Eine langweilige Geschichte: Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
Part 4
Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig; aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war, bekomme ich jetzt eine Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt, einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter, die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten, daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte. Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete, wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den Suppenteller fiel.
Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt: »Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit: er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und in dieser Art geht es während des ganzen Mittagessens weiter. Lisa lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen. Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt.
Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt, über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber, welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend ... Wirklich? Gewiß, gewiß ...« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für nötig, mich ~votre excellence~ zu titulieren.
Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte Eigenschaften herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar, die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen.
Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln wird.
»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,« beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine Aufmerksamkeit?«
»Was meinst du damit?«
»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich darum zu kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was sagst du dazu?«
»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon tausendmal gesagt.«
»Aber es ist unrecht ... es ist unrecht ...«
Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.
»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück der Tochter handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. Ich weiß, daß er dir nicht gefällt ... Das kann ja sein ... Aber wenn wir ihn jetzt abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu befürchten, daß Lisa uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen wird. Es wimmelt heutzutage nicht von Freiern, und es kann leicht kommen, daß sich ihr keine andere Partie mehr bietet. Er liebt Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie an ihm Gefallen. Er hat ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber was ist da zu machen? So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo ankommen. Er ist aus guter Familie und reich.«
»Woher weißt du das?«
»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und in der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai Stepanowitsch, du mußt unbedingt nach Charkow reisen.«
»Warum?«
»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde selbst hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«
»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.
Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint ein Ausdruck qualvollen Schmerzes.
»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von der Seele! Ich leide darunter entsetzlich!«
Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.
»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, will ich meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du möchtest.«
Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, um zu weinen. Ich bleibe allein.
Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden die mir längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, und wenn ich sie ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht sei, und daß meine nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. Ich lege mich ins Bett; dann stehe ich wieder auf und wandere im Zimmer auf und ab; dann lege ich mich wieder hin ... Gewöhnlich erreicht nach dem Mittagessen, vor dem Abend, meine nervöse Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne Veranlassung zu weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen. In solchen Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten könnte; ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen, und meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, meine Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen und die aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. Eine unsichtbare, unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam aus meiner Wohnung hinaus. Ich springe auf, kleide mich hastig an und gehe vorsichtig, damit meine Hausgenossen es nicht gewahr werden, auf die Straße. Wo soll ich hingehen?
Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem Gehirn: zu Katja.
III
Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer Chaiselongue und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie träge den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die Hand entgegen.
»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«
»Was sagen Sie?«
»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«
»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als entweder einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.«
»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde wieder Schauspielerin.«
Sie schweigt.
»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz.
»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.«
»So, wie du lebst, das ist kein Leben.«
»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel ich wollte, wenn ich nur Lust hätte.«
»Das ist häßlich, Katja.«
»Was ist häßlich?«
»Was du da eben gesagt hast.«
Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen Eindruck wieder gutmachen und sagt:
»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.«
Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und sagt, indem sie auf einen Schreibtisch hinweist:
»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten. Kommen Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit! Dort bei Ihnen zu Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?«
Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir außerordentlich. Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen Zimmerchen nieder und fangen an, uns zu unterhalten.
Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines mir sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang zu klagen und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre und klage, wird mir leichter ums Herz werden.
»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem Seufzer. »Ein sehr übles Ding ...«
»Was denn?«
»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das schönste und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. Und ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da ich dieses Recht in unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über jemand den Stab gebrochen, bin nachsichtig gewesen und habe gern allen Menschen rings um mich herum verziehen. Wo andere protestierten und empört waren, da habe ich nur durch Ratschläge und Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes Leben hindurch ist mein Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr mit mir erträglich zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen gegenüber hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten, erzieherisch gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen Gedanken, und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm von Empfindungen eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. Ich hasse, verachte, bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. Ich bin über die Maßen streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig und argwöhnisch geworden. Selbst Dinge, die mir früher lediglich Anlaß gaben, einen munteren Scherz zu machen und gutmütig zu lachen, rufen jetzt bei mir ein drückendes, beängstigendes Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich geändert: früher richtete sich meine Verachtung nur gegen das Geld; jetzt aber hege ich ein feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob diese irgendwelche Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und Willkür; aber jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren, als ob sie allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir einander nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese neuen Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann diese Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich besser, oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere täglich an Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann sind meine neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und ich muß mich ihrer schämen und sie für völlig wertlos erachten ...«
»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; »es sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. So haben Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde nicht wahrnehmen wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie sich von Ihrer Familie trennen und von ihr fortgehen.«
»Du redest Torheiten.«
»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute stürben, so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«
Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie diese beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von einem Rechte der Menschen reden, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein eines solchen Rechtes behauptet, dann muß man allerdings sagen, daß sie mit demselben Rechte meine Frau und Lisa verachtet, mit welchem diese sie hassen.
»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie heute zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen nicht vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt noch an Ihre Existenz denken.«
»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«
»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu reden? Ich wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören Sie auf mich, teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen Sie weg! Reisen Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«
»Was für Unsinn! Und die Universität?«
»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von der? Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da halten Sie nun schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist aus Ihren Schülern geworden? Haben Sie etwa viele berühmte Gelehrte herangebildet? Zählen Sie sie doch einmal zusammen! Und um die Zahl dieser Ärzte zu vermehren, die die Unwissenheit der Patienten ausbeuten und Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, dazu bedarf es keines talentvollen, herzensguten Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«
»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken. »Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe ich fort. Ich verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden zu antworten.«
Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen zu. Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme ich Lust, der andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht hat, freien Lauf zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. Ich erzähle Katja aus meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem eigenen größten Erstaunen allerlei Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt habe, daß sie sich noch in meinem Gedächtnis erhalten haben. Sie aber hört mir gerührt, stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besondere Freude macht es mir, ihr davon zu erzählen, wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie es das Ziel meiner Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.
»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle ich. »Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne einer quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte an dem Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel vorbei, und dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl des Glückes nicht nur in meiner Brust, sondern auch in meinem Bauche, in den Beinen, in den Händen hervorzurufen. Ich horchte nach der Harmonika oder dem verklingenden Schellengeläute hin und stellte mir vor, ich sei Arzt, und malte mir Bilder aus, eines immer schöner als das andere. Und nun sind, wie du siehst, meine Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich ein beliebter Professor gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt und mich eines ehrenvollen Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren. Kurz, wenn ich zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie eine hübsche, talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines zu tun: dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn der Tod wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, wie es sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger eines christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. Aber ich werde das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, komme zu dir hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber sagst zu mir: ›Ertrinken Sie nur; das muß so sein!‹«
Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir beide, Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:
»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«
Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein guter Mensch und ein vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer alten Adelsfamilie, die eine recht glückliche Vergangenheit hat, viele talentvolle Männer zu ihren Mitgliedern zählt und in der Geschichte unserer Literatur und Bildung eine bedeutende Rolle spielt. Auch er selbst ist klug, talentvoll und hochgebildet, aber nicht frei von Sonderbarkeiten. Bis zu einem gewissen Grade sind wir ja alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine Sonderbarkeiten zeigen sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber und sind für diese nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich nicht wenige, die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine zahlreichen guten Eigenschaften haben.
Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe aus und sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme:
»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß. Es ist nichtswürdig kalt draußen.«
Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen, gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der Spott nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran. Jeden Abend bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben mit und fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an den Tisch setzt.
»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der Welt!«
»Wieso?« fragt Katja.
»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe diesen alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf, hält wie gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht jemand, dem er über seine Migräne, über seine Frau und über die Studenten, die seine Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas vorklagen kann. ›Na,‹ denke ich, ›gesehen hat er mich nun einmal; jetzt bin ich geliefert, es wird mir schlimm ergehen ...‹«
Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so:
»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z. Ich wundere mich, wie unsere ~alma mater~ es übers Herz bringen kann, dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und patentierten Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch ein Dummrian erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet man bei Tage mit der Laterne kein zweites derartiges Exemplar! Stellen Sie sich das nur einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker lutschte! Zju, zju, zju ... Er bekam es mit der Angst, konnte sein Manuskript schlecht lesen, und die dürftigen Gedanken krochen nur ganz langsam dahin, mit der Geschwindigkeit eines radfahrenden Archimandriten; und, was die Hauptsache war, man konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich sagen wollte. Es herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die Fliegen davon starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen vergleichen, die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht, wenn die herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!«
Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort: