Eine langweilige Geschichte: Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes

Part 2

Chapter 23,707 wordsPublic domain

Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich alles dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen zu sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner Überzeugung den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts von jenen Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle Männer graue Haare bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt vor Autoritäten; das Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er nicht. Ihn zu einer andern Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm zu disputieren unmöglich. Man disputiere einmal mit einem Menschen, der fest überzeugt ist, die beste Wissenschaft sei die Medizin, die besten Menschen die Ärzte, die besten Traditionen die medizinischen. In Wirklichkeit hat sich von der recht üblen Vergangenheit der Medizin nur ein einziger traditioneller Brauch erhalten: die weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen, und für einen Gelehrten und überhaupt für einen Gebildeten gibt es nur allgemein akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in medizinische, juristische usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich nicht entschließen, das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders Gesinnten darüber bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.

Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe seines ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, etwa ein Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das Pulver wird er nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, Erfindungsgabe, Kombinationssinn, und von solchen Dingen besitzt Peter Ignatjewitsch nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft nicht ein Hausherr, sondern ein Arbeitsmann.

Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür die Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig Jahren habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde es jeden Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den Rock zu, richte an Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über mich selbst. Es sieht ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist nicht Feigheit, sondern etwas anderes, was ich weder zu benennen noch zu beschreiben imstande bin.

Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:

»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«

Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai mit den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, und hinter mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; oder aber es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre ein Leichnam getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei meinem Erscheinen stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich wieder, und das Getöse des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt Windstille ein.

Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In meinem Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich brauche nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch gebaut) und die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung sind wir bei ... stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die Sätze in langer Reihe aus meinem Innern herausgeströmt, und nun bin ich im Zuge! Ich rede mit unaufhaltsamer Schnelligkeit und großer Wärme, und man möchte glauben, daß es keine Gewalt gebe, die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte. Um gut vorzutragen, d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt wird und sie Nutzen davon haben, muß man außer dem Talente auch noch eine gewisse Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare Vorstellung von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß man ein energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf keinen Teil des Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den Augen verlieren.

Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet den Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der Trommel, bald nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich es, wenn ich vortrage. Vor mir habe ich hundertfünfzig Gesichter, von denen keines dem anderen ähnlich ist, und dreihundert Augen, die mir gerade ins Gesicht schauen. Mein Ziel ist, diese vielköpfige Hydra zu besiegen. Wenn ich während meines Vortrages in jedem Augenblicke eine klare Vorstellung von dem Grade der Aufmerksamkeit und des Verständnisses meiner Zuhörer habe, dann sind diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir selbst. Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen, aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt, meine Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis der vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren Interesse erwecken kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die Gedanken nicht so, wie sie sich angehäuft haben, sondern in einer gewissen Ordnung übermittelt werden, die zu einer regelrechten Komposition des Gemäldes, das ich entwerfen will, unerläßlich ist. Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu sorgen, daß mein Vortrag sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und bestimmt, der Satzbau möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick muß ich mich selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich nur eine Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog und als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding, wenn der Redner in mir über den Pädagogen und Gelehrten den Sieg davontrüge, oder umgekehrt.

Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da bemerkt man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach Peter Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter über seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür, daß die Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen Maßregeln ergriffen werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit, um irgendein Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig Gesichter verziehen sich zu einem breiten Lächeln, die Augen leuchten vergnügt auf, das Brausen des Meeres läßt sich für kurze Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls. Die Aufmerksamkeit ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren.

Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals einen solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen. Nur bei den Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte überlassen und verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung der Dichter ist, sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules hat nach der großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so wonnige Ermattung empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer Vorlesung durchmachte.

So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen nur Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den Beinen und Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen; ich setze mich auf den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt; eine Minute darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend fort; dann setze ich mich von neuem hin. Die Mundhöhle wird mir trocken, die Stimme heiser, der Kopf schwindlig. Um den Zuhörern meinen Zustand zu verbergen, trinke ich öfters Wasser, huste, schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen lästig wäre, mache an unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt die Vorlesung früher, als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich schäme ich mich.

Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg zu wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und kräftiger ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir der Mut, so zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt. Unglücklicherweise bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe. Ich weiß ganz genau, daß ich nicht mehr länger als ein halbes Jahr leben werde; man sollte nun meinen, jetzt müßten mich vor allem die Fragen nach den Visionen, die meinen Schlaf im Grabe vielleicht heimsuchen werden, und nach dem dunklen Dasein im Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will meine Seele von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die hohe Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig Jahren, so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich die Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer die höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und daß nur durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich kann nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern; und diesen Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande.

Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes mehr interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem Katheder und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet, wie wenn man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen Sarg legen und diesen zunageln wollte.

Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten in der Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die Augen fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen, hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut zu klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal mich, den berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr einem halben Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer walten wird. Ich möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin; neue Gedanken, die ich früher nicht gekannt habe, haben meine letzten Lebenstage vergiftet und stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos. Und meine Lage erscheint mir bei solchen Anfällen so furchtbar, daß ich wünsche, alle meine Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck bekommen, von ihren Plätzen aufspringen und in panischer Angst mit verzweifeltem Geschrei zum Ausgang hinstürzen.

Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben.

II

Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.

Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas Geschäftliches zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein Zimmer, streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und sagt:

»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! Bleiben Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«

Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen. Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen zu veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an der Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, als ob wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten. Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem wir zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen zueinander und beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander auch noch so freundlich gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich nötig, daß wir unsere Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, als da sind: »Sie beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: »Wie ich schon die Ehre hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich nötig, daß wir lachen, wenn einer von uns einen Witz macht, mag er auch noch so geringwertig sein. Nach Beendigung des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege mit einer hastigen Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner Arbeit hin und beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns gegenseitig und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier bin ich meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor die Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; ich aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm her zu gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer zurückkehre, so fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, immer noch fort zu lächeln.

Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer, zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein Student da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf tritt ein junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. Schon seit einem Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem Fuße: er gibt bei mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, und ich erteile ihm das Prädikat Nicht genügend. Solcher jungen Leute, die ich, um studentisch zu reden, durchplumpsen oder durchrasseln lasse, sammeln sich bei mir im Laufe eines Jahres ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter ihnen, die das Examen wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den Versuch, mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu mir ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch einmal abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche der Oper hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern Nachsicht; aber die zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang durchfallen.

»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«

»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt, Sie zu belästigen, wenn ich nicht ... Ich habe bei Ihnen schon fünfmal das Examen gemacht und ... und bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig, haben Sie die Güte und geben Sie mir Genügend; denn ...«

Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.

»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, »genügend kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein bißchen, und kommen Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«

Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den Studenten ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das Bier und die Oper mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer:

»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, ganz aus der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen bei Ihren Anlagen schlechterdings nicht gelingen will, das Examen zu bestehen, so haben Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf dazu, Arzt zu werden.«

Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.

»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das würde doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf Jahre zu studieren und dann auf einmal abzuspringen!«

»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, als nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht liebt.«

Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich hinzuzufügen:

»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten Sie noch ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«

»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.

»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«

Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen könnte ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen lassen!«

»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.«

Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden.

Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu sprechen. Ich würde es ganz gern hören.

»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend geben, so werde ich ...«

Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:

»Dann also adieu ... Entschuldigen Sie!«

»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«

Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an; nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher Freund der Arbeit!

Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten, und ich würde ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine Dissertation angeben wollte.

»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,« sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders ...«

Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle auf.

»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«

Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein wunderlicher Geselle.

»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«

Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad erhalten, der ihm nichts nützt.

Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt, ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme ...

Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr wenig sagen.

Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah, wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles, was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen. Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und was ich mit meinem Gehalt anfinge.

»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.

»Ja, das tun sie, liebes Kind.«

»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«

»Ja, das tue ich.«

Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes, geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit, aber weiter nichts. Ich verstand nicht, sie gebührend in Schutz zu nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau bedauernd zu ihr zu sagen:

»O du meine liebe Waise!«

Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern.