Part 9
»_Ja!_« lautete die, wie ärgerlich gegebene Antwort und mit dem Ruf zugleich donnerte es auch auf's Neue von oben wieder, und jagte Martin eben so rasch unter die Wand, um welche die zerschellenden Stücken herum spritzten.
»Ihr sollt nicht mehr _werfen_!« schrieen jetzt andere Jäger hinauf, und Martin wollte eben einen neuen verzweifelten Versuch machen dem Steinhagel Einhalt zu thun, denn die Lage seines Gebieters fing dort unten an gefährlich zu werden; wieder aber schickte ihn eine neue Ladung zurück, und ich selber konnte von der Stelle aus auf der ich stand deutlich erkennen, wie sich der oben stehende und hitzig gewordene Rainer die größte Mühe von der Welt gab, nur recht rasch noch ein paar frische Steinbrocken aufzutreiben, oder von der Wand loszutreten und nieder zu senden. Er hatte keine Ahnung davon welch Unheil er anrichten konnte. Nur mit entsetzlicher Mühe brachten wir ihn auch endlich, durch vereintes Geschrei dahin, von seinem Bombardement abzustehen, denn während ihm von unten aus zugerufen wurde mit Werfen aufzuhören, hielt er das fortwährend für eine Aufforderung mehr Baumaterial herunter zu lassen, weil er, seiner späteren Aussage nach, glaubte man hätte irgendwo an der Wand einen alten hartnäckigen Bock entdeckt, der nicht heraus zu bringen wäre, und »den wollen wir schon kriegen, dacht' ich.«
Der erlegte Bock wurde jetzt zum Eingang der Delpz und auf den scharfen Rand gebracht, der direkt zum Scharfreuter herunterläuft. Dort sammelten wir uns alle, von da aus ein zweites Treiben das am Wisinger Berg gemacht werden sollte, zu umstellen -- aber vorher ein wenig zu frühstücken.
Eine zweite Gemse die unten geschossen worden, war jetzt auch herbei gebracht und Martin beschrieb gerade wie er von oben hereingekommen, und den erlegten Bock an der Wand hinaufklettern gesehn, als er seinen Bericht plötzlich mit dem halbunterdrückten aber ängstlich hervorgestoßenen »Ein Bock!« unterbrach, und zu gleicher Zeit deutete der Arm mitten in den Kessel hinein, derselben Wand zu, von der Rainer sich vor noch kaum einer halben Stunde die größte Mühe gegeben hatte Alles niet- und nagellose nieder zu senden.
Und er hatte recht; trotz dem Lärm, trotz dem Rufen und Schreien, trotz dem vielen Schießen endlich, da wir nach dem Treiben unsere Büchsen abgefeuert, kam da schon wieder ein Bock in's Thal herein, und schien die Wand entlang die Richtung gerade auf uns zu zu nehmen.
Noch war er allerdings so klein, als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe; die Thiere äugen aber ganz vortrefflich und wir wußten Alle daß wir uns nicht rühren durften, wenn er nicht augenblicklich umdrehen und den Rückwechsel annehmen sollte.
»Was thun wir jetzt?«
»Ich laufe hinten herum und schneid' ihm den Weg ab,« rief Martin schnell bereit, »wenn die Anderen dann wieder oben auf den Rand gehn und die paar Pässe besetzen, _muß_ er hier heraus.«
»Aber es sind außen herum zwei Stunden Wegs bis zu der Wand dort drüben,« sagte Einer.
»Ich lauf's in einer halben,« versicherte Martin, und versprach keinesfalls mehr als er leisten konnte.
»Sowie wir hier aufstehn sieht uns der Bock,« flüsterte Ragg.
»Wir brauchen nicht aufzustehn,« lachte der Herr und gab das Beispiel zum allgemeinen Rückzug, indem er sich langsam hinten überbog. Ohne den Körper oben wieder zu zeigen glitt er so nach hinten, und rasch, aber mit nur mühsam unterdrücktem Lachen folgten Alle in derselben Art. Komisch genug muß es auch ausgesehn haben, und wenn Jemand hätte oben vom Berg aus diese plötzliche wunderbare Bewegung der ganzen Jagdgesellschaft beobachten können, ohne die Ursache zu wissen, wäre er mit Recht erstaunt gewesen. Das Manoeuvre hatte jedoch vollständigen Erfolg; der Bock gewahrte nicht das Mindeste und Alle eilten jetzt, von dem Hang gedeckt, den ihnen bestimmten Plätzen zu. Es konnte auch wahrlich kaum eine halbe Stunde gedauert haben als Martin, der die Ausdauer eines Windhundes hat, sich an dem entgegengesetzten Felsvorsprung zeigte und der Bock, also beunruhigt rasch dem bequemsten Ausgang zueilte der gerade vor ihm lag. Da freilich mußte er in etwa hundertfünfzig Schritt von dem Felsblock vorbei hinter dem unser Gastherr geschickt sich verborgen hatte. Daß er in voller Flucht ging half ihm ebenfalls Nichts. Er bekam die Kugel seines Namenvetters[3] mitten auf's Blatt, lief noch etwa sechzig Schritt, und brach dann zusammen.
[3]: Die doppelläufigen Büchsen in denen die Läufe übereinander liegen, werden _Böcke_ genannt.
Durch dieses Intermezzo war nun freilich der Tag für ein zweites Treiben zu weit vorgerückt, und Martin wurde mit Pirschmann auf meinen kranken Bock geschickt. Leider brachte er von der Nachsuche blos meinen Hut zurück, denn der Bock der jedenfalls hoch und hohl durchgeschossen worden, hatte den Berg angenommen und war, obgleich tüchtig schweißend, über die Grenze gegangen. -- Gemsen sind überhaupt entsetzlich hart, und laufen, selbst bei tödtlichem Schuß, oft noch eine lange Zeit. Eine _hoch_ geschossene Gemse, wenn die Kugel nicht gerade das Rückgrat zerschlägt, kommt fast immer durch, oder ist wenigstens in den meisten Fällen für den Jäger verloren.
Daß sich die Böcke übrigens, wie wir heut mehre gesehn, schon von den Rudeln abhielten und einzeln umher zogen, war ein Zeichen daß die Brunft bei ihnen begonnen hatte. In der Zeit ist der Gemsbock ein so eigenthümliches wie merkwürdiges Thier. Ehe er sich wieder mit seines Gleichen einläßt, scheint er sich erst eine Zeitlang in sich selbst zurückzuziehn, stellt sich ganz allein, und nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt in steile Wände und Klammen ein, nimmt sehr wenig Nahrung zu sich, und spielt mit einem Wort den ächten »Oansiedl vom Berge.« Sowie aber die wirkliche Brunftzeit beginnt verläßt er diese verdeckten Orte und steigt auf die Joche, am liebsten zu schmalen Stellen auf, von wo er nach beiden Seiten hinab und nach den vorbeiziehenden Rudeln niederschauen kann. Auch auf einzelne vorspringende Felsen geht er gern hinaus, einen besseren Ueberblick über die Thäler zu gewinnen. Schließt er sich endlich einem Rudel an, so setzt es gewöhnlich hartnäckige Kämpfe zwischen den schon dabei befindlichen Böcken, wo dann natürlich das Recht des Stärkeren entscheidet.
Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer Entfernung hörbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn die Jahreszeit weiter vorgerückt ist, außerordentlich neugierig werden, und herbei kommen sobald er etwas Ungewöhnliches sieht -- vorausgesetzt natürlich, daß er keinen Feind wittert.
Die Jäger bethören ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weißen Stoß von Schneehuhn oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht selten herbei kommen soll, zu sehn was es gäbe. Einzelne haben sich auch schon schwarze wollene Mützen mit einem breiten weißen Streifen an jeder Seite stricken lassen, die sie dann über den Kopf ziehn, und diesen an irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwürdig ist, daß sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung, der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Größe einer Haselnuß anwächst.
So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen fürchtet, ist doch in der Riß schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden Menschen aus freien Stücken angefallen, und bös gestoßen hat.
Merkwürdig bleibt das überhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und für uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklärtes Geheimniß, daß ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklärbaren Zustand von Aufregung und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen _fürchtende_ Geschöpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen bis sie getödtet oder unschädlich gemacht werden. Ich weiß solche Beispiele von Füchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafür.
Von großen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse ähnliche Beispiele, diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem stärkeren Gegner besiegt wurden und nun in höchst verdrießlicher Laune allein den Wald durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die Wallfischfänger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind, wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch) angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex vorgekommen, daß es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen und in Grund gebohrt hat.
Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleräußersten Umrisse des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem ganz unnatürlichen Zustand, und können keinen Maßstab geben, während in der Wildniß selber eine genauere Beobachtung unmöglich ist. Es fehlt uns der Schlüssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre _Sprache_ nicht, und begnügen uns gewöhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort _Instinkt_ das, was wir Außergewöhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklären.
11.
Die Grasberg-Alm.
Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am nächsten Morgen, daß ihm gerade um Mitternacht die Mütze, die er im Bett aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach aber der nächste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. -- Weiter war Nichts nöthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige.
Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der Grasberg-Alm liegende Gräben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier überall, und wenn auch natürlich die wenigsten zum Schuß kamen, wurden doch wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand.
Ich saß unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte drin, da die Sonne warm auf die Berghänge schien, und die Luft dort aufzog. Völlig gedeckt mußte ich übrigens Alles, was mir etwa hätte schußmäßig kommen können, schon zeitig genug hören oder sehen, mich fertig zu machen. Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang ästen, während die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden Hinterläufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Köpfchen gegeneinander andrückten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge übermüthige Ziegenböckchen an ihrer Statt benommen haben würden. Obgleich die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehört, hat sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr. Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich das erstere ebenfalls sehr selten geschieht.
Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da über nacktes Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbüschen verschwand und an einer kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich zufällig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch -- es mochte ein Sechs- oder Achtender sein -- der, von einem Thier gefolgt, langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb dabei manchmal stehn und äugte zurück, trollte aber dann immer wieder rascher vorwärts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle.
Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, was ihn in aller Welt könne beunruhigt haben, da er sich vollständig außerhalb des Treibens befand, als ich plötzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weißes aus den Büschen vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in Hemdsärmeln -- und der heiße Tag rechtfertigte vollkommen eine solche Erleichterung -- die Röcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten Spatziergang nöthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin und her schaukelte und eigenthümlich in der Sonne blitzte, was es sei, ließ sich indeß in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies übrigens das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und hätte der Hirsch ebensowenig von seinen Treibern gewußt, wie diese von ihm, wären sie beide jedenfalls näher zusammen gekommen. So ließ sich das Wild noch eine Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach unten in den Graben führenden Dickicht.
Einen eigenthümlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Hütte erreichten. Unten die Thäler lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich düster gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Häusern stieg eine kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen bedeckte Anhöhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinüberführend, mit ziemlich ebenem Rücken etwa tausend Schritt von Nord nach Süd. Der kahle Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel ab. Oben aber, daß der ganze Körper bis zu den Klauen hinunter deutlich sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem Papier geschnitten wäre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und beobachtete aufmerksam den Einzug der _ihm_ jedenfalls unwillkommenen Gäste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine Senkung des Hügelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden später tauchte der schlanke Körper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des Hügelrückens auf, von wo aus er die Häuser selber überschauen konnte. Dort stand er bis es so dunkel geworden war, daß man ihn kaum noch erkennen konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein.
Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag über hatte es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Höhen mit dichtem Nebel umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht drehte er sich indessen nach Südost herum, die Luft wurde kalt und rein, vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif den Boden.
Ich war früh aufgestanden, in erster Morgendämmerung die Aussicht nach den gegenüberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach Süd in die Riß hinein jagte. Laut aufjauchzen hätte ich aber mögen, als ich hinaus vor die Thür der Hütte trat und von dem nächsten, kaum dreißig Schritt entfernten Grashang das zu meinen Füßen liegende Thal, die gegenüber liegende Berggruppe überschaute.
Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschönen Bild zurück das sich hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel füllte. Das ganze Rißthal unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Roßkopf nach der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem milchweißem Nebel angefüllt, aus dem die grünen bewaldeten Wände wie die dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darüber hoch hinaus ragten die starren Kuppen der ewig schönen Berge vor uns, mit den kühn gerissenen Gipfeln des Gemsjochs während links der Kumpar sein spitzes Haupt in die blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei über dem Allen, wie er sich weder mit Farbe noch Feder schildern läßt, und wie die Sonne höher und höher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drängen, und ihre Ränder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer annahmen -- wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt hätten, und die weiße Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schöben, wie hie und da ein kleiner Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, daß ihm die weißen Schwaden durch die Wipfel seiner Bäume schwindend, schmelzend über den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglühenden Thales jetzt plötzlich sichtbar ward, da wußte ich gar nicht mehr wie mir geschah, so leicht, so froh, so glücklich fühlt' ich mich, und hätt' ich mich nicht vor den Jägern geschämt, ich glaube, ich wäre dem nächsten Baum um den Hals gefallen, und hätte laut geweint.
Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer sich ihrer freut, wem Gott Empfänglichkeit dafür in's Herz gelegt, der hat ein Recht sich den bevorzugt Glücklichen zu zu zählen, denn überall auf dieser weiten wunderschönen Welt sind ja Genüsse für ihn ausgestreut.
Eigenthümlicher Weise erfaßte mich hier ein ganz ähnliches Gefühl als damals, als ich das erste Rauschen der Palmen über mir hörte. In jener heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mächtigen wunderbaren Bäumen vermochte ich _den_ Eindruck unwillkürlich nichts Anderem zu vergleichen, als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die großen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grünen schützenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser gigantischen, kühn gerissenen Bergesschönheit gegenüber, dasselbe selige Gefühl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen dichten Wäldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah -- und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen.
Dichter und compakter sammelte sich indeß, während die Sonne höher stieg, der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und weiter in's flache Land --, und unsere Jagd begann.
Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermüden. Wohl hätt' ich ihm freilich gewünscht das wundervolle Schauspiel mit zu genießen, das uns noch einmal über Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthümlichen Schatten und Formen gab, oder ihn einmal über einen der dortigen Pirschwege in die Bockgräben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da eingeführt, doch versäumen wir leider zu viel Zeit dabei.
Diese _Pirschwege_, so behaglich das Wort _Weg_ auch in den Bergen klingt, darf man sich übrigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wände passiren zu können, und dort hinein zu pirschen, oder -- wenn man auf die andere Seite will -- weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das würde aber einestheils sehr viel und hier in den Bergen äußerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist auch ein _Anschleichen_ an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hülfe fast ganz unmöglich -- wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine natürliche Ader des Felsens benutzt, dem Fuß geringen Halt zu bieten, oder das Jagdmesser über die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an schroffen wilden überhängenden Wänden schwindelnd hin, und der Wanderer muß sich wohl hüten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fuß berührt mit dumpfem langem -- langem Fall die blaue Tiefe sucht.
Die Jäger sagen daß ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und Unglücksfälle dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand niederfällt muß er allmälig, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Außen zu biegen. Dadurch kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich _über_ den Abgrund, und mag er so schwindelfrei sein wie er will, er _muß_ das Gleichgewicht verlieren. Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich, wie der Amerikaner sagt »viel zu interessant, um angenehm zu sein.«
12.
Das Gemsjoch.
Dem Grasberg gegenüber, und der steilen Carwendelwand zu, zieht sich ein enges, von steilen Wänden eingedrängtes Thal. Die Scenerie ist hier viel wilder wie an der Riß, weil die Felshänge viel schroffere und deshalb auch weit weniger und nur stellenweis bewaldete Vorsprünge, zum unten vorbei quillenden Bach hinunter schieben. Sieht man dabei von dort zu ihnen auf, so hält man es auch wahrlich nicht für möglich, daß weder die Gemse, noch viel weniger ein keckes Menschenkind an ihnen fußen und sich ihren fast senkrechten Schluchten anvertrauen dürfe. Und doch bieten sie dem kühnen Gemsjäger nur geringes Hinderniß. Mit dem scharfen Eisen unter dem Fuß, den spitzen starken Stock in der Hand, laufen diese Bergmenschen furchtlos die schmale Bahn entlang, jede Hülfe die ihnen hie und da der Boden bietet mehr in einer Art von Instinkt als mit Vorbedacht benutzend. Ihre Uebung in dergleichen Werk, die ähnlichen Hindernisse die ihnen überall entgegenstehen, geben ihnen auch schon den raschen und höchst nöthigen Ueberblick, die besten -- oft die allein möglichen -- Stellen zum Uebergang rasch und unverzagt zu wählen und zu behaupten.