Eine Reise nach Freiland

Part 2

Chapter 23,399 wordsPublic domain

Im Begriffe fortzugehen, stieß ich im Wartezimmer des Direktors auf einen Kollegen, den ich schon wiederholt hier getroffen und der, wie ich wußte, gleichfalls auf Anstellung wartete -- nur, zum Unterschiede von mir, nicht seit zwei, sondern schon seit vier Jahren. Ich erzählte ihm, daß ich soeben eine Stelle erhalten hätte und bezeichnete dieselbe auf Befragen genauer. Da verfärbte sich der Mann plötzlich und wäre, hätte ich ihn nicht rasch aufgefangen, zu Boden gesunken. Peinlicher Ahnungen voll forschte ich nach der Ursache dieses auffallenden Benehmens und erfuhr denn, daß die mir zuteil gewordene Stelle gerade diejenige sei, auf die man ihn seit Jahr und Tag vertröstete. Nun wußte ich, daß der Bedauernswerte früher einmal schon Angestellter des nämlichen Instituts gewesen, seinen Dienst auch zu voller Zufriedenheit versehen und nur deshalb entlassen worden war, weil die Abteilung, in welcher er beschäftigt gewesen, aufgelöst wurde. Dabei war der Mann verheiratet, Vater von vier Kindern und während der langen Wartezeit allgemach ins tiefste Elend geraten. Die letzte Habe war bereits gepfändet und die Familie stand unmittelbar vor dem Hungertode. Das alles erzählte er mir, mühsam die Worte hervorwürgend, und in seinen Augen flimmerte es seltsam unheimlich, wie von Gedanken an Rasiermesser, Kohlendunst oder sonstige Mittel des Selbstmordes.

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Ich ersuchte den Ärmsten, mich zu erwarten und ließ mich neuerlich beim Direktor melden. Diesem erklärte ich in kurzen, dürren Worten, was ich erfahren, gab ihm mein Dekret zurück und forderte ihn auf, die Anstellung dem älteren, besser berechtigten Bewerber zuzuwenden. Er lachte mich aus. »Wenn Sie es nicht werden, so giebt es andere Aspiranten in Fülle, die Ihrem Schützling vorangehen. Ich selbst bedauere den armen Teufel, aber was soll ich machen? Nicht weniger als sieben Bewerber um dieselbe Stelle werden von unterschiedlichen einflußreichen Persönlichkeiten protegiert und sie ist nur aus dem Grunde bisher nicht vergeben worden, weil diese verschiedenen Einflüsse sich gegenseitig die Wage hielten. Ihre Konnexionen gehen denen aller anderen entschieden vor; dies hat dem Schwanken ein Ende gemacht. Sie blicken mich verächtlich und zornsprühend an? Ja, vermuten Sie denn, daß mir Protektionskinder lieber sind als verdiente Kollegen? Bin ich denn der Herr hier? Hänge ich nicht selber ab von jenen Einflüssen, die bei dieser Anstellung spielen? Ließe ich mir beifallen, gegen diese Gönnerschaften anzukämpfen, sie würden sehr bald mich selber hinwegfegen. Glauben Sie mir, junger Freund, mit den Wölfen muß man heulen, und wer es nicht ertragen kann, Hammer zu sein, der wird sich gar bald als Ambos finden, auf den die anderen loshämmern. Wenn Sie das nicht einsehen, taugen Sie nicht für unsere Verhältnisse, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, uns möglichst bald den Rücken zu wenden.«

Ich erklärte dem weltklugen Geschäftsmann, dem ich im übrigen nicht unrecht geben konnte, er möge es mit der Stelle halten wie er wolle und könne, ich für meinen Teil verzichte endgültig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ich draußen, was vorgefallen und händigte ihm eine Summe ein, genügend groß, um ihn und seine Familie für längere Zeit vor Not zu bewahren, gab ihm aber den wohlgemeinten Rat mit auf den Weg, sein Bündel zu schnüren und nach Freiland auszuwandern.

Eine halbe Stunde später hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem Vater meiner Verlobten. Ich wollte ihm seine unberufene Einmischung vorhalten; kaum aber hatte er erfahren was geschehen, als er den Spieß umkehrte und mich mit den heftigsten Vorwürfen überschüttete. Ich sei ein durchaus unzurechnungsfähiger, für den »Ernst des Lebens« schlechthin unbrauchbarer Mensch; längst schon habe er es bereut, seine Einwilligung zur Vermählung seines Kindes mit solchem Faselanten erteilt zu haben; nunmehr aber wäre seine Langmut zu Ende; ich möge mich zum T..... scheren und meine Menschenfreundlichkeit anderswo an den Mann bringen.

Der Engel, dem ich mich hatte verbinden wollen, war Zeuge dieser Scene. Einen Augenblick lang hoffte ich, die Erwählte meines Herzens für mich Partei nehmen zu sehen. Es geschah nicht; im Gegenteil, sie stand auf Seite des Vaters und versuchte bloß schüchtern, auf mildernde Umstände für mich zu plaidieren. Ich sei noch jung, meinte sie, eine augenblickliche Gefühlswallung habe mich wohl übermannt und man dürfe die Hoffnung nicht aufgeben, daß ich, durch Schaden klug geworden, hinkünftig derlei Thorheiten unterlassen würde. Als ich aber erklärte, mit gutem Vorbedachte gehandelt zu haben, als ich hinzufügte, ich müßte mich verachten, wenn ich jemals anders handeln könnte, da kehrte sie mir geringschätzig den Rücken.

Als sie sah, daß ich mich, ohne Buße zu thun, zum Abschied anschicke, machte sie zwar noch einen Versuch, mich unter Thränen und Beschwörungen festzuhalten. Aber der Kehrreim all ihrer Bitten war immer und immer wieder, ich möge doch endlich ein »vernünftiger Mensch« werden, aufhören, mich um fremder Leute Angelegenheiten zu kümmern. Der Zauber, der mich an das anmutige Geschöpf bis dahin gebunden, war gründlich zerstört; ich erkannte, daß es eine gemütlose Puppe gewesen, der ich gehuldigt. Was ich anfangs als Opfer meiner Überzeugungstreue angesehen -- der Bruch mit ihr -- das nahm, je mehr sie sprach und weinte, mehr und mehr die Gestalt einer Belohnung an. Ich sah, meine Handlungsweise hatte mich davor bewahrt, Opfer eines Irrtums zu werden, den ich bei Auswahl meiner zukünftigen Gattin begangen. Das merkte endlich der Gegenstand meiner einstigen Zärtlichkeit selber; ich erhielt unter zornigen Worten meinen Abschied.

So ist das letzte Band, das mich festhielt, gerissen. Meine Angelegenheiten hier werden in wenigen Tagen geordnet sein und dann auf nach Freiland!

Zweites Kapitel.

Die Reise.

Ich wählte für die Reise nach Freiland ein freiländisches Schiff. Es flößte mir zwar einiges Bedenken ein, daß auf den Riesendampfern, welche dieser Staat seit einer Reihe von Jahren zwischen der ostafrikanischen Küste und den Haupthafenplätzen Europas wie Amerikas laufen läßt, keinerlei Klassenunterschiede bestehen, denn da diese Schiffe in der Regel von mehr als tausend Auswanderern benutzt werden, so hegte ich hinsichtlich der Bequemlichkeit dieser gleichförmigen Unterkunft einige Zweifel und ich war einen Augenblick lang versucht, die Seereise mit den französischen _Messageries maritimes_ oder mit der englischen _P. & O. Company_ zu machen. Indessen, schließlich überwog der Wunsch, das freiländische Wesen so früh als möglich kennen zu lernen, und so meldete ich mich denn bei der nächsten freiländischen Agentur für den am 2. Mai von Triest abgehenden Dampfer »Urania« an.

Ich hatte diese Wahl nicht zu bereuen. Wir waren unser nicht weniger als 1160 Passagiere, aber die freiländischen Schiffe sind so eingerichtet, daß alle Mitfahrenden in zwar kleinen, aber netten, bequem ausgestatteten Kabinen gesonderte Unterkunft finden. Tagsüber nehmen gewaltige, luftige Speise- und Gesellschaftssäle die Reisenden auf, für die Nacht hat jedermann und jede Familie gesonderte Schlafräume. Da insbesondere während der Fahrt durch das rote Meer die Hitze mitunter sehr groß ist, so wird durch kräftige Ventilationsapparate, die allen Räumen des Schiffes frische Luft zuführen, für ausreichende Abkühlung gesorgt. Die Verpflegung ist einfach, aber vortrefflich, die Reinlichkeit über jedes Lob erhaben.

Die Erlebnisse der Seefahrt will ich übergehen. Am 8. Mai passierten wir den Suezkanal, am 19. desselben Monats warf die »Urania« in der Reede von Lamu Anker.

Dieser Ort, noch vor sieben Jahren, als Freiland gegründet wurde, ein unansehnliches Arabernest, ist jetzt eine große, mit allen Behelfen des modernen Verkehrs ausgestattete Handelsstadt. Die Engländer, die hier herrschen, haben die Vorteile, die ihnen das freiländische Hinterland gewährt, trefflich auszunutzen verstanden.

Die Einwanderung nach Freiland, die mit verschwindenden Ausnahmen die Richtung über Lamu und die Tanamündung nimmt, hat im Vorjahre die Ziffer von 500000 Seelen nahezu erreicht und ist in stetem Wachstum begriffen; der Warenhandel betrug im selben Jahre 92 Millionen Pfund Sterling in der Ausfuhr und ebenso viel in der Einfuhr. Dieser Handel ruht zwar in den Händen des freiländischen Gemeinwesens, aber die Engländer und die ganze Küstenbevölkerung haben selbstverständlich kolossale Vorteile davon, wie sich am rapiden Wachstum Lamus und dem sichtlichen Wohlstande der dortigen Bevölkerung deutlich zeigt.

Der größere Teil von uns Einwanderern stieg in Lamu ans Land, wo große, Freiland gehörige Hotels uns aufnahmen. Bloß ein kleiner Teil -- nicht ganz zweihundert -- bestiegen sofort in der Reede einen kleinen Dampfer, der, das Vorgebirge von Ras-Schaga umschiffend, durch die Bay von Ungama direkt in die Tanamündung einläuft. Diese direkte Einfahrt in den Strom, der auch uns später als Weg in die neue Heimat diente, ist mitunter, wenn der Wind nicht gerade günstig weht, nicht ungefährlich, denn der Tana bildet an seiner Mündung eine Barre, die früher beinahe ganz unpassierbar war und auch jetzt, nachdem Baggerungen vorgenommen worden sind, der Schiffahrt ernstliche Hindernisse bereitet. Man muß die Brandung passieren, die dabei in recht häßlicher Weise über Deck zu spülen pflegt, wird aus diesem Anlasse jedenfalls gehörig hin- und hergeworfen, und das ist, insbesondere wenn man gerade eine siebzehntägige Seereise glücklich hinter sich hat, nicht jedermanns Sache.

Die Mehrzahl, und darunter auch ich, zog es -- wie gesagt -- vor, die Tanabarre auf dem Landwege zu umgehen. Lamu liegt auf einer Insel, vom Festlande durch einen schmalen Kanal getrennt. Dieser Kanal bildet Lamu gegenüber eine tief in das Land hineinreichende Bucht und vom äußersten Endpunkte dieser Bucht, wo die Ortschaft Mkonumbi liegt, haben die Engländer eine Eisenbahn an den untern Tana gebaut, die wir dann benutzten.

In Engatana, wo wir den Tana erreichten, nahmen uns freiländische Flußdampfer auf, und zwar standen zu diesem Behufe für die signalisierten neunhundert Passagiere fünf Dampfschiffe bereit. Der Tana ist ein mächtiger Strom, so breit und tief als der Rhein bei Köln oder die Donau bei Wien, und ich konnte daher nicht begreifen, warum man es nicht vorzieht, größere Schiffe zu bauen. Später, als wir nach vierzehnstündiger Bergfahrt Odaboruruwa erreichten, wurde mir das Rätsel gelöst. Der Tana teilt sich von da ab in zahlreiche Arme, die so mannigfaltig verschlungen und gewunden sind, daß größere und insbesondere längere Schiffe leicht steckenbleiben könnten; deshalb zieht es die freiländische Verwaltung vor, kleinere Schiffe gehen zu lassen, die dafür den Vorzug haben, die Reisenden, ohne daß ein Umsteigen nötig wäre, bis Hargazzo befördern zu können, wo die Stromschnellen und Katarakte beginnen und alle Schiffahrt ein Ende hat.

Auch die zwanzig Stunden dauernde Stromreise auf dem Tana, von Engatana bis Hargazzo, will ich kurz übergehen. Bis Odaboruruwa war die Fahrt ziemlich einförmig. Die Ufer des herrlichen Stromes sind auf beiden Seiten von Gebüschen und Waldungen eingesäumt, die das Hinterland dem Blicke vollständig entziehen. Häufig zwar sind diese Uferwaldungen von üppigen, mitten in denselben eingebetteten Ansiedelungen, sei es der schwarzen Ureinwohner, sei es weißer Einwanderer, unterbrochen; aber diese Ansiedelungen gleichen mit ihren netten, von Bananen beschatteten Häuschen, mit ihren üppigen Feldern und Obsthainen einander so sehr, daß sie schon nach wenigen Stunden die Aufmerksamkeit nicht mehr erregen. Ganz anders wird die Scenerie von Odaboruruwa an. Hier bieten die zahllosen Inseln und die Krümmungen des Flußlaufes stets neue und entzückende Ansichten, dabei beginnt der Fluß, der von da ab äußerst fischreich ist, eine überaus belebte Tierwelt zu zeigen. Flamingos und anderes Wassergevögel besetzt zu Myriaden alle seichten Uferstellen; die Flußpferde sind an einzelnen Plätzen so zahlreich und dichtgedrängt, daß es fast scheint, als würden sie den Schiffslauf aufhalten; doch sind die ungeschlachten Gesellen stets, bevor sie der Dampfer erreicht, untertauchend verschwunden, um mit einer Behendigkeit, die man ihnen gar nicht zutrauen sollte, erst in weiter Entfernung wieder aufzutauchen. Nicht so eilig haben es in der Regel die Krokodile, die gleichfalls in großer Zahl an allen sonnigen Uferbänken lagern und im Vertrauen auf ihren Panzer die Dampfschiffe unbesorgt herannahen lassen.

Nach Mitternacht erreichten wir Hargazzo, die Umschlagstation zwischen Tanaschiffahrt und freiländischer Eisenbahn. Hier haben die Freiländer ihre erste Ansiedelung gegründet, die jedoch noch außerhalb ihres eigentlichen Gebietes liegt. Sie ist dazu bestimmt, den Reisenden Unterkunft zu bieten, und eine großartige Land- und Gartenwirtschaft dient dazu, die für den Empfang der zahllosen, täglich wechselnden Ankömmlinge erforderlichen Bedarfsartikel an Ort und Stelle zu erzeugen. Die Fruchtbarkeit ist hier eine außerordentliche, alle Vorstellungen überflügelnde. Die oberhalb dieses Ortes beginnenden Stromschnellen ermöglichen die reichliche Bewässerung des fetten Humusbodens, die glühende äquatoriale Sonne -- denn Hargazzo liegt bloß einen halben Breitegrad südlich vom Äquator -- bringt jegliche Frucht in fabelhaft kurzer Zeit zu üppigster Reife, so daß einhundertzwanzig- bis einhundertfünfzigfache Ernte vom gesäeten Korn hier zweimal im Jahre die Regel ist.

Ich habe mich in Hargazzo nur einen Tag lang aufgehalten und muß erklären, daß ich trotz der äquatorialen Lage und trotzdem die Seehöhe des Ortes nicht ganz dreihundert Meter ist, von absonderlicher Hitze wenig bemerkte. Die Gegend beginnt hier schon gebirgig zu werden, kühle, schattige Thäler verlaufen sich bis unmittelbar an den Fluß und da es in der Nachbarschaft keine Sümpfe giebt, so halte ich den Ort auch für durchaus gesund. Trotzdem betrachten die Freiländer Hargazzo nicht als dauernden Ansiedelungspunkt. Die Bewohner verweilen hier immer nur kurze Zeit und werden längstens nach Jahresfrist durch Ersatzmänner abgelöst. Die Freiländer haben nämlich die Erfahrung gemacht, daß die, wenn auch nicht übermäßige, so doch andauernde Hitze, die überall im äquatorialen Tieflande herrscht, den meisten Europäern auf die Länge der Zeit nicht zuträglich sei. Einige Monate, ja selbst Jahre hindurch erträgt man sie ohne Beschwerde, dann aber stellt sich leicht Appetitlosigkeit in Verbindung mit lästigen Leberleiden ein. Und da die Freiländer es nicht nötig haben, ihre Gesundheit zu gefährden, um reichlichen Lebensunterhalt zu finden, so vermeiden sie es, einen der Ihren auch nur der entfernten Möglichkeit solcher Gefahren auszusetzen.

Nach eintägigem Aufenthalte dampfte ich mit der freiländischen Eisenbahn nordwestwärts dem Kenia zu. Der Ausdruck »dampfen« ist jedoch hier bloß figürlich zu nehmen, denn diese Linie wird nicht durch Dampf, sondern durch Elektrizität betrieben. Die Stromschnellen und Katarakte des Tana liefern hierfür, wie für eine Menge anderer Verkehrs- und Industrieanlagen Freilands, die elektrische Kraft. Um das begreiflich zu finden, muß man wissen, daß der Strom von Hargazzo bis Kikuja eine ununterbrochene Kette von Schnellen und Wasserfällen bildet, deren Großartigkeit in der ganzen übrigen Welt nicht ihresgleichen hat. Der Tana besitzt auf dieser rund 200 Kilometer langen Strecke ein Gefäll von über 5000 Fuß und einzelne der Katarakte haben eine Fallhöhe von 300 Fuß. Es ist also hier eine motorische Energie von vielen Millionen Pferdekräften verfügbar und trotzdem Freiland bisher schon für die 2½ Millionen seiner derzeitigen Einwohnerzahl diese Kraftquelle recht ausgiebig angezapft hat, so ist für fernere Zwecke noch immer genug vorhanden.

Also der Tana war es, der, auch nachdem wir ihn verlassen, unsere Beförderung weiter besorgte. Die Schwerkraft, die sich in seinen Wässern auf ihrem Wege vom Kenia zum Thale gleichsam aufgestapelt hatte, dient nun dazu, in Elektrizität verwandelt uns bergauf durch alle Windungen der mächtigen Gebirgswelt, in die wir jetzt eintraten, dem Kenia entgegenzuheben.

Unser Zug brauchte für die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn zwölf Stunden. Vom Schlusse des nächsten Jahres ab, wenn die bereits im Bau begriffene neue Tana-Keniastrecke vollendet sein wird, dürften für den gleichen Weg vier Stunden genügen. Die derzeit noch im Betriebe befindliche Linie ist ein provisorischer Bau, den Freiland im zweiten Jahre seines Bestandes in Angriff genommen und vollendet hatte. Es giebt da eine Menge sehr scharfer Krümmungen und steiler Steigungen; die Brücken und Viadukte sind zum Teil aus Holz gezimmert, was alles notwendig macht, daß langsam gefahren werde.

Die großartige Romantik der Hochgebirgswelt, in welche wir bald nach Hargazzo eindrangen, spottet jeder Beschreibung. Die Bergriesen, an deren Fuß und Seite der Zug emporkletterte, haben bis zu 12000 Fuß Höhe; ihre Lehnen sind teils von undurchdringlichem, majestätischem Urwalde bestanden, teils von parkartigen Wiesen bedeckt, teils aber starren sie uns in unheimlicher, wilder Schroffheit entgegen. Die Mittagsrast hielten wir in einem Thale, dessen lachende Lieblichkeit an die schönsten Landschaften der oberitalienischen Alpenwelt erinnert; eine Stunde später rollte der Zug durch eine Felsenwildnis von schauriger Öde, in welcher kein Grashalm, kein Tier die Starrheit des Todes unterbrach. Und abermals eine Stunde später durchmaßen wir ein üppiges breites Flußthal, welches von ungezählten Schaaren friedlich weidender Antilopen, Zebras und Büffel, Rhinocerosse und Elefanten gleichsam erfüllt schien.

Alles bis dahin Gesehene trat jedoch weit in den Hintergrund, als um die vierte Nachmittagsstunde der Zug den Kamm des zwischen Tana und Kenia gelagerten Gebirgsstockes erklommen hatte und nun die Gletscherwelt des Kenia sich urplötzlich unseren entzückten Blicken darbot. Zugleich machte die bis dahin herrschend gewesene ziemlich drückende Schwüle einer erfrischenden Kühle Platz, hervorgerufen offenbar durch die vom Kenia herabwehenden Brisen. Wir hatten die Hochebene von Freiland erreicht und liefen um fünf Uhr nachmittags in die erste freiländische Station, Washington geheißen, ein.

Mit der Schilderung auch dieses Ortes will ich mich nicht aufhalten. Um acht Uhr abends langten wir in Edenthal, der Hauptstadt Freilands, an. Der Bahnhof und alle Straßen, die ich auf dem Wege nach dem Gasthofe durchfuhr, waren mit elektrischen Bogenlampen taghell erleuchtet. Von Häusern sah ich auf dieser ersten Fahrt durch Edenthal so gut wie nichts, denn die Straßen sind von mehrfachen Palmenalleen eingesäumt, die Häuser selber liegen allesamt inmitten üppiger Gärten, so daß alles, was man von ihnen wahrnehmen konnte, das Blinken einzelner beleuchteter Fenster war. Desto deutlicher sagte mir mein Ohr, daß Edenthal keine ausgestorbene Stadt sei. Aus zahlreichen Gärten, an denen ich vorüberfuhr, tönte mir Musik, Becherklang und fröhliches Lachen entgegen.

Ich war übrigens zu müde und erschöpft von der Reise, um die Versuchung zu spüren, irgend wie an der allgemeinen Fröhlichkeit heute schon teilnehmen zu wollen. Der Omnibus, den ich am Bahnhof mit sieben anderen meiner Reisegefährten bestiegen, setzte uns nach einviertelstündiger Fahrt vor einem jener großen Gasthöfe ab, die von besonderen freiländischen Gesellschaften unterhalten werden.

Nachdem ich ein einfaches Mahl genommen, suchte ich mein Bett auf und trotz der fieberhaften Erwartung, mit welcher ich dem nächsten Tage entgegensah, umfing mich alsbald tiefer, erquickender Schlaf.

Drittes Kapitel.

Wo Freiland liegt und was Freiland ist.

Nachdem mir der gütige Leser bereitwillig bis in die Hauptstadt von Freiland gefolgt ist, wird es an der Zeit sein, ihm etwas ausführlicher zu sagen, wo sich diese Stadt und dieses Land befinden, was es mit ihnen für eine Bewandtnis hat und was ich eigentlich hier suche. Ich habe bisher vorausgesetzt, daß er das alles so gut weiß, wie ich selber. Und in der That hat seit sieben Jahren Freiland und die von ihm vertretene Sache der wirtschaftlichen Gerechtigkeit viel von sich reden gemacht; aber wenn ich es bei Lichte besehe, so schreibe ich denn doch gerade für diejenigen, die all das noch nicht oder wenigstens nicht ganz genau wissen, und es ist daher durchaus notwendig, zur Klarlegung des äußerlichen und innerlichen Schauplatzes der sich in den folgenden Kapiteln abspielenden, im übrigen höchst einfachen Begebenheiten zu schreiten.

Also Freiland ist ein socialer Freistaat, der vor sieben Jahren von ein paar tausend Enthusiasten auf den Hochlanden des Kenia begründet wurde. Verfolgt man auf der Karte von Afrika die Ostküste vom Kap Guardafuy nach Süden zu genau bis zum Äquator und geht dann der durch diesen gebildeten Linie westwärts ins Innere des Kontinents nach, so wird man in der Luftlinie nicht ganz 500 Kilometer von der Küste des indischen Oceans entfernt den Kenia finden, einen Berg, der zu den großartigsten und merkwürdigsten des ganzen Erdballs zählen würde, auch wenn die Freiländer nicht auf den Gedanken geraten wären, sich an seinem Fuße anzusiedeln. Es ist das kein vereinzelter Gipfel, sondern ein gewaltiger Gebirgsstock, dessen centrale Spitze nahezu 6000 Meter hoch in die Region des ewigen Eises und Schnees hineinragt. Das eigentümliche des Kenia aber ist, daß er sich, unähnlich dem etwa 500 Kilometer weiter südlich gelegenen, ihm an Mächtigkeit im übrigen ähnlichen Kilimandscharo, nicht unmittelbar aus der Tiefebene erhebt, sondern rings um sich her, viele Hunderte Kilometer weit nach allen Seiten, ein 1200 bis 2200 Meter über dem Meeresspiegel sich erhebendes Hochplateau vorgelagert hat. Und dieses Hochplateau, unterbrochen von zahlreichen mehr oder minder mächtigen hochromantischen Gebirgszügen und bewässert von mannigfaltigen, teils dem Kenia selber, teils den Riesen der Vorberge entspringenden Flüssen, Strömen und Seen, bildet das Gebiet von Freiland.

Soviel über die Geographie meiner nunmehrigen Heimat. Über ihre politische und sociale Verfassung will ich einstweilen nur soviel sagen, daß durch dieselbe verwirklicht worden ist, was seit dritthalb Jahrtausenden das Ideal der Menschheit gewesen, nämlich die vollkommene, sich auch auf das wirtschaftliche Leben erstreckende Gleichberechtigung. Die Freiländer sind keine Kommunisten, sie gehen nicht von der Ansicht aus, daß alle Menschen schlechthin gleich seien, anerkennen vielmehr deren Verschiedenheit nach Fähigkeiten sowohl als nach Bedürfnissen; aber sie halten alle Menschen für gleich_berechtigt_, und unter Gleichberechtigung verstehen sie nicht bloß die allen Menschen gleichmäßig zuerkannte Befugnis, Abgeordnete zu wählen, Steuern zu zahlen, eingesperrt zu werden und sich für das Vaterland totschießen zu lassen, sondern auch das allen gleichmäßig zu sichernde Recht, zu leben. Sie behaupten, daß demjenigen, der auf den guten Willen anderer angewiesen ist, um die eigenen Kräfte zur Fristung seines Lebens gebrauchen zu können, alle anderen noch so freigebig erteilten Freiheiten nicht das geringste nützen, daß er vielmehr ein Knecht desjenigen bleiben muß, von dessen gutem Willen seine Existenz abhängt.