Eine langweilige Geschichte: Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes

Part 5

Chapter 53,605 wordsPublic domain

»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch daran erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und schwül, die Uniform kniff mich unter den Armen, -- es war zum Krepieren! Ich las eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹ dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und ganz am Schluß hatte ich vier Seiten, die ich gut und gern ungelesen lassen konnte, und ich nahm mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann bleiben nur noch sechs,‹ dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf einen flüchtigen Blick nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten Reihe nebeneinander ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof saßen. Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung verständen und Genuß davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es euch so viel Vergnügen macht, dann will ich es euch gründlich geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las auch noch die ganzen vier letzten Seiten mit.«

Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu solcher Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und jene besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen mit sehr gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von seinen Augen möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch eine besondere Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal wenn er von Katja ein gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr gemachte Bemerkung anhört oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn sie einmal für kurze Zeit das Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem Blicke etwas Sanftes, Flehendes, Reines ...

Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein großes Stück Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein auf den Tisch, einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als sie in der Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch nimmt von einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. Nach seiner Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel Kombinationssinn und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während des Legens munter weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine Manipulationen mit den Karten und ist ihm mehr durch Mimik als durch Worte behilflich. Von dem Weine trinkt sie den ganzen Abend über nicht mehr als zwei Gläser, und ich trinke ein Viertel Glas; der übrige Teil der Flasche entfällt auf Michail Fedorowitsch, der viel trinken kann, ohne daß es ihm in den Kopf steigt.

Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen, namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, am schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.

»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,« sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. »Mit der geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit verspürt bereits das Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der Wissenschaft zu setzen. Die Wissenschaft ist auf einem Boden von falschen Vorstellungen entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen genährt und bildet jetzt eine ebensolche Quintessenz von falschen Vorstellungen, wie ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, Metaphysik und Philosophie. Und wirklich, was hat sie der Menschheit gegeben? Zwischen den gelehrten Europäern und den aller Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der Unterschied nur ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben keine Wissenschaft gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«

»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber was folgt daraus?«

»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger, als Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott behüte. Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen, die Wissenschaften und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und Gewerbe. Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es ist nicht meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott behüte!« Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig etwas ab.

»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will gar nicht einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie nur wenigstens zu arbeiten und vernünftig zu denken verständen! Da trifft das Wort zu: ›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige Geschlecht.‹«

»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren unter Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden Menschen gehabt?«

»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber unter meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«

»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, viele Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, ich will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem Talente, sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen darunter zu begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung ...«

Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal ebenso, wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine Tochter erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich so allgemein gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche längst abgenutzten Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten von Verflachung und von einem Mangel an Idealen und der Hinweis auf die schöne Vergangenheit sind. Jede Anklage, auch wenn sie in Damengesellschaft vorgebracht wird, muß möglichst präzise formuliert sein; sonst ist es eben keine Anklage, sondern eine leere, anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.

Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel an Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht übler bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen Studenten seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. Wenn mich jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern mißfalle, so würde ich keine zusammenfassende Antwort geben, sondern einige Punkte mit hinlänglicher Präzision aufzählen. Die Mängel meiner Studenten kenne ich genau und brauche daher nicht zu nebelhaften, allgemeinen Schlagworten meine Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak rauchen, alkoholische Getränke genießen und spät heiraten; ferner daß sie gedankenlos in den Tag hineinleben und oft eine solche Gleichgültigkeit zeigen, daß sie unter sich Hungernde dulden und an den Verein zur Unterstützung bedürftiger Studenten ihre fälligen Beiträge nicht bezahlen. Sie verstehen die neueren Sprachen nicht und können sich auf russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern klagte mir mein Kollege, der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner Vorlesung verdoppeln, weil sie so wenig Physik verständen und mit der Meteorologie gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren Ansichten gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten, aber keineswegs von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt sich am allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen Fragen, die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B. die Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung, wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe am meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, Assistenten, Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht darauf an, in solchen Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu verbleiben, obwohl Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche Initiative in der Wissenschaft nicht minder notwendig sind als beispielsweise in der Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler und Hörer, aber keine Gehilfen und Nachfolger, und daher mag ich sie zwar gern leiden und habe für sie alle Teilnahme, aber ich bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. ...

Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine pessimistische oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen nach nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von den gesamten Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, damit sie verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht geht, ihren Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits wieder den Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die Studentensünden ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts besagen im Vergleiche mit der Freude, die ich nun schon dreißig Jahre lang empfinde, wenn ich mit meinen Schülern ein Gespräch führe, ihnen Vorlesungen halte, ihr Verhalten untereinander beobachte und sie mit Angehörigen anderer Kreise vergleiche.

Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und beide merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend so unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten sie allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, und wie sie beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu gebrauchen anfangen.

»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch. »Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort einen Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem dritten Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers Dobroljubow, auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir kamen miteinander ins Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, ›es passieren die wunderbarsten Dinge. Da habe ich gelesen, daß ein Deutscher (seinen Namen habe ich vergessen) aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin, gewonnen hat.‹ Was meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar auf seinem Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung unserer Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe sitzen zwei junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend Jurist, der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. Der Mediziner war betrunken wie ein Schuster und achtete gar nicht auf das, was auf der Bühne vorging. Er schlief, und der Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn. Aber sowie ein Schauspieler laut einen Monolog sprach oder überhaupt die Stimme erhob, fuhr mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar in die Seite und fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹ ›Ja, etwas Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der Mediziner. ›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war nicht um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken willen ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm ein Bedürfnis.«

Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika spielte, und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. Mir wird ganz schwach zumute, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ganz außer mir, werde ich blutrot, springe von meinem Platze auf und schreie:

»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«

Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, schicke ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: zehn Uhr durch.

»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch; »gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?«

»Gewiß,« antwortet Katja.

»~Bene.~ Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!«

Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während ich mir den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch:

»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert, Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«

»Ja, ein wenig.«

»Und dabei unternimmt er keine Kur ...« fügt Katja unwillig hinzu.

»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren Angehörigen, und entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht hinkomme. In diesen Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland, werde ich vorsprechen, um Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt! Ich reise in der nächsten Woche.«

Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch das Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. Ich lege mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem meiner Kollegen behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch aus, wie der Kollege, nachdem er mich untersucht hat, schweigend von mir weg zum Fenster geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu mir umwendet und, indem er sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem Gesichte die Wahrheit lesen zu lassen, in gleichgültigem Tone sagt: »Vorläufig sehe ich nichts Besonderes; aber doch möchte ich Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre Tätigkeit zu unterbrechen.« Und das wird mich dann der letzten Hoffnung berauben.

Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich des Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer eines Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und täglich mit der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde noch auf irgend etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen ist kleinlich.

Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und Sterne an ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre, blicke ich zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der Tod kommen wird. Man könnte meinen, meine Gedanken müßten zu dieser Zeit tief sein wie der Himmel und klar und großartig; aber nein! Ich denke an mich selbst, an meine Frau, an Lisa, an Herrn Gnecker, an die Studenten, an die Menschen überhaupt; ich denke häßlich und kleinlich, mache vor mir selbst Winkelzüge, und meine Weltanschauung in solchen Augenblicken läßt sich mit den Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew in einem seiner intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann nicht ohne Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als Gutes.« Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und die zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als verloren betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche mir einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem Kopfe vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich wieder:

»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen beiden Kröten hin?«

Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl ich weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde.

Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und während ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine Familie mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen. Es ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen Gedanken sich nicht nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir eingefunden, sondern mein ganzes Wesen in Besitz genommen haben. Mit krankem Gewissen, niedergeschlagen, träge, kaum die Glieder bewegend, als ob ich viele Zentner an Gewicht zugenommen hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe bald ein.

Aber dann folgt die Schlaflosigkeit.

IV

Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich.

Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und sagt in scherzendem Tone:

»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.«

Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte ~traktir~[2] wird dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt zwischen Feldern hin an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich gar keinen Eindruck macht, obwohl ich bald auf ihm liegen werde; dann fahre ich durch einen Wald und wieder zwischen Feldern. Alles sehr uninteressant. Nach einer zweistündigen Fahrt wird meine Exzellenz in die untere Etage eines Landhauses geführt und in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen mit himmelblauen Tapeten einquartiert.

In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen aber kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine Frau nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu schlafen, eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein halbes Bewußtsein hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber doch träumt. Um Mittag stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig an meinen Schreibtisch; aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue mich durch die Lektüre französischer Bücher in gelben Umschlägen, die mir Katja schickt. Es wäre ja freilich patriotischer, russische Autoren zu lesen; aber offen gestanden, ich verspüre zu diesen keine besondere Neigung. Von zwei bis drei etwas älteren Schriftstellern abgesehen, kommt mir die ganze moderne russische Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur, sondern wie ein Zweig einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist, daß man sie fördert, deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt. Selbst das beste von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie kann man nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne ein »aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei keiner geht es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und moralisch, aber nicht talentvoll; andere talentvoll und moralisch, aber nicht verständig; wieder andere endlich talentvoll und verständig, aber nicht moralisch.

Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich nicht. Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den russischen Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. Der eine scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer hat sich durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen Erörterungen an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf »eines warmen Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert absichtlich ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in den Verdacht der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine möchte in seinen Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der andere um jeden Preis eine aristokratische Gesinnung an den Tag legen usw. Absichtlichkeit, Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine Freiheit, kein Mut, so zu schreiben, wie man möchte, und infolgedessen auch keine schöpferische Kraft.

Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.

Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. über Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb ich sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines Kind und als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor Portiers und Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den heutigen Tag geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. Man sagt, furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. Und es ist auch wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die Portiers und Theaterdiener eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit und majestätische Unhöflichkeit an den Tag legen. Wenn ich ernste russische Abhandlungen lese, empfinde ich eine ganz ähnliche unbestimmte Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei, der scherzhafte Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in der auswärtige Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit Würde leeres Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich und beängstigend und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und dem vornehm-ruhigen Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften unserer älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte, die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, meine Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen und eingeklammerten ~sic~, die der Übersetzer mit freigebiger Hand über die ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, erscheinen mir wie ein Attentat auf die Person des Verfassers und auf meine, des Lesers, Selbständigkeit.

Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen des Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, unter denen sich zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich machte mich keiner Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen antwortete, dieses Benehmen sei nicht gröber als das, welches die Verfasser ernster Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung brächten. Und tatsächlich ist dieses Benehmen so grob, daß man davon nur mit einer peinlichen Empfindung reden kann. Sie benehmen sich untereinander und gegen die Schriftsteller, deren Werke sie kritisieren, entweder so übermäßig respektvoll, daß sie dabei ihre eigene Würde nicht wahren, oder sie behandeln sie umgekehrt weit dreister, als ich in meinen Gedanken und in diesen Aufzeichnungen meinen künftigen Schwiegersohn Herrn Gnecker behandle. Beschuldigungen der Unzurechnungsfähigkeit, unlauterer Absichten, ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen bilden den gewöhnlichen Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die Art, in der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit Vorliebe ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen Generationen unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex finden, und daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den Novitäten, die unsere belletristische Literatur in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein trinken und die Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig läßt.

Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem offenstehenden Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines Gartenzaunes, zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter dem Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen Nadelwald. Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen Kleidern, an dem Zaune in die Höhe klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich die Worte: »Guck mal, ein Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen Menschen, die sich weder um meine Berühmtheit noch um meinen Rang kümmern.