Part 7
»Das ist jedes einzelnen Sache; wer mehr erzeugt, als er gebrauchen will oder kann, der mag selber zusehen, was er mit dem Überschusse anfängt. Er wird ihn verschenken, in welchem Falle ihn eben ein anderer, der Beschenkte, verzehren dürfte, oder aufstapeln, in welchem Falle er für zukünftigen Verzehr bereitliegen wird, ja, er kann ihn, wenn er will, auch zu Kapitalanlagen im Auslande benutzen, so lange es ein solches Ausland giebt, d. h. so lange nicht alle Welt unsere Einrichtungen angenommen hat. Mit _unserm_ Kapitalmarkte haben die Privatersparnisse unter keinen Umständen etwas zu thun, denn da hier der Kapitalbedarf, soweit er nur überhaupt vorhanden ist, durch die Gesamtheit zinslos gedeckt wird, so giebt es hierzulande niemand, der dem Kapitaldarleiher irgend einen Vorteil einräumen würde, und ohne einen solchen entäußert sich doch niemand seines Besitzes. Es giebt zwar auch hier eine Art von Privatersparnissen, die dem Kapitalmarkte in der nämlichen Weise zugeführt werden, wie das Erträgnis der allgemeinen Steuer; es sind das die Einzahlungen bei unserer Versicherungsanstalt, die du ja kennen lernen wirst. Aber gerade weil dieses vom Staate verwaltete Institut seine Prämieneinnahmen dazu verwendet, um einen Teil des Kapitalbedarfs zu decken, werden diese Prämieneingänge bei Zusammenstellung unserer staatlichen Voranschläge ebenso berücksichtigt wie die Steuereingänge, d. h. ihr voraussichtlicher Betrag wird vorweg beim Steuersatze in Abzug gebracht. Also auf unserm Kapitalmarkte kann unter keinen Umständen das Angebot größer sein als die Nachfrage. Damit ist aber der Hauptsache nach auch die Frage beantwortet, warum bei uns jener Kapital_mangel_ nicht eintreten kann, der sich zeitweilig in der bürgerlichen Welt zeigt. Denn beachte wohl, auch dort ist der Kapitalmangel eine bloß zeitweilige Erscheinung, hervorgerufen durch den Umstand, daß die dem Zufall überlassene Kapitalbildung der Zeit nach nicht immer genau Schritt hält mit dem Bedarfe, zu dessen Deckung sie bestimmt ist. Wir überlassen die Kapitalbildung nicht dem Zufall, und wenn daher der Bedarf steigt, so bilden wir eben mehr Kapital, d. h. wir erhöhen den Steuersatz in entsprechender Weise.
»Schließlich aber möchte ich mich dagegen verwahren, als ob der Sinn meiner Behauptungen dahin ginge, es sei ganz und gar und unter allen Umständen undenkbar, daß bei uns mehr Kapital gebraucht werden könnte als das Gemeinwesen beizusteuern vermag. Es ist allerdings richtig, daß Arbeitsinstrumente, für deren Ergebnisse keine Abnehmer vorhanden wären, unrentabel sind und daher gar nicht gefordert werden; ebenso richtig aber ist es, daß auch die Herstellung solcher Arbeitsinstrumente, für deren Erzeugnisse die Abnehmer gegeben wären, das Vorhandensein eines gewissen Ausmaßes von Reichtum zur Voraussetzung hat. Und es fragt sich daher immer, ob die erste oder die zweite Grenze der Kapitalbeschaffung praktisch zu berücksichtigen ist. Wenn ich eine Fabrik bauen will, so handelt es sich auf der einen Seite für mich darum, ob ich darauf rechnen darf, Abnehmer für meine Erzeugnisse zu finden, und ich werde gewiß nicht bauen, wenn diese Abnehmer fehlen; ebenso aber handelt es sich auf der andern Seite für mich darum, woher ich das Kapital für meine Fabrik nehmen soll, auch wenn die Abnehmer für deren Erzeugnisse vorhanden wären. Welche Frage ist nun die praktisch zu berücksichtigende? Für den reichen Mann die erste, für den armen die zweite. Wir sind jetzt so reich, daß uns die Beschaffung aller wirklich rentablen Arbeitsinstrumente keinerlei Sorge mehr machen kann; das äußerste, wozu eine größere Anspannung unserer Unternehmerthätigkeit führen mag, ist eine vorübergehende Erhöhung des Steuersatzes; und unter allen Umständen gilt jetzt für uns der Grundsatz, daß die Steuer sich nach dem Kapitalbedarfe zu richten hat. Für den Anfang, als wir noch arm waren, verhielt es sich aber thatsächlich umgekehrt; damals war unsere Leistungsfähigkeit so gering, daß wir selbst bei höchster Anspannung unserer Sparkraft nicht alles mit einem Schlage herstellen konnten, was damals schon rentabel gewesen wäre; wir mußten uns folglich damals an den entgegengesetzten Grundsatz halten, die Anlagen nach unserer Leistungsfähigkeit einrichten.«
»Und wie thatet ihr das?«
»Indem wir für die Zeit des Überganges, nämlich bis zu dem Zeitpunkte, wo unsere Leistungsfähigkeit die Höhe jedes irgend zu erwartenden Bedarfes nach rentablen Kapitalanlagen erreicht haben würde, unseren Behörden das Recht einräumten, unter den von den Associationen geforderten Krediten eine Auswahl zu treffen.«
»Und führte das nicht zu Reibungen zwischen den durch Kapitalbewilligung begünstigten und den durch Kapitalverweigerung benachteiligten Gesellschaften?«
»Nein. Unsere freiländische Freizügigkeit trägt in ihrem Schoße das Heilmittel selbst für solche scheinbare Abweichungen von dem allgemeinen Grundsatze der Gleichberechtigung. Da jedermann das Recht hat, jeder beliebigen Gesellschaft beizutreten, so war es den durch die Kapitalbewilligungen scheinbar begünstigten Gesellschaften unmöglich, den daraus erwachsenden Vorteil für ihre zufälligen Mitglieder allein zu behalten. Zunächst sorgte schon unsere Centralverwaltung dafür, die Auswahl der bewilligten Kredite derart zu treffen, daß die Ausgleichung der dadurch bewirkten einseitigen Produktionssteigerungen möglichst glatt vor sich gehen könne. Es wurde z. B., wenn nur irgend möglich, darauf gesehen, daß stets die Gesellschaften des gleichen Arbeitszweiges gleichmäßig behandelt wurden. Das heißt z. B., da es nicht möglich war, die Landwirtschaft und die Industrie gleichzeitig mit verbesserten Maschinen auszustatten, so bewilligte man die zur Anschaffung dieser verbesserten Maschinen erforderlichen Kredite nicht einzelnen Landwirten und einzelnen Industriellen, sondern in erster Linie bloß den Landwirten und zwar auch diesen nicht in der Weise, daß zuerst die eine landwirtschaftliche Gesellschaft vollkommen mit allem ausgestattet wurde, was sie verlangte, und dann erst die anderen an die Reihe kamen, sondern derart, daß man beispielsweise zuerst allen die Mittel zur Anschaffung des gleichen verbesserten Pfluges, dann die Mittel zur Anschaffung verbesserter Dreschmaschinen u. s. f. bewilligte. Das hatte zur Folge, daß die Produkte der begünstigten Gesellschaften, also sagen wir die landwirtschaftlichen Produkte, im Preise entsprechend zurückgingen, derart, daß die scheinbar Hintangesetzten zwar ihre Produktion nicht zu steigern vermochten, während dies bei den Begünstigten der Fall war, daß aber die Tauschkraft des da und dort erzielten Tagesproduktes doch die nämliche blieb. Hatte z. B. früher ein Paar Schuhe den Wert eines Metercentners Getreide gehabt, weil beide zu ihrer Erzeugung je einer Tagesarbeit bedurften, so erhielt nun der Schuster für sein Paar Schuhe zwei Metercentner, weil die Schuhe noch immer einer Tagesarbeit für das Paar bedurften, während in der Landwirtschaft auf das Tagwerk zwei Metercentner entfielen. Aber durchweg ließ sich natürlich mit dieser Form der Ausgleichung nicht das Auslangen finden. Störungen derselben durch den Einfluß des Außenhandels auf die Preise waren nicht zu vermeiden und ebensowenig konnte der Grundsatz streng eingehalten werden, die Gesellschaften des gleichen Arbeitszweiges in allen Stücken gleichmäßig zu behandeln. Hier half nun zunächst das Zu- und Abströmen von Arbeitskraft. Aber auch dieses Mittel hätte unter Umständen nicht volle Abhilfe geschaffen, zum mindesten nicht, ohne den Nutzen aus den ins Werk gesetzten Anlagen mitunter recht empfindlich zu beeinträchtigen. Wir konnten z. B., als im dritten Jahre des Bestehens von Freiland die Anlage elektrischer Kraftleitungen beschlossen wurde, diese unmöglich auch nur für die ganze Landwirtschaft gleichzeitig vornehmen, sondern es mußte notwendigerweise eine Reihenfolge auch unter den Landwirtschaftsgesellschaften eingehalten werden. Wenn ich mich recht erinnere, war die Gesellschaft von Obertana diejenige, die zuerst die elektrische Leitung, gespeist vom großen Kilolumifall, erhielt. Das setzte sie in den Stand, auf ihrem Gebiete mit zweitausend Arbeitern soviel zu erzeugen, als zuvor mit viertausend Arbeitern erzeugt worden war. Um jedoch diesen Vorteil voll auszunutzen, mußte sie ein Mittel finden, die bei ihr überschüssig gewordenen zweitausend Arbeiter zum Wegziehen zu veranlassen. Zwingen konnte sie die Leute dazu nicht; sie hätten, wenn sie geblieben wären, allerdings nicht unbeschäftigt bleiben müssen, man hätte die überschüssige Kraft dazu benutzt, um viermal zu pflügen, wo früher zweimal gepflügt wurde, die Felder sorgfältiger einzuhegen, zu bewässern u. s. w.; aber es ist natürlich, daß damit nicht sonderlich viel zu gewinnen gewesen wäre. Doch nicht genug daran; da die viertausend landwirtschaftlichen Arbeiter von Obertana infolge der elektrischen Kraftleitung immer noch mehr verdient oder sich weniger geplagt hätten als landwirtschaftliche Arbeiter in den anderen Gesellschaften des Landes, so hätte das sogar einen neuen Zuzug von Arbeitskraft dorthin gelockt, bis durch diesen neuen Zuzug der Arbeitsertrag auf das in Freiland dazumal, d. h. also ohne elektrische Kraftleitung erzielbare Maß gesunken wäre. Dieser allgemeine Durchschnitt hätte sich zwar höher gestaltet, da ja die in den anderen Associationen zurückgebliebenen Arbeiter dort pro Mann und Stunde etwas mehr hätten erzeugen können als zuvor; aber dieser Zuwachs wäre keineswegs so groß gewesen, wie die auf der andern Seite hervorgerufene Kraftvergeudung. Um dem vorzubeugen, gab es kein anderes Mittel, als daß die Leute von Obertana ganz aus freien Stücken dazu schritten, die aus der elektrischen Kraftleitung für sie erwachsenden Gewinne zwischen sich und den anderen landwirtschaftlichen Gesellschaften zur Aufteilung zu bringen. Demselben Beispiele folgten die anderen begünstigten Gesellschaften in der Reihenfolge der Begünstigung, die sie erfuhren, insolange, bis diese Begünstigung aufhörte, eine einseitige zu sein. Einige Industrien zogen es vor, die in ähnlicher Weise erzielten Überschüsse an die Kasse des Gemeinwesens abzuführen, aber nirgends hatte das Gemeinwesen den geringsten Anlaß, sich in diesen Ausgleichungsprozeß einzumischen, da es im ureigensten Interesse der Beteiligten selber lag, von dem ihnen zuteil gewordenen Vorteil nicht mehr zurückzuhalten, als ohne Heraufbeschwörung störender Arbeiterzuflüsse möglich war.
»Also es gab auch für uns eine Zeit, wo wir nicht jedem Kapitalbedarfe entsprechen konnten; das war damals, als die Ausrüstung mit arbeitsparenden Maschinen erst noch zu vollbringen und gerade deshalb unsere Leistungsfähigkeit noch sehr beschränkt war. Jetzt ist unsere Ausrüstung mit kraftersparenden Maschinen der Hauptsache nach durchgeführt, es kann sich nun bloß darum handeln, diese Maschinen zu verbessern und zu ergänzen; unsere Leistungsfähigkeit aber ist gerade dadurch unermeßlich groß geworden.
»Wenn du also siehst, daß wir von der >Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft< im Begriffe sind, neuerlich dreiviertel Millionen Pfund Sterling in Gebäuden, Maschinen und Werkzeugen anzulegen, so verlasse dich darauf, das geschieht nicht deshalb, weil wir diese dreiviertel Million wie unser übriges Anlagekapital zinslos vorgestreckt erhalten, sondern weil die Aufträge, die uns teils schon zugegangen, teils nach dem Aufschwunge des freiländischen Verkehrswesen mit Sicherheit zu erwarten sind, dringend nach solchen Neubauten verlangen.
»Doch jetzt trachten wir heimzukommen!«
Achtes Kapitel.
Ein freiländisches Hauswesen und das freiländische Versorgungsrecht.
Die elektrische Bahn beförderte uns mit Blitzesschnelle nach Edenthal und da Freund Karl sein Häuschen mit Rücksicht auf möglichste Bequemlichkeit der Verbindung gewählt hatte, setzte uns unser Waggon unmittelbar vor demselben ab. Wenige Sekunden später eilte uns die Hausfrau entgegen, die offenbar durch das Anhalten des elektrischen Wagens auf die Ankunft ihres Mannes aufmerksam gemacht worden war. Die Vorstellung erforderte nicht viel Zeit und da mich Karl in der That seiner Gattin gegenüber sehr oft erwähnt hatte, so waren wir bald gute Freunde.
Wir betraten das Haus, wo mir dessen verschiedene Räume gezeigt und die für mich bestimmten angewiesen wurden. »Ich habe,« so erklärte mir Karl, »gleich bei Anlage des Baues für etwas Nachwuchs vorgesorgt, und wir haben daher jetzt, wo sich dieser Nachwuchs auf einen Knaben von vierzehn Monaten beschränkt, noch überflüssigen Raum. Du erhältst also ein Schlafgemach nebst Badezimmer, einen Empfangssaal und eine Gartenterrasse zu deinem ausschließlichen Gebrauch.«
Nun fiel mir plötzlich ein, daß es in Edenthal keine Dienstboten gäbe, und es tauchten in mir Skrupeln auf, ob ich nicht vielleicht meine Gastgeber gewaltig belästigen würde. Doch meine über diesen Punkt Frau Wera gegenüber vorgebrachten Entschuldigungen hatten das Mißgeschick, von ihr nicht verstanden zu werden.
»Robert« -- so erläuterte Karl ironisch -- »scheint zu besorgen, daß ich oder du ihm die Kleider werden putzen müssen.«
Gegen diese Auslegung meiner Bedenken protestierte ich denn doch energisch, nicht ohne Genugthuung auf meine diesfalls schon im Hotel gewonnenen Erfahrungen mich stützend. »Ich kann mir wohl denken,« meinte ich, »daß das Kleiderreinigen auch in den Privathäusern von Angestellten der Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen besorgt wird; aber es mag vorkommen, daß man anderer Dienste bedarf; was thut man, um sich solche zu verschaffen?«
»Dasselbe, was du in diesem Falle im Hotel gethan hättest. Man klingelt und binnen längstens zwei Minuten steht ein dienstbeflissener Geist zur Verfügung.«
»Und wo hält sich dieser dienstbeflissene Geist vor dem Klingeln auf, um so rasch zur Hand zu sein?«
»In einer der Wachtstuben, welche die soeben von dir genannte Gesellschaft in allen Stadtteilen unterhält und mit deren einer alle Schellen eines jeden Edenthaler Hauses in Verbindung stehen. Jedes Gemach hat sein elektrisches Läutewerk, und wenn irgendwo geläutet wird, zeigt ein in der Wachtstube befindlicher Apparat die Hausnummer, ein anderer im Vorraum jedes Hauses die Nummer des Zimmers an, in welchem geläutet worden ist. Dein Klingeln wird uns also gar nicht stören, ja von uns nicht einmal gehört werden. Einer der wachthabenden Angestellten der Gesellschaft eilt auf dem Velocipede herbei, sieht im Vorraume deine Zimmernummer und begiebt sich dann direkt zu dir. Im übrigen wirst du, wenn du nicht sehr bequem bist, diese Klingel wenig gebrauchen. Denn die meisten regelmäßig wiederkehrenden Bedürfnisse, wie Säuberung der Kleider und Zimmer, Bereitung des Bades (das wir Freiländer nebenbei bemerkt täglich zu nehmen pflegen), Herrichten des Frühstücks-, Mittags- und Abendtisches u. dgl. werden von dieser Gesellschaft, ohne daß wir uns darum zu kümmern brauchen, mit größter Pünktlichkeit besorgt. Ich habe die Direktion schon davon verständigt, daß ein neuer Gast in mein Haus gezogen ist; binnen kurzem wird einer ihrer Beamten bei dir erscheinen und dich einem eingehenden Kreuzverhör über alle deine Gewohnheiten, Bedürfnisse und Wünsche unterziehen; hast du dem Manne einmal Rede und Antwort gestanden, so kannst du dich darauf verlassen, hier besser bedient zu werden als in irgend einem europäischen Gasthause.«
»Das ist ja wunderbar,« mußte ich gestehn. »Ihr habt solcherart die vortrefflichste Bedienung ohne unsere europäische Domestikenmisere. Aber teuer muß die Sache sein, denn natürlich verlangen alle diese Angestellten und Arbeiter der Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen jene Bezahlung, wie sie in Freiland allgemein üblich ist?«
»Das ist natürlich,« erklärte Frau Wera. »Aber teuer finde ich diese Dienstleistungen trotzdem nicht; wir haben im Vorjahre alles in allem zweiunddreißig Pfund Sterling für Bedienung gezahlt.«
»Wie ist das möglich?« fragte ich. »So hoch kommt ja in Europa trotz der miserablen Löhne der letzte Diener zu stehen.«
»Weil ein europäischer Diener« -- erklärte Karl -- »alles mit seinen Händen verrichtet, während unsere Leute alles durch Maschinen besorgen. Diese Maschinen gehören teilweise zur Einrichtung des Hauses, teilweise werden sie von den Angestellten der Gesellschaft mitgebracht, teilweise nehmen diese die Gegenstände mit sich und vollbringen deren Reinigung in ihrer Anstalt vermittelst der dort vorhandenen Apparate.«
»Ich bin jetzt ganz darauf gefaßt, zu hören,« sagte ich, »daß diese allgegenwärtige Gesellschaft für Dienstleistungen Ihnen, verehrte Frau, auch die Last der Wartung und Pflege Ihres Kindes von den Schultern nimmt.«
»Mit Verlaub, das besorge ich in der Regel doch selbst,« war die Antwort. »Aber völlig auf mich angewiesen bin ich dabei keineswegs, und wenn ich wollte, könnte ich die ganze Mühe von mir abwälzen. Es besteht nämlich auch eine Gesellschaft weiblicher Pflegerinnen eigens zu dem Zwecke, um Frauen, die infolge von Krankheit oder Schwäche auf weibliche Unterstützung angewiesen sind, solche jederzeit bieten zu können. Diese Gesellschaft ist der Hauptsache nach geradeso organisiert, wie die Association für persönliche Dienstleistungen; sie hat ebenfalls ihre Wachtstuben, man kann sich auch mit ihr wegen regelmäßiger Dienstleistungen in Verbindung setzen, und ich brauchte mich daher um mein Kind nicht mehr zu kümmern, als dies, wie ich aus meiner Kindheit weiß, europäische Damen zu thun pflegen. Dies widerspräche jedoch meinen Neigungen. Bis vor wenigen Monaten hatte die Frauengesellschaft allerdings ziemlich viel auch in unserem Hause zu thun, und wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen mitteilen, daß mich die zur Wartung meines Knaben in dessen erstem Lebensjahre in Anspruch genommene Hilfe siebenundzwanzig Pfund Sterling kostete; jetzt aber haben diese Helferinnen so gut als nichts bei mir zu thun; das Pflegen und Warten meines Kindes ist _mein_ Geschäft.«
»Also tragen Sie Ihr Kind, das ja mit vierzehn Monaten noch schwerlich weite Ausflüge machen kann, bei Ihren Ausgängen, oder schieben Sie es im Rollwägelchen vor sich her?« fragte ich.
»Bewahre! Wozu hätten wir denn die Krippe und den Kindergarten in der Nachbarschaft? Wenn ich ausgehe, gebe ich meinen Kleinen dorthin, wo er unter vortrefflicher Pflege und Aufsicht steht. Doch auch, wenn ich zu Hause bin, lasse ich Paulchen tagsüber sehr viel dort, denn man will, man sei noch so zärtliche Mutter, etwas für sich selber thun, lesen, sich unterhalten, am öffentlichen Leben teilnehmen u. s. w., wobei Kinder stören; aber den größten Teil der Zeit behalte ich ihn unter meinen eigenen Augen.«
»Sie sprachen vorher von den Mitgliedern der Frauengesellschaft, die solcherart Geld verdienen; wie ich zu wissen glaube, haben alle Frauen Freilands Anspruch auf Versorgung durch das Gemeinwesen -- wozu brauchen also die fraglichen Frauen derartigen Verdienst?«
»Freilich besitzt jede freiländische Frau Versorgungsrecht; aber unter diesem Titel wird nicht mehr gezahlt, als drei Zehntel des Durchschnittsverdienstes eines freiländischen Arbeiters und es giebt eben Frauen, die mehr haben wollen; außerdem mag bei vielen der Wunsch ausschlaggebend sein, sich irgendwie außer Hause zu beschäftigen, und da es nicht jedem gegeben ist, dies auf dem Gebiete geistiger Thätigkeit zu thun, so liegt den meisten Frauen nichts näher, als die Pflege hilfsbedürftiger Mitschwestern und Kinder. Jene Frauen, die das Zeug zu geistiger Thätigkeit in sich verspüren, wählen mit Vorliebe den Beruf der Lehrerin, was natürlich nicht ausschließt, daß alle anderen Berufe ihnen eben so offen stehen.«
Unter diesen Gesprächen war es sieben Uhr abends geworden und es erschien ein Angestellter der Speisegesellschaft mit der Meldung, daß das Abendmahl angelangt sei.
Wir begaben uns auf eine in den Garten hinausführende Terrasse, wo der Tisch gedeckt war, und nahmen an der Tafel Platz. Von Speisen war nichts zu sehen, bis Frau Wera einen Wandschrank öffnete, der sich im Bereiche ihrer Hände befand, und demselben eine dampfende Suppe, dann einen kalten Fisch entnahm; diesem folgte ein Gemüse, hierauf ein Braten und den Schluß bildete ein Dessert, bestehend aus Käse und mannigfachen Obstsorten. Die Hausfrau erklärte mir, daß dieser Wandschrank auch von der andern Seite, nämlich vom Vorraume aus, zu öffnen sei und daß in ihm die von der Speisegesellschaft gebrachten Gerichte hinterlegt würden; diese gebrauche dabei besondere Apparate zum kühl- oder warmerhalten der Speisen; auf Wunsch der Kunden würden einzelne Gerichte, die den Transport schlecht vertragen, von den Angestellten der Gesellschaft an Ort und Stelle gargekocht. Es befänden sich zu diesem Behufe in den meisten Häusern kleine Küchen mit elektrischen Öfen, die im Bedarfsfalle augenblicklich in Glut gebracht werden können. Ebenso besorgen, wenn es gefordert wird, die Angestellten der Gesellschaft das Aufwarten bei Tisch, was jedoch sehr teuer, und mit Ausnahme besonders festlicher Gelegenheiten, in Freiland nicht üblich sei. Sie zum mindesten empfinde die Anwesenheit fremder Personen in traulichem Kreise stets als eine Störung.
Während des Tafelns kam das Gespräch abermals auf die Frauenfrage, insbesondere auf das den Frauen durchwegs eingeräumte Versorgungsrecht. Man muß nämlich wissen, daß der bereits mitgeteilte zweite Punkt des Grundgesetzes: »Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähige haben Anspruch auf auskömmlichen, der Höhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden Unterhalt,« derart gehandhabt wird, daß ein wegen Alter oder Gebrechen arbeitsunfähig gewordener Mann vier, jede Frau drei Zehntel des vom statistischen Amte jeweilig erhobenen Durchschnittswertes der freiländischen Arbeit vom Gemeinwesen ausgezahlt erhält; mit Kindern gesegnete Familien beziehen während der Unmündigkeit der Sprößlinge einen Zuschlag von einem Zwanzigstel des jeweiligen Arbeitswertes für jedes Kind; dieser Zuschlag erfährt für den Todesfall des einen der Eltern eine Verdoppelung, und Waisen werden gänzlich in Verpflegung des Gemeinwesens genommen, wo sie eine Wartung und Erziehung erhalten, die in allen Stücken der in freiländischen Familien üblichen ebenbürtig ist. Da im Vorjahre der durchschnittliche Arbeitsverdienst in Freiland sich mit 360 Pfund Sterling berechnete, so entfielen als Versorgungsanspruch auf einen arbeitsunfähigen Mann 144 Pfund Sterling, auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinderzuschlag betrug 18 Pfund Sterling für das Kind, wenn beide Eltern lebten, und sechsunddreißig Pfund Sterling für das Kind einer Witwe oder eines Witwers. Da die Preise aller wichtigeren Lebensbedürfnisse in Freiland außerordentlich wohlfeil sind, so ist der wirkliche Wert dieser Versorgungen wesentlich höher als der jener Pensionen, welche europäische Staaten ihren bestgezahlten Beamten oder deren Witwen und Waisen gewähren; sie genügen nicht bloß, um die also Bedachten vor Not zu schützen, sondern ermöglichen ihnen auch, an allen jenen Annehmlichkeiten und Vergnügungen teilzunehmen, die jeweilig in Freiland, dem allgemeinen Stande des Reichtums entsprechend, üblich sind. Da die Bezüge nicht in festen Summen, sondern in Bestandteilen des Arbeitsverdienstes bemessen werden, so erhöhen sie sich mit jedem Wachstume der durchschnittlichen Arbeitsergiebigkeit, und es ist solcherart dafür gesorgt, daß auch der Nichtarbeitende teilnehme an allen Fortschritten des allgemeinen Wohlstandes.
Als ich mich anschickte, die in diesen Bestimmungen zum Ausdruck gebrachte Großmut zu loben, unterbrach mich Freund Karl mit der Bemerkung, daß hierzulande niemand Großmut in einer Handlungsweise sehe, die nichts anderes sei, als einfache Erfüllung einer Pflicht, die Anerkennung eines Rechtes, welches auch die Arbeitsunfähigen an dem allgemeinen Reichtum haben.