Eine Gemsjagd in Tyrol

Part 2

Chapter 23,665 wordsPublic domain

Aber wir müssen weiter. Im Gebüsch zwitschert das Goldhähnchen und piept die Meise und sucht sich ihr Ruheplätzchen für den dunkelnden Abend. Noch glühen zwar jene Kuppen im Licht der scheidenden Sonne; in den Thälern da unten, deren Uebersicht uns hier im dicken Unterholze abgeschnitten ist, lagert sich aber schon die Nacht, zieht sich die weiße Nebeldecke langsam an den Zipfeln aus Felsenspalte und Waldesschlucht heraus, und schmiegt sich tief hinein in's weiche Bett.

_Wir_ haben noch ein tüchtig Stück zu steigen; doch mit dem Abend wird die Luft so kühl und frisch, so geheimnißvoll rauscht dazu der Strom unten im Thale hin, und zirpt die Grille tief im Dickicht drin, daß man recht gut noch einmal so rasch vorwärts rücken könnte -- wenn sich eben die Kuppen hinter uns nicht gar so wundervoll und wechselnd färbten, und den Wanderer wieder und wieder zwängen stehn zu bleiben, mit durstigem Auge jenes Götterschauspiel einzusaugen.

Wie der »Stuhlkopf« und die »rothe Wand« dort hinten im rosigen Licht der untergehenden Sonne glühn, die zwischen den hohen Kuppen der beiden Falken durch ebenfalls noch ihre Streiflichter wirft, und an dem zackigen Gemsjoch wie der abgeplatteten Spitze des Sonnenjochs die letzten Strahlen bricht. Und immer lichter werden dort die Höhn, immer durchsichtiger, duftiger wird das graue schwere Gestein das, wenn auch scharf abgezeichnet gegen den reinen Horizont, doch mit dem Aether zu verschwimmen scheint. Und grüner, dunkler wird der Wald, schattiger das Thal; mit tieferem Blau färbt sich der Himmel und düsterer und wilder wird drüben der Bergeswall, der jetzt nur noch die dunkeln Schattenwände zeigt und in den innern Conturen schon in einander fließt. Einzelne Sterne blitzen am Himmel auf, und wie sich im Westen dort am hellen Aetherrand mit schwarzen schroffgerissenen Linien die oberen Joche abschneiden, liegt die andere Welt in tiefer, schweigender Nacht. Stärker rauscht dazu der Strom, als ob er eiliger hinaus wollte aus den dunkeln Thälern, in's Freie nieder. Heimlicher säuselt der Wald von einem leichten Süd-West bewegt, der flüsternd, und mit den thaufeuchten Zweigen kosend, das Thal hinauf weht, und über den ganzen weiten Himmel ausgegossen, ist plötzlich der Sterne funkelnder Glanz.

Und dort liegt die Pirschhütte; hellblinkend schauen die neuen Breter aus dem dichten Grün der Laatschen vor; aus dem verhangenen Fenster schimmert Licht, und nebenan leuchtet aus einem anderen kleinen Haus der Feuerschein vom Kamin der Jäger herüber. Die Schweißhunde schlagen an; die Jäger die ein paar Stunden vorausgeschickt waren, springen vor die Thür, und der Herr betritt, freundlich grüßend, zum ersten Mal wieder und mit leuchtendem Blick sein Pirschhaus zu Steileck, die stille Jägerhütte in den Alpen.

Zur Toilette braucht's da oben wenig Zeit, die ist in den Bergen rasch beendet, und jetzt kommt eigentlich der schönste Augenblick: Der Jägerrath, der Bericht der Leute wie's in den Bergen steht, und was am Besten jetzt zu thun sei, dem scheuen Wilde beizukommen.

»Rainer soll herein kommen!«

Wenige Minuten später geht die Thür auf und Rainer, der grad' vom Essen aufgesprungen ist tritt, sich noch geschwind den Mund in der Thür wischend, in's kleine Gemach. Er war schon eine Zeit lang vorher heraufgeschickt worden, das Terrain, das er selber aus früheren Jahren genau kennt, zu recognosciren, die verschiedenen Joche und Klammen, wie die eingerissenen scharfen Schluchten -- Gräben, wie die breiten Seitenthäler genannt werden -- abzuäugen, und von den verschiedenen dort stationirten oder mit der Ueberwachung beauftragten Jägern Erkundigungen einzuziehen.

Rainer ist aber an sich selber eine viel zu interessante Persönlichkeit, ihn so ohne Weiteres, und ohne etwas nähere Beschreibung einzuführen.

Bei Tafel unten im Schloß im schwarzen Frack, schwarzen langen Hosen und steifer Halsbinde mit aufwartend, giebt es kaum eine steifere, unbeholfener aussehende Figur als ihn, und wie verwandelt ist der Mann, wenn er in die freie Bergtracht hinein, und mit Knieen und Hals aus den beengenden Kleidern herausfahren kann. Es ist ordentlich als ob er mit der Tyroler-Joppe und dem spitzen Hut, den kurzen Hosen und den eisenbeschlagenen Schuhen auch einen anderen Menschen angezogen -- und das geschah auch in der That. Jede seiner Bewegungen ist frei und natürlich, und das charakteristisch geschnittene Gesicht mit dem blonden, sorgfältig gepflegten Bart, die klugen, hellen Augen und der sehnige Körper, machen ihn zu einem tüchtigen Repräsentanten des ganzen Jägervolks.

Seine Worte setzt er freilich manchmal, als ob er doch noch im schwarzen Frack stäcke, und ich weiß auch nicht ob er sich selber nicht vielleicht ganz gern darin sieht, -- wenn das der Fall wäre hätte er unrecht.

Rainer hat die Schweißhunde unter sich, und selber einen kleinen Dachs, der sogar in den Alpen seinesgleichen auf der Fährte sucht. Bergmännle spielt eine zu bedeutende Rolle auf der Nachsuche, ihn unerwähnt zu lassen, und manches angeschossene Stück hat der kleine unerschrockene und unverdrossene Teckel schon gefunden und gestellt.

»Nun Rainer wie steht's? ist noch 'was da?«

»Nu ich denk' Hocheit -- s' sieht gut aus;« lautete die vergnügt lächelnde Antwort, und Rainer holt sich indeß mit den Augen seinen Dank für die gute Botschaft von sämmtlichen Gesichtern.

»So? -- hast Du Gemsen gesehn?«

»Sehn thut man gerade nicht viel, aber spüren überall -- nur noch nicht recht oben auf den Alpen. Es ist noch zu warm, und sie stehn drin in den Gräben.«

»Aber Du hast doch auch welche _gesehn_?«

»Ei ja wohl. Gestern war ich drüben an dem Leckbach, da standen drei Rudel auf den Reißen, eins von zwölf, eins von sieben und eins von funfzehn Stück. Capitalgemsen und eine Menge Kitzgeisen dazwischen.«

»Und keine Böcke?«

»Nachher guckt ich in die Delpz nur so von oben hinein, da standen dicht unter der Wand drei Capitalböcke -- Einer schußrecht; und unten drin war ein Rudel von elf Stück -- und noch zwei Böcke.«

Des Herrn Augen leuchteten.

»Also es _giebt_ Gemsen?«

»Ich sollt's meinen,« sagt Rainer mit vergnügtem Gesicht. »Und besonders viel Kitzen hab' ich gesehn. Der Weinseisen hat auch gestern zwei starke Rudel an der Luderstauden[1] gespürt, und einen mordmäßig starken Bock gesehn. Er soll Krickeln aufgehabt haben _so_ hoch, und der Bart hat ordentlich in Wind geweht.«

[1]: Luderstauden heißen dort die Alpenerlbüsche.

»Wo war das?«

»Gleich dort oben auf dem Roßkopf.«

»Das ist der alte Bursch,« lacht der Jagdherr, »der uns schon drei Jahre zum Besten gehabt hat; der ist zu schlau, den bekommen wir nicht.«

»Nu, vielleicht fallirt's ihm doch einmal,« sagt Rainer, eins seiner schwarzen-Frack Worte riskirend.

»Nun, und drüben am Grasberg? -- an der Fleischbank oben, und in den Gräben?«

»Gemsen sind überall,« lautet die Antwort, »man sieht sie aber da herum nur selten, weil sie in den Dickichten drin stecken.«

»Hast Du am Waldeck etwas gespürt?«

»_Leer_ ist's nicht,« weicht hier Rainer vorsichtig aus, denn wahrscheinlich wird dort morgen zuerst gejagt, und er möchte nicht gern zu große Erwartungen wecken, obgleich er auch dort Gemsen gesehen hat.

»Und drüben am Heimjoch, in der Laures und am Blunzjoch drüben?«

»Das ist ein Hauptplatz,« sagt Rainer und wird warm dabei -- »der Wastel ist vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen. -- Am Eiskönig soll's ordentlich lebendig sein.«

»Also auf dieser Seite sieht's gut aus, und wie steht's drüben? Ist das Pirschhaus im Laritter Thal fertig?«

»Sie hämmern noch drüben,« meint der Gefragte etwas kleinlaut, »soll aber heute oder morgen fertig werden.«

»Und im Leichwald; am Falken?«

»Da wimmelt's,« versichert Rainer. -- »Am Falken -- das giebt ein Haupttreiben, da stehn wenigstens 200 Gemsen.«

Der hohe Herr zieht ein bedenkliches Gesicht und schüttelt den Kopf, Rainer aber, durch den Zweifel gekränkt fährt eifrig fort »Hocheit, sollen mir den Hals abschneiden, wenn's nicht wahr ist.«

Da von dem Anerbieten für jetzt noch kein Gebrauch gemacht wird, ergeht er sich dann in näherer Beschreibung des Terrains und der dortigen Rudel, die allerdings das Außerordentlichste verspricht. Beiläufig muß ich aber hier nur bemerken, daß dies berühmte Falkentreiben später wirklich gemacht wurde und statt der 200 Stück versprochenen Gemsen, _sieben_ darin waren, aber nicht zum Schuß kamen. Rainer erwähnte dabei nichts weiter von seinem Hals.

»Und wie steht's mit dem Rothwild?« geht nun die Frage auf den anderen Zweig der Jagd über, der allerdings jetzt nicht zur Ausübung kommt, da die Jahreszeit für die Hirsche schon zu weit vorgerückt ist, und diese schon fast sämmtlich abgebrunftet haben.

»Drüben am Roßkopf haben zwei starke Hirsche noch gestern geschrien; an dem Leckbach drei -- Hirsche hört man überall und Wildpret spürt sich auch überall auf den Pirschwegen.«

»Aber viel eingegangen ist doch im letzten Winter?«

»Acht Stück sind im Ganzen gefunden,« lautet die traurige Bestätigung, denn der Winter war gar zu streng, der Schnee zu tief und dauernd, und das arme Wild konnte nicht dagegen ankämpfen. Starke Hirsche selbst wurden, im Schnee stehend, todt entdeckt, und auch viel Rehwild war eingegangen. Rehwild hält sich überhaupt nur spärlich in den Bergen.

»Und was machen wir morgen?« lautet jetzt die direkt auf die Gegenwart bezughabende Frage -- »was hast Du Dir gedacht?«

»Nun ich dachte so -- wenn Hocheit vielleicht morgen oben die Fleischbank trieben oder den Waldeckelgraben -- leer ist's nicht, und schießen thäten's gewiß; dafür bin ich beinah ganz überzeugt.«

»Und wie wollt Ihr's treiben?«

»Nun ich dachte so, daß der Wastel und Weinseisen mit dem großen Ragg vom unteren Pirschweg den Graben dußemang heraufstiegen und sich nur manchmal sehn ließen und ich mit dem Martin dann die Wand von drüben herein brächte.«

»Und ich soll mich dann oben an den Graben stellen?«

»So war meine Meinung -- wenn Sr. Hocheit was Besseres wissen --«

»Und da treibt Ihr mir die Gemsen ruhig in den Seitengräben hinauf; denn daß Ihr sie nicht bis oben hin bringt, wißt Ihr, und ich stehe zum Spaß dort zwei oder drei Stunden lang.«

»Wenn's da nicht wenigstens vier, fünfmal schießen, sollen Sie mir den Hals abschneiden,« erbietet sich Rainer zum zweiten Mal leichtsinniger Weise -- »die anderen Schützen stellen wir dann an der hervorderigen Seite oben und unten hin.«

»Nun gut,« sagt der Herr resignirt, »dann kommen die Herren wenigstens zum Schuß, _ich_ aber stehe zur Abwehr da oben. Du wirst sehen.«

Rainer macht eine halb verzweifelte, halb unglückliche Geberde über das schmerzende Mistrauen, schweigt aber --

»Sonst noch etwas?«

»Draußen« sagt Rainer, der überhaupt dem Gespräch eine andere Richtung zu geben wünscht »steht der neue Jäger von der Au. Hocheit haben ihn hieher beordert, und er wünscht unterthänigst den Grund seines Daseins zu wissen.«

»Er soll nur kommen.« Alle lachten.

Rainer ist entlassen, und gleich darauf tritt ein anderer erst kürzlich einberufener Jäger aus den entfernteren Thälern, mit einer kurz abgeknickten Verbeugung, aber mit offenem, freundlichen Gesicht herein, und bleibt nicht etwa schüchtern an der Thür stehn, sondern geht gerade auf seinen Herrn zu.

»Nun, Johann, wie steht es bei Euch da drüben?«

»Gut,« sagte der Mann mit einem kurzen, ihm eigenthümlichen Kopfnicken, indem er seinen Hut in der Hand rasch herumdreht -- »es macht sich mit den Gemsen.«

»Sind starke Rudel drüben?«

»Nu ja,« nickt der Jäger und lehnt sich mit dem Ellbogen zutraulich auf die hohe Lehne desselben Stuhles, auf dem der Herr sitzt. Dieser lächelt still vor sich hin, läßt aber den Mann gewähren. Es ist ein braver Bursch und wenn er die Sitte draußen im Land nicht kennt, weiß er dafür desto besser in seinen Bergen Bescheid. »Es giebt schon hübsche Rudel drüben, und besonders viel Kitzgeißen das Jahr.«

»Und der Winter hat ihnen nichts gethan?«

»Ih -- ich denk,« lächelt der Jäger kopfschüttelnd, »wenn nicht einmal eine oder die andere von einer Lawine erwischt wird -- im Uebrigen hat's keine Noth.«

Es folgt jetzt ein ausführlicher, ziemlich befriedigender Bericht des dortigen Gems- und Wildstandes, und der Jäger wird endlich wieder freundlich entlassen.

Die Nacht ist jetzt weiter vorgerückt, und die heutige noch ungewohnte Anstrengung, mit der feineren reineren Bergluft macht auch ihr Anrecht geltend, als der Ruf »da schreit ein Hirsch!« von draußen, halbflüsternd aber doch laut genug hereintönt, die Aufmerksamkeit rasch dorthin zu lenken. --

Wir treten hinaus vor die Thür. -- Wie still die Nacht hier auf den Bergen liegt. Nur das Rauschen des Stromes tönt herauf, und das einzelne Zirpen einer Grille mischt sich in das leise heimliche Flüstern und Rascheln der Zweige. -- Drüben liegen in schweigender Majestät schwarz und düster die mächtigen Bergrücken wie schlummernde Riesen -- kein Laut weiter unterbricht die Todtenstille.

»Huh -- a -- h!« tönt da langsam und faul, aber tief und gewaltig der Brunftschrei eines starken Hirsches weit aus dem unten liegenden Thal herauf.

»Das ist ein braver Hirsch,« geht der leise geflüsterte Ruf, den Schreienden nicht etwa zu stören und »da ist noch Einer« ruft Martin, als drüben vom »Roßkopf« herüber ein anderer schwächerer herausfordernd antwortete.

Wie wunderbar das in dem stillen Walde klingt; wie seltsam feierlich, und doch so wild. Nur das Herz des Jägers füllt der Ton mit unbeschreiblichem Entzücken. -- Was ist Nachtigallenschlag, was irgend eine Symphonie dagegen, die sonst im Lande drin vielleicht sein Herz entzückt. _Das_ ist Musik, das zittert durch die Nerven, und macht das Herz rascher schlagen, das Auge glühn und leuchten.

-- Jetzt ist wieder Alles still -- da noch einmal tönt der Ruf herauf, aber weiter nach rechts. Der alte Bursch unten hat die Ausforderung angenommen und zieht hinüber nach dem andern Hang, den Gegner zu bekämpfen oder zu vertreiben. -- Nun ist Alles ruhig; -- nur die Grille zirpt fort, und der Bergstrom unten rauscht sein volltönendes brausendes Lied durch die stille Nacht. --

Es ist das überhaupt ein eigenthümliches Gefühl, das den aus dem unteren Land heraufgekommenen Jäger die erste Nacht erfaßt -- diese ungewohnte heilige Stille der Natur. Kein Wagenrasseln, kein Nachtwächterruf, kein Glockenschlag, kein lauter Tritt der durch öde Straßen hallt -- es ist Alles Frieden und Ruhe, als ob hier oben gar keine Leidenschaften tobten und stürmten. Nur das leise Flüstern des Laubes legt mit sanftem, wohlthuenden Finger den Schlaf auf unsere Augen -- und wie gut schläft sich's in den Bergen.

3.

Aufbruch zur Jagd.

-- -- -- Draußen schlägt ein Hund an -- der langsame Schritt eines Jägers auf dem Steinboden wird laut; -- durch das verhangene Fenster dringt der erste dämmernde Schimmer des jungen Tags -- der erste freudige Bote begonnener Gemsenjagd.

Frisch und stärkend schlägt die kühle Morgenluft in das weit geöffnete Fenster und dort? -- träume ich denn noch oder wach' ich, und _kann_ das wundervolle Bild das dort, den staunenden Blicken ausgebreitet in all seiner Pracht und Herrlichkeit liegt, Wahrheit -- Wirklichkeit sein?

Gerad gegenüber, und hoch in die reine duftige Morgenluft hineingebaut, ragen die grauen lichtumflossenen Kuppen der Falken hinein -- rechts hebt der Stuhlkopf sein breites mächtiges Joch, und tief da unten, weit zwischen beiden hinein, und im Hintergrund von einer schroffen wallartigen Wand, dem Carvendelgebirge begrenzt, zieht sich ein tiefes grünes Thal, in das der Schöpfer zu dieser frühen Morgenstunde all seine wunderbarsten Tinten und Schatten, von all der zauberhaften Pracht der Alpenwelt übergossen, hineingeworfen hat.

Vom Carvendelgebirge nieder springt der Johannisbach wie ein silberschlängelnder Faden zwischen dichtem Waldesteppich durch, der rechts und links in leichten wellenförmigen, selten schroffauflaufenden Hügeln die Seitenwand erklimmt. Kleine saftgrüne Grasflächen, hie und da mit Spuren hineingestreuter Hütten und Einfriedungen sind dazwischen sichtbar, und über dem Ganzen liegt ein leichter, durchsichtiger blauer Duft, der in dem dunklen Grün der Tannen über dem Silber des Baches, über dem Lichtgrau der in die Wälder hineinragenden Reißen seine Schattirung wechselt, während klar und schroff die hohen nackten Kuppen und Joche der umschließenden Gebirge dies wunderbare Meer von Licht und Farbenpracht überragen. -- Jetzt plötzlich erglühen diese in dem ersten Strahl der aufgehenden Sonne, während ihre Zacken in ganz fremdartigem Licht und Raumtäuschung die weiten Schatten werfen, und unten im Johannisthal zittert, von den oben hellerleuchteten Wänden reflectirt, ein mattes rosiges Licht über das bläulich dunkle Grün der Waldung, das gegen den fremden Schimmer anzukämpfen scheint. Farben führen aber nur auf schlechten Bildern und geschmacklosen Kleidern Krieg mit einander; in der Natur ist Alles Harmonie. In wenigen Minuten ist das Ganze zu einem Rosenduft verschmolzen, in dem die tiefe Landschaft glühend liegt. Wie aus dem Grund heraus heben sich dabei die dunkleren Schatten der Waldung mit ihren eingerissenen und jetzt weit schärfer hervortretenden schwarzen Schluchten und Spalten; klarer schneidet sich der silberhelle blinkende Bach heraus, auf dem das Auge jetzt schon die kleinen schneeweißen Schaumwellen erkennen kann. -- Der Rosenhauch geht in einen helleren, lichteren Duft über, und wie die Sonne drüben hinter dem Sonnenjoch emporsteigt und ihre Strahlen hell und mächtig in die Thäler wirft, schwinden die zitternden Tinten der Morgenluft in ihrem Schein und -- es ist _Tag_.

Heiliger Gott, wie ist deine Welt so schön und reich, daß du selbst in die geheimsten Schluchten dieser Erde solch wunderbare Pracht gestreut. Worte fehlen da auch, solcher Allmacht gegenüber, und wie die Lerche draußen im Land wirbelnd ihr frohes Dankgebet zum Himmel trägt, wie der duftende Baum sein Weihrauchopfer haucht, wie die Berge, im Wiederglanz des himmlischen Lichts höher und freudiger erglühn, so bringt die zitternde Thräne im Menschenauge, bringt das jubelnde Herz in Menschenbrust dem unerkannten Wesen über uns seinen stillen Dank, den es mit Worten und Gebeten nimmer so heiß, so glühend sprechen könnte.

Und doch vergessen ist im Nu die vor uns ausgebreitete Pracht und Herrlichkeit. --

»Da drüben steht ein Hirsch!« ruft mit seiner heiseren Stimme Martin (kein _Tyroler_ Jäger), der ein Auge wie der Falke hat -- »und dahinter noch zwei Stück Wild!« Zu gleicher Zeit zieht er das immer händige Perspectiv hervor und richtet es nach dem Hang des Roßkopfs hinüber, der in einer Entfernung vor uns liegt als ob ihn eine Büchsenkugel leicht erreichen müßte.

Vergebens aber sucht das Auge, noch nicht an diese Lichttäuschung in der Ferne gewöhnt, durch die offenen Blößen des dort ziemlich lichten Waldes, nach dem gemeldeten Wild. Nirgends läßt sich auch nur das geringste Lebendige erkennen.

»Dort weiter oben steht auch noch ein Altthier mit einem Schmalthier, und links davon ein Sechsender. -- Donnerwetter, ist das da unten ein starker Hirsch!« murmelt Martin dabei vor sich hin, indem er durch sein ausgezogenes »Bergspectiv« (wie es die Tyroler nennen) hinüber schaut.

»Aber wo? um Gottes Willen?«

»Gerad dort drüben auf der offenen Stelle; dicht neben der umgefallenen Tanne, wo der gelbe Fleck im Boden ist -- gleich links darüber.« --

Der gelbe Punkt? -- wenn man nach einem Kaninchen ausgeschaut hätte, würde man etwa ein lebendes Wesen von _der_ Größe in _der_ Entfernung erwartet haben, und jetzt ist das ein starker Hirsch, zehn- oder zwölfendig, der sich dort ruhig an der Lanne im Walde äst, und nur manchmal nach den, nicht weit über ihm stehenden Thieren auf äugt. Jetzt wird der Blick auch erst auf die verhältnißmäßige Größe der Bäume aufmerksam, die da drüben wie zierlicher Nipptischschmuck, trotz der Entfernung in der reinen Luft mit jedem kleinen ausgezackten Zweig fast sichtbar, stehn, und steigt man zu ihnen hinüber, zu mächtigen Stämmen anwachsen.

Das Wild äst sich indessen langsam in die Dickung hinein -- wird wieder auf einer kleinen Blöße sichtbar, und verschwindet endlich in den Laatschen. Aber die kostbare Zeit verschwindet ebenfalls, und rasch wird das leichte Frühstück eingenommen, das nur ein kleines Intermezzo draußen nicht etwa stört, sondern eher noch würzt.

Der rothe Schweißhund, Pirschmann, von guter tüchtiger Race -- ob aus misverstandenem Eifer oder Langeweile -- es läßt sich kaum vermuthen aus eigennützigen Zwecken -- hat den etwas primitiv angelegten Keller auf seiner nächtlichen Runde entdeckt, und der dort niedergelegte Kern eines gekochten Schinkens war verschwunden. Pirschmann läugnete allerdings hartnäckig, oder weigerte sich wenigstens, wozu er auch nicht gezwungen werden konnte, gegen sich selber zu zeugen; und Rainer dem die Ueberwachung der Hunde übertragen, bekam vom Mundkoch die von ein oder dem andern verdiente Nase.

Aber keine Zeit ist's mehr für solche Dinge. Die Jäger stehn draußen gerüstet, den Bergsack auf dem Rücken, den Stock in der Hand, die Büchsflinte oder den Wender über der linken Achsel; die Sonne scheint voll auf die markigen malerischen Gestalten, auf die offenen treuherzigen, und oft doch so verschmitzten Züge, und geduldig harren sie des Zeichens zum Aufbruch. --

»Und nun vorwärts!« ruft der Herr der Jagd, der in der leichten Jägertracht, den Bergstock in der Hand, nur statt des spitzen zum Pirschen, seiner Höhe und dunklen Farbe wegen nicht einmal ganz praktischen Tyroler Hutes, eine einfach graue sehr leichte Mütze trägt. Die Jäger reißen, als er an ihnen freundlich grüßend vorübergeht, rasch die Hüte herunter, und während er den schmalen Pirschpfad voranschreitet folgen mit so wenig Geräusch als möglich, die übrigen Schützen und Jäger in bunter Reihe und ächt indianischem Marsch, Einer hinter dem Andern. -- Bietet der schmale Weg doch oft kaum Raum für den einen Fuß. --

Langsam windet sich so der Zug bergauf. Der Tyroler Jäger und überhaupt der Alpenjäger hat einen langsamen aber stäten Schritt; den aber behält er bei, ob er eine sanfte Anhöhe, oder eine steile Wand ersteigt. Ruhig setzt er Fuß vor Fuß, der Brust dazwischen Zeit zum Athmen lassend; aber er rastet nie. Wenn er nicht pirschen geht, wo die ganze Jagd nur im Vorschleichen und wieder Halten und Umheräugen und Lauschen besteht, fällt's ihm nicht ein sich auszuruhen, Stunden lang, -- er müßte denn eine schwere Last mit sich tragen. Die ächten Bergsteiger haben auch alle einen etwas vorwärts gebogenen Gang, aber desto sichereren Schritt, und Schwindel kennen die Leute nicht. Bricht ihnen nicht einmal an gefährlicher Stelle ein Stein unter den Füßen weg, oder schleudern über ihnen losgegangene Gemsen auf ihrer Flucht nicht lockeres Geröll auf sie nieder, das sie mit in den Abgrund nimmt, so wandern sie auf ihren schwindelnden Bergpfaden und an den hängenden Wänden so sicher hin, wie der Bewohner des flachen Landes auf seinen breiten Straßen. Der Gefahr müssen sie aber doch stets in's Auge sehn; der Tod lauert auf sie in mancherlei Gestalt und Art, und _weil_ sie das wissen und ihm doch begegnen, deshalb auch ist ihr Blick so frei und offen, ihr Schritt so fest und keck und männlich.

Jetzt haben wir den oberen Pirschpfad erreicht, und von der Stelle, an der wir einen Augenblick halten, sehn wir das, vor einer halben Stunde etwa verlassene Pirschhaus wie ein kleines aus Marzipan gebackenes Zuckerwerk tief hinter uns im Schatten der Bäume liegen. Hell schimmert das Dach aus der dunklen Umgebung vor, und heller noch jener schneeweiße Punkt der sich daneben zeigt. Es ist der Mundkoch, der mit seiner weißen Jacke, Schürze und Kappe vor seiner Thür stehend, die Jäger noch mit den Blicken am Berggelände suchen will. Aber die Erd- und Steinfarben gekleideten Gestalten sind lange aus seines Auges Bereich, und ihre Umrisse verschwimmen mit dem Boden auf dem sie stehn.