Eine Gemsjagd in Tyrol

Part 6

Chapter 63,719 wordsPublic domain

»Und welch ein Unglück wäre _das_?« hör' ich Viele sagen, »lieber alle Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben.« Es ist das eine von den Phrasen, die scheinbar die ganze Humanität auf ihrer Seite haben und doch nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers gewöhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen kann, zu jeder anderen ruhigeren und stäten Beschäftigung verdorben, und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie Anderes, was sie grad' bekommen können. Gestattet man ihnen aber das Recht Gemsen und Wild zu schießen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und Rinder? Das Rothwild muß so gut im Winter gefüttert werden, als das zahme Vieh und warum soll der Besitzer von _wilden_ Heerden nicht ebenso in seinem Recht geschützt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten, dem Zuchthaus überliefert, ruft über die Häupter der unschuldigen Familie des Unglücklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch dazu in den Kauf, als der Jäger, der den Wilddieb niederschießt. Der Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefährdet, und trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen.

Das ist übrigens eine Sache, die Jäger und Wilddiebe ganz allein unter einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Büchse in die Berge geht, weiß ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen. Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei im Gürtel stecken hat, verübt er gewiß keinen Mord, wenn er bei seinem Geschäft nicht gestört wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten, oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann wird aus dem einfachen Räuber auch ein _Mörder_.

Daß die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Möglichkeit eines zufälligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befördert und verdeckt, ist wohl leicht erklärlich. Die tiefen oft vollkommen unzugänglichen Schluchten sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und heimsucht, ekle Stücken Beute von dort seinem Horste zuzutragen.

Aber der Bock?

Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Körper wenigstens betraf, wie ein wirklich künstlich ausgestopfter und aus irgend einer Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der weiß gestreifte Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald nach jener Seite.

»Da unten stehn jedenfalls Gemsen« flüsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, »es wird doch am Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu daß ich ihn hier herauf bringe -- der Wechsel ist gleich dort drüben an der kleinen Kiefer.«

Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch stärker und überwand seine Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und Büchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von Vorsichtsmaßregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nöthigen Umweg zu machen und dem Wild später unten in der Klamm in den Wind zu kommen.

Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und hatte jetzt Zeit und Muße genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehör. Die Gemsen unten mußten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er plötzlich rasch und aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jäger in den Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt nach der einen Richtung nieder.

Wieder verfloß eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo Ragg nur blieb, als ich diesen plötzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock heraufkommen sah, ohne daß dieser auch nur gewichen wäre.

»Halloh!« rief der Jäger unten, und stieß mit seinem eisenbeschlagenen Stock auf die Steine -- der Bock regte sich nicht -- »halloh -- huh -- ah!« -- er rührte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jäger höher und immer höher stieg, und schon fast in Schußnähe an ihn angekommen war, drehte er sich langsam ab, und nahm den Wechsel an.

Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinüber schießen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus, als ob er möglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen _könne_. Was kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt. Plötzlich, ohne daß er im Stande gewesen wäre Witterung von mir zu haben, nahm er seitwärts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als ob er auf breiter Straße gewesen wäre. Ragg schrie und gesticulirte unten, aber Alles umsonst, das störte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa siebzig Fuß Höhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst für den Fuß einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterläufen rutschend, hinab, sprang unten über den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige Minuten später im Dickicht verschwunden.

Was ihm Ragg unten nachwünschte weiß ich nicht, aber ich selber hatte jetzt da oben auch nichts weiter zu thun, und kletterte thalab, sobald als möglich die Riß zu erreichen.

8.

Ein Sonntag Morgen.

Wie freundlich das Schloß da tief im Thale liegt; wie rasch und munter der klare schnelle Strom vorüber springt, und wie so lustig die Flaggen auf den zierlichen Thürmen wehn. Die hellen Mauern und der dunkle Wald vom blauen Aether sonnig überspannt, so recht im Herzen des edlen Waidwerks mitten drin; die kräftigen Gestalten dann darum her, die Jäger -- die Hunde, und dann vor Allem -- _kein_ Gasthaus in der Nähe in dem sich eine Schaar schwärmerischer Städter concentriren könnte, von dort aus ihre Picknickparthieen in die Berge hinauf zu senden -- oh es ist ein wonniges -- ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit und Lust.

Aber nicht allein die Jagd lockt dort die Leute zusammen. Am Sonntag Morgen ziehen die Jäger und nächsten Nachbarn des Klosters nach der kleinen Klosterkirche, die sie hier mitten in die Berge eingebaut, und auch manch liebes Mädchengesicht lächelt da unter dem spitzen grünen Hut das freundliche »Gott grüß Dich« vor. -- »Gott grüß Dich« -- wie lieb und hold das klingt. Es giebt doch keine Sprache in der weiten Welt die noch _so_ herzlich grüßte als die deutsche -- wenn die Leute nur nicht alle das verwünschte »Regendach« trügen. Gestalten findet man unter den Bergbewohnern wie man sie sich nicht edler und kräftiger wünschen könnte, und Alle fast ohne Ausnahme mit den ehrlichen, gutmüthigen Gesichtern, und den treuen wenn auch ein Bischen verschmitzten Augen. Die Tracht ist dabei so malerisch, und selbst den Mädchen steht der grüne Männerhut so lieb auf den vollen blühenden Gesichtern, aber -- gebt einem Apollo, gebt einer Venus einen rothbaumwollenen Regenschirm unter den Arm, und die ganze Poesie ist zum Teufel.

Ein solcher Sonntag Morgen in dem Thal ist auch das schönste was man sich in stiller traulicher Waldeinsamkeit nur denken kann. Noch hat die Sonne kaum die hohen Joche mit ihrem ersten Strahl gegrüßt, da mischt sich schon in das fröhliche Plätschern des Bergbachs, in das leise Rauschen der mächtigen Waldeswipfel, das harmonische Geläut der Glocken, und wenn der Himmel dann so rein und blau herniederschaut, und mit den weißen duftigen Nebelschleiern wie zum Schmuck die wundervollen Berge überhängt, dann geht das Herz dem Menschen auf, dann _zwingt_ es ihn zur Andacht, dann wird die ganze wundervolle Welt zur Riesenkirche, und jedes rauschende Blatt, jede flüsternde Welle predigt die Allmacht, predigt die Liebe Gottes.

Die Berge sind auch der eigentliche Tempel des Herrn, denn nirgends fühlt der Mensch sich seinem Gott so nah -- nirgends so klein und unbedeutend, dem Allmächtigen gegenüber.

Die Kirche ist aus. Die Andächtigen kommen einzeln und langsam aus dem Gotteshaus -- nur die Frauen eilen, denn sie haben den Mittagstisch zu besorgen, und die Männer bleiben hie und da auf den Wegen plaudernd zusammen stehn. Sie haben heute Nichts zu versäumen, und es wäre auch schade, wenn sie so rasch wieder nach Haus in die engen Stuben gingen, und ihren blinkenden Sonntagsstaat nicht erst ein wenig in der warmen hellen Sonne lüfteten und -- zeigten.

Wetter noch einmal wie blank sie aussehn, mit den neuen hellgrünen Hüten, den reinen Hemden und den sauber geputzten Gürtelschlössern. Manche von ihnen, den Tag _recht_ feierlich zu begehn, tragen auch lange Hosen, aber das steht ihnen nicht; sie schlenkern auch darin die Beine beim Gehn, und bewegen die Knie herüber und hinüber. Es sitzt ihnen unbequem, und sie wissen's vielleicht selber nicht; die Knie wollen hinaus in's Freie, und da sie das nicht können, halten sie sich steif und ungelenk.

Dort aus dem Schloß kommt ein alter Mann. Er trägt, ungleich den Anderen, die nur höchstens, und _trotz_ dem sonnigen Wetter, ihr roth oder blaues Regendach unter dem Arm haben, ein paar blecherne Milchkannen, die er heut Morgen gefüllt heruntergebracht, und jetzt wieder mit heim nimmt, oder zurück trägt wohin sie gehören.

Das ist ein Charakter, von dem wir in unserem Eisenbahn durchzogenen und durchflogenen Flachland kaum noch einen Begriff haben -- giebt es ja doch selbst in den Bergen nur wenige seines Gleichen, ja kaum einen zweiten alten Gori. Es ist eine untersetzte kräftige Gestalt mit frischer Farbe und von mittler Größe, und unterscheidet sich in seinem Aeußeren durch wenig oder Nichts von den Uebrigen, aber kein Mensch sieht ihm an daß er schon zweiundsiebzig Jahre zählt, obgleich nicht soviel graue Haare auf seinem Haupte sind, und daß er _sechzig_ davon hier in dem Thale zugebracht. _Sechzig_ Jahre hier in den Alpen, in den engen Felsenkessel eingezwängt, ohne ein einziges Mal den Fuß hinausgesetzt zu haben in's flache Land, oder hinüber über die Alpen »auf die andere Seite.« _Sechzig Jahre_, und was seitdem geschehn da draußen, davon hat der Mann keine Ahnung; er kennt es nicht, er kümmert sich nicht drum. Als Knabe kam er her, auch nicht von weit, und was die nächsten Joche hier umspannen, ist für ihn _die Welt_. Andere haben ihm von der Herrlichkeit draußen, von den Wundern des flachen Landes, vom Dampf und seiner Kraft, vom Telegraphen, von weiten ebenen Flächen erzählt, über die man Tage lang marschiren könne, ohne den Fuß nur mehr als vom Boden zu heben; von Eisenbahnen, von Schiffen -- von Amerika -- er hört das auch recht gern, und nickt dazu mit dem Kopf und lächelt -- aber all die Sachen haben für sein Ohr nur ein und denselben Klang: sie gehören _der_ Welt nicht an in der die Riß fließt und existiren deshalb nicht für ihn. Amerika -- das liegt »im flachen Land« -- was soll er draußen?

Abgeschlossener sitzt kein Südseeländer auf seiner kleinen Insel mitten im Weltmeer, und lebt von seiner Brodfrucht und seinen Cocosnüssen, als der alte Gori hier im einsamen Thal, von Käse, Butter und Milch, und da ihm das Bedürfniß fehlt hinaus zu kommen, ist auch kein Grund vorhanden anzunehmen, daß er sich nicht vollkommen glücklich fühle. Trotz seinem Alter arbeitet er dabei noch rüstig fort, und hat sich auch wohl ein paar hundert Gulden gespart, oder hat er sie geerbt, ich weiß es nicht; in ihrem Besitz ist er aber, und das Capital scheint ihm die einzige Sorge zu machen, die er überhaupt im Leben kennt. Vorsichtiger Weise steckte er sein kleines Vermögen allerdings nicht in unzuverlässige Aktien sondern in einen alten Strumpf, die Welt aber, die er nun schon zweiundsiebzig Jahre kennt, scheint sich in dieser langen Zeit seine unbedingte Achtung doch nicht erworben zu haben, und Mistrauen bildet einen nicht unbedeutenden Theil seines sonst so einfachen Charakters. Demnach verbirgt er seinen Schatz auch bald hier bald da, ohne daß irgend Einer seiner Hausgenossen eine Ahnung hat, welcher Ort der bevorzugte sei; ja man kannte vor einiger Zeit den alten Gori noch nicht einmal als Capitalisten, bis die Sache auf eine wunderliche Art zu Tage kam. Einer der Arbeiter nämlich räumte eines Nachmittags den Holzkasten aus, und fand unten drin, zu seinem nicht geringen Erstaunen einen Strumpf mit Geld. Der alte Gori meldete sich da etwas bestürzt als Eigenthümer, und der Strumpf verschwand auf's Neue.

In früheren Jahren soll der alte Mann ein vortrefflicher Birkwildjäger gewesen sein, und da das, neben seinem Strumpf eigentlich die einzige sichtbare Leidenschaft war die er hatte, wurde ihm die Erlaubniß -- die sonst nur die wirklich angestellten Jäger haben -- jährlich in der Balzzeit einen Spielhahn zu schießen. Von der machte er denn auch Gebrauch, und erlegte richtig jedes Jahr den gestatteten Hahn. Vor zwei Jahren nun, doch fühlend daß er alt würde, und in einer Art von Ahnung, daß das vielleicht der letzte sein möchte den er schösse, beschloß er seine Jagd auf würdige Art zu beschließen, _kaufte_ sich den erlegten Hahn um 48 Kreutzer, lud sich eine alte Köchin vom Schloß, die er achtete, zu Gast, und verzehrte mit ihr die muthmaßlich _letzte_ Jagdbeute seines Lebens. Eigenthümlich muß dem alten Mann dabei zu Muthe gewesen sein.

So verging wieder ein Jahr -- die Balzzeit kam auf's Neue heran, und der Greis fühlte zu seiner Freude, daß er die _letzte_ Jagdfeier doch etwas zu voreilig angestellt habe und die Berge noch immer steigen, die Büchse noch immer führen könne. Wieder schulterte er die alte treue Waffe, suchte sein gewöhnliches Revier auf, lockte den balzenden Hahn und -- das Gewehr versagte. Beim Anpirschen war ihm das Zündhütchen vom Piston gefallen, und kein zweites fand er in den ängstlich durchsuchten Taschen. Da ist er wieder zu Thal hinabgestiegen, und hat die Jagd aufgegeben, -- wundern sollt' es mich aber nicht, wenn er es trotzdem dies Jahr noch einmal versuchte. Wir klammern uns ja Alle an das Leben und Keiner, mag er den Tod auch noch so ruhig und Gott ergeben erwarten, gesteht sich's gern und freiwillig ein: »ich bin jetzt fertig!«

Die Jäger, die nicht ihr Dienst gerade an ein entferntes Terrain fesselt, haben sich meist hier unten eingefunden; denen aber sieht man's an daß ihnen eine Beschäftigung, daß ihnen die Büchse auf der Schulter fehlt. _Nach_ der Kirche schlendern sie müßig umher -- und der Blick den sie manchmal zur Sonne hinaufwerfen, scheint die Zeit herbei zu sehnen, in der sie ihr fröhliches Werk auf's Neue beginnen dürfen. Auch der kleine Ragg ist unter ihnen, weiß aber von seiner Zeit besseren Nutzen zu ziehn als die Kameraden, und sucht Spielhahnfedern, kunstgerecht gebundene Gemsbärte, Stöße von Hasel-, Schnee- und Steinhuhn, und anderen Jägerschmuck zu ziemlich hohen Preisen an den Mann zu bringen.

Eigenthümlich an ihm ist selbst der Gang, mit dem er auf der belebten Straße oder im Hof dahin schreitet. Wie auf der Pirsche haftet sein Blick nicht zwei Secunden lang an ein und derselben Stelle, und sucht herüber und hinüber, bald auf den Boden hin nach den Fährten, bald nach links bald nach rechts hinüber. Wie ein Stück Wild, das draußen in den Bergen eine friedliche Heerde angenommen hat und mit ihr eine Strecke dahin zieht, scheu und mistrauisch aber der geringsten Bewegung, dem schwächsten fremden Laut mit Aug' und Ohr begegnet, während die zahmen Thiere friedlich und unbekümmert ihr Gras von der Lanne zupfen, so wandert der kleine, falkenäugige Gesell hier zwischen den ruhigen, sonntägigen Gestalten umher, und ordentlich erwartet hab' ich's oft, daß er bei dem ersten ungewöhnlichen Geräusch blitzschnell im Wald verschwinden würde.

Dort unter der hohen, breitästigen Tanne stehn zwei Männer in eifrigem, und wie es scheint, heimlichem Gespräch; wenigstens schweigt der kleinere von ihnen, der etwas ihm höchst Aergerliches vorzutragen scheint, jedesmal still wenn eine Gruppe der Jäger grüßend an ihnen vorübergeht, und wirft auch wohl einen mistrauischen, unzufriedenen Blick hinter ihnen drein. -- Es ist Bandey, allerdings auch in der Jägertracht, aber doch kein rechter Jäger und mit mehr weichlichen, nicht so sonnverbrannten derben Zügen wie die Anderen, die ihn sich auch größtentheils nicht ebenbürtig halten. Er aber, der von seinem Geschäft eine ganz andere Meinung trägt, hat die _Fischerei_ unter sich und den Forellenteich, und klagt heute Morgen dem Haushofmeister des Schlosses, einer langen würdigen Gestalt mit einer Feder hinter dem Ohr und einer Brille auf, sein schweres Leid. Sein Forellenteich ist ihm nämlich in der letzten Zeit, und nächtlicher Weise, arg geplündert worden, und er hat jetzt auf alle Welt Verdacht und traut Keinem mehr.

»Aber lieber Bandey, wer von den Jägern sollte es denn hier wagen, und Angesichts vom Schloß den Teich bestehlen? Das thäten sie ja schon nicht einmal dem Herrn zu Leide.«

»Die _nicht_?« sagt Bandey, der eine ganz andere Meinung von der Sache hat, »was machen _die_ sich drauß? -- sind doch die Hälft' von Allen nur zahmgemachte Wilderer. Aber ich krieg' sie. -- Den Bandey lachen sie aus daß er nicht schießen könnt' -- ich will's ihnen zeigen ob ich's kann oder nicht.«

»Bandey -- Du wirst doch nicht des Teufels sein und wegen einem paar lumpigen Forellen ein Menschenleben --«

»_Da_ haben sie's Menschenleben nicht sitzen wo _ich_ sie hinschießen werde,« sagt Bandey determinirt, »aber soviel weiß ich, heute Abend setz' ich mich mit der Schrotflinten an, und die ganze Woche durch. Der Schlaf soll mich nicht verdrießen, _bis_ ich ihn habe, und daß mir _der_ dann nicht zum zweiten Male kommt, darauf können Sie sich verlassen.«

»Und hast Du denn auf irgend Jemand Verdacht hier herum?«

»Sie taugen Alle mitsammen Nichts,« brummt der Bandey verdrießlich vor sich hin -- »die Malefizkerle die. Wo sie Einem einen Schabernack spielen können thun sie's gewiß. So ein Jäger hat einen Stolz im Kopf, das ist ganz was Erschreckliches, und glaubt, weil _er_ mit dem Stutzen auf'm Buckel, und den Spielhahnfedern am Hut in den Bergen herumsteigen darf, _er_ sei der liebe Herrgott. -- Na _Euch_ will ich beforellen!«

Der Haushofmeister suchte den Mann noch einmal von seinen bösen Gedanken abzubringen, aber Bandey's Groll saß zu tief, und ärgerlich über die ganze Welt, ging er heim. Was kümmerten ihn die im Sonnengold leuchtenden Berge, der blaue Himmel und das grüne Thal; daheim lud er die Flinte mit feinem Vogeldunst, und in der Nacht schon begann er seine Wacht, den Uebelthäter zu belauern und -- zu strafen.

9.

Die Baumgart-Alm.

Wir Menschen sind ein ungenügsam Volk. Wenn es uns _gut_ geht, verlangen wir's besser, und daß das nun einmal in unserer Natur liegt, mag nur ein leidiger Trost sein. Goethe kannte auch die Menschen _im Allgemeinen_ recht gut, und daß er seinen Faust beim Packt mit dem Teufel die Bedingung stellen läßt:

»Werd' ich zum Augenblicke sagen Verweile doch, du bist so schön! Dann sollst Du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn!«

ist nur ein Ausspruch dieses ewigen Drängens und Treibens, dieser rastlosen Ungenügsamkeit. Goethe war freilich kein Jäger; er hat nie die Wonne gekannt, nach dem blitzenden Schuß die scheue Gemse auf ihrer sicher geglaubten Höhe zusammenzucken, und prasselnd, klammernd in die Tiefe rollen zu sehn. Ich wenigstens wäre nach _solchem_ Packt meinem Contrahenten schon verschiedene Male verfallen gewesen.

Kein Wunder denn daß es den müssigen Jäger, selbst aus dem reizenden Thal, aus dem freundlichen Schloß fort, und wieder hinauf in die Berge zieht, und wir segnen den Abend, der uns mit freundlichem Nicken und Sonnengruß den Bergstock auf's Neue in die Hand drückt, und unseren Pfad mit seinem schönsten Glanz, mit seinen rosigsten Tinten überstreut. Mir ging es da immer wie Jean Pauls gemüthlichem Schulmeisterlein Wuz, wenn der als Schulknabe noch in die Ferien zog -- ich hatte Mitleiden mit allen Menschen die zurückbleiben mußten.

Und diesmal geht es nicht in ein bequemes Pirschhaus hinauf, sondern in den wildesten Theil der Berge, in die sogenannte Delpz, einen rauhen Thalkessel, in dessen Nähe ein Hochleger mit einer ziemlich geräumigen Almhütte liegt. Nur ein kleines Häuschen, etwa von der Größe eines zweischläferigen Schilderhauses, um ein Bett und einen Tisch hinein zu stellen, war dort aufgerichtet.

Die Leckbach aufwärts führt dorthin der wilde Weg, und rauheren Bergstrom giebt es wohl kaum in der Welt, wie jenes Thal. Der innere Kessel nämlich ist fast ganz durch das Abbröckeln und Niederbrechen der hinteren Wand, bei dem die Lawinen redlich mit halfen, vollgeschüttet worden, und riesige Felsblöcke sind von den mächtigen Schneestürzen weit thalab geschleudert, während der ganze Thalboden wie die Hänge, mit entsetzlichem Geröll (von den Bergbewohnern _Reißen_ genannt) bedeckt liegen.

Diese Berghänge sind in steter Bewegung, denn steil und schroff ausgerissen, löst sich fortwährend locker hängendes Gestein, am meisten bei nasser Witterung und Thauwetter, ab von der Wand, und rollt und springt in's Thal nieder. Die Gemsen die dort stehn sind auch an solch Geräusch gewohnt, und achten gar nicht mehr darauf.

Oben im Baumgarten-Joch liegt die Almhütte, und selbst der Name »Baumgarten« klingt hier wie Schmeichelei, denn es wächst kein einziger Baum dort bei den Hütten, während nur von Osten her der aus dem Thal heraufdrängende Wald bis in die Nähe reicht. Der Nacken des Jochs und der benachbarten Hänge ist aber mit gutem, nahrhaftem Gras bedeckt, und nach der Delpz hinüber läuft die Lanne bis zum höchsten schroffen Rand.

Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit dieser Gebirge daß sie an ihrer Nord- und Südseite einen durchaus verschiedenen Charakter zeigen. In der gewöhnlichen Bergregion und bis etwa zu 4500 Fuß tritt dieser allerdings noch nicht so augenscheinlich hervor; wie sich aber die Gebirge über diese Höhe aufstrecken, nimmt die Nordseite, während an der Südseite die Graslannen fast ununterbrochen bis zum Gipfel laufen, ihren wilden trotzigen Charakter an. Fast bei all diesen Bergen besteht der Nordhang aus schroffen, meist senkrechten Wänden die grau und starr emporragend der ganzen Landschaft etwas unbeschreiblich Großartiges, Kühnes geben, das sich aber, sowie man das Auge nach Süden wendet, ganz verliert.

Allmählig steigt man deshalb auch an der Südseite dieser meisten Berge, ohne weitere Schwierigkeit als hie und da eine etwas steile Lanne, empor, und sieht sich plötzlich, sowie man den höchsten Gipfel erreicht, an einem oben scharf abgebrochenen furchtbaren Abgrund, der jäh unter den Füßen wegsinkt, und an vielen Bergen nicht einmal von der Gemse begangen werden kann.

So steigt zum Beispiel die Carwendelwand, wie die Nordseite des Carwendelgebirgs mit Recht genannt wird, so steil und glatt empor, daß keine Gemse dort hinüber kann, und meilenweit thalab oder aufwärts wandern müßte, ehe sie einen schmalen Paß fände, der an einer oder der anderen Stelle, meist durch nieder gebrochenes Gestein begünstigt, ein Aufklimmen möglich machte -- aber wir kommen dort noch hin.