Eine langweilige Geschichte: Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
Part 6
Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur die Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt gewöhnlich an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. Er kommt stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.
»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den Flur hinaustrete.
»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt und mich entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! Gott straf mich! Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! ~Gaudeamus igitur juvenestus!~«
Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf die Knöpfe.
»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.
»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott ...«
Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält. Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu mir, speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches. Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am Tische, bescheiden, sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein Bein über das andere zu schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch zu bringen; und die ganze Zeit über erzählt er mir mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme geläufig und buchmäßig allerlei nach seiner Meinung sehr interessante und amüsante Neuigkeiten, die er in Journalen und Büchern gelesen hat. Alle diese Neuigkeiten haben untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen sich auf folgenden Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet, eine Entdeckung gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn der Unredlichkeit überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung schon im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie beide, indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. Peter Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, mich zum Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er eine Dissertation verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen Quellen, die er benutzt hat, und bemüht sich, in den Zahlen, in den Nummern der Journale und in den Namen jeden Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht einfach Petit sagt, sondern stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt er bei uns zum Mittagessen, und dann erzählt er während der ganzen Mahlzeit jene selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen niederdrückend wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und Bach bringen, so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird verlegen; er schämt sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, wie ich und er, von so unwürdigen Dingen gesprochen wird.
Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, um seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine ganze Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. Von seiner leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise wird mir ganz schwach, seine Erzählungen machen mich stumpfsinnig. Er hegt gegen mich die treueste Gesinnung und redet mit mir lediglich, um mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne es ihm damit, daß ich ihm hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich ihn hypnotisieren wollte, und dabei denke: »Scher dich weg, scher dich weg, scher dich weg!« Aber er reagiert nicht auf meine schweigende Aufforderung, sondern sitzt und sitzt und sitzt ...
Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er meine Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint mir dann wie eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin gegen Peter Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, als wäre er an diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr ich selbst. Wenn er anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen Gelehrten zu preisen, so mache ich nicht mehr wie früher gutmütige Scherze, sondern ich brumme verdrießlich:
»Ihre Deutschen sind Esel.«
Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen badete, sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun schimpfte: »Diese Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich gegen Peter Ignatjewitsch häßlich, und erst wenn er fortgeht und ich durch das Fenster sehe, wie sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun vorbeistreift, möchte ich ihn anrufen und zu ihm sagen:
»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«
Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter. Eben jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei uns fast täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit; aber jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über die meine Frau und Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen, rede ich oft geradezu Dummheiten und weiß nicht einmal recht, warum ich sie rede. So kam es einmal vor, daß ich Herrn Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede Veranlassung plötzlich herausstieß:
»Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke, Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.«
Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da er weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite stehen, so beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine Stichelreden mit herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der Alte ist verrückt geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder er macht sich in gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich erstaunlich, bis zu welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich bin imstande, während des ganzen Mittagessens mich in Gedanken darüber zu ergehen, wie Herr Gnecker sich als Abenteurer entpuppen wird, wie Lisa und meine Frau ihren Irrtum einsehen werden, und wie ich sie dann damit aufziehen werde. Solchen und ähnlichen törichten Gedanken überlasse ich mich zu einer Zeit, wo ich doch schon mit einem Fuße im Grabe stehe!
Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur durch Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch für mich ist, so will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der sich neulich nach dem Mittagessen zutrug.
Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie gewöhnlich meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon zu reden, daß es doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch warm sei und ich freie Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich dort erkundigen wollte, was unser Herr Gnecker für ein Mensch sei.
»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich.
Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür, kehrte aber sogleich wieder zurück und sagte:
»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen. Ich weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht, dich zu warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch, aber alle unsere Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber zu reden, daß du so viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und gebildet, das stelle ich nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer Gesellschaft die Zeit sehr angenehm; aber du mußt selbst zugeben, es ist einigermaßen sonderbar, wenn ein Mann in deinen Jahren und in deiner gesellschaftlichen Stellung an ihrer Gesellschaft Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr Renommee von der Art, daß ...«
Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken sprühten mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an den Kopf, stampfte mit den Füßen und schrie mit entstellter Stimme:
»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«
Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme seltsam klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß und schrie mit gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter Stimme laut auf. Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker und dann auch Jegor herbeigelaufen.
»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!«
Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich fühlte, wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine kurze Zeit Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei Stunden dauerte.
Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das muß natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie kommt angefahren, tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und nimmt mich dann mit auf ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes Pferd und einen neuen ~char à banc~, den sie sich in diesem Sommer gekauft hat. Überhaupt lebt sie auf großem Fuße: sie hat sich ein teures Landhaus mit großem Garten für sich allein gemietet und ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin schaffen lassen, hält sich zwei Stubenmädchen und einen Kutscher ... Oft frage ich sie:
»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet haben wirst?«
»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie.
»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch ehrliche Arbeit erworben.«
»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.«
Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald, den ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint mir ebenso schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß alle diese Tannen und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am Himmel, wenn ich nach drei bis vier Monaten tot sein werde, von meinem Fehlen nichts merken werden. Katja findet Vergnügen daran, das Pferd selbst zu lenken, und sie freut sich, daß es schönes Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie ist guter Laune und führt keine bissigen Reden.
»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt sie. »Sie sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler, der Sie spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch kann selbst ein schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber niemand. Und ich beneide Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn ich, was bin ich? Was bin ich?«
Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann:
»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung, nicht wahr?«
»Ja«, antworte ich.
»Hm ... Was soll ich denn aber nun tun?«
Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder: »Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und weil das eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr erwidern soll.
Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen, daß die Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die besten und als durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den Einzelfällen als völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch von seelischen Leiden.
Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich denn:
»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu hast?«
»Ich kann es nicht.«
»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir wie ein Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du trägst selbst die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit, dich über die Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber nichts getan, um diese und andere Menschen zu bessern. Du hast mit dem Schlechten nicht gerungen, sondern bist vorzeitig müde geworden und bist nicht ein Opfer des Ringens, sondern deiner Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst damals noch jung und unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen Verlauf nehmen. Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der heiligen Kunst dienen ...«
»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!« unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal die Verabredung treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über Schauspielerinnen, über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir aus dem Spiele lassen. Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener Mensch; aber Sie besitzen nicht so viel Verständnis für die Kunst, daß Sie sie mit gutem Gewissen ›die heilige Kunst‹ nennen dürften. Sie haben für die Kunst keinen Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit beschäftigt gewesen und haben keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl zu erwerben. Überhaupt ... ich kann diese Gespräche über Kunst nicht leiden!« fuhr sie nervös fort; »ich kann sie nicht leiden! Die Kunst ist so schon hinlänglich profaniert worden. Ich mag nichts weiter hören!«
»Wer hat die Kunst profaniert?«
»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht, die Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme ihr gegenüber, die verständigen Leute durch ihre Philosophie.«
»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.«
»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so bedeutet das, daß er kein Verständnis für ihn hat.«
Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das Thema zu wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem Augenblicke, wo wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung nach Katjas Landhause einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren Gegenstande zurück und frage:
»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du nicht wieder Schauspielerin werden?«
»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von Ihnen!« ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie wirklich, daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie es wünschen, meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein Talent, wohl aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!«
Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das Gesicht von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, stark an den Zügeln.
Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem Michail Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig auf uns wartet.
»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte, schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist schal geworden ... Ich mag ihn nicht!«
Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der Fall war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu werden. Wenn unser ~char à banc~ am Tore hält, macht er aus seiner Freude und seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit ist er Katja und mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig allerlei Fragen, lacht und reibt sich die Hände; und jener sanfte, flehende, reine Ausdruck, den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm, hat sich jetzt über sein ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut sich, und gleichzeitig schämt er sich seiner Freude, schämt sich dieser Gewohnheit, Katja jeden Abend zu besuchen, und hält es für nötig, sein Kommen durch irgendeine handgreifliche Abgeschmacktheit zu motivieren, von dieser Art: »Ich kam gerade vorbei, als ich mir etwas besorgen wollte, und da dachte ich: ich will doch auf einen Augenblick herangehen.«
Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein. Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen, sondern immer noch dieselben wie im Winter. Die Universität und die Studenten und die Literatur und das Theater müssen tüchtig herhalten; die Luft wird von den Lästerreden dichter und schwüler, und es vergiften sie jetzt nicht mehr zwei Kröten mit ihrem Atem wie im Winter, sondern drei. Außer dem samtweichen Lachen eines Baritons und einem andern Lachen, das wie eine Harmonika klingt, hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein drittes, unangenehm knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die Generale lachen: »He-he-he!«
V
Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und Donner, Regen und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, weil die Sperlinge dabei vor Angst aus den Nestern herauskommen. Eine solche Sperlingsnacht habe ich in meinem eigenen Leben durchgemacht ...
Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette in die Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß ich im nächsten Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? Im Körper habe ich keine derartige Empfindung, die auf ein schnelles Ende hinwiese; aber auf meiner Seele lastet eine solche Angst, als ob ich auf einmal den riesigen roten Schein einer entsetzlichen Feuersbrunst erblicke.
Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der Karaffe und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches Wetter. Es duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. Ich sehe die Zacken des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen Bäume am Fenster, den Weg, den dunklen Waldstreifen; an dem wolkenlosen Himmel steht ruhig der sehr helle Mond. Tiefe Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint, daß alles mich anschaut und lauscht, wie ich sterben werde ...
Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder zum Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der Hand nicht finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn und wieder an der Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von Schweiß. Mein Atem wird schneller und schneller; der ganze Körper zittert; alle inneren Teile sind in Bewegung; auf dem Gesicht und auf der Glatze habe ich ein Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe darauf lege.
Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat keinen Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun sollten, wenn sie zu mir herein kämen.
Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte, warte ... Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir jedenfalls von hinten nahen, ganz leise ...
»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen Stille, und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf der Straße.
»Kwi, kwi!«
Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser trinken; aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen und den Kopf in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische Angst und kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich fürchte: weil ich weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer Schmerz bevorsteht, den ich noch nicht kenne?
Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb wie Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der Treppe Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt aber dann wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte wieder unten vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen und horcht.
»Wer ist da?« rufe ich.
Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die Augen auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Augen verweint.
»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.
»Was willst du?«
»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal an. Es muß ihr etwas zugestoßen sein ...«
»Gut ... gern ...« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich nicht mehr allein bin. »Gut ... den Augenblick.«
Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, läßt auf den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere langen Schatten sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich in den Schößen meines Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es ist mir, als ob mich jemand verfolgte und mich am Rücken packen wollte. »Jetzt werde ich gleich hier auf dieser Treppe sterben,« denke ich. »Gleich diesen Augenblick ...« Aber da sind wir schon die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits den dunklen Korridor mit dem italienischen Fenster passiert und treten in Lisas Zimmer. Sie sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die nackten Beine herunterhängen und stöhnt.
»Ach mein Gott ... ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, von unserem Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann nicht, ich kann nicht ...«
»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«
Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.
»Mein guter Papa ...« schluchzt sie. »Mein lieber Papa ... Mein süßer, bester Papa! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ... Mir ist so schwer ums Herz!«
Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, wie ich sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind war.
»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«
Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken, und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben.
»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch etwas zum Einnehmen!«
Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur murmeln:
»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes ... Das wird vorübergehen ... Schlaf nur, schlaf! ...«
Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig. Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar zu werden.
»Dummes Zeug ...« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts ... Durch eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles Vorhersehen erklären ...«
Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod, sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen Zimmer verstummt, und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen ...
Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie erstarrt wären ... Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.
Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein, bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit vorsichtig ans Fenster.
»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai Stepanowitsch!«
Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, sich gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, hell vom Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. Ihr im Mondlicht blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht sieht wie von Marmor aus; ihr Kinn zittert.
»Ich bin es,« sagt sie. »Ich ... Katja!«
Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und die Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb ich sie im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.
»Was willst du?«