Eine Reise nach Freiland

Part 11

Chapter 113,473 wordsPublic domain

»Die Kraft, die sie dazu veranlaßt, hat nichts Mystisches an sich,« war Karls Entgegnung; »ihr Name ist >Eigennutz<. Sie selber haben uns seinerzeit gelehrt, daß der Ertrag der Arbeit auf Boden _verhältnismäßig_ desto geringer wird, jemehr Arbeit man dem Boden zuwendet; zweihundert Arbeiter werden z. B. auf einer gegebenen Bodenfläche nicht zweimal soviel erzeugen, als hundert, sondern vielleicht bloß einundeinhalb Mal soviel, weil die Arbeit des zweiten Hunderts nicht mehr so notwendig ist wie die des ersten. Wenn also dem besseren Boden, und sei er noch so vielfach fetter, fruchtbarer, günstiger gelegen, verhältnismäßig zu viel Arbeitskraft zuströmte, so würde der einzelne Arbeiter von besagtem besseren Boden geringeren Ertrag seiner Arbeitskraft erzielen, als auf minder stark besetztem schlechten. Der Eigennutz des Arbeitenden verlangt aber nicht, daß er seine Kraft auf möglichst fettem Boden, sondern daß er seine Kraft mit möglichst hohem Ertrage verwerte, und es ist daher klar, daß man die Leute bloß frei wählen zu lassen braucht, damit sich ganz von selbst dasjenige einstelle, was der wirtschaftlichen Vernunft und Gerechtigkeit gleichmäßig entspricht, nämlich daß sich die Arbeitskräfte über allen Boden, er sei nun besser oder schlechter, derart verteilen, daß auf die einzelne Arbeitskraft überall der nämliche Ertrag entfalle.«

Unser hartnäckiger Widerpart konnte sich, geschmeichelt wohl durch die Berufung auf seine eigenen Lehren, eines zustimmenden Kopfnickens nicht enthalten, faßte aber, durch Frau Weras Schelmerei aufgestachelt, alsbald neuen Mut zu der triumphierenden Tones aufgeworfenen Frage, was denn geschehen würde, wenn andere Arbeiter hier, wo z. B. Kaffeepflanzungen sich dehnen, Baumwolle anbauen wollten; wer dem erstbesten Ankömmlinge verwehren könnte, die Kaffeebäume auszurotten und solcherart die Frucht jahrelanger Arbeit anderer zunichte zu machen? »Hat euere freiländische Weisheit eine Panacee auch gegen solche Ausschreitungen des >freiwaltenden< Eigennutzes?«

»Allerdings,« erklärte Karl. »Vor allem möchte ich Ihnen zu bedenken geben, daß Sie über den Vorgang, der bei einem solchen Kulturwechsel eingehalten werden müßte, nicht ganz im klaren zu sein scheinen. Nicht die ersten besten neuen Ankömmlinge haben das Recht, hier nach ihrem Gutdünken zu schalten und zu walten, sondern dieses Recht steht unter allen Umständen der Majorität all jener zu, welche Lust an den Tag legen, den Boden dieser Association zu bewirtschaften. Es müßte also eine neue Majorität entstehen, damit das geschehe, was Sie befürchten. Dies jedoch nur zur Aufklärung darüber, daß es nicht die zufällige Laune des >Erstbesten< ist, welcher Erstbeste ja auch ein Narr sein könnte, wovon die Verwendung der Bodenflächen in Freiland abhängt. Von dieser letzteren Erwägung abgesehen, bliebe es sich dem Wesen nach ganz gleich, ob es viele oder wenige sind, welche eine derartige Neuerung zu beschließen haben, denn sie kann unter allen Umständen nur unter der Voraussetzung beschlossen werden, daß durch sie der Vorteil aller dabei Beteiligten Rechnung findet. Wer in die Wirtschaft dieser Association eintritt, nimmt Teil an allen ihren Lasten und Vorteilen, und wenn er also die Kaffeepflanzungen ausrottet und an deren Stelle Baumwolle baut, so kann er dies nur thun, wenn der Nutzen des Baumwollbaues so groß ist, um den durch die Zerstörung der Kaffeepflanzungen verursachten Schaden wettzumachen. In diesem Falle aber ist es ja auch der Nutzen der früher beschäftigt gewesenen Arbeitskräfte, daß ein so rationeller Kulturwechsel stattfinde. Setzen wir den Fall, daß hunderttausend Arbeitsstunden an diese der Zerstörung geweihten Kaffeepflanzungen gewendet worden waren und daß die an deren Stelle tretenden Baumwollpflanzungen gleichfalls hunderttausend Arbeitsstunden beanspruchen, so würde der Nutzen aus dieser neuen Baumwollkultur unter zweihunderttausend Arbeitsstunden verteilt werden müssen, und daraus geht hervor, daß man die Kaffeebäume nur dann durch Baumwollsträucher ersetzen wird, wenn dieselben nicht nur die an ihre eigene Anpflanzung, sondern auch die an die Anpflanzung der zerstörten Kaffeeplantagen gewendete Arbeitskraft vergüten.«

»Und wenn es ein ganz anders gearteter Arbeitszweig ist, für welchen Boden beansprucht wird? Wenn z. B. hier auf dem Gebiete der Landwirtschaftsgesellschaft von Obertana Fabriken gebaut werden sollen, wer hat dann darüber zu entscheiden, ob sich das die Landwirtschaftsgesellschaft gefallen lassen muß oder nicht?« fragte Professor Tenax.

»Auch darüber entscheidet in letzter Linie der gleichlaufende Nutzen beider Teile, nämlich der landwirtschaftlichen und der Industriearbeiter,« antwortete Karl. »Da es eine notwendige Folge der freiländischen Freizügigkeit ist, daß die Arbeitserträge sich überall ins Gleichgewicht setzen, so ist es ganz unmöglich, daß industrielle Arbeiter wünschen können, eine Fabrik dort zu errichten, wo durch die Inanspruchnahme früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesenen Bodens anderen Arbeitern ein Schaden zugefügt würde, der größer ist als der Nutzen, der diesen anderen Arbeitern durch die Errichtung einer Fabrik in ihrer Mitte erwächst. Nutzen und Vorteil jedes wirtschaftlichen Vorganges kommt hier am Arbeitsertrage zum Ausdruck, und der Arbeitsertrag gestaltet sich infolge der Freizügigkeit für alle Arbeiter gleichförmig. Es ist also nicht möglich, daß die Arbeiter einer Fabrik, die etwa hier an dieser Stelle erbaut würde, den landesüblichen Durchschnittsertrag ihrer Arbeit finden, wenn benachbarte Arbeiter in ihrem Durchschnittsertrage geschädigt werden. Man kann folglich im eigenen Interesse keine Fabrik errichten, wo dies zum Schaden der Nachbarn geschehen müßte. Thatsächlich giebt es auf dem Gebiete der Bodenwirtschaft von Obertana nicht weniger als siebzehn große industrielle Werke, die zum Teil recht bedeutende Bodenflächen für sich beanspruchen; aber Sie können sich darauf verlassen, daß alle diese Werke nur errichtet wurden, weil die Einbuße, welche sie der Landwirtschaftsgesellschaft durch Inanspruchnahme des Bodens zufügten, mehr als aufgewogen wurde durch anderweitige Vorteile. Diese anderweitigen Vorteile können sehr verschiedener Art sein; sie bestehen teils darin, daß die Bodengesellschaft vermehrte Abnehmer ihrer eigenen Erzeugnisse findet, teils darin, daß sie Nachbarn erhält, welche sie zum Ausbessern, Instandhalten oder Erneuern ihrer Maschinen braucht, hauptsächlich aber darin, daß in der Zeit der Ruhe in den landwirtschaftlichen Arbeiten die landwirtschaftliche Bevölkerung leichtere Gelegenheit zu nutzbringender Verwertung der eigenen, zeitweilig überschüssigen Arbeitskraft findet, und umgekehrt, in der Zeit der Saat und Ernte der vorübergehend stark anschwellende Bedarf an landwirtschaftlicher Arbeitskraft leichter durch Zuzug aus den umliegenden Fabriken befriedigt werden kann. Mit einem Worte, die Errichtung eines solchen Werkes mußte ein Gewinn für die Bodengesellschaft von Obertana sein, sonst konnte es dazu nicht kommen.«

»Aber es muß doch jemand da sein, der darüber zu entscheiden hat, ob in einem solchen Falle Gewinn oder Verlust zu besorgen ist, und wer ist dieser Jemand?« fragte der in die Enge getriebene Professor.

»Dieser >Jemand< ist eine Majorität, die sich aus den beiderseitigen Interessenten, d. h. aus den landwirtschaftlichen und industriellen Arbeitern bildet. Dabei bitte ich Sie aber zu beachten, daß bei einer solchen Majoritätsbildung sich nicht die Arbeiter des alten Werkes auf der einen und die des neuen Wertes auf der andern Seite als zwei gesonderte Parteien gegenüberstehen. Das wäre nur der Fall, wenn der Vorteil der einen Hand in Hand gehen könnte mit dem Schaden der andern. Da dem nicht so ist, da Vorteil und Nachteil in beiden Lagern auf das nämliche hinauslaufen, so kann es hier niemals Interessengegensätze, sondern bloß Meinungsverschiedenheiten geben. Ein Teil der Landwirte wird die Errichtung des neuen Werkes für nützlich, ein anderer Teil für schädlich halten, und ebenso wird es Industriearbeiter geben, die dafür sind, daß man das Werk an dieser Stelle errichte, und andere, die dagegen sind; die sich solcherart bildende Majorität kann irren, aber ihre Absicht muß und wird immer sein, zu thun, was beiden Teilen gleichmäßig nützt. Und wenn Sie den eigentlichen Sinn unseres freiländischen Bodenrechtes unbefangen würdigen, so muß Ihnen von Anbeginn klar sein, daß dies gar nicht anders möglich ist. Denn da sich dank unserer Freizügigkeit der Nutzen jeglicher Art von Bodenbenutzung gleichmäßig auf alle verteilt, so kann es sich bei uns gar niemals darum handeln, zu wessen Gunsten der Boden benutzt werden soll, sondern bloß darum, welche Art der Bodenbenutzung dem Nutzen aller am besten entspricht. Der Boden gehört für alle Fälle allen. Wir sind also unter allen Umständen gleichsam in der Lage von Compagnons, die ihr Geschäft zu gemeinsamem Vorteil betreiben, und die daher in einzelnen Fällen wohl darüber in Meinungsverschiedenheit geraten mögen, welche Art der Geschäftsführung dem gemeinsamen Nutzen am besten entspreche, niemals aber darüber, ob der Nutzen dieses oder jenes Geschäftsteilhabers dem der anderen vorangehen oder hintangesetzt werden solle. Ich wiederhole, es giebt bei uns auch in den Fragen der Bodenbenutzung wohl Meinungsverschiedenheiten, aber keine Interessengegensätze.«

»Am Ende behauptet ihr das nämliche auch bezüglich der Kapitalverteilung! Ist es euch Freiländern ebenso gleichgültig, wer das von euch beigesteuerte Kapital erhält? Denn das Kapital, welches euer Gemeinwesen an die unterschiedlichen Associationen verteilt, rührt ja von einer Abgabe her, zu welcher jedermann beisteuern muß, gleichviel ob er will oder nicht, gleichviel ob er Kapital braucht oder dessen überflüssig genug hat. Man wird also hier zur Sparsamkeit gezwungen, und zwar unter Umständen zu einer Sparsamkeit für fremden Nutzen. Ist auch das gerecht?«

»Das wäre sehr ungerecht,« erwiderte Karl, »aber es geschieht nicht. Hier wird niemand zur Sparsamkeit gezwungen, jedermann steuert nur soviel Kapital bei, als er selbst gebraucht, und wenn er kein Kapital gebrauchen will, so braucht er auch nichts beizusteuern. Denn die Abgabe, in welcher allerdings der zur Kapitalverleihung bestimmte Anteil mit enthalten ist, wird ja nicht auf die Personen, sondern auf den Arbeitsertrag gelegt; es zahlt sie also nur derjenige, welcher arbeitet, und zwar ein jeder Arbeitende genau im Verhältnis seiner Arbeitsleistung; wer aber arbeitet, der benutzt Kapital und zwar genau im Verhältnis seiner Arbeitsleistung. Ich dürfte z. B. dreimal soviel Steuer zahlen, als der Feldarbeiter dort, jedoch nur aus dem Grunde, weil ich den dreifachen Ertrag aus meiner Arbeit ziehe und folglich dreifach so starken Vorteil von der Kapitalbenutzung habe.«

»Aber, Verblendeter!« rief Professor Tenax, »es ist doch nicht das Kapital, zu welchem Sie beisteuern, aus welchem Sie Vorteil ziehen, und nicht das Kapital, aus welchem jener Landmann Vorteil zieht, zu welchem er beisteuert; Sie zahlen vielleicht für ihn oder er für Sie. Wie ich gehört habe, seid ihr von der >Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft< gerade im Begriffe, dreiviertel Millionen Pfund Sterling zu verbauen; was hat der Mann hier davon? Und doch ist es seine Steuer so gut als die Ihrige, welche dazu herhalten muß, Ihrer Gesellschaft dreiviertel Millionen Pfund zu borgen. Das ist eine Ungerechtigkeit, die sich auf die Dauer unmöglich anders als durch den gehässigsten Zwang aufrecht erhalten läßt.«

»Der Landmann dort,« erklärte Karl, »hat von den dreiviertel Millionen Pfund, die unsere Gesellschaft verbaut, genau so viel wie ich, d. h. wohlverstanden im Verhältnis seiner Arbeitsleistung genau so viel wie ich. Ich habe vorausgesetzt, daß jener den dritten Teil meines Arbeitseinkommens bezieht, folglich steuert er zu unseren Anlagen den dritten Teil dessen bei, was ich zahle, und es ist klar wie das Sonnenlicht, daß ebenso auch sein Gewinn aus der Anlage den dritten Teil des meinigen beträgt. Dafür, daß das geschehe, sorgt die Freizügigkeit; _sein_ Nutzen kann dadurch zum Ausdruck gelangen, daß der Preis von Maschinen infolge unseres vermehrten Angebotes sinkt, oder dadurch, daß die Getreidepreise infolge der durch uns bewirkten Vermehrung der Verkehrsmittel steigen, oder dadurch, daß die Arbeitserträge sich heben, oder vielleicht auch bloß dadurch, daß unsere Anlagen ein Sinken der Arbeitserträge verhindern, welches ohne dieses eingetreten wäre. Für alle Fälle verteilt sich das schließliche Endergebnis gleichmäßig auf alle Arbeitenden Freilands, und so wahr es ist, daß in Freiland niemals Streit entstehen kann über die Frage, wem der Gewinn aus der Benutzung einer bestimmten Bodenfläche gehören solle, ebenso wahr ist es, daß auch mit Bezug auf einen gegebenen Kapitalbestandteil niemals fraglich ist, _wem_, sondern stets nur, _in welcher Verwendungsart er allen_ am besten nutzbar zu machen sei. Die Kapitalien sind hier geradeso wie der Boden Gemeingut, sie gehören unter allen Umständen allen Arbeitenden, und der Mann dort benutzt daher die Gebäude und Maschinen, die wir bauen, geradeso, wie ich die Speicher und Maschinen benutze, die wir hier in Obertana vor unseren Augen sehen.«

»Ich will über diesen Punkt nicht weiter mit euch streiten,« murrte der Professor. »Aber das eine sagt mir noch, da ihr eine Antwort auf alles habt: mit welchem Rechte verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, das sie allenfalls auf eigene Faust erspart haben mögen, nutzbringend anzulegen?«

»Wer verbietet denn das?« nahm nun ich das Wort. »Es findet sich hier nur niemand, der einem Kapitalbesitzer dasjenige gewähren würde, was Sie unter nutzbringender Verwendung von Kapital verstehen, nämlich Zins. Niemand wird Ihnen verwehren, so hohe Zinsen zu verlangen als Sie nur immer wollen, aber freilich wird Ihnen kein Freiländer weder hohen noch niederen Zins bewilligen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil ihm jederzeit zinsloses Kapital von seiten des Gemeinwesens zur Verfügung steht. Um dem zu genügen, was Sie in diesem Punkte Gerechtigkeit nennen, müßte man die Leute _zwingen_, Zins zu zahlen, und das thut Freiland allerdings nicht.«

»Ja thut man es denn in Europa?« rief erregt Professor Tenax. »Solch grundlose Verdächtigungen und Unterstellungen beweisen in meinen Augen nichts anderes als die Schwäche euerer Sache. Der Zins ist das Ergebnis eines durchaus freien Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, darin Zwang zu sehen, legt von Selbstverblendung oder bösem Willen Zeugnis ab.«

»Wenn dem so ist, wie unser lieber Professor sagt,« erklärte jetzt Frau Wera, »so kann ich ihm nur recht geben. Wenn in Europa die Arbeitenden es vorziehen, Zins für die Benutzung von anderer Leute Kapital zu zahlen, anstatt daß sie ihr eigenes verwenden, so halte auch ich es für unbillig, wenn man da von Zwang spricht.«

»Diese Leute, welche in Europa anderer Leute Kapital benutzen, thun dies nicht aus Vorliebe für fremdes Kapital,« belehrte Tenax seine hinterlistige Freundin, »sondern deshalb, weil sie kein eigenes haben.«

»Das sind also wohl leichtsinnige Verschwender und Prasser, die alles vergeuden, was sie verdienen, oder Faulpelze, die nichts arbeiten wollen, während die anderen, bei denen sie dann um Kapital betteln müssen, die Sparsamen und die Fleißigen sind?«

»So ganz richtig ist auch das nicht, schöne Frau,« docierte der Professor, der nun zu merken begann, daß ihn seine Freundin -- wie er glaubte, allerdings ganz unschuldigerweise -- da arg aufs Eis gelockt habe, der aber doch zu ehrlich und zu verständig war, um die Frage kurzweg zu bejahen. »Es giebt zwar unter den von Kapital Entblößten auch Verschwender, Trunkenbolde und Müßiggänger, gleichwie es unter den Kapitalbesitzern sparsame und fleißige Leute giebt; aber im allgemeinen kann man doch nicht eigentlich sagen, daß dieser Unterschied dasjenige erkläre, worauf es hier ankommt. Ich will sogar zugeben, daß im Durchschnitt die Reichen bei uns mehr verzehren und weniger arbeiten als die Armen. Jedoch .....«

»Sonderbar, höchst sonderbar,« rief Frau Wera mit erstaunter Miene. »Wie kommt es dann, daß jene die Armen und diese die Reichen sind?«

»Nun, Sie müssen wissen, die Armen haben eben nichts als ihre Arbeitskraft, und diese allein ist unfruchtbar, während den Reichen dasjenige gehört, was zur Befruchtung der Arbeitskraft erforderlich ist; folglich haben sie das Recht, von den Armen dafür, daß sie ihnen die Mittel zur Arbeit geben, Anteil vom Nutzen zu verlangen, und dieser Anteil vom Nutzen, der sich in ihren Händen aufhäuft, ist es, was sie reich macht, während jene arm bleiben müssen.«

»Ja, das verstehe ich schon, Herr Professor; jene sind arm, weil sie nichts haben, und diese sind reich, weil sie viel haben -- das leuchtet mir ein. Aber Sie entschuldigen schon die Begriffsstutzigkeit einer Frau, die in frühester Jugend Ihr gesegnetes Europa verlassen hat und sich in dessen Zuständen und Rechtsgrundsätzen nicht mehr ganz genau zurechtfinden kann. Das, was die Reichen den Armen gegenüber voraushaben, die Mittel zur Arbeit, das sind doch wohl Felder und Wiesen, Gebäude, Maschinen und Geräte, nicht wahr? Da hat also wohl der liebe Gott die Felder und Wiesen in Europa eigens für die Reichen erschaffen, die Häuser, Maschinen, und Werkzeuge aber haben die Reichen, weil sie die Klügeren sind, angefertigt und lassen sich nun all das von jenen Leuten bezahlen, die wegen ihrer Gottlosigkeit ausgeschlossen sind vom Besitze der Erde und die überdies dumm genug waren, bloß Nahrungsmittel, nicht aber auch Arbeitsinstrumente zu erzeugen?«

Der Professor merkte nun freilich, wo Frau Wera mit ihm hinauswolle und fing daher an, ärgerlich zu werden. »Das ist alles höchst unwissenschaftlich, was Sie da sagen, verehrte Frau,« erklärte er. »Ob Gott einen Unterschied zwischen arm und reich macht oder nicht und ob die Armen es sind, welche die Arbeitsgeräte erzeugten, gerade so gut als die Nahrungsmittel thut hier nichts zur Sache; irgend jemand muß doch die Erde und die Arbeitsinstrumente besitzen, und das sind eben die Reichen.«

»Professor, Professor,« sagte nun Frau Wera, die scherzhafte Miene ablegend und Tenax mit ihren großen, klaren Augen voll anblickend, »Sie bewegen sich da in einem häßlichen Cirkel; die Knechtschaft erklären sie aus der Armut und die Armut aus der Knechtschaft. Wenn es richtig ist, daß die Arbeitenden den Gewinn abtreten müssen, weil ihnen die Arbeitsmittel fehlen, und wenn ihnen diese fehlen, weil sie den Gewinn abtreten müssen; dann, so sollte man meinen, versteht es sich doch von selbst, daß der Gewinn ihnen gehört, wenn sie im Besitze der Arbeitsmittel sind, und daß diese ihnen gehören, wenn sie den Gewinn für sich behalten. Oder hat der Gedanke der Freiheit und Gleichberechtigung etwas gar so Abschreckendes für Sie, daß Sie sich, aller Logik zum Hohn, gegen ihn sträuben?«

Der Professor wurde purpurrot und antwortete halb flüsternd, mit gesenkten Augen: »Sie dürfen mit einem alten Manne nicht so schwer ins Gericht gehen, wenn er sich sträubt, Überzeugungen abzulegen, die er durch ein ganzes arbeitsvolles Leben in sich aufgenommen. Soll ich mich so leicht entschließen, als unsinnig zu verwerfen, was ich ein Menschenalter hindurch Tausenden und Abertausenden von Zöglingen als Quintessenz allerhöchster Weisheit angepriesen? Auch kommt mir der Umschwung zu plötzlich, er widerstreitet meinen Vorstellungen von der Notwendigkeit organischer historischer Entwickelung aller menschlichen Dinge. Man macht doch schließlich eine neue Gesellschaftsordnung nicht wie eine neue Maschine in der Fabrik und ich kann an dieses Freiland nicht glauben, da es eine künstliche Schöpfung ist, das Werk von Menschen, die sich eigens zu dem Zwecke vereinigten, die Sache so und nicht anders einzurichten, während meine Weltanschauung mich lehrt, daß nur das organisch Gewordene vernünftig und dauerhaft sein kann.«

»Auch dieses Bedenken ist nur die letzte Schanze Ihres Vorurteils,« antwortete unerbittlich die junge Frau. »Daß gesellschaftliche Neugestaltungen, um vernünftig und dauerhaft zu sein, nicht künstlich gemacht, sondern organisch entwickelt sein müssen, ist allerdings richtig; aber welcher Organe soll sich denn der Genius der Menschheit bedienen, wenn er eine dem Untergang verfallene, überlebte Gesellschaftsform in eine neue, lebensfähige hinüberführen will, wenn nicht der Menschen? Verstehen Sie unter natürlichem Werdeprozeß in der menschlichen Entwickelungsgeschichte nur solche Gestaltungen, die sich ohne Zuthun der Menschen ins Werk setzten? Soll wirklich nur die Dummheit, die träge Gedankenlosigkeit, die geduldig das Heute trägt, weil es dem Gestern gleicht, soll _sie_ die einzig berechtigte Kraft in der menschlichen Geschichte sein? Ich verstehe den Satz von der Notwendigkeit organischer Entwickelung gesellschaftlicher Neubildungen, dahin, daß die Neubildungen das natürliche und vernünftige Ergebnis geänderter Existenzbedingungen der Menschheit sein müssen. Aber dieses Ergebnis muß trotz alledem und alledem durch Menschen herbeigeführt werden; es wächst nicht gleich den Bäumen des Waldes oder den Blumen der Wiese, so wenig, als die Gestaltungen euerer bürgerlichen Weltordnung ohne das Zuthun von Menschen zu stande kamen und sich in Kraft erhalten. Oder sehen Sie etwa als notwendiges Erfordernis gedeihlicher gesellschaftlicher Neubildung an, daß sie mit Blut begossen, durch den Donner der Kanonen eingeläutet werde? Widersetzt euch nur fernerhin demjenigen, was zu thun unbefangenes Nachdenken und gesunder Menschenverstand von euch fordern, und ihr werdet bei euch da draußen der Feuer- und Bluttaufe wahrlich nicht entgehen. Wir aber halten unsere Schöpfung deshalb für nicht minder lebensfähig, weil sie auf friedlichem Wege zu stande gekommen, und wenn wir, um dies zu ermöglichen, Gebiete aufsuchten, wo Unverstand und böser Wille uns nicht hindernd in den Weg treten konnten, so haben wir auch damit nur gethan, was thatkräftige, entschlossene Menschen in ähnlichen Verhältnissen alle Jahrtausende hindurch thaten und wofür als letztes großartigstes Beispiel die Gründung der Vereinigten Staaten von Nordamerika in der Geschichte verzeichnet steht.«

Professor Tenax hatte den letzten Teil dieser sich über sein Haupt ergießenden Strafrede schweigend, in tiefe Gedanken versunken, angehört. Nach einer Weile reichte er uns allen die Hand, nahm darauf Frau Weras Arm unter den seinen, und wir schlugen den Weg nach dem Bahnhofe von Obertana ein, um den nach Edenthal gehenden Zug zu besteigen.

Zwölftes Kapitel.

Eine Gründung in Freiland.

Wer vom freiländischen Gemeinwesen Land und Kapital zur Inswerksetzung eines Unternehmens haben will, der muß, er mag nun allein sein oder Genossen seines Planes bereits gefunden haben, der Centralbank all seine Wünsche und Absichten bekannt geben; diese veröffentlicht die ihr gewordene Mitteilung und ruft daraufhin eine Generalversammlung ein, an welcher jedermann teilnehmen kann, der sich für das Unternehmen irgendwie interessiert. Es war nun letzthin in den Blättern die Ankündigung zu lesen, daß ein kürzlich aus Amerika eingewanderter Ingenieur mit einer Anzahl Genossen, die sich ihm teils schon in Amerika teils in Freiland angeschlossen, zur Gründung einer Luftschiffahrtgesellschaft 600000 Pfund Sterling verlangte. Seine Ideen waren von verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften Europas und Amerikas für undurchführbar erklärt worden und auch die freiländische Verwaltungsbehörde für gemeinnützige Unternehmungen mitsamt dem dazu gehörigen Vertretungskörper, denen er sein Projekt vorgelegt, hatten sich ablehnend verhalten. Er beschritt daher den Weg der Selbsthilfe, veröffentlichte eine umständliche Beschreibung seiner Erfindung und forderte diejenigen, die gleich ihm an die Möglichkeit einer praktischen Verwirklichung des Gedankens glaubten, auf, sich ihm anzuschließen.