Eine Gemsjagd in Tyrol

Part 7

Chapter 73,690 wordsPublic domain

Wir haben jetzt das Baumgarten-Joch betreten, und schreiten noch kurze Strecke den Hang hinab, wo die niederen flachen Almhütten, Schildkröten nicht unähnlich, auf dem Bauche liegen. Der Boden ist hier merkwürdig vom Vieh mishandelt worden, das sehr thörichter Weise immer wieder in seine eigenen Fußtapfen tritt, und die Wiese dadurch in eine künstliche Sammlung von Schlammlöchern und Grasknollen verwandelt. Im Dunkeln ist es kaum möglich über solche Stellen fortzukommen, ohne Hals und Beine, wenn auch nicht zu brechen, doch jedenfalls zu riskiren. Unterwegs war übrigens kein Wild zu sehn, da die Jäger und Lastträger etwa eine Stunde früher (Einige davon überholten wir noch unterwegs) hier eingetroffen waren. Nur dicht an der Alm angekommen, sahen wir die Jäger unter der Thür der großen Hütte stehn, und mit ihren »Bergspectiven« nach dem grasigen Rand des Delpzkessels hinaufschauen, wo sich sechs oder acht Gemsen, unbekümmert um die sich unten bewegenden Menschlein ästen. Sie waren jedenfalls Leute da unten an der Alm gewöhnt, und wußten recht gut daß ihnen die Delpz, sowie sie nur irgend Jemand gegen sich ankommen spürten, jeder Zeit einen sicheren Rückzug bot.

Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein _Hochleger_ der Sennen, und diese Art Hütten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen, ziehen die Sennen im Frühjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort gewichen ist, während die höher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht zugänglich sind. Wie der Schnee schwindet, rücken ihm die Hirten nach, und nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur für kurze Zeit, im Oberleger einquartieren können. Der eintretende Winter oder Herbst treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz, in die tiefer gelegenen Thäler, meist nach Lenggries, Tölz und die dortige Umgegend zurückzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten, sind bairische Unterthanen.

Beim Hinuntersteigen ist es indeß schon fast ganz dunkel geworden. Oben am Hang sah es freilich so aus, als ob die Hütten dicht darunter lägen, und doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Körper bei jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht -- nur auf den höchsten Jochen liegt noch das Dämmerlicht des scheidenden Tages.

Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fünf oder sechs zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhütten lagen bunt zerstreut, die Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hügelhang, und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, für die Sonne Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stämmen roh aufgerichteten Gebäuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten, und hatte nur oberflächlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die eingedrückten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, während er zugleich eine gewisse ängstliche Elasticität bewahrte.

Hell leuchtete indeß das Feuer aus dem inneren Raum der größten Hütte, die einem, aus Versehn platt gedrückten gewöhnlichen hölzernen Wohnhaus nicht unähnlich war. Etwa dreißig Fuß lang und zwanzig breit begann das mit Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fuß vom Boden, und hob sich in der Mitte höchstens bis zwölf Fuß hoch. -- Wie aber sah es da im Innern aus.

Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren Käse und »Schmarren« hier gekocht und hölzerne Löffel und andere friedliche Werkzeuge der Butter- und Käsebereitung auf den Querbalken der Hütte gelegen, so hatte diese jetzt dafür ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und sich sehr zu ihrem Vortheil verändert.

Statt der schläfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den Kohlen herumgestoßen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in schneeweißer Jacke, Mütze und Schürze zwischen dem, so gut als möglich untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten rüstigen bärtigen Jägern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stück Doppelbüchsen und Büchsflinten drohend ausgestreckt.

Das Eigenthümlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren aber zwei mächtige Feuerplätze, rechts und links von der Thür in den nächsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der rohen Balkenwand, etwa drei Fuß hoch getrennt, während die Flammen lustig gegen die schon glänzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.

Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jäger und Träger, die kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzählend und lachend und die Vorgänge der letzten Tage besprechend, während an dem Feuer links die Jagdgesellschaft Platz nimmt. Aber einzelne der Jäger drücken sich auch mit seitwärts an dies Feuer an. -- Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg aus ihren Bergen führt.

Und merkwürdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die wenigsten kennt.

Weinseisen heißt einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch, wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge -- aber Niemand weiß das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrümmte Locke hat er so trefflich über das fehlende hinüber gezogen, daß es die Lücke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden läßt. Er gilt dabei als Einer der besten Jäger im Revier, und ist still und schweigsam; vermißt auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem Jochgeier gehörte.

Ein anderer ist Michel, unstreitig der hübscheste von allen; ein junger Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lächeln prächtig steht. Ein guter Jäger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine besondere Vorliebe, einen besonderen Blick für Blumen, und vom Edelweiß, das oben in den schroffen Nordwänden der steinigen Gebirge steht, bis zum blau und rothen Vergißmeinnicht das an den Bächen der hochgelegenen und geschützten Thäler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blüthen, die der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag über noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewiß, kehrt er Abends zurück, von einem Blumenflor.

Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der _civilisirten_ Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so kräftige Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken.

Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildniß leben, und wenig mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu oft denen gegenüber die er über sich weiß, scheu, täppisch und unbeholfen, oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen, oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine ihm angeborene Natürlichkeit, ja ich möchte sagen Grazie, die sich in allen seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht den Höchsten gegenüber, er ist aber auch nie grob und unverschämt, und sein natürliches Gefühl führt ihn fast stets den richtigen Weg -- den Weg eines Mannes der da weiß daß er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt -- verlangen kann.

Alle diese Leute hängen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine Zeit der Mühe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefährlichen Wegen die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein fröhliches Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben der fröhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist dabei der waidmännische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das ausgenommen, was jährlich in einem so tüchtig besetzten Revier nun einmal abgeschossen werden _muß_. Und daß der Herr sich dem mit solcher Lust und Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen über die schroffen Pfade, in die steilsten Hänge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten Laatschen, wie die bröcklichen Wände scheut, das freut sie vor allem Anderen.

Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll und lustig ihre goldenen sprühenden Funken zum schwarz gebrannten Dach emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein fürstliches Gemach das uns umgiebt, und die rauhen Stämme die die Wand bilden, der nackte Boden, der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen »Lehnstühle« selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hölzernen Schüsseln bestehn -- in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, -- das an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den ärgsten Zug mit abzuhalten, der doch noch außerdem Zugang genug hat, ließen vielleicht in Hinsicht der _Eleganz_ Manches zu wünschen übrig, aber -- es ist ein ächtes Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu _vermissen_, dem geht das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprühenden Funken hinan in Kopf und Auge, wie die Flamme da.

Das ist dann die Zeit für die Erzählungen und Berichte der Jäger aus den angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehörenden Distrikten, denn nicht der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt.

Wo in den Bergen ein verdächtiger Schuß gehört ist, wird besprochen, und wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gespürt worden.

Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann man sagen _leider_, daß dem so ist, denn wie viel interessanter würde die Jagd dadurch. Ließe sich aber wirklich einmal wieder ein Bär da sehn, da wär' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles würde in der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben. Begnügte er sich freilich mit Wild und Gemsen, ließen ihn die Hirten wohl gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth, oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das können die Hirten nicht vertragen.

Auch kein Luchs läßt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhühner, lauert dem weißen Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhütten spazieren geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein Gemskitz.

Mitten zwischen den Jägern steht, um einen halben Kopf größer als irgend einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrückten Stellung, eine rauhe, eben nicht übermäßig reinliche, aber enorm kräftige stattliche Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmüthigen blauen Augen, riesigen Fäusten und einem alten Maserkopf im Mund.

Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf Deiner »Kraxen« unermüdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nähere Beschreibung, und sie soll Dir werden.

Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben kann. Von kräftigem, breitschulterigem, knochigem Körperbau, stark und muskulös, und dabei viel größerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich ansieht, eignet er sich vortrefflich für das Geschäft dem er sich, während der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum glaublich was der Mann öfters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den, ich möchte fast sagen _Aberglauben_ der Leute seines Standes und Gewerbes wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jägern selber hab' ich es nie bemerkt), _den_ Aberglauben nämlich, daß ihm ein reines Hemd zur Schande gereiche. -- »Die Leut' müssen ja denken man arbeitet Nichts, wenn man immer wie Sonntags herumgeht« sagt er, und übertreibt seine Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis über den Sonntag hinüber und in und durch die nächste Woche.

Seine Lebensbedürfnisse sind dabei eben so einfacher Art. -- Vom Revier kauft sich z. B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock -- _zwei_ Winter liefern ihm dabei _zwei_ Gemsdecken, was gleichbedeutend mit _einer_ ledernen Hose ist. -- Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte Genießbare, getrocknet und für den Winter aufbewahrt, und »in kleinen Stücken« zur Mahlzeit »daß es recht lange reicht« verzehrt. Dazu gehört aber noch Schmarren -- das einzige wirkliche Bedürfniß der Bergbewohner, denn ohne Schmarren könnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schäfer, die Eichel dem californischen Indianer, die Brodfrucht dem Südseeländer, das Maniokmehl dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner -- und die Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerührt kommt nämlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren, sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwährend mit einem Messer oder anderen Instrument gestoßen und geärgert, bis es endlich zu einer bröcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute auch im Winter, wo besonders die Jäger die entlegenen Reviere begehen müssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen öden Almhütten und behaupten daß ihnen der Schmarren mehr Kräfte gebe als selbst das Fleisch.

Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm entwerfen, als ich im Stande wäre hier mit bogenlanger Beschreibung zu liefern.

Ein älterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rücken, herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen Jackel der, mit _einem_ Schuh an, und den andern Fuß nackt, über das scharfe Geröll unbekümmert niederstieg und ganz ruhig, auf die überraschte Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn nach Lengries, der _sieben_ Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher gebracht, und müßte nun so lange bis er gemacht sei, _so_ herumgehn. Der Schütze äußerte dabei sein Befremden daß Jackel hier in den rauhen Bergen _solcher_ Art umherliefe, während er selber kaum mit seinen kräftigen Schuhen fortkomme. »Ja, es geht klein gut da hier« meinte Jackel ruhig, »nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? -- ja, wer nicht daran gewöhnt ist kommt schlecht fort -- aber ein Stück weiter unten ist's schon ein Großes besser, und -- wenn's Ihnen recht ist, _trag_ ich Sie da hinunter.«

Die Proposition wurde im gutmüthigsten Ernst gemacht, und hätte es der Schütze angenommen, Jackel würde ihn mit der größten Freundlichkeit, und ohne irgend etwas Außerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen Hang trotz seinem einen nackten Fuß wirklich hinunter getragen haben.

Heller knistert und flackert das Feuer, von neu aufgeworfenen Bränden genährt, und Jackel kommt eben mit einem Kübel frischen Quellwassers herein, den er aus dem nahen, durch eine Rinne gefangenen Quell geholt -- das ist ein Trunk. Ich bin gerade sonst kein besonderer Freund von Wasser, und eigentlich der Meinung, daß der liebe Gott dies Element den Menschen nur eigentlich als Urstoff geliefert habe, es zu anderen Getränken, hauptsächlich jedoch zum Waschen zu verwenden. Dort oben in den Bergen aber, und ganz vorzüglich in der Baumgarten-Alm, quillt eine so wundervolle crystallhelle und wohlschmeckende Fluth, als ich sie noch nirgends in der weiten Welt gefunden. Ich weiß das Wasser dort wirklich mit nichts Anderem als mit Champagner zu vergleichen.

»Nun, Jackel, wie steht es mit dem Wetter?« frug man den Eintretenden -- »sieht es noch gut aus?«

»Nun, es ist nur klein hübsch draußen« erwiderte Jackel, den Kübel sorgfältig in die Ecke stellend »es macht recht dunkel, und Sterne sind auch keine zu sehn -- aber warm und ruhig ist's sonst.«

»Wenn nur ein Bischen Schnee käme« sagte der kleine Ragg. -- »Es wäre schon recht -- die Gemsen zögen sich dann alle lieber in die Joche hinauf.«

»Aber in der Delpz liegt doch Schnee?«

»Es liegt schon etwas drin, aber es dürft' mehr sein.«

»Jetzt kam's mir beinah draußen vor, als wenn ich einen Schuß danüber gehört hätt',« sagte der Jackel, »es schallte g'rad so --«

»Nun ein Wilddieb war's bei der Dunkelheit nicht,« lacht der Ragg -- »es kann auch ein Stein gewesen sein, der sich irgendwo losgebrochen hat. Manchmal schallt das gerad' so wie ein Schuß.«

»Von Wilddieben habt Ihr doch hier in der letzten Zeit nichts weiter gespürt?«

»Nichts wieder, seit der Mann im vorigen Jahr drüben im Bairischen von dem Soldaten erschossen wurde -- es ist überhaupt hier lange Nichts vorgekommen.«

»Aber doch der Mann der damals in den Bockgräben gefunden wurde -- hat man nie erfahren wie er dahin gekommen, und wer er gewesen?«

»Nein,« sagt der große Ragg etwas zögernd -- »er hatte auch schon zu lange gelegen und -- war so zerfallen von dem Sturz die Wand 'nunter. Ist wahrscheinlich im Nebel verunglückt.«

»Der wurde damals gleich draußen begraben, nicht wahr?«

»Nein, ich hab' en 'nunter in's Kloster getragen,« sagte Jackel ruhig.

»Getragen? -- auf den Schultern?«

»Auf der Kraxen, ja -- oh er war nicht mehr so schwer denn er hatte schon seine acht oder neun Monat gelegen, aber« -- setzte Jackel hinzu, und es schien doch, als ob ihm die Erinnerung schaudernd durch die Seele liefe -- »'s war g'rad keine hübsche Ladung, und ich trag' Gemsen lieber.«

»Zwei Menschen sind doch auch wieder im letzten Jahr die Wand hineingefallen« sagt da der kleine Ragg, indem er die Augenbrauen so in die Höhe zieht, als ob er das, was er sagte, selber nicht glaube -- »ein Mann und ein Mädchen.«

»Ein Mädchen?«

»Des Haßlich Tochter, von der hohen Alm. Sie schnitt Gras an einer steilen Lanne, unter der die Wand gerad hinunter sank, und hatte Steigeisen an den Füßen. Beim Bücken muß sie's aber versehen haben, sie kommt in's Fallen und kann sich nicht mehr halten. Ihr Bruder war dicht bei ihr, und wie er sie hinunter gleiten sieht, mit ein paar Sätzen bei ihr. Ehe er aber den Rock fassen kann, und dicht unter seiner Hand hin schießt sie fort -- es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.«

»Und der Andere?«

»War ein Enziansucher, der vom Roßkopf hinunter gefallen ist. Wie er's versehen hat, weiß man nicht. Er kam Abends nicht zu Haus, und am anderen Tag ging sein Bruder aus, ihn zu suchen -- er hat ihn auch gefunden, drin in einer von den Schluchten aber -- er soll schrecklich ausgesehn haben -- was er noch vom Körper finden und zusammenlesen konnte, hat er im Nasentüchel nach Haus getragen.«

»Von der Scharfenwandkar ist auch ein Fremder hinunter gefallen, hat ihm aber weiter Nichts gethan,« sagte der Wastel.

»Das war ein Algäuer« schmunzelte der große Ragg.

»Ja, das kann schon sein« sagte Jackel auf seine gewohnte bedächtige, und ganz ernste Weise. Die Anderen lachten.

»War der Mann bekannt hier?«

»Oh Jackel hat seine besondere Art, wie er die Algäuer kennt« lachte der kleine Ragg.

»Ich nicht« vertheidigt sich Jackel, »aber mein Wirth meint, einen Algäuer könnt' man immer kennen. -- Wenn man ihn mit einem Stück Holz auf die Nasen schlägt und er nießt nicht, so ist's gewiß Einer.«

Lautes Lachen schallte von allen Seiten der Hütte, brach aber plötzlich, wie mit einem Schlag, kurz ab, während Aller Gesichter im ganzen Raum den Ausdruck scharfer gespannter Erwartung zeigten. Nur Jackel sah sich verwundert um, und wußte nicht was plötzlich geschehen sein könne.

»Das war ein Hirsch,« flüsterte Weinseisen.

»Ja -- ich glaub's auch,« sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedämpfter Stimme.

»Hu -- ah -- h -- h -- h!« tönte da draußen, kaum vier hundert Schritt vom Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herüber, und mit einem freudigen Lächeln in den Zügen horchten alle dem wohlbekannten, so gern gehörten Laut -- aber keiner regte sich.

»Hu -- ah -- h -- h -- h -- h!« noch einmal der wunderbare Schrei -- leider waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden -- Bergmann der mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt -- und Pirschmann, der draußen war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er wurde nicht wieder laut.

»So was könnt' ich die ganze Nacht zugehör',« sagte Martin.

Das Gespräch lenkte indessen bald wieder in die frühere Bahn ein -- in das was eben das praktische Leben der Jäger und ihre alltäglichen Erlebnisse, und dann auch wohl einmal ein außergewöhnliches Abenteuer betraf.

Merkwürdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nämlich gar keine Sagen, während die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere europäische Volk seine Kobolde oder Wichtelmännchen, seine Nymphen oder Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anständige Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen läßt oder Glück oder Unglück bedeutet, sind diese schönen Berge hier jedes solchen geheimnißvollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewiß einmal in früherer Zeit gehaust.

Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts nütz. Der Mann braucht dort seine fünf _gesunden_ Sinne, den Gefahren die ihm seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltblütig die Stirn zu bieten. Es ist keineswegs gesagt, daß das Herz, das der augenscheinlichsten Todesgefahr ohne ängstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn würde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur _über_natürliches Schreckniß handelt -- wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele. Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen ihren Schrecken entgegenträte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth noch manchmal retten -- kommen übernatürliche Schrecken, kommt irgend ein toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren.

»Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglück auf der Jagd passirt? -- Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.«

»Von uns nicht,« nahm Wastel das Wort. »Kaltschmidt's Bruder ging die Büchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.«

»Durch Unvorsichtigkeit?«