Eine langweilige Geschichte: Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes

Part 3

Chapter 33,452 wordsPublic domain

Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte, sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde, ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone:

»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom Theater zu reden?«

Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde. Fang an!«

Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur Schauspielerin geboren.

Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.

In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht dazu aus, um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen. Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler, der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an, der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte. Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung heraus, als ich hineingegangen bin.

Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist, den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft auf die Dauer denn doch etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger Weise behandelt werden.

Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische.

Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme, eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung ihres Berufes mit.

Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte, die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es; jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu sehen gewohnt gewesen war, -- und dabei eine Masse von orthographischen Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.

Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine Photographie, die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen. Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren; aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen. Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen sein könnten.

Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne.

Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl, daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man, wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg, Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide, Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen, nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die niemandem etwas nützen können ...« und so weiter, immer in demselben Tone.

Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben. Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen Sie mir!«

Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten, daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war. Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.« Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie nach Hause zurück.

Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß, ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine Tochter!

Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter der Originalität der Ausführung zurücktritt, eine Menge von Tischchen und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind, formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich zu besuchen.

Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich, um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden, die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig, wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete nicht mehr etwas Neues zu hören.

Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den Tisch und klappert mit dem Geschirr.

»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit. Besuchen Sie mich!«

Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:

»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll Sie gründlich untersuchen.«

»Das ist nicht nötig, Katja.«

»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist geradezu eine Sünde!«

Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen, ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.

Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:

»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar ...«

»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will, dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum bitten!«

»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr beliebt!«

Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit (weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht, sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann; denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit der Frau. Wenn der heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig, die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die Männer.

Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden versteht.

Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch; aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist, wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem Urteile willig an.

Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf der Welt keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor.

Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt. So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich, das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung, als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen Backen liebt ...