Eine Gemsjagd in Tyrol

Part 8

Chapter 83,851 wordsPublic domain

»Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, läd't seine Büchse wieder und steigt dann hinüber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen gestürzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich den auf den Rücken. Wie er aber die neben ihm lehnende Büchse über die linke Schulter wirft, reißt ihm der Büchsenriemen ab, oder das Leder geht aus der Schraube, und als er unwillkürlich mit der Hand zufährt, sie zu halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf einen Stein, der Schuß fährt heraus, und die Kugel schlägt ihm den vierten Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mußte ihn draußen lassen.«

»Er war doch nah bei Menschen?«

»Das gerade nicht,« sagte Wastel lachend -- »er mußte drei Stunden gehn bis er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und ist glücklich damit heim gekommen.«

Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar verstümmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50 östr. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurückgetragen, und war nachher glücklich geheilt worden.

»Und solche Fingerwunden sind gar schlecht«, meinte Weinseisen -- »der Waldwart weiß auch davon zu erzählen.«

»Ja, aber ich habe mich nicht geschossen,« fiel der Angeredete in's Wort, -- »mich hat ein Wilderer hinein gebissen.«

»Ein Wilderer?«

»Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hört' ich, als ich vom Heimjoch eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schuß. Ich machte daß ich hinüber kam und ungefähr in der Gegend, wo ich glaubte daß es gewesen sein könnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich plötzlich einen fremden Kerl mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem Stein sitzen und ganz behaglich frühstücken. Dicht bei ihm lehnte sein Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So, eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn über den Haufen zu schießen wenn er die Hand nach der Büchse ausstreckte. Was wollte er machen -- ich war im Vortheil und er mußte thun was ich von ihm verlangte. Ich nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn über, ließ ihn die Geis einpacken und aufhucken, und dann mußte er mit mir zu Hause gehn. Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus gekommen, als er mich bat ich möchte ihn einen Augenblick niedersetzen lassen -- er sei so müde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben ihm stehen. Wie ich nun dachte daß er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr wie der Blitz wieder in die Höh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun glaubt' er freilich er hätt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wär' er mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die Zähne daß ich glaubte, er hätt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn im ersten Schmerz losließ, stieß er mich von sich, und war im Augenblick nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.«

»Wie Jackel noch gewilddiebt hat, soll ihm auch einmal ein Jäger die eine Fingerkuppe weggeschossen haben,« sagte auf einmal der Kammerdiener ganz ernsthaft aus dem Hintergrund vor.

»Wer? ich?« rief Jackel, dem die Pfeife beim Zuhören wohl zwanzig Mal ausgegangen war, ganz erstaunt. »Aber schon nicht. Den hab' ich mir mit einem Handbeil weggeschlagen.« -- Die anderen Jäger lachten.

»Hat nicht der Rainer vor ein paar Jahren einmal dem Jackel ein Gewehr weggenommen?« frug ich, das Bergmännle vor mir auf dem Schooß haltend und es langsam streichelnd.

»G'raubt hat er's!« rief aber Jackel, dem die Frage eine höchst fatale Erinnerung weckte -- »heimlicher Weise aus der Hütte 'raus.«

»Was hatt'st Du mit einem G'wehr in der Hütte zu thun?« vertheidigte sich aber Rainer -- »Du bist kein Jäger.«

»Das weiß ich,« sagte Jackel, und zieht vergebens an der ausgegangenen Pfeife, »aber damals, 48, wie die Welschen herüber kommen sollten, da hatt' ich mir ein gutes G'wehr gekauft -- es kostete mich _fünf_ Gulden, aber es schoß auch gut, und weil ich's nicht zu Haus lassen wollt', wo sie mir schon einmal mit Schroten drauß geschossen hatten, nahm ich's mit auf die Alm zum Holzhacken. Der Rainer aber der war mir nachgeschlichen und hat sich hinter 'en Busch gelegt, bis wir an die Arbeit 'gangen waren, und dann ist er hergekommen und hat es heimlich g'raubt und mit fortgenommen -- und ich soll's heute noch wiedersehn.«

Jackel stand übrigens in der That in dem Verdacht früher manchen eben nicht nöthigen Spaziergang in den Bergen gemacht zu haben. _Die_ Zeit lag indessen hinter ihm, und er läugnete das jetzt hartnäckig. So gutmüthig diese Bursche dabei sind, so schlau sind sie, und als ihm der Herzog einmal in den Bergen befahl seine Büchse zu laden, stellte er sich so ungeschickt dabei an, als ob er gar nicht wisse, was unten hin gehöre, die Kugel oder das Pulver.

Der Jagdplan auf den morgenden Tag wurde jetzt besprochen, und da wir vor Tag ausbrechen mußten, unseren Stand noch vor der Morgendämmerung zu besetzen, stand der Herzog auf, die Nacht auf seiner mit Heu gestopften Matratze unter einer wollenen Decke zu verbringen.

»Wie viel Uhr ist's? -- es muß schon spät geworden sein.« Rainer hat rasch nach seiner silbernen Uhr gesehn.

»Zehn Uhr, Hocheit.«

»Zehn Uhr?«

»Point du tout, zehn Uhr!« versichert Rainer.

* * * * *

Die meisten Jäger schliefen in einer anderen Almhütte, in der noch Heu vorräthig lag, und krochen dort hinein. Der Kammerdiener hatte mit dem Mundkoch sein »Bett« in einer Ecke der Hütte hier gemacht, und während ein Theil der Jäger ebenfalls in's Lager kroch, sammelte sich ein anderer noch um das Feuer, stopfte sich eine frische Pfeife, und sprach sich über seine morgenden Jagdhoffnungen aus.

Auch Jackel hatte, da der Raum frei wurde seine Pfeife wieder frisch gestopft und angezündet, und ging jetzt daran seine nächtliche _Arbeit_ zu beginnen.

Ihm war nämlich das Amt übertragen sämmtliche Schuhe der Schützen wie des Kammerdieners und Kochs zu schmieren und etwa herausgebrochene Nägel, sogenannte _Zahnlücken_ nachzusehn und wieder auszubessern. Das hielt ihn allerdings manchmal bis spät in die Nacht beschäftigt, verhinderte ihn aber nie, Morgens der Erste wieder am Platz zu sein und Feuer anzumachen.

»Nun Jackel, wie ist es den letzten Sommer hier oben gegangen, gut?«

»Ih, muß ja wohl gut sein -- ich bin ja halt immer gesund gewesen.«

»Aber er hat Aerger mit seinem Wirth gehabt,« sagt Martin, mit einem Blinzeln des linken Auges, »der hat ihm zu viel für Miethe abgefordert.«

»Ih nun ja,« sagt Jackel gutmüthig -- »aber er braucht sein Bischen auch -- vorigen Winter hat er mir's aber ganz geschenkt, weil ich ihm soviel erzählt habe, was die Herren hier untereinander gesprochen.«

»Und was zahlt Ihr jährlich Miethe?«

»_Zwei_ Gulden,« erwiederte Jackel, mit einer starken Betonung des Zahlworts, und paßte einen neuen Nagel in den vor ihm auf dem Knie liegenden Schuh.

»_Zwei_ Gulden?« ist die erstaunte Gegenfrage, »jährlich?« --

»Ja, aber ich hab' auch frei Holz dafür,« ergänzt Jackel, seine Extravaganz in Miethe doch etwas zu mildern.

»Aber das muß Er sich selber klein machen?« vertheidigt ihn der Kammerdiener wieder mit komischem Ernst, den Eigennutz des Wirths in recht grelles Licht zu setzen.

»Ih nun ja, das thu' ich gern,« sagt Jackel gutmüthig.

»Und mit was beschäftigt Ihr Euch nun den Sommer über?«

»Mit Allem was vorkommt, eigentlich aber bau' ich Cithern und Geigen.«

»So? und die sind wohl theuer?«

»Nu ja,« sagt Jackel, und zieht die Augenbrauen hoch in die Höh' -- »eine recht _gute_ Geige, was sie eine _Tanzmeistergeige_ nennen, die kann ich doch schon nicht unter _sechs_ Gulden zusammenbringen, und eine hübsche Wiener Cither kostet auch so viel -- sie sind ein Bischen theuer, aber es ist auch große Arbeit d'ran.«

»Und die gewöhnlichen sind billiger?«

»Ei ja schon -- aber doch auch immer zwei bis drei Gulden -- unter dem ist's nicht möglich. -- Oh ich verdien' ein recht hübsches Geld und Viele haben's noch schlimmer wie ich, in den Bergen --«

Ehrlicher Jackel -- wie wohlthätig wäre es Manchem der seine Einnahme nach Tausenden zählt, und immer noch nicht zufrieden ist, immer nicht auskommt, und mit dem Schicksal murrt, sich einmal mit einem solchen Mann zu unterhalten. Wie wenig braucht der Mensch und wie viel braucht er eigentlich. -- Mit wie wenigem können Leute glücklich und zufrieden sein, und wie häufig laden wir uns selber da draußen in dem tollen Treiben das wir die Welt nennen, neue und neue Lasten, neue und neue Bedürfnisse auf, keuchen unter dem thörichten Gewicht, das wir freiwillig mitschleppen, und klagen das Schicksal an, daß es uns nicht zu Hülfe kommt.

Es ist Nacht -- schon halb im Schlaf hör' ich noch das Klopfen Jackels, der die pyramidenköpfigen Randnägel in die geschmierten Schuhe schlägt. Der Wind hat sich dabei aufgemacht und heult über das Joch, und der Regen schlägt kaltpeitscheud auf das Dach nieder. -- Dort steigt der Jackel, mit _einem_ Schuh an, den halbverwesten Leichnam auf der Kraxen, die steile Wand hinunter, und statt dem Bergstock trägt er eine Cither unter dem Arm. -- Und wie das prasselt und donnert um uns her. -- Das ist ein Rudel Gemsen das über die Reißen setzt und hier hernieder stürmt -- und jetzt ist die Büchse abgeschossen. Rasch das Pulver hinein, und die Kugel mit dem Pflaster obendrauf -- heiliger Gott sie steckt fest -- der Ladstock bringt sie nicht hinunter, und dort steht das ganze Rudel und starrt uns an. -- Ha -- jetzt geht's -- langsam rutscht sie nieder -- der kalte Schweiß läuft mir von der Stirn -- jetzt sitzt sie -- der Ladstock springt -- und nun ein Kupferhütchen. -- Das eine rutscht aus den Fingern und fällt zwischen die Steine -- die Gemsen sehen die Wand hinunter -- in der Tasche _muß_ doch noch eins stecken -- keins mehr zu finden -- und da auch nicht -- da wieder nicht -- halt hier ist richtig noch eins im Futter drin und nun nach. Noch können die Gemsen nicht aus Schußweite sein, und wenn ich jetzt hinab nach jenem Absatz springe -- ha, wie die Steine unter dem flüchtigen Fuß hinwegstieben und nieder, nieder rollen in die Tiefe -- weiter und weiter -- und jetzt -- der ganze Berg rollt. Wie eine furchtbare Fluth schiebt sich die ganze Decke in's Thal hinab dem steilen Abgrund zu, und dort gähnt schon die furchtbare Tiefe schwarz herauf. -- Die überhängende Laatsche faßt noch die zitternde Hand, das Gewehr poltert nieder und unten -- tief unten in der Nacht hör' ich den dumpfen Knall und wenn der Zweig jetzt -- er knackt -- er dreht sich in der Hand -- hinab -- ha -- -- Gott sei Dank -- es war nur ein Traum! Was man für Dinge in den Bergen träumt.

10.

Die Delpz.

Draußen ist's still geworden. Durch das kleine Fenster schaut das Siebengestirn freundlich herein und der Sturm scheint vorüber zu sein. -- »Schritte vor der Thür?« -- wahrhaftig schon Morgendämmerung, der Kammerdiener kommt zu wecken.

Wie die kalte frische Luft durch die Nerven zieht und die Haut prickelt, aber den Schlaf auch dafür im Nu von den Lidern scheucht. Und was für ein wunderbares Dämmerlicht, da oben auf die hohe Rasenwand der Delpz fällt, und wie nah und niedrig jetzt die Berge aussehn. -- -- Fangt aber nur an zu steigen und sie dehnen und strecken sich und ihre Gipfel wollen nicht näher kommen, stundenlang.

Jetzt Gesicht, Brust und Hände im kühlen Quell gebadet -- nun hinein an das knisternde Feuer so rasch als möglich eine Tasse Kaffee zu bekommen und dann fort, denn eine tüchtige Strecke haben wir zum heutigen Treiben noch zu machen.

Der Mundkoch, zwischen einer Quantität Töpfe und Kannen ist indessen emsig beschäftigt das Frühstück für die Jäger herzustellen, und der _Kammerdiener_ besorgt das Gleiche für die Jagdgesellschaft.

Ueberhaupt ist dieser das Factotum in den Bergen, das Kammrad um das sich die ganze Maschinerie des _inneren_ Ministeriums wenigstens dreht. Stände er einmal still, es gäbe eine Heidenconfusion. Er hat für Alles zu sorgen und sorgt für Alles; die ganze Einrichtung verschwindet auf dem einen Pirschhaus und taucht auf dem anderen wieder auf. -- Niemand wüßte wie, wenn nicht die Träger hie und da beim Treiben oben an einer Wand dem Pirschpfad folgend sichtbar würden, und gewissermaßen die Fäden zeigten, an denen sie bewegt werden.

Aber von all den tausend Kleinigkeiten, an die zu denken ist, vergißt er selten oder nie etwas. -- Alles ist besorgt, alle Träger sind zur rechten Zeit bestellt und an den rechten Ort gewiesen -- Erkundigungen sind schon vorher eingezogen ob an dem neuzuwählenden Platz Heu vorhanden ist, Matratzensäcke und Kopfkissen damit auszustopfen, wie es mit dem Proviant gehalten wird, den der Haushofmeister vom Jagdschloß aus hinauf befördern läßt. -- Die Träger die das Essen heraufbringen, nehmen denn auch gewöhnlich die erlegten Gemsen mit, und Boten wechseln dabei herüber und hinüber. Er ist zugleich Tafeldecker und Kammermädchen, Haushofmeister und Kammerdiener, bessert erlittene Schäden aus und beugt neuen vor -- hat Alles von Instrumenten und Utensilien in Vorrath was man sich nur denken kann, ein ganzes Arsenal von Knöpfen, Nadeln, Zwirn, Nägeln, Bändern etc. etc. etc.

In seiner ärgsten Geschäftigkeit trägt er dabei einen weißen Hut; nur Morgens nach dem Frühstück wenn _Alles_ abgefertigt, wenn die ganze Jagd hinausgezogen ist in die Berge, und ihm das Feld allein überlassen wurde, dann hat er eine gestrickte Mütze die er aufsetzt, und die _Beruhigungsmütze_ nennt. Dann ist Frieden im Reich, und höchstens Jackel mit den übrigen Trägern zurückgeblieben, seine Anordnungen auszuführen.

Aber fort -- fort; draußen hellen sich schon die Höhen und der Morgen bricht sonst an, ehe wir die, noch ziemlich ferne Schlucht erreichen. Kalt und frostig schickt ein scharfer Nordost seinen eisigen Hauch herüber, und die Glieder müssen wir durch Gehn erwärmen. Das ist auch leichte Arbeit in den Bergen, denn jetzt an steiler Lanne hin, den kaum sichtbaren Pirschpfad folgend, jetzt thalauf und ab, fühlt man die Kälte bald nicht mehr, und gar nicht lange, so zeigen die fallenden Schweißtropfen und die heiße Stirn eine ganz andere Temperatur, als die beim Ausgang war.

Die Nacht, oder vielmehr gegen Morgen hatte es etwas geschneit und in dem Delpzkessel selber, an der Nordwand, lag auch noch Schnee von einem früheren Fall her. Dort wurde ich hinaufgeschickt, und zwar so weit, daß ich bis dicht unter die steil anlaufende Wand und auch eine Strecke nach unten -- wo außerdem noch gegenüber eine Wehr hinkam, schießen konnte. Die Parole war dabei: ruhig und still liegen zu bleiben und sich nicht zu rühren, denn das Geringste was sich regt, gewahrt die Gemse.

Der einzige günstige Platz den ich mir da oben, wo auch nicht der geringste Busch, nicht die kleinste Laatsche stand, aussuchen konnte, war in einem flachen Erd- oder vielmehr Schneekessel, denn der ganze Hang lag dicht mit gefrorenem Schnee bedeckt. Im Bergsack hatte ich allerdings den für solche Fälle höchst nöthigen Mantel und war auch noch von dem raschen Marsch warm genug, trotz den nackten Knieen eben keinen Frost zu fühlen -- aber das Treiben wollte nicht beginnen. Eine Viertelstunde verging -- eine halbe -- eine ganze Stunde -- und noch regte sich nicht das Geringste, weder auf der Höhe von Treibern, noch im Kessel drin von einer Gemse.

Die Zähne fingen mir jetzt an zusammen zu schlagen und ich kauerte mich eine Weile so eng ich konnte auf dem nichtswürdig kalten Schnee zusammen. Die Neugierde läßt den Menschen aber auch da nicht ruhn, und vorsichtig wieder den Kopf hebend, schaute ich mit abgenommenem Hut über den Rand der kleinen Höhlung in der ich lag, ob sich denn noch gar Nichts sehen ließ. Zu hören war nicht das Mindeste.

Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag völlig angebrochen war und die Sonne das hohe pyramidenförmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel selber. Die Dämmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten können, und der Schnee der auf den Reißen der Nordseite lag, schillerte in bläulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drüben unter dem Scharfreuter der die südliche Grenze desselben bildet, wuchsen kleine verkrüppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle schroffe Wand viele hundert Fuß empor und grad' aus lief sie zu einem engen niederen Passe nieder.

Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze Platz kahl, und leicht zu übersehen wäre, nicht eine Ratte hätte sich ja darin verbergen können, außer vielleicht hie und da hinter einem niedergebröckelten Stein. -- Ich war aber mistrauisch gegen diese Augentäuschung geworden, die mich schon einige Mal irre geführt, und untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem Fernrohr.

Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wäre -- und dann der Schweiß vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten nach sich ziehen müßte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben oder wird heiß, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei.

Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da klapperte ein Stein! -- noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jäger sichtbar -- nicht größer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein ha -- ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schuß durch den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand -- ich sah auch den blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wölkchen aufsteigen, weiter war aber nichts zu sehn. Da -- dort waren Gemsen, sieben -- acht -- neun Stück, klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie über den weißen Schnee der Reißen, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier herüber. Jetzt sind sie plötzlich verschwunden -- das was ich von hier für ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein Schütze der sie schon empfangen wird.

Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flüchtig über die Steine wegsetzen. Was für einen Spektakel sie dabei auf dem Geröll machen -- und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort plötzlich, als ob sie aus der Erde herausdrängten, wieder zum Vorschein. Hei, wie sie dem Engpaß zuspringen an dem -- Wie von einer Kugel getroffen, knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir -- kaum vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam ein alter pechschwarzer Bock langsam über den knatternden Schnee daher getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weißes Tuch mitgenommen, das ich jetzt über den Kopf band, die dunklen Haare zu verdecken, dann die Büchse spannte und mich nun langsam aufrichtete, den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte, anzuspringen. -- Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijähriger Keuler, so schwarz und zottig und anscheinend plump auf den Füßen.

Ich fing jetzt vor Kälte und Aufregung an zu zittern, daß mir die Glieder ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und -- verschwand. Im Schnee war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich fürchtete daß er auch am Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben könnte und dieser dann thalab folgte, sprang ich in die Höh' und aus meiner Höhlung heraus auf den höheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen freieren Schuß zu bekommen. Unwillkürlich sah ich dabei nach unten hin, als es _über_ mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht über den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner Kugel gesichert hätte. _Die_ wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Sätze gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und mein zweites Rohr -- versagte.

Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Hütchen ist unter allen Umständen ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu gelinder Verzweiflung und man faßt unwillkürlich die Büchse, als ob man ihr etwas zu Leide thun wollte -- man thut ihr aber Nichts.

»Piff -- paff« -- ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpaß angenommen, und trotz dem dort stehenden Schützen forcirt hatte.

Mir machte jetzt indeß mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches Zündhütchen aufdrückend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte an dem harten Schnee hinauf, den Anschuß zu untersuchen. Der Bock selber war lange um die Felswand verschwunden.

Schweiß! -- beim Himmel! ein großer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die Fährte fand, und weiter zurück wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden Seiten geschweißt; und war jedenfalls durchgeschossen. Für jetzt ließ sich indessen weiter Nichts thun als den Anschuß zu verbrechen -- aber womit? Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that endlich das Einzige was mir übrig blieb, ich legte meinen Hut auf den Schweiß und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schützen schon sammelten. Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann Steine nieder. Lärm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem Sausen in's Thal hinab donnerten; nützen konnten sie aber für den Augenblick Nichts weiter.

Nach halbstündigem Marschiren näherte ich mich endlich der Stelle wo unser Jagdherr einen starken Bock erlegt hatte. Er lag dicht unter der Wand und der glückliche Schütze stand neben ihm. Martin kam eben seitwärts vom Treiben herein. Da löste sich oben ein kleiner Stein von der Wand, kam herunter gesprungen, und schlug etwa zehn Schritte vom Herrn ein. Er kam übrigens hoch genug nieder, dem unten Stehenden den er traf, noch ein tüchtiges Loch in den Kopf zu werfen, -- wenn nicht mehr zu thun.

»Werft keine Steine mehr da oben 'runger!« rief Martin hinauf, und hielt sich den Hut hinten, um besser nach oben sehn zu können.

»Ja!« lautete die Antwort und gleich darauf donnerte und krachte es oben, als ob ein Felsblock nieder käme. Ich war noch ein Stück davon entfernt, konnte aber deutlich sehn wie Herr und Diener eben noch Zeit behielten unter einen vorhängenden Felsblock zu springen, als die etwa kopfdicken Brocken niederprasselten.

»Ihr sollt keine Steine mehr oben herunter gewerf!« schrie Martin jetzt wieder, sobald das Geröll unten anlangte, indem er vorsprang den Befehl hinaufzurufen.