Part 13
Daraus geht aber des ferneren hervor, daß es sich hierzulande bei allen Wahlen niemals darum handeln kann, einer bestimmten politischen Richtung zum Siege zu verhelfen, sondern immer nur darum, sachverständige Männer zu wählen. Es kann daher wohl Meinungsverschiedenheiten über die Eignung verschiedener Bewerber um eine zu vergebende Stelle, niemals aber Interessengegensätze und Parteikämpfe geben. Auch in Freiland geschieht es, daß der eine für nützlich hält, was der andere für schädlich erachtet, aber es ist immer der nämliche Nutzen beider, über welchen diese Meinungsverschiedenheiten entstehen mögen und beide Teile müssen daher stets in dem Wunsche übereinstimmen, die Entscheidung den Klügsten, Bestunterrichteten, Sachverständigsten in die Hände zu geben.
Die Ausübung des freiländischen Wahlrechtes ist nicht an den Nachweis eines längeren Aufenthaltes im Lande geknüpft; ich war schon Wähler, obgleich ich noch nicht ganz vier Monate in Freiland weilte. Aber da mir als Neuling die Kandidaten für die anderen Vertretungskörper noch fremd waren, so beschränkte ich mich darauf, meine Stimme für die mir bekannten Bewerber um die Mandate für Straßenbau und Verkehrswesen und für gemeinnützige Unternehmungen abzugeben. Nebenbei will ich noch bemerken, daß der erstere Vertretungskörper 120, der letztere 146 Abgeordnete zählt, wie denn überhaupt die zwölf Vertretungskörper sehr verschieden an Zahl sind. Sie halten alle gesondert ihre Beratungen und zwar meist in verschiedenen Sitzungsperioden. Die zwölf Verwaltungschefs beraten die wichtigeren Angelegenheiten gemeinsam, vertreten sie aber gesondert vor ihren Parlamenten; doch haben auch diese das Recht, gemeinsame Beratungen zu fordern, was allemal dann geschieht, wenn sich der eine Vertretungskörper für Angelegenheiten interessiert, die vor einem andern zur Beratung stehen. Da der bloße Wunsch welches Vertretungskörpers immer nach solch gemeinsamer Behandlung, die fragliche Angelegenheit der übereinstimmenden Entscheidung beider oder, wenn es zufällig mehrere Vertretungskörper sein sollten, die mit bezug auf die nämliche Angelegenheit einen solchen Wunsch äußern, aller sich für denselben Interessierenden unterwirft, so sind Kompetenzstreitigkeiten zwischen den _Vertretungs_körpern gänzlich ausgeschlossen. Allenfalls auftauchende Kompetenzfragen der _Verwaltungs_körper entscheidet das Präsidium.
Bei der Einteilung der freiländischen Verwaltungszweige wird dem Ausländer zunächst auffallen, daß jene zwei Aufgaben der öffentlichen Verwaltung, die in den europäischen Ländern die größte Kraft und die größte Aufmerksamkeit des Staates für sich beanspruchen, nämlich Finanz- und Militärwesen, gar nicht vertreten erscheinen.
Was nun zunächst das fehlende »Finanzministerium« anlangt, so vertritt dessen Stelle in Freiland höchst wirksam die Centralbank. Sie ist es, die alle Einnahmen aller Bewohner des ganzen Landes noch vor diesen selbst in Händen hat; es bedarf daher keiner Steuereinnehmer, um die Abgaben einzutreiben; es genügt zu diesem Behufe, daß die Centralbank sie den Abgabepflichtigen zu Lasten und dem Gemeinwesen zu gunsten schreibe.
Auch das Fehlen eines »Kriegsministeriums« darf nicht dahin ausgelegt werden, als ob es Freiland an allen militärischen Vorkehrungen zur Wahrung seiner Sicherheit nach außen fehle. Die Freiländer haben eine Armee und zwar, wie ich glaube, heute schon, trotzdem die Bevölkerungszahl zweiundeinhalb Millionen Seelen noch nicht überschritten hat, eine geradezu formidable Armee, die jeden, auch den mächtigsten Feind, der es wagen würde, Freiland anzugreifen, mit Leichtigkeit zerschmettern könnte. Nur ist es nicht eine Kriegsverwaltung, sondern -- dem Ausländer mag das seltsam erscheinen -- die Unterrichtsverwaltung, welche mit dieser Armee zu thun hat. Ähnlich wie bei den alten Griechen nimmt nämlich in der Jugenderziehung die Ausbildung jeglicher Art körperlicher Tüchtigkeit und darunter denn auch der Tüchtigkeit in der Handhabung von Waffen eine hervorragende Stelle ein. Von der Mittelschule angefangen werden in eigens dazu eingerichteten großartigen Anstalten die Knaben und Jünglinge Freilands täglich durch mindestens zwei Stunden im Turnen, Schwimmen, Reiten, Fechten und Schießen geübt, die Zöglinge der technischen Hochschulen auch in der Bedienung von Geschützen. Wenn man nun bedenkt, daß es hier keine ausgemergelten, herabgekommenen Proletarier giebt, sondern daß jeder freiländische Jüngling die Vollkraft all seiner geistigen wie körperlichen Anlagen entwickeln kann, und sich vergegenwärtigt, welcher Vollendung ein solches Menschenmaterial durch von Jugend auf geübte, planmäßige Ausbildung fähig ist, so wird man mir glauben, wenn ich versichere, daß die aus diesen Schulen hervorgehenden freiländischen Schützen, Reiter und Kanoniere denen der besten europäischen Armee genau im selben Maße überlegen sind, wie die Zöglinge der griechischen Gymnasien den Barbarenhorden Persiens überlegen waren. Zwar hatte ich natürlich keine Gelegenheit, Freiländer im Ernstkampfe zu sehen, denn bisher war Freiland der Notwendigkeit eines ernsten Kampfes enthoben; aber ich sah sie bei ihren Waffenspielen, wo in der Regel mit scharfer Ladung nach sinnreich hergerichteten und meist auch beweglichen Zielen geschossen wird; ich konnte also die Wirkung freiländischen Einzel- und Rottenfeuers beobachten und ich wage kühnlich die Behauptung, daß solchem Feuer keine europäische Truppe auch nur wenige Minuten lang zu widerstehen vermöchte.
Die der Schule entwachsenen Jünglinge besitzen zum Zwecke der Fortführung der Waffenübungen eine freiwillige Organisation unter selbstgewählten Führern und alljährlich werden große Gau- und Landesübungen von ihnen abgehalten, in denen sowohl Einzelkämpfer als ganze, bis zu Tausendschaften vereinigte Abteilungen sich um unterschiedliche Preise bewerben, die zwar in nichts anderem bestehen als in einfachen Lorbeerzweigen, die aber deswegen nicht minder heiß umstritten werden, wie einst die Ölzweige der isthmischen Spiele bei den alten Griechen. Nun denn, ich war Zeuge eines solchen Kampfes und konstatiere, daß die siegreiche Tausendschaft den Preis zuerkannt erhielt auf Grund eines Schießergebnisses, welches 6780 Treffer bei zehn auf tausend Meter Distanz binnen einer Minute abgegebenen Salven aufwies. Nun weiß ich wohl, daß es ein Unterschied ist, ob man an wehrlose hölzerne -- nebenbei bemerkt genau mannsgroße -- Zielscheiben oder auf das Feuer erwidernde Feinde seine Schüsse abgiebt. Aber es ist ja nicht gerade nötig, daß tausend Mann in einer Minute die sechs- bis siebenfache Zahl niederschießen, um sie schlechterdings unnahbar für jeden Feind mit menschlichen Nerven zu machen. Und wer dies Resultat vielleicht für unglaublich hält, der möge bedenken, daß auch im bisherigen Verlaufe der Geschichte noch stets der harmonisch entwickelte Vollmensch über herabgekommene Knechte den Sieg davongetragen hat, mag das Zahlenverhältnis da und dort noch so ungleich gewesen sein. Nicht das Feldherrngenie des Miltiades war es, was bei Marathon, und eben so wenig das des Pausanias, was bei Platäa den Ausschlag gab, sondern die unwiderstehliche Waffengewandtheit der in den »Gymnasien« von Athen und Sparta ausgebildeten griechischen Männer, gegenüber den hilflosen Horden asiatischer Sklaven. Was sollte also Wunderbares daran sein, wenn die Zöglinge der freiländischen Gymnasien eine ähnliche Überlegenheit jenen Horden gegenüber an den Tag legen würden, welche die bürgerliche Welt gegen sie aufzubieten vermöchte?
Zu erklären wäre auch noch, warum in Freiland Gesundheitspflege und Justiz in _einem_ Verwaltungskörper zusammengefaßt sind. Es spricht dies zunächst für eine Geringschätzung der Gerechtigkeitspflege, die überall in der bürgerlichen Welt geradezu als die Grundlage der gesamten gesellschaftlichen Ordnung hingestellt und als solche auch ganz besonderer Fürsorge gewürdigt wird. Der Unterschied liegt eben darin, daß hierzulande die Gerechtigkeit in den _allgemeinen_ Einrichtungen liegt und daß man es demnach nicht notwendig hat, sie durch _besondere_ Einrichtungen erzwingen zu wollen. Die bürgerliche Welt, die auf dem Unrechte beruht, indem sie neun Zehnteile aller Menschen zwingt, ihren eigenen Vorteil dem Vorteil der Gesamtheit oder dem, was man dafür hält, aufzuopfern, sie muß natürlich sehr umständliche Vorkehrungen treffen, damit die solcherart zur Preisgebung ihres eigenen Vorteils Gezwungenen sich dem Gebote der Allgemeinheit fügen. In Freiland wird von niemand gefordert, zu thun, was ihm schadet, zu unterlassen, was ihm nützt, hier steht der Nutzen der Allgemeinheit in vollständigstem Einklange mit jedermanns Eigeninteressen; es ist also überflüssig, dieses vom unübersteiglichen Walle der gesamten Einzelinteressen umgebene Gesamtinteresse noch durch besondere Schutzvorkehrungen zu verteidigen. Wir haben also hier schlechterdings keine Polizei und keine Gerichte im europäischen Sinne. Es kommen zwar Streitigkeiten hie und da vor, aber diese werden durch freiwillig und unentgeltlich ihres Amtes waltende Schiedsrichter geschlichtet. Ebenso giebt es auch in Freiland Verbrecher; doch betrachtet man diese als geistig oder moralisch Kranke und behandelt sie dementsprechend, d. h. man bestraft sie nicht, sondern sucht sie zu bessern. Und Ärzte, nicht Richter sind es, denen die Leitung und Überwachung des Besserungsverfahrens obliegt. Letzteres ist der Grund, warum das Justizwesen mit der Gesundheitspflege in einer Hand zusammengefaßt ist, wobei bemerkt werden muß, daß diese Behandlung der geistig und moralisch Kranken Freiland geringe Sorge bereitet, da es verhältnismäßig nur sehr wenige sind, die ihr unterzogen werden müssen.
Auch darin liegt durchaus nichts Wunderbares; die Freiländer sind weit entfernt, Engel zu sein. Es ist zwar zu hoffen, daß in nicht allzu ferner Zeit und jedenfalls nach Verlauf einiger Generationen das Fehlen fast aller Anreize zu gesetzwidrigen Handlungen eine wohlthätige Umwandlung auch in der Anlage und in der Natur der Menschen hier hervorrufen wird. Gleichwie körperliche Organe, die andauernd nicht geübt werden, verkümmern müssen, so gilt dasselbe auch für die Organe des Seelenlebens. Auch der schlechteste Mensch thut, sofern er nur zurechnungsfähig ist, nichts Böses ohne Anlaß, und auch der Beste kann zum Verbrecher werden, wenn der Anreiz dazu übermächtig wird; aber deshalb ist es doch nicht minder wahr, daß gute sowohl als schlechte Handlungen von Einfluß auch auf den Charakter des Menschen sind; schlechte Handlungen machen schlecht, gute Handlungen gut. Es ist also zu erwarten, daß die Menschen hier, wo ihnen jeder Anlaß, schlecht zu handeln, fehlt, stets besser und besser werden dürften. Aber bis sich diese Veredelung der Charakteranlagen vollzieht, wird wohl noch geraume Zeit vergehen, und einstweilen -- ich wiederhole es -- kann ich die Freiländer nicht, ihrem innersten Kerne nach, als bessere Menschen anerkennen, wie unsere Mitbrüder da draußen. Nichtsdestoweniger behaupte ich, daß die ganz außerordentliche Seltenheit von Verbrechen hier nichts Wunderbares sei. Morden, stehlen, betrügen denn die Leute da draußen aus purer Bosheit und zu ihrem Vergnügen? Sie thun es -- zu neunundneunzig Hundertteilen mindestens -- bloß aus Not oder Verführung. Nun, diese Not oder Verführung giebt es hier nicht. Es fehlt also jeder Anlaß zu neunundneunzig unter hundert Verbrechen, die da draußen begangen werden, und das ist der Grund, warum sie hier nicht begangen werden.
Natürlich ist das soeben betonte Fehlen von Not und Verführung nicht so zu verstehen, als ob der Unterschied zwischen Freiland und dem Auslande bloß darin bestünde, daß die Leute hier satt, dort hungrig sind. Auch die Satten begehen -- wenn auch nicht so häufig wie die Hungrigen -- in der bürgerlichen Welt Verbrechen genug; aber sie thun es, weil sie sich gleichsam in stetem Kriegszustande mit allen ihren Mitmenschen befinden und weil man es im Kriege naturgemäß mit Recht oder Unrecht nicht so genau nimmt wie im Frieden und unter guten Kameraden. Man bedenke, daß es selbst unter den Verworfensten, unter den Gaunern und Banditen in der bürgerlichen Welt, eine Art Standesehre giebt, die nichts anderes ist, als die Scheu, denjenigen zu verletzen, von welchem man voraussetzt, daß er uns nicht verletzen würde und daß er darauf vertraut, daß wir sein Recht achten. Wenn also die Freiländer ihre Rechte gegenseitig ohne Ausnahme achten, so könnte man beinahe behaupten, daß sie in diesem Punkte gar nichts anderes thun, als was, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, in ähnlicher Lage der Verworfenste in Europa auch thäte: sie verschonen die Kameraden. Und der Unterschied liegt bloß darin, daß die Freiländer alle Kameraden sind, während die Angehörigen der bürgerlichen Welt sich in der Regel als Feinde betrachten und behandeln.
Nachdem ich meine Stimme für die zwei mich interessierenden Wahlen abgegeben hatte, beschloß ich, geführt von Freund Karl, die im selben Gebäude -- dem freiländischen Volkspalaste nämlich -- gelegenen andern Wahllokale in Augenschein zu nehmen, um mir das Treiben dort zu betrachten.
Als wir den Sitzungssaal des Vertretungskörpers für die freiländische Centralbank betraten, wo die Wählerversammlung des betreffenden Wahlkörpers zu tagen pflegt, tönten uns unwillige Rufe entgegen und wir bemerkten, daß sich die Menge um einen Redner gruppierte, dessen Ausführungen sichtlich diese Unruhe hervorriefen. Näher tretend sahen wir unsern Freund Tenax, der, wie ich nachholen muß, uns vor einigen Tagen mitgeteilt hatte, er trage sich trotz der mannigfachen Gebrechen des freiländischen Gemeinwesens mit der Absicht dauernder Ansiedelung in unserer Mitte und der hier offenbar einen ersten Versuch machte, sein Scherflein zur Verbesserung irgend eines der gerügten Gebrechen beizusteuern. Als solches entwickelte er, wie wir uns alsbald überzeugten, seinen augenblicklichen Hörern die exorbitante Höhe der freiländischen Steuer.
»Freiland will doch« -- so rief er -- »von Grundrente und Kapitalzins nichts wissen; wenn man euch aber fünfunddreißig Prozent Steuer vom gesamten Einkommen zahlen läßt, so steckt darin schon reichlich Rente wie Zins und ihr seid noch übler daran als die Leute da draußen, die doch im Durchschnitt nicht mehr als vier bis fünf Prozent unter beiden Titeln, zusammen also, wenn es hoch kommt, zehn Prozent bezahlen müssen.«
Zu unseres Professors großer Überraschung verfehlte dieses schlagende Argument gänzlich seine Wirkung, rief vielmehr bloße Heiterkeit hervor. Zwar hatten einzelne Mitglieder der Versammlung nicht übel Lust, die Sache tragischer zu nehmen und sich über die Behauptungen unseres Freundes ernsthaft zu ärgern; es waren das einige erst kürzlich vom Auslande eingetroffene Neulinge, die jedoch von der Majorität der älteren Freiländer alsbald beruhigt wurden, indem man ihnen bedeutete, hier müsse jedem gestattet sein, seine Meinung frei zu äußern.
Als der Professor den unerwarteten Heiterkeitserfolg seiner Rede wahrnahm, war seine Verlegenheit groß, dermaßen, daß einer der Anwesenden, sichtlich bloß, um dem sonderbaren Gaste die Beschämung zu ersparen, daß man seine Auseinandersetzungen nicht einmal einer Antwort würdige, zu einer kurzen Erwiderung das Wort nahm.
»Freunde« -- so rief er -- »dieser Mann meint es wahrscheinlich ganz ehrlich mit uns und nicht seine Schuld ist es wohl, wenn er, den Kopf noch voll Grillen, die da draußen künstlich gezüchtet werden, hier bei uns den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Vielleicht gehen ihm die Augen auf, wenn ich ihn an zweierlei erinnere. Erstens daran, daß da draußen Grundzins wie Kapitalzins von der Summe des Kapitals gezahlt werden, während hier die Steuer vom Einkommen erhoben wird. Ich habe draußen in einer Fabrik gearbeitet, von welcher ich mich noch ganz wohl erinnere, daß die fünfprozentigen Zinsen des darin steckenden Kapitals im Jahresdurchschnitt ziemlich genau so viel betrugen, als die gesamten Löhne der dabei beschäftigten Arbeiter, den Direktor und das Aufsichtspersonal mit inbegriffen. Und mein Vater war Großknecht bei einem Pächter, der jährlich zweimal soviel Pachtzins zahlen mußte, als die Löhne seines gesamten Personals betrugen. Das Zweite aber, was ich ihm sagen möchte -- und das ist in meinen Augen die Hauptsache -- besteht darin, daß der Zins da draußen anderen Leuten gehört und von diesen zu ihrem Vorteil verwendet wird, während die Steuer in Freiland uns gehört und bis auf den letzten Heller für uns verwendet wird. Mir kommt es nicht bloß darauf an, wie viel ich zahle, sondern auch wovon und wofür ich es zahle; da draußen war ich ein armer Teufel, der den letzten, überhaupt entbehrlichen Heller hergeben mußte, damit sich andere bereichern -- hier bin ich ein reicher Mann, der dafür zahlt, daß er noch reicher werde. Und diesen Unterschied hat eben unser neuer Freund vergessen.«
Den Grad der Beschämung unseres guten Professors kann nur derjenige ermessen, der da weiß, wie sehr den meisten Lehrern das widerspruchlose Docieren vom Katheder herab zur zweiten Natur geworden ist. Auch ließ sich nicht verkennen, daß er die Berechtigung der ihm zu teil gewordenen Lektion im innersten Gemüte empfand; und so störten wir ihn denn nicht als er, ohne von uns Abschied zu nehmen, sich wortlos in der Menge verlor.
Vierzehntes Kapitel.
Über Geselligkeit, Liebe und Religion in Freiland.
Die beiden Regenzeiten, deren größere im Juli und deren kleinere im Oktober zu Ende geht, sind in Freiland der Karneval. Man darf sich unter diesen Regenzeiten keine Epochen ununterbrochener atmosphärischer Niederschläge vorstellen, ebensowenig als unter der trockenen Zeit eine Epoche ununterbrochener Dürre; es giebt in Afrika das ganze Jahr hindurch Regen, sowohl als schönes Wetter, nur überwiegt in der Regenzeit ersteres, in der Trockenzeit letzteres in ausgesprochenem Maße. Indessen gilt selbst dieser Gegensatz nur für das äquatoriale Tiefland in voller Schärfe, während die Berg- und Alpenlandschaften am Kenia und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft denen der gemäßigten Erdstriche ähnlichere Witterungsverhältnisse aufweisen. Damit aber, daß es in den beiden Regenepochen beinahe täglich ausgiebige Niederschläge giebt, hat es auch hier seine Richtigkeit; die Vormittage sind meist schön und klar, gegen die Nachmittagsstunden aber ziehen sich um die Gipfel des Kenia dichter und dichter Wolken zusammen, die dann des Abends und meist die halbe Nacht hindurch in Form von Gewittern niedergehen, von deren Heftigkeit man in Europa schwerlich eine Vorstellung hat. Die Nächte sind um diese Zeit für den Aufenthalt im Freien schlechterdings ungeeignet, und danach hat sich denn das Volk von Freiland auch in seinen Vergnügungen gerichtet.
Während es in der schönen Zeit üblich ist, die balsamischen Nächte, soweit sie nicht dem Schlafe gewidmet sind, zu Ausflügen und zu allerlei anderen Unterhaltungen im Freien zu benutzen, vergnügt man sich in der Regenzeit vorwiegend in gedeckten Räumen und dabei spielt der Tanz eine hervorragende Rolle. Jeder freiländische Ort hat ein oder mehrere Vergnügungskomitees, welche die Veranstaltung öffentlicher Bälle in die Hand nehmen, und daneben finden sich die Familien mit erwachsenen Töchtern regelmäßig zu kleineren Tanzvergnügungen im Freundeskreise zusammen. Nur darf man sich unter diesen öffentlichen und Hausbällen beileibe nicht das vorstellen, was in Europa darunter verstanden wird. Man kommt hier nicht zusammen, um sich durch den Putz gegenseitig auszustechen, einander zu verlästern und sich gegenseitig über einander zu ärgern, sondern ausschließlich des Vergnügens halber und ohne irgend welchen andern Hintergedanken. Juwelen sind hier unbekannt; nicht etwa, daß die Freiländer und Freiländerinnen der Eitelkeit gänzlich entbehren würden; im Gegenteil, sie legen sehr großen Wert auf die Schönheit der äußern Erscheinung und insbesondere die Frauen sind eifrig bemüht, ihre körperlichen Vorzüge zur Geltung zu bringen. An den Mitteln zur Anschaffung von allerlei Kostbarkeiten würde es den Freiländern nicht fehlen, aber sie legen eben keinen Wert auf dieselben und zwar aus dem Grunde, weil die Kostspieligkeit einer Sache an und für sich hier nicht genügt, um sie irgend wem wünschenswert zu machen. So sonderbar es klingen mag, die Freiländerinnen ziehen Blumen als Schmuck den Juwelen vor. Dahinter vermutete ich anfangs irgend welche demokratische Tendenz, wurde aber von den Frauen, mit denen ich mich darüber in ein Gespräch einließ, alsbald eines besseren belehrt.
Daß Blumen schöner sind wie noch so künstliches und kostbares Geschmeide, wird vom Standpunkte unbefangener Ästhetik jedermann wohl zugeben; wenn man trotzdem in Europa letzteres höher schätzt, so hat dies seinen Grund nur darin, weil es kostbar ist und weil der Besitz kostbarer Sachen in der bürgerlichen Welt als Bescheinigung bevorzugter Lebensstellung gilt. Das Juwel ist dort gleichsam eine Art Adelszeichen, es beweist, daß sein Träger nicht zu den Knechten, sondern zu den Herren gehört, daß er das Recht hat, fremde Arbeit für sich auszunutzen, und darum, um diesen Adelstitel zu erlangen, verkaufen Tausende und Abertausende ihr und der Ihren Glück und Ehre.
»Glauben Sie wirklich,« so fragte mich auf einem der hiesigen Bälle die Frau eines der Direktoren unserer Anstalt, »daß man Diamanten schätzt, weil sie _schön_ sind? Ich kann Sie versichern, daß ich, als ich noch in Europa weilte, Diamanten von gewöhnlichen Glaskrystallen so wenig zu unterscheiden vermochte, als ich es jetzt vermöchte; trotzdem war damals meine Sehnsucht, ein Brillantenhalsband zu besitzen, während ich die Zumutung, ein Halsband aus Glaskrystallen anzulegen, mit Entrüstung von mir gewiesen hätte.«
»Wodurch erklären Sie sich das?«
»Ich wollte mich eben weniger schmücken, als vielmehr durch irgend etwas ausgezeichnet sein vor der großen Menge: ich bin fest überzeugt, wenn es in Europa das Vorrecht der sogenannten höheren Klassen wäre, einen Nasenring zu tragen, so würde jede Frau, die Wert auf gesellschaftliche Stellung legt, ihr Äußerstes daran setzen, um einen Nasenring tragen zu dürfen. Nun denn, Diamanten zu tragen ist, weil sie teuer sind, in Europa der Vorzug der mächtigen, einflußreichen Klassen, deshalb erwirbt man sie um den Preis weit angenehmerer, nützlicherer und schönerer Dinge. Und wenn es hier ebenso wäre, ich versichere Sie, trotz der Umwandlung, die mit mir in manchen Stücken hier vorgegangen ist, ich würde auch hier Diamanten tragen. Aber hier in Freiland würde der Diamant nicht zeigen, daß ich zu den Einflußreicheren, Mächtigeren, sondern daß ich zu den Thörichteren gehöre, nicht daß ich fremden Schweiß an die Erfüllung meiner Launen zu setzen vermag, sondern daß ich eigenen Schweiß oder den Schweiß der Meinen statt an nützliche und angenehme, an nutzlose und gleichgültige Dinge wende. Ich würde Bedauern statt Neid erregen, und das allein -- Sie sehen, ich mache mich nicht besser als ich bin -- ist der Grund, warum ich den Strauß hier an meiner Brust der kostbarsten Brosche, die Rosen hier im Haar allen Steinen der Welt vorziehe.«