.

»Ist denn nicht Arbeit der beste Wertmesser? Tauschen wir die Dinge nicht im Verhältnis des zu ihrer Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwandes gegeneinander?« fragte ich. »Wenn dieses Buch fünf Mark und jener Tisch zehn Mark kostet, so heißt das doch nichts anderes, als daß die Herstellung des Buches so viel Arbeit erfordere, wie die Herstellung des in fünf Mark enthaltenen Goldes, und die Herstellung des Tisches so viel Arbeit, als die des in zehn Mark enthaltenen Goldes. Wäre es nicht viel einfacher, den Arbeitsaufwand, der in Buch und Tisch enthalten ist, direkt zu bezeichnen und das Gold ganz aus dem Spiele zu lassen, etwa zu sagen: Das Buch ist eine Stunde und der Tisch ist zwei Stunden Arbeit wert?«

»Ich kann Ihnen das Lob nicht vorenthalten, mein junger Freund,« antwortete verbindlich der Bankmann, »daß Sie gerade durch die zutreffende Art und Weise, mit welcher Sie das Wesen des Geldes auseinanderlegten, mir den Nachweis, daß Gold ein guter, der Arbeitsaufwand aber der denkbar schlechteste Wertmesser ist, außerordentlich erleichtert haben. Wenn wir sagen: das Buch kostet fünf und der Tisch zehn Mark, so haben wir damit allerdings den Wert nicht für alle Zukunft bezeichnet, denn das Buch kann nach Jahresfrist ebensogut vier als sechs Mark und der Tisch neun oder elf Mark wert werden, wenn sich nämlich das wechselseitige Verhältnis des in Buch, Tisch und Mark enthaltenen Arbeitsaufwandes zwischenzeitig verändert. Geschieht dies aber auch, so spricht mindestens die Vermutung dafür, daß die Ursache nicht im Golde, sondern im Buche oder im Tische gelegen sei, d. h. wir können voraussetzen, daß, wenn z. B. ein solches Buch im nächsten Jahre bloß vier Mark kostet, dies nicht deshalb der Fall sei, weil nunmehr zur Herstellung von vier Mark Gold eine Stunde erforderlich geworden sei, wie früher zur Herstellung von fünf Mark, während zur Herstellung des Buches nach wie vor eine Arbeitsstunde erforderlich ist; vielmehr wird unsere Vermutung dahin gehen, daß nach wie vor fünf Mark Gold in einer Stunde fabriziert werden können, der zur Fertigstellung eines solchen Buches erforderliche Arbeitsaufwand aber sich um ein Fünftel verringert habe. Und zwar vermuten wir das nicht etwa aus dem Grunde, weil dem Golde irgend eine mystische Eigenschaft der Wertbeständigkeit innewohnen würde, sondern deshalb, weil der Wert aller anderen Dinge der Hauptsache nach von jenem Arbeitsaufwande abhängt, der augenblicklich zu ihrer Herstellung erforderlich ist, während beim Wert des Goldes, von welchem seiner großen Haltbarkeit wegen im Verlaufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sich große Vorräte aufgestapelt haben, dieser Einfluß einer Änderung des Arbeitsaufwandes nur verhältnismäßig langsam vor sich geht. Der Wert des Goldes ist also etwas zum mindesten verhältnismäßig Beständigeres als der Wert der anderen Dinge, und da es im Wesen der Sache liegt, daß man zum Messen des Wertes besser solche Dinge gebrauchen kann, deren eigener Wert möglichst beständig bleibt, so ist Gold zwar kein absolut guter, aber doch unter allen Dingen der verhältnismäßig beste Wertmesser. Das wird Ihnen auch allen anderen Dingen gegenüber von Anbeginn eingeleuchtet haben. Es bedarf keines tieferen Nachdenkens, um einzusehen, daß der Wert jedes Dinges viel besser, sicherer, dauernder bestimmt ist, wenn man ihn in gewissen Mengen Goldes ausdrückt, als wenn man es in bestimmten Mengen einer beliebigen anderen Ware thäte. In tausend Mark besitzen Sie doch offenbar einen unveränderlicheren Wert, als beispielsweise in hundert Centnern Getreide. Denn Sie werden im großen und ganzen mit diesen tausend Mark alle Ihre Bedürfnisse im nächsten Jahre ziemlich genau so gut decken können, wie heute, während, wenn heuer eine gute und im nächsten Jahre eine schlechte Ernte ist, dieselben hundert Centner Getreide Ihnen im nächsten Jahre die Deckung der doppelten Gesamtsumme von Bedürfnissen ermöglichen wie heuer.

Unter allen möglichen Dingen aber wäre der Arbeitsaufwand der denkbar schlechteste Wertmesser. Denn während alle andern Dinge ihren Wert, d. i. ihre Tauschkraft der Gesamtheit der andern Lebensbedürfnisse gegenüber nur _möglicherweise_ verändern können, verändert menschliche Arbeit ganz gewiß fortwährend ihre Tauschkraft der Gesamtheit der Lebensbedürfnisse gegenüber, denn mit jedem Fortschritte der Kultur sinkt der zu Beschaffung der Gesamtheit aller Bedarfsartikel erforderliche Arbeitsaufwand. Dieser Tisch z. B. wird, wenn er in diesem Jahre zweistündigen Arbeitsaufwand zu seiner Herstellung erfordert, im nächsten Jahre wahrscheinlich in 1-9/10 Stunden, abermals nach einem Jahre in 1-8/10 Stunden, nach zehn Jahren vielleicht in einer Stunde herzustellen sein. Und da es sich durchschnittlich mit allen andern Dingen ebenso verhalten dürfte, so folgt daraus, daß, wenn ich Ihnen tausend Arbeitsstunden schuldig bin, diese meine Verpflichtung nach zehn Jahren den doppelten Wert erlangt hat, während es doch meine und Ihre Absicht bei Feststellung unseres Schuldverhältnisses ist, Vorteil und Last desselben möglichst dauernd zu bestimmen, was am besten dadurch geschieht, daß wir dieses Schuldverhältnis nicht in Arbeitsstunden, sondern in Gold feststellen, also nicht sagen: ich bin Ihnen tausend Arbeitsstunden, sondern: ich bin Ihnen fünftausend Mark schuldig. Ich will dies an einem Beispiele erläutern. Sie sind Mitglied der »Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft«, welche Association in unsern Büchern mit 2½ Millionen Pfund Sterling belastet ist. Diese Schuld entspricht zum heutigen Arbeitswerte ziemlich genau zehn Millionen Arbeitsstunden; zur Zeit jedoch, wo diese Darlehen aufgenommen wurden, war der Wert der Arbeitsstunde viel geringer. Die Herstellung der Gebäude und Maschinen, welche Sie heute benutzen, hat weit über zwanzig Millionen Arbeitsstunden verschlungen, weil der Arbeitsaufwand zur Herstellung der nämlichen Dinge ein desto größerer war, je weiter wir in der Reihe der Jahre zurückschreiten. Wäre es nun nicht die schreiendste Ungerechtigkeit, ja, wäre es überhaupt mit dem Bestande Ihrer Association vereinbar, wenn sie zwanzig Millionen Arbeitsstunden schuldig wäre und zahlen müßte, während doch nach den heutigen Arbeitsverhältnissen in zwanzig Millionen Arbeitsstunden ihre gesamten Gebäude, Maschinen und Werkzeuge zweimal hergestellt werden könnten? Und nach ferneren zehn Jahren würden vielleicht zwanzig Millionen Arbeitsstunden genügen, um jene Anlagen viermal zu erneuern. Da wir in Gold rechnen, seid ihr 2½ Millionen Pfund schuldig und das ist so ziemlich der Betrag, um welchen euere Einrichtungen auch heute zu erneuern sind und nach zehn Jahren wahrscheinlich zu erneuern sein werden. Eine Verschiebung kann ja Platz gegriffen haben und in Zukunft Platz greifen; aber wenn es der Fall ist, so wäre das eine bloß zufällige Verschiebung, gegen die sich nichts machen läßt und die keineswegs besonders große Tragweite besitzt; die Verschiebung des Arbeitswertes dagegen wäre eine notwendige, gewaltige, und ein Zahlungsverhältnis auf Grund des Arbeitswertes aufbauen, hieße den Verpflichteten von vornherein und absichtlich ruinieren.«