Part 3
Wieder wechseln hier die Bilder von Berg und Schlucht um uns her, aber das Auge forscht jetzt nach anderem Ziel: -- Gemsen. Ueber den Weg laufen die Fährten eines ganzen Rudels das hier vom Joch nieder dem vorderen »Graben« zugezogen ist. Die Jäger sehen, wie sie darüber hinschreiten die Fährten an, und deuten mit der Hand auch wohl hie und da auf die besonders tief eingedrückten breiten Spuren eines alten Bockes; aber keiner von ihnen spricht mehr ein Wort. Wir sind hier im eigentlichen Gemsrevier. Spuren wie frische Losung zeigen überall die Nähe des scheuen Wildes, und der Klang der menschlichen Stimmen schallt weit auf diesen Höhen.
Aber nichts Lebendes zeigt sich noch. Hie und da hüpft in einem Laatschenbusch einer der kleinen befiederten Bergsänger umher, und lenkt den Blick der Vorüberschreitenden rasch und forschend auf sich. Nichts Lebendes, was sich im Sehkreis regt, und überhaupt Bewegung hat entgeht dem Auge der aufmerksamen Jäger. Fünfzig Mal dabei getäuscht, sei es durch einen Vogel, eine raschelnde Maus, oder einen losgebröckelten Stein, -- er ermüdet nicht, und wieder und wieder sucht das Auge nach Leben und Bewegung hier im Wald, und die Hand greift unwillkürlich nach der Waffe.
Jetzt ist »der Graben« der getrieben werden soll erreicht, und in einem Dickicht, noch unter dem Rand, daß in der Nähe sitzende Gemsen nicht die sich regenden Gestalten der Jäger auf dem Abhang erkennen könnten, bleibt der Herr stehn.
»Und wie wollt Ihr's nun machen?« lautet die mit unterdrückter Stimme an die herbeitretenden Jäger gerichtete Frage.
Rainer beginnt jetzt, mit eben so vorsichtig gedämpfter Stimme seinen nochmaligen Vortrag: Dort unten auf einem bezeichneten Felsenkamm, der den Schuß nach rechts und links hinein in die steile, lawinenzerrissene Klamm erlaubt, an der und jener Wand, und dort und da sollen die Schützen stehn, und wenn die Treiber dann von dort und da herüber kommen, weiß Rainer auf ein Haar, in welchem Graben, welch eingerissene Spalte und Klamm die aufgescheuchten Rudel ihre Flucht hin nehmen müssen.
Jetzt werden rasch die verschiedenen Jäger als Treiber oder Abwehr nach rechts und links geschickt und vorsichtig, auch das geringste Geräusch vermeidend, pirscht sich Jeder zu dem angegebenen Stand. Den Bergstock verkehrt in der Hand, die eiserne Spitze nach oben, daß sie nicht zufällig vielleicht einen Stein berühre und durch den fremden Metallklang die Gemsen schrecke, mitten in die Laatschen hinein an deren Zweigen sich die rechte Hand anklammert, während die linke den Bergstock hält und zu gleicher Zeit die Büchse aus dem Weg der Aeste rückt, schleicht der Schütze nieder. Hier einen kleinen Vorsprung benutzend, durch einen Busch gedeckt den Ueberblick über einen vielleicht lichten Fleck zu bekommen, dort der ausgewaschenen Rinne eines jetzt trockenen Bergquells folgend, indem er dadurch wenigstens das Geräusch der zurückgebogenen Zweige vermeiden kann; jetzt auf dem Boden nieder unter den Büschen durchkriechend, jetzt dazwischen hin den Weg suchend. Da wird es plötzlich licht. -- Dort vor uns liegt der Rand der Klamm, und vor sich abäugend erst, ob nicht vielleicht ein einzelner alter Bock dort unten schußgerecht steht und durch längeres Zögern verscheucht werden könnte, sucht man sich jetzt, da sich die Hoffnung nicht bestätigt, einen zugleich gedeckten und doch freien Fleck, den größtmöglichsten Raum in der Nähe überschießen zu können, und so wenig als möglich durch nahe Büsche verhindert zu sein, nach verschiedenen Richtungen hin die Pässe und Wechsel zu beherrschen.
4.
Das Riegeln.
Trefflich für solche Lausch- und Anstandsplätze eignen sich die, diesen Gebirgen eigenthümlichen schmalen Ausläufer vorgeschobenen Gesteins, die gewöhnlich von beiden Seiten in die Ränder der Klammen hineinreichen, und oft bei nur wenigen Fuß Breite, mit Laatschen oben bis zur äußersten Spitze bewachsen, nicht allein den größten Theil der Klammen überschauen lassen, sondern auch nach drei Seiten hin einen freien Schuß gewähren.
Auf einer solchen wunderbaren, oben kaum anderthalb Fuß breiten aber vollkommen sicheren Steinkoulisse sitzen wir jetzt, der Leser und ich, und obgleich rechts und links ein tiefer Abgrund gähnt, und man den Bergstock nicht einmal dicht vor sich einstoßen dürfte, weil er hinunter in die Tiefe fallen würde, haben wir doch nicht das Mindeste zu befürchten. Die den Armen eines Kronleuchters nicht unähnlichen zähen Laatschenzweige halten fest und gut, und während wir den Raum in der Mitte rasch mit dem Jagdmesser etwas ausgehauen, ragen die Zweige um uns her wie ein künstlicher grüner Schirm empor, und halten uns dahinter dicht versteckt.
Nur eine Vorsicht muß der versteckte Jäger gebrauchen: nicht unvorsichtig auf die elastischen Zweige zu drücken, die durch ihr Auf- und Niederschaukeln dem scharfen Blick der noch so weit entfernten Gemse nicht lang verborgen blieben.
Was für ein wundervoller Platz das ist, und wie so still und schweigend der dunkle wilde Wald hier um uns liegt. Auf dem aushängenden Felsen, dessen schmalen Verbindungsweg man, rechts und links umschauend, nicht einmal erkennen kann -- und viele Bewegung verstattet der kaum fußbreite Sitz auch nicht -- hängt man da; gleichsam abgeschnitten, über der wild zerrissenen, zu Thal stürmenden Schlucht, und von steilen, mit überhängenden Laatschen überall besetzten Wänden fest und drohend eingeschlossen.
Der _Graben_, wie diese steilen Bergthäler genannt werden, bildet im Ganzen eine weite gewaltige Schlucht, wie denn auch der ganze breite Gebirgshang an der Südseite in solche Thäler oder Gräben ziemlich gleichmäßig vertheilt ist, während zwischen ihnen von oben nach unten laufende und dicht bewaldete Abschüsse oder Hänge sie von einander trennen. Im Einzelnen reißt sich aber ein solcher Graben wieder in hundert und hundert kleinere und größere Einschnitte, Schluchten, Felsspalten und Klammen, jede im Kleinen und in sich selbst, das große Bild des Ganzen wiedergebend.
Die schroffen Wände, an denen kein fruchtbarer Boden halten kann, stehen da drinnen freilich kahl, und in den Schluchten, wo sich zur Regenzeit der Bergbach das reingewaschene ausgeschwemmte Bett gewühlt, kann auch kein Pflanzenleben gedeihen; aber die zähe Laatsche dringt doch ein, wo sie's nur irgend möglich machen kann. Nicht allein auf den Nacken der Felsen hin kriecht sie, und wirft ihre Zweige zwölf und sechzehn Fuß weit nach rechts und links bis über den Abgrund hin, nein auch, wo nur irgend eine Felsenspalte eine Hand voll von oben niedergeschwemmter Erde aufgefangen und gehalten, säet sie ihren Samen, treibt Keime und Schößlinge, und klammert sich mit den festen Wurzeln ein. Wo sich ein solcher Anhaltspunkt, und sei er noch so unbedeutend, bietet, findet man diese Büsche, die Nadelspitzen oft klein und kümmerlich, die Zweige dünn und kurz, aber immer fest und sicher in die Felsspalte eingeklemmt, und gar willkommene Anhaltspunkte sind das dann für den Steigenden. Der einmal gefaßte Zweig bricht nicht ab in der Hand, und, wenn er das ganze Gewicht seines Körpers daran hinge.
Ha -- was war das? ein zischender Pfiff der von dort herüber schallt. Eine schreckende Gemse, der irgend woher der verrätherische Luftzug die fremde Witterung des Feindes zugetragen -- und dort drüben? -- ein rollender Stein, der von den scharfen Klauen eines aufgescheuchten Thieres losgestoßen, hinunter zu Thal die springende Bahn nimmt. -- Aber zu sehn ist noch Nichts und der forschende Blick sucht rasch und mistrauisch all die hundert kleinen Schluchten und Spalten ab, aus denen allen das ersehnte Wild im Augenblick herausfliehen kann.
Todtenstille herrscht -- da bricht ein Schuß von oben dröhnend und donnernd in's Thal nieder und weckt das Echo in den Bergen von Wand zu Wand. Das war des Jagdherrn Büchse -- wie den Schall die gegenüberliegenden Gebirge jetzt wiedergeben, und wie er sich prasselnd und schmetternd die Bahn hinunter bricht in's tiefe Thal. Und doch ist das hier in den Bergen so eigenthümlich mit eben dem Schall, daß ein im Nachbargraben Stehender den Schuß vielleicht nicht einmal hören konnte.
Da poltert's und bricht's über das Felsgestein, ganz in der Nähe. Wie mit einem Messer sticht's bei dem Ton dem lauschenden Jäger in's Herz hinein, und bebt und zittert ihm durch alle Glieder. Und ob er von Kindheit an die Büchse geführt und der Spur des Wildes gefolgt wäre, _dem_ ersten, unwillkürlichen, fast krampfhaften Herzklopfen beim plötzlichen Erscheinen eines Stücks Wild, beim Rascheln oder Rauschen das seine sichere Nähe verräth, entgeht er nicht. -- Aber es dauert nicht lange, und in der nächsten Minute schon muß er die alte Ruhe wieder erlangt haben, und hat sie auch -- einzelne Fälle natürlich ausgenommen.
Wie das dort rasselt und tobt durch die kleine Schlucht. Drunten heraus aus ihrer Mündung kollern und springen die losgegangenen Steine schon vor, und den Berg hinab. Das muß ein ganzes Rudel sein. -- Und richtig, dort in den Laatschen zeigt sich plötzlich der schwarze Körper einer alten Geis mit den weißen Backenstreifen und den hohen scharf umgebogenen Krickeln. Wenn sie allein käme könnte man sie recht gut für einen Bock halten. Aber ein Rudel wird meist immer, ja fast ohne Ausnahme von einer alten Geis geführt, oft der Stammmutter des ganzen Trupps, die so von Kindern und Kindeskindern gefolgt, den Berg durchzieht. Jetzt werden die andern auch sichtbar -- leider außer Schußweite, denn das ganze Rudel ist wohl noch vier- bis fünfhundert Schritt entfernt. Auf einem mit Laatschen dünn bewachsenen Felsrücken tauchen sie auf, eine hinter der andern -- jetzt eine braune Geis mit schwarzem Rücken, das kleine munter springende Kitz an der Seite, jetzt ein junger zweijähriger Bock der ernst und gravitätisch, wie er es von den älteren gesehn, eine Weile daher schreitet. Dann aber plötzlich, als er das munter seitwärts springende Kitz um sich her tanzen sieht, vergißt er, wenn er auch vorn seinen stolzen Ernst beibehält, hinten doch die Gravität, und macht mit den Hinterläufen einen Jugendsprung. Mehr und mehr drängen herauf und bleiben Kopf an Kopf auf der kleinen Lichtung stehn, alle hinauf nach der Klamm äugend und windend, von der der Schuß tönte. Ehe die Altgeis weiter geht, denkt keins daran sich von der Stelle zu rühren.
Von drüben herüber ist das Rudel gekommen, jedenfalls von dem Schuß aus sicherer Ruhe aufgeschreckt. Jetzt aber mag doch irgend ein Geräusch der von unten herauf brechenden Treiber von dem scharfen Gehör der Leitgemse erfaßt sein, oder ihr Blick hat auch wohl die sich da unten regende Gestalt, sei sie noch so weit entfernt, gesehn, ihre Nase die fremde gefährliche Witterung gefangen. Da unten ist's jedenfalls nicht recht geheuer, _was_ es auch sei, und seitwärts an der Wand auf der sie gestanden niedertretend, läuft und rutscht sie halb die fast senkrechte Steinplatte hinab, an der sich, von hier aus wenigstens, nicht der geringste Anhaltpunkt erkennen läßt. Jedenfalls will sie schräg durch den Graben dem anderen Ausläufer zu; ihr aber folgen auch, ohne weiter zu fragen weshalb oder wohin, die andern Gemsen. Zuerst die Geis mit dem Kitz, dann der zweijährige Bock, wahrscheinlich ein Herr Sohn vom vorvorigen Jahr, dann wieder zwei Kitzgeisen und nun ein starker Bock. -- Wetter noch einmal, ob der Bursche nicht aussieht wie ein Wildschwein, als er da breitspurig und bequem den halsbrechenden Pfad ohne die mindeste scheinbare Anstrengung hinuntergleitet. Wenn der zum Schuß herüberkäme, der wär' recht. -- Jetzt folgen noch ein paar wahrscheinlich gelte Geisen oder schwächere Böcke -- es läßt sich von hier aus nicht so deutlich erkennen -- dann wieder Kitzgeisen dazwischen, und zum Schluß noch ein alter Bock. Im Ganzen ein Rudel von drei und zwanzig Stück.
Jetzt ist Alles wieder still -- die Gemsen haben irgend einen bewaldeten Hang angenommen, und ziehen geräuschlos und gedeckt darin fort.
Es ist aber, selbst für den geübten Gemsjäger, gar nicht etwa so leicht Geis und Bock von einander zu unterscheiden, ja in der Ferne fast ganz unmöglich, wenn nicht die Geis eben ihr Kitz als Legitimation mit sich führt. Die Farbe der Gemsen ist im Sommer lichter als im Winter, und schmutzig isabellfarbenartig nur mit dem dunklen Rückenstreifen. Im rechten Winter werden sie aber ganz schwarz, und alte gelte Geisen die allein kommen, und oftmals gar starke ansehnliche Krickeln tragen, sehn genau so aus wie ein Bock. Nur in der Nähe unterscheidet sie der längere dünnere Hals, wie auch der etwas zierlichere Kopf vom Bock. Ebenso stehn ihre Krickeln mehr parallel zusammen auflaufend, während die Krickeln des Bocks gleich unten von der Wurzel aus etwas stärker sind und sich ein wenig auseinander biegen. Allerdings nur schwache Unterscheidungszeichen in der Ferne.
Links, dicht neben uns flattert etwas -- welch prächtiger gewandter Vogel sucht sich da sein Mahl an dem nackten Felsen? -- Es ist ein Alpenspecht, der mit den scharfen Klauen einkrallend in den Stein, die Flügel ausgespannt und wie zur Stütze an die Wand gestemmt, den Kopf zurückgebogen, auf und ab, bald rechts bald links hinüberläuft, und blitzschnell mit dem nur leicht gebogenen spitzen Schnabel in Ritz und Spalte fährt, Käfer und kleineres Gewürm daraus hervorzuholen. Und welche Pracht in dem Gefieder. Der ganze kleine Bursch ist in seiner Haupt- und Grundfarbe schön stahlgrau mit schwarzem Kopf und dunklen Streifen auf Schwung- und Deckfedern, aber über die zierlichen Flügel läuft ein rosenrother Streif, in dem Grau verschmelzend, wie an den Schwingen des Weinvogels, jenes zierlichen Nachtfalters, und die kleinen schwarzen Augen schauen so scharf, so klug umher. Ist er so wenig furchtsam daß er den, nur wenige Fuß von ihm kauernden Jäger gar nicht scheut? -- Ja, der rührt und regt sich nicht, und sitzt da wie hineingewachsen in die Laatsche. Die erste Bewegung freilich -- was war das? -- Dort flattert auch schon der Alpenspecht zur Seite. Aber was kümmert uns jetzt der -- gerade da drüben in der schmalen Klamm, die seit ab aus dem Walde niederführt, rollte ein Stein; dort unten springt er vor und da -- wieder der Stich in's Herz -- da drüben auf der nächsten Felsenspitze, auf einem Raum den ich mit der Hand bedecken könnte, steht ein schwarzer etwa drei- oder vierjähriger Bock, den klugen Kopf mit dem weißen Backenstreif nach unten gedreht, wo in diesem Augenblick ebenfalls eine Kitzgeis sichtbar wird.
Wie krampfhaft faßt die Hand den Büchsenkolben, sucht der Zeigefinger der rechten Hand den Drücker, der Daumen den Hahn. Geräuschlos wird er gespannt, langsam durch keine rasche Bewegung den Blick des aufmerksamen Thieres hierherzulenken, hebt sich der Lauf und Korn und Visir zusammen.
»Pest!« murmelt der Jäger leise zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, und er hat Ursache, denn oben auf dem Lauf, gerade vorn auf dem Korn, von dem blitzenden Metallpunkt vielleicht angezogen, schaukelt sich ein kleiner zierlicher gelber Schmetterling, und will nicht wanken und weichen.
Noch steht der Bock da drüben und die Gemse unten interessirt ihn mehr als irgend ein Geräusch oder Luftzug der ihn von oben fortgescheucht. Mit unzerstörbarem Ernst schaut er nieder auf das spielende Kitz und die lauschende Geis.
Langsam und vorsichtig hat der Jäger indeß die Büchse zurückgezogen, bis er mit dem Korn den nächsten Laatschenbüschel erreichen kann. Der Schmetterling weicht den drohenden Stacheln des grünen Busches aus, und flattert thalauf, und wieder richtet sich das Rohr dem heißersehnten Ziele zu.
Da -- hat sein Auge irgend einen verrätherischen rückschlagenden Sonnenstrahl von dem blanken Lauf gefaßt? -- wirft der gefährdete Bock rasch den Kopf empor, und die klugen Augen haben im Nu den Ort der wirklichen Gefahr erkannt -- aber zu spät. Korn und Visir schmelzen gerade auf dem Blatt der wenig mehr als hundert zwanzig Schritt entfernten Beute zusammen; der Finger berührt den Stecher und mit dem Schlag, noch während der Bock sich vorn niederläßt, von seinem spitzen Stand hinabzusetzen, schlägt ihm die Kugel, schon etwas hoch, das Rückgrat über dem Blatt entzwei. Vergebens sucht das Thier sich mit den scharfen Läufen in den abschüssigen Boden einzukrallen, die Steine rollen unter ihm fort; halb fällt er, halb rutscht er nieder. Während ihm das Geröll polternd folgt und über ihn wegspringend dem nächsten Abhang zu fliegt, erreicht er unten den ersten festen Halt -- Steinblöcke, die Lawine oder Bergstrom da nieder geschmettert -- und sucht noch einmal dort sich aufzurichten. Vergebens; seine Kraft ist gelähmt, sein Lauf in diesen Bergen beendet, und während der rothe Schweiß den Boden um ihn färbt, bricht er stöhnend zusammen.
Aber an ihm vorbei fliegt die Kitzgeis, den offenen Weg zur Flucht nach unten nicht benützend. Zwar ist sie sicher vor des Schützen Rohr, denn keine Kitzgeis wird in der ächt weidmännisch betriebenen Jagd geschossen, aber was scheucht sie denn auf einmal dort hinauf? -- Hat sich der Schall des Schusses in den Bergen, was oft geschieht, so gebrochen, daß sie die Gefahr da unten wähnt, während sie hier oben in der Nähe des Feindes droht? Oh nein -- das scheue Thier weiß recht gut vor wem es flieht, denn über die Steine unten, über Geröll und Felsenblock hinwegspringend, so rasch fast wie der Bock selber früher sprang, der dort verendend liegt, kommt ein Jäger herauf aus der steilen Schlucht.
Den Bergsack auf dem Rücken, die Büchse über der linken Schulter, den Bergstock zum Springen über Spalte und Stein gebrauchend, wie der Rabe seiner Berge der den Geruch des Blutes wittert und mit raschem Flügelschlag schon nach dem Schuß krächzend herbeistreicht, setzt der kleine gewandte Bursch heran. Im Nu hat er dabei die Stelle gefunden wo das, noch einmal wenn auch vergebens seine letzten Kräfte anwendende Thier liegt. Büchse, Hut und Bergstock drückt er gleich darauf neben sich auf die Steine, das Messer fliegt aus der Scheide, und die sich krampfhaft streckende Beute stöhnt unter dem Gnadenstoß. Aber zu gleicher Zeit fast greift die eine Hand auch nach dem _Bart_ des verendenden Bocks, zieht die langen, mit weißer Spitze versehenen Rückenhaare[2] rasch und geschickt heraus, soweit sie sich zum Hutschmuck eben brauchen lassen, nimmt dann ein altes, schon mit früherem Schweiß beflecktes Stück Papier aus der Tasche, wickelt sie da sorgfältig hinein und birgt das in seiner Brusttasche. Jetzt erst geht er an das Geschäft des Aufbrechens, die Gemse dann später in dem rasch abgeworfenen Bergsack mit hinaus aus dem Graben zu nehmen.
[2]: Der Gemsbart sitzt dem Bock nicht etwa unter dem Kinn, sondern auf dem untern Theil des Rückens; an derselben Stelle, wo das Wildschwein die längsten starren Borsten hat.
Der Bursch da unten ist aber eine der interessantesten Persönlichkeiten unter sämmtlichen Jägern. Klein und fast schmächtig von Gestalt, aber trotzdem von zähem, nervigem Körperbau, munkelt man daß er früher, wie er jetzt Einer der besten, wenn nicht der beste Jäger des Reviers ist, auch Einer der berüchtigtsten Wildschützen gewesen sei. Jedenfalls kommt ihm keiner der Uebrigen gleich im Fallenstellen für alles mögliche Raubzeug, vom Jochgeier nieder bis zum kleinen Wiesel. Niemand lockt wie er Hasel-, Stein-, Schneehuhn und Birkwild, und fängt die Schnepfen und andere Strichvögel so geschickt in Schlingen. Auch Alles was man lebendig verlangt liefert er -- wohl nicht gleich, denn solch Ding erfordert Zeit -- aber _mit_ der Zeit gewiß und sicher.
Wenn man von oben die kleine unansehnliche Gestalt betrachtet, kommt's Einem auch wohl unwahrscheinlich vor, daß das der grimmste und gefährlichste Feind sein sollte, den die schlauen und scheuen Thiere der Wildniß hier in den Bergen, in ihrem eigenen Reviere hätten; so wie er aber den Kopf nur umdreht glaubt man's ihm. Der ganze Schnitt des Gesichts ist schon dem Adler gleich, das Auge nicht groß aber lebendig und rastlos, nicht einen Moment an ein und derselben Stelle haftend. Die Augenbrauen sind dabei hoch heraufgezogen, und wie durch das stete Horchen und Wachen so stehn geblieben. Der kleine Ragg, wie er zum Unterschied von seinem Vetter, dem _großen_ heißt, sieht aus, als ob er nicht einmal im Schlaf die Augen schlösse.
5.
Das Treiben am Joch.
Mit dem Riegeln -- wie diese Art Treiben genannt wird -- ist's jetzt vorbei. Dort drüben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinüber zum Waldeshang, denn hinunter zur erlegten Gemse könnte wohl kaum eins der scheuen Thiere selbst, so schroff und jäh läuft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon hinauf zum Sammelplatz schaffen.
Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein einziges Mal durch die Laatschen _aufwärts_ gestiegen, Freund, dann weißt Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zähen elastischen Zweige liegen alle nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fuß darüber hinlaufend, und dann wieder in die Höhe biegend, daß sie die Büschel an den Spitzen der Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rücken zu legen hat, leicht hindurch schlüpft, bleibt doch der Jäger mit seiner Büchse über der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen alle Augenblick darin hängen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. -- Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo dürre Aeste mit dazwischen liegen; ein Durchkommen wird da fast zur Unmöglichkeit, oder muß Zoll für Zoll erzwungen werden.
Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den Laatschen auf, als abwärts zu klettern. Die zähen Büsche hängen über alle Abgründe weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten, da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrängenden aus dem Wege biegen, wäre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz gemüthlich vielleicht in eine fünf- bis sechshundert Fuß tiefe Schlucht hineinzufahren.
Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak, schon sämmtliche Treiber um den Herrn versammelt.
Wie wundervoll die Wildniß um uns liegt. Dort drüben hebt der große Falke sein riesiges Haupt empor, während die gewaltigen Tannen an dem gegenüberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Büsche, und unter uns gähnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier scharf und abschüssig viel hundert Fuß wohl jäh hinunter sinkt.
Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit über den dunklen Abgrund hinausragt, die Büchse über der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzählend der große Ragg, während sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrückt hat.
Die anderen drei Jäger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken Bock im Bergsack trägt, stehen etwas weiter zurück.
»Und Ihr seht jetzt daß ich recht hatte,« sagt dieser; »die drei starken Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das _jedesmal_ thun, seitwärts ausgebrochen. Haben _Sie_ etwas geschossen?«
»Einen Bock« --
»Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schuß gekommen, während wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.«