Eine Reise nach Freiland

Part 15

Chapter 153,236 wordsPublic domain

»Das erklärt sich unseres Erachtens sehr einfach dadurch, daß die absolute Gleichheitsidee nichts anderes ist, als eine Hallucination des Hungerfiebers. Die Menschen sind so offenbar und sinnfällig weder an Fähigkeiten noch an Bedürfnissen gleich, daß nur ein Wahnsinniger auf den Gedanken geraten könnte, diese der menschlichen Natur zuwiderlaufende absolute Gleichheit zu erzwingen -- wenn der Hunger nicht da wäre. Satt werden wollen alle Menschen, in diesem Punkte sind wir thatsächlich alle gleich, und in einer Gesellschaft, wo schmutziges, brutales Elend an der Tagesordnung ist, dort erklärt es sich, daß gleichmäßige Teilung verlangt wird. Zeigt sich aber, daß jedermann, wenn ihm nur die Mittel zur Bethätigung seiner Kräfte zugänglich sind, bei mäßiger Arbeit nicht bloß das Notwendige, sondern auch das Überflüssige, das Angenehme und das Schöne erlangen kann, handelt es sich nicht mehr darum, das Brot, sondern den Braten und das Konfekt zu verteilen, dann wäre es schlechthin albern, zu verlangen, daß jedermann die gleiche Portion erhalten müsse, gleichviel, ob er danach Verlangen trägt oder nicht.

»Und was den Anarchismus anlangt, das Bestreben, zugleich mit der Herrschaft auf wirtschaftlichem Gebiete, auch alle staatliche Ordnung über den Haufen zu werfen, so erklärt sich auch dieser bloß aus dem Hasse gegen eine bestimmte Form der staatlichen Ordnung, welche die Mehrheit dazu verurteilt, die Fortschritte der Kultur anderer mit den eigenen Entbehrungen zu bezahlen. Wo _alles_ teilnimmt an den Früchten fortschreitender Kultur, dort fällt es niemand bei, jene Ordnung anzutasten, die Voraussetzung des Kulturfortschrittes ist.«

»Bevor ich,« nahm nun wieder Professor Tenax das Wort, »zu den zwei großen Prinzipienfragen übergehe, die den Schluß meiner Zweifel enthalten, möchte ich noch die Nebenfrage geklärt sehen, ob sich mit dem Grundsatze der Freizügigkeit alle erdenklichen Arbeitszweige vereinbaren lassen. Wie hält man es zunächst mit künstlerischen Leistungen? Soll es sich ein Maler gefallen lassen, daß beliebige Personen sich ihm als Helfer aufdrängen, und was kann er hierzulande thun, um sich solch unwillkommene Genossen vom Leibe zu halten?«

»Den Maler,« so war die Antwort, »schützt vor solchen Genossen schon die Thatsache, daß er zu seiner Arbeit der Mittel der Gesamtheit nicht bedarf und daß also bei ihm jene Voraussetzung fehlt, an welche die Pflicht geknüpft ist, sich Genossen der Arbeit gefallen zu lassen. Doch nehmen wir selbst an, daß es sich anders verhielte; setzen wir den Fall, daß ein Maler oder ein Bildhauer für seine Arbeit im eigenen Hause nicht Platz hat und daß auch die Materialien zur Vollendung derselben so große Mittel erfordern, daß er den öffentlichen Kredit in Anspruch nimmt; jetzt ist er der Freizügigkeit unterworfen. Aber glauben Sie, daß die öffentliche Meinung eine Störung seiner Arbeit durch unberufene Eindringlinge dulden würde? Sowie sich der leiseste Versuch zu derartigem Beginnen zeigt, hat unser Mann nichts anderes nötig, als eine Generalversammlung einzuberufen, sich von dieser zum bevollmächtigten Direktor ernennen zu lassen und dann sich meldende Genossen entweder zu Handlangungen oder, wenn er auch dieser nicht bedarf, überhaupt nicht zu verwenden. Wollen Böswillige ihn vergewaltigen, so stehen ihm jederzeit ausreichende Stimmen seiner Mitbürger zur Verfügung, um derartige Versuche zu vereiteln. Unsere oberste Herrin, die öffentliche Meinung, mengt sich zwar ungefragt in nichts und läßt jeden treiben, was er mag; sofern aber irgend jemandes Treiben die Rechte anderer kränkt, ist sie, gerade weil sie zu unnötigem und überflüssigem Eingreifen niemals herangezogen wird, sofort hilfsbereit. Hier kann nur Unrecht unter der Voraussetzung geschehen, daß es sich der davon Betroffene schweigend gefallen läßt.«

»Ich bin auch hierüber beruhigt,« erklärte Professor Tenax. »Möchten Sie mir nun erklären, welches Mittel Freiland anwendet, um die Gerechtigkeit in solchen Fällen zu handhaben, wo die Freizügigkeit außer stande ist, das Gleichgewicht der Arbeitserträge herzustellen, oder wo sie dies zum mindesten nicht thun könnte, ohne die Wirtschaftlichkeit der Produktion in hohem Maße zu beeinträchtigen? Es ist nicht richtig, daß der Wert _jeder_ Ware vom verhältnismäßigen Arbeitsaufwande abhängt oder davon abhängig gemacht werden kann, und zwar ist dies aus dem Grunde unrichtig, weil es Waren giebt, die nicht durch menschliche Arbeit, sondern durch die freiwillige Thätigkeit der Natur hervorgebracht sind, Waren, die der Mensch nicht erzeugt, sondern bloß einheimst. Der Baum im Walde ist nicht das Produkt desjenigen, der ihn fällt, und im Werte des Holzes wird daher nicht die Arbeit des Holzfällers, sondern der Hauptsache nach die unentgeltliche Leistung der Natur bezahlt. Dasselbe gilt vom Erze eines reichen Bergwerks, in welchem regelmäßig nicht die Arbeit des Bergmannes allein, sondern daneben auch noch die davon unabhängige Seltenheit des Vorkommens bezahlt werden muß. Ja, ein solcher durch die natürlichen Verhältnisse bedingter Seltenheitswert kann in der Mehrzahl aller Produktionszweige vorkommen. Nun gebe ich zu, daß die Freizügigkeit, wenn man sie ins Extrem treiben will, die Ausgleichung aller Erträge zu bewerkstelligen vermöchte. Bleiben wir bei dem Beispiele mit dem Bergwerke, so werden sich der ergiebigeren Mine insolange vermehrte Arbeitskräfte zuwenden, bis der auf die einzelne Arbeitskraft entfallende Ertragsanteil sich überall ins Gleichgewicht setzt; aber das wird unter Umständen nur derart möglich sein, daß die Leistung der einzelnen Arbeiter der ergiebigeren Mine beschränkt wird. Auch dagegen kann man sich helfen, indem die ergiebigere Mine die Überschüsse ihres Ertrages über den landesüblichen Durchschnitt an das Gemeinwesen oder an verwandte Minen zur Verteilung und solcherart eine billige Ausgleichung der Erträge zuwege bringt. Aber wie mir scheint, hält man in Freiland selbst diese letztere Methode nicht überall für ausreichend oder doch nicht für die zweckmäßigste, denn ich sehe, daß einzelne Arbeitszweige, und zwar insbesondere Bergwerke und Forste, in Staatsbetrieb genommen werden. Liegt hierin nicht das Geständnis einer Mangelhaftigkeit des Prinzipes der Freizügigkeit?«

»Durchaus nicht. So wenig es eine Verletzung des in der bürgerlichen Welt geltenden Grundsatzes der Privatwirtschaft ist, wenn der bürgerliche Staat selbst Privatwirtschaft betreibt, ebensowenig ist es eine Verletzung des Prinzips freivergesellschafteter Wirtschaft, wenn der Staat sich selbst wirtschaftend den freien Vergesellschaftungen anreiht; in beiden Fällen ist das Prinzip gewahrt, sofern nur der Staat selbst nicht von demselben abweicht. Eine Verletzung der bürgerlichen Wirtschaftsordnung wäre es nur, wenn sich etwa der bürgerliche Staat beifallen ließe, in den von ihm betriebenen Wirtschaftszweigen andere als die bürgerlichen Grundsätze gelten zu lassen, und ebenso könnte unser Prinzip nur dann als verletzt gelten, wenn unser Staat bürgerliche oder kommunistische Grundsätze bei den von ihm betriebenen Wirtschaften einschmuggeln wollte -- oder auch nur könnte. Er kann es ebensowenig, als der bürgerliche Staat nach unseren Grundsätzen zu arbeiten vermöchte. Worauf es ankommt, das ist einzig der Gesichtspunkt, nach welchem die in solchen Staatswirtschaften Beschäftigten für ihre Thätigkeit entlohnt werden; in der bürgerlichen Welt geschieht dies unter Gewährung des landesüblichen _Arbeitslohnes_, d. h. des je nach Ort und Zeit zur Fristung des Lebens für notwendig Erachteten, bei uns unter Gewährung des landesüblichen _Vollertrages_ von menschlicher Arbeit. Gleichwie der bürgerliche Staat seinen Angestellten so viel bezahlen muß, als dem üblichen Existenzminimum entspricht, weil er andernfalls die nötigen Arbeitskräfte nicht fände, und gleichwie er ihnen nicht mehr gewähren kann als dieses Existenzminimum, weil er andernfalls mit Arbeitsanerbietungen überflutet würde -- ebenso muß unser Staat seinen Angestellten in welchem Zweige der von ihm betriebenen Wirtschaft immer den nämlichen Vollertrag von Arbeit gewähren, wie ihn die anderen Arbeitenden des Landes genießen, und er kann ihnen nicht mehr gewähren, weil ihm erst recht das Mittel fehlen würde, dem Zudrange von Arbeitskraft eine Schranke zu ziehen. Um es kurz zu sagen: der Staat ist bei uns so wenig als in der bürgerlichen Welt von aller wirtschaftlichen Thätigkeit ausgeschlossen, aber bei uns wie in der bürgerlichen Welt steht seine Wirtschaft unter der zwingenden Gewalt des gesellschaftlichen Grundprinzips, welches dort die Ausbeutung, hier die Gerechtigkeit ist.«

»Ich komme nun,« so nahm Professor Tenax abermals das Wort, »zu der ersten, der bereits angedeuteten großen Prinzipienfragen. Glauben Sie, daß es möglich ist, die für Freiland zur Anwendung gebrachten Grundsätze auf die ganze Menschheit anzuwenden; wenn Sie das glauben, halten Sie es für möglich, daß dies überall unter Schonung aller erworbenen Rechte geschehen kann, und gleichviel ob Sie letzteres glauben oder nicht, warum haben Sie zur Verwirklichung Ihrer menschheitserlösenden Ideen diesen entlegenen Winkel im Innern Afrikas ausgesucht und es nicht vorgezogen, dieselben unter den civilisierten Nationen Europas oder Amerikas durchzusetzen?«

»Die Bejahung des ersten Punktes dieser Frage versteht sich eigentlich von selbst,« lautete die Antwort. »Da die freiländischen Grundsätze durchaus in der menschlichen Natur fußen, so läßt sich kein erdenklicher Grund absehen, warum man sie nicht überall anwenden und damit nicht die nämlichen Erfolge erzielen könnte, wie wir hier in Freiland. Denn wir setzen ja von den Angehörigen unseres Gemeinwesens nichts anderes voraus, als jenen fürwahr sehr mäßigen Grad von Bildung, die dazu erforderlich ist, um den handgreiflichen eigenen Vorteil zu verstehen. Unsere Arbeiter bedürfen keines tieferen Verständnisses für volkswirtschaftliche Fragen; sie brauchen bloß zu begreifen, daß es besser ist, bei gleicher Anstrengung fünf Mark als vier Mark zu verdienen. Auch besondere Tugenden fordern wir von den Menschen nicht; Freiheit und Gerechtigkeit haben die Kraft, die Menschen zu verbessern, aber damit Freiheit und Gerechtigkeit eingeführt werden, ist es durchaus nicht notwendig, daß die Menschen besser seien, denn nicht Gemeinsinn, sondern freiwaltender Eigennutz ist das leitende Prinzip der Wirtschaft in Freiland.«

»Aber die wirtschaftliche Freiheit und Gerechtigkeit ist nicht bloß überall möglich, ihr Sieg ist unvermeidlich, soll anders nicht aller Kulturfortschritt ein Ende finden. Denn seitdem es dem menschlichen Geiste gelungen, die grenzenlose Kraft der Elemente in den Dienst der Arbeit zu zwingen, ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aus einer grausamen zwar, aber unvermeidlichen Kulturnotwendigkeit -- was sie Jahrtausende hindurch gewesen -- zu einem Kulturhindernis geworden. Es giebt jetzt, sofern die arbeitenden Massen ausgeschlossen bleiben vom Genusse des Vollwertes ihrer Arbeit, keine Verwendung mehr für die Erträge wachsender Produktion, und da unverwendbare Dinge, weil sie wertlos sind, nicht erzeugt werden können, so erstickt die Ausbeutung jenen Reichtum im Entstehen, der sich sofort einstellen würde, sowie nur Verwendung für denselben vorhanden wäre. Die Knechtschaft ist zur alleinigen Ursache des Elends geworden, und da Elend Barbarei und Ohnmacht ist, so muß und wird es dem Reichtum weichen, der Kultur und Macht bedeutet.«

»Also unsere Grundsätze können nicht bloß, sie müssen überall zur Verwirklichung gelangen. Und zwar könnte dies überall geschehen ohne Verletzung erworbener Rechte. Gleichwie die bäuerlichen Lasten und das Eigentum an den Sklaven seinerzeit in vielen Staaten friedlich abgelöst wurden, so könnte das auch mit dem ganzen Grundbesitze und mit den Arbeitskapitalien geschehen. Das unermeßliche Wachstum des Reichtums, welches die mit naturgesetzlicher Notwendigkeit eintretende Folge des zwischen Produktionskraft und Konsumtionskraft hergestellten Gleichklanges wäre, böte mit spielender Leichtigkeit die Mittel zu allen diesen Leistungen, und da die bisherigen Besitzer mit den ihnen zugesprochenen Ablösungssummen ohnehin keine Zinsen mehr machen, sondern dieselben lediglich zu allmählichem Verbrauche benutzen könnten, so würde es nicht schwer fallen, die Abzahlungen auf eine längere Reihe von Jahren zu verteilen und solcherart selbst für den Anfang jede Überbürdung der neuen Wirtschaft aus diesem Titel zu vermeiden. Ja, es läge sogar im Interesse der neuen Ordnung der Dinge, daß dieselbe überall unter Schonung aller erworbenen Rechte durchgeführt werde, da nur solcherart Erschütterungen und Störungen vermieden würden, die unmöglich ohne Nachteil auch für die Zukunft bleiben können. Aber wir bezweifeln trotzdem, daß sich der unvermeidliche Übergang von der ausbeuterischen zur freien Wirtschaft allerorten oder auch nur in den meisten civilisierten Staaten in so schonender, ruhiger Weise vollziehen wird. Damit dies geschähe, müßten die Besitzenden die friedliche Revolution selbst in die Hand nehmen, ihr wenigstens zustimmen, so lange sie noch ein Restchen Macht in Händen haben. Und das werden sie voraussichtlich nirgends thun. Daß aber eine gegen den Widerstand der Machthaber durch Gewalt zum Siege gelangte Revolution schonend verfahre, ist nicht zu erwarten. Von der Zähigkeit der Besitzenden dürfte es voraussichtlich überall abhängen, ob über ihre Ansprüche mit größerer oder geringerer Rücksichtslosigkeit zur Tagesordnung übergangen wird; je hartnäckiger sie sich dem Rade der Zeit entgegenstemmen, desto sicherer und grausamer werden sie unter demselben zermalmt werden. Ich fasse also die Antwort auf den zweiten Punkt der Frage dahin zusammen: der Übergang zur socialen Freiheit und Gerechtigkeit könnte sich überall unter vollkommenster Schonung der erworbenen Rechte vollziehen; er wird aber wahrscheinlich in den meisten Ländern unter teilweiser oder gänzlicher Nichtbeachtung dieser Rechte, ja unter blutigen Verfolgungen vor sich gehen.«

»Damit ist aber der Hauptsache nach schon der dritte Punkt beantwortet. Der Herr Fragesteller scheint zwar zu meinen, daß die Gründer von Freiland, auf die Gefahr hin, dadurch blutige Verwickelungen heraufzubeschwören, den Hebel inmitten der bürgerlichen Gesellschaft hätten ansetzen sollen, weil sie dadurch die Befreiung der enterbten Massen der Welt, auf die doch größerer Nachdruck gelegt werden müsse als auf die Schaffung eines Asyls, in welchem jedenfalls nur einige Millionen Platz finden, rascher und sicherer erreichen würden. In der That ist der oberste Zweck, der auch uns hier vorschwebt, die Befreiung all unserer unter Ausbeutung seufzenden Mitmenschen; wir waren und sind jedoch überzeugt, durch die Gründung Freilands mehr für die Befreiung der Welt geleistet zu haben, als durch noch so wirksame Agitation in den Staaten Europas und Amerikas. Denn da es keiner Frage unterliegt, daß die Besitzenden, welche ja allenthalben die Macht in Händen halten, sich unseren Bestrebungen widersetzt hätten, so ist es ebenso unfraglich, daß wir uns auf das Agitieren hätten beschränken müssen, während wir hier zu handeln vermochten. Und die Beredsamkeit der Thatsachen ist eine unendlich gewaltigere als die noch so wohl durchdachter und wohlgesetzter Worte. Gleichwie jene englischen Independenten, die im siebzehnten Jahrhundert den Grundstein zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika legten, damit mehr und besseres für die politische Freiheit der Welt thaten, als wenn sie in ihrer englischen Heimat verblieben wären und dort für die nämliche Sache vergeblich geduldet hätten, so glauben auch wir, mehr für die wirtschaftliche Freiheit geleistet zu haben, indem wir hier handelten, statt anderwärts thatenlos zu dulden.«

»Sie sind also gleich mir der Überzeugung,« so nahm nun Professor Tenax abermals das Wort, »daß Freiland bestimmt ist, seine Einrichtungen über die ganze Welt zu tragen und daß es diesen seinen obersten Zweck früher oder später erreichen wird. Damit aber werden Not und Elend ihren Abschied von der Menschheit nehmen. Glauben Sie, daß das geschehen kann, ohne daß Übervölkerung die notwendige Folge wäre, und besorgen Sie nicht, daß Übervölkerung wieder zu Not und Elend führen muß? Malthus hat bewiesen, daß die Bevölkerungszunahme das stetige Bestreben habe, über den Nahrungsspielraum hinauszuwachsen, und daß endloser Vermehrung eben nur durch den Nahrungsmangel eine Grenze gezogen werden könne. Nun bewahrt die bürgerliche Wirtschaftsordnung zum mindesten eine Minderheit der Menschen vor den unvermeidlichen Endergebnissen der Not; gelangt aber die wirtschaftliche Gleichberechtigung zu allgemeiner Anwendung, dann muß, wenn abermals Not hereinbricht, diese allgemein werden und das wäre gleichbedeutend mit allgemeinem Kulturrückschritte, mit Barbarei.«

»Malthus hat das, was Sie soeben darlegten,« antwortete der eine der freiländischen Professoren, »und was thatsächlich von der ganzen bürgerlichen Welt einem unumstößlichen Dogma gleich geachtet wird, nicht bewiesen, sondern nur behauptet. Und daß man diese, den augenscheinlichsten Thatsachen hohnsprechende, in der Luft schwebende Behauptung ein volles Jahrhundert hindurch für einen vollgültigen Beweis nahm, ist nur ein Zeugnis mehr für die voreingenommene Verblendung dieser merkwürdigen Zeit, die über dem erfolgreichen Bestreben, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, den großen Zusammenhang aller natürlichen und menschlichen Dinge gänzlich aus dem Auge verlor. Es ist allerdings wahr, daß die Vermehrung der Menschen, wie überhaupt aller lebenden Wesen, irgend eine Grenze haben müsse, und es ist ebenso wahr, daß Hunger und Entbehrungen unter Umständen zu einer Grenze der Volksvermehrung werden; unwahr aber ist, daß die Menschen sich unter allen Umständen vermehren, bis sie der Hunger decimiert, vielmehr zeigt selbst der oberflächlichste Blick auf die Thatsachen jedem durch Vorurteile nicht vollends verblendeten Beobachter, daß als große Regel das Gegenteil stattfindet, daß die Menschen sich nirgends oder doch beinahe nirgends bis an die Grenzen ihres Nahrungsspielraums vermehren noch jemals vermehrt haben. Wäre es anders, so müßte ja Übervölkerung die allgemeine Regel sein, während thatsächlich die Erde mit Leichtigkeit die hundertfache Menschenzahl ernähren könnte.

»Malthus beruft sich zur Erhärtung seines Lehrsatzes auf die Natur; auch dort findet als Regel das Gegenteil von dem statt, was er aus ihr herauslesen will; in der Natur herrscht nicht Mangel, sondern grenzenloser Überfluß; selbst jene Arten, deren Fruchtbarkeit die stärkste ist, vermehren sich doch nirgends oder doch nur in höchst vereinzelten Ausnahmefällen auch nur annähernd bis an die Grenzen ihres Nahrungsspielraumes. Daß Malthus auf die aberwitzige Idee geraten konnte, die Menschen hungerten und hätten alle Zeit gehungert, weil ihrer zuviel seien, ja, daß er auf die noch aberwitzigere Wahnvorstellung geriet, allenthalben in der Natur herrsche der nämliche Zustand des regelmäßigen Hungers, erklärt sich bloß daraus, daß er den Hunger in der Menschheit als Thatsache vor sich sah, die richtige Erklärung desselben -- daß die Massen hungern, weil ihnen vorenthalten wird, womit sie sich sättigen könnten -- nicht zu entdecken vermochte und deshalb zu dem Auskunftsmittel griff, welches sich überall einstellt, wo richtige Erklärungen fehlen, nämlich ein Naturgesetz aufzustellen, wo nichts anderes vorliegt, als eine verkehrte menschliche Einrichtung. Die Wahrheit ist, daß die Natur außer dem Hunger noch eine ganze Reihe von Mitteln besitzt, um das Gleichgewicht in der Fortpflanzung jeglichen Lebewesens aufrecht zu erhalten; die Vermehrung _fände_ eine Grenze im Hunger, wenn sie im übrigen grenzenlos wäre; da sie aber letzteres nicht ist, da andere Naturgewalten das Gleichgewicht zwischen Fortpflanzungsvermögen und Sterblichkeit lange vor Erreichung der Hungergrenze herstellen, so kann der Hunger höchstens ausnahmsweise die ihm von Malthus als Regel zugeschriebene Wirkung äußern.

»Aber die hohe Bedeutung, welche der Malthusschen Übervölkerungslehre von der bürgerlichen Welt beigemessen wird, wäre selbst dann ungerechtfertigt, wenn dieser Lehrsatz an und für sich auf Wahrheit beruhen würde. Daß die Kohlenfelder der Erde in absehbarer Zeit erschöpft werden müssen, wenn mit ihrem Verbrauche in der bisherigen Weise fortgefahren wird, ist doch für alle Fälle viel sicherer, unzweifelhafter, als daß die Erde für die Menschheit zu eng werden müßte, wenn man den Arbeitenden gestatten würde, sich zu sättigen; warum ängstigt sich die bürgerliche Welt nicht vor dem Versiegen der Kohlenminen, sondern überläßt die Sorge um die Beschaffung zukünftigen Brennstoffes getrost den kommenden Generationen, während sie sich unablässig den Kopf dieser nämlichen Generationen wegen der Übervölkerungsgefahr zerbricht? Es steckt hier ein gutes Stück bewußter oder unbewußter Heuchelei verborgen; man sucht nach Gründen für eine Handlungsweise, von welcher man instinktiv empfindet, daß sie nicht zu rechtfertigen sei. Der Übervölkerungstheorie liegt in Wahrheit gar nichts anderes zu Grunde, als die nur zu berechtigte Scham darüber, daß wir ungezählte Millionen gleichberechtigter Mitgeschöpfe dem jämmerlichsten Elende preisgeben, während wir doch die Mittel besäßen, ihnen allen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.«

Hiermit hatte diese interessante Auseinandersetzung ihr Ende erreicht. Nicht leicht zuvor sah ich jemals einen Besiegten und vollends einen im Wortkampfe besiegten Professor, der ob seiner Niederlage so froh gewesen wäre, wie diesmal mein einst so zäher Lehrer und Freund Tenax. Er schüttelte beim Abschiede seinen zwei erfolgreichen Widersachern so freudig bewegt die Hände, als ob es nur von deren gutem Willen abgehangen hätte, ihm dem Übertritt nach Freiland zu ermöglichen oder zu verwehren.

»Jetzt bin ich mit der Vergangenheit fertig; meine ganze Zukunft gehört der Verbreitung jener Ideen, die ich hier in mich aufgenommen« -- das waren des Professors Worte, als wir uns trennten.

Schluß-Kapitel.

Ich schließe hiermit das Tagebuch über meine Erlebnisse in Freiland und zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil meine Zeit, die bisher zwischen Arbeit, Belehrung und Vergnügen geteilt war, derzeit durch Gefühle, Gedanken und Handlungen ausgefüllt wird, die sich allesamt in _einem_ Kreise bewegen, in dessen Mittelpunkt ein weibliches Wesen steht, das für mich der Inbegriff alles Edlen, Schönen und Guten ist. Das heißt mit andern Worten: ich bin verliebt.

Der Leser besorge nicht, daß ich ihn mit Ergüssen meiner Liebe behellige; dieses Schlußkapitel soll nichts anderes sein als eine möglichst trockene Verlobungsanzeige. Nur eines muß ich noch erzählen, weil es bezeichnend ist für die Denkungsart der freiländischen Mädchen.