Eine Gemsjagd in Tyrol

Part 12

Chapter 121,002 wordsPublic domain

Zitternd und scheu sucht in solcher Zeit das arme Wild den Schutz der bergenden Waldung, und die breitarmige Tanne, die ihre Zweige wie ein Dach zur Erde niedersenkt, hat immer noch ein Plätzchen für ihre Lieblinge. An Nahrung kann sie ihnen freilich Nichts weiter bieten, als was sie sich selber gegen den Schnee geschützt gehalten, und was vielleicht der Nachbarbaum noch birgt. Ob nun das Wild den Sommer durch absichtlich das Gras unter diesen Bäumen schont, im Winter Nahrung dort zu finden, oder ob es ihm, wo überall genug der süßen Aesung steht, zu unbequem ist unter die niederhängenden Zweige zu kriechen, aber diese unter den Bäumen freigehaltenen Stellen sind dem Wild in jenen Bergen der größte Schutz gegen Sturm und Hunger, und nur, wenn der Schnee zu furchtbar arg wird, wie im vorletzten Jahr, und die armen Geschöpfe vielleicht gar an solchen Stellen einschneien und sich nicht wieder vorarbeiten können, dann freilich gehn sie ein, und Füchse und Raubvögel haben reiche Atzung.

Sobald aber die Schneedecke friert und hart wird, ist die flüchtige Gemse wieder auf den Füßen, und dann geht es mit frohen Sprüngen in die Berge hinauf, dort süßere Aesung zu suchen als der Wald ihr bieten konnte. An den schroffen Wänden giebt es auch überall Schneestürze, die hie und da einen Grasfleck freigeschoben haben, bis die Lawine mit vollen Händen den grün und reich besetzten Tisch für sie deckt. In der Zeit haben sie auch nicht mehr des Jägers Rohr zu fürchten. Wenn sie nur die Augen gut nach oben Wacht halten lassen -- nach unten sind sie sicher.

* * * * *

Vor dem Schloß stehn die Jäger, dem scheidenden Herrn noch ein Lebewohl zuzurufen. Sie sind meist Alle in ihrer Sonntagstracht und sehen ernst, ja fast traurig aus, unterhalten sich auch nur leise miteinander. Die fröhliche Jagd ist vorbei, der lange schwere Winter liegt vor ihnen, und sie haben Nichts, das sie heiter stimmen, oder ihnen Anlaß zu den sonst häufigen Scherzen und Neckereien geben könnte.

Auch Bandey, der Fischer und Vogelsteller steht dazwischen, mit noch ganz besonderer Ursache unzufrieden zu sein. Armer Bandey, Du paßtest vergebens auf einen Deiner Kameraden, den Du für den Fischdieb hieltest, und während Du mit Zorn und Rache in dem sonst so gutmüthigen Herzen auf einen spitzen Hut und ein paar Lederhosen zur Zielscheibe wartetest, stahl Dir eine Fischotter, fast unter dem Lauf der alten Schrotflinte weg, die mühsam gefangenen und so treu bewachten Forellen.

Selbst Jackel fehlt nicht mit dem rothen, gutmüthigen aber immer etwas verdutzt dreinschauenden Gesicht. Er sieht heute aber nicht reinlicher aus als gewöhnlich. Da tritt der Kammerdiener zu ihm, und reicht ihm freundlich die Hand zum Abschied.

»Nun Jackel, halte Dich gut bis zum nächsten Jahr.«

»Danke schön; gleichfalls -- kommen Sie hübsch gesund wieder her,« nickt Jackel gutmüthig, und schüttelt die gebotene Rechte aus Leibeskräften.

»Aber Jackel,« sagt da der Kammerdiener, indem er seinen prüfenden Blick an der vierschrötigen Gestalt auf und nieder gleiten läßt, mit freundlich verweisender Stimme, »wie siehst Du wieder aus. Reine Wäsche hätt'st Du Dir doch wenigstens heute anziehen können. Was sollen denn die Herren von Dir denken?«

»Ach Herr Kammerdiener,« sagt Jackel gutmüthig lächelnd, aber doch ein wenig dabei erröthend, -- »die sind's halt schon an mir gewöhnt.«

Die Wagen fahren vor -- die Jagdgesellschaft tritt in den kleinen Vorhof hinaus, und Jeder springt auf seinen Sitz. -- Noch einen freundlich grüßenden Blick wirft der scheidende Herr über die Gestalten der Jäger, die ihm mit rasch heruntergezogenen Hüten den herzlichen Abschiedsgruß zurufen, einen anderen, fast mit einem leichten Seufzer nach den schneeigen Bergriesen hinauf, von denen er jetzt wieder auf ein volles Jahr Abschied nimmt -- und wie im Flug rollen die leichten Wagen die schmale aber glatte Straße entlang, dem flachen Lande zu.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

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Zwei textumgreifende Illustrationen auf den Seiten 61 und 68 werden in der Transkription beschnitten dargestellt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

im Inhaltsverzeichnis: "Seite 121" geändert in "Seite 120" "Seite 128" geändert in "Seite 127" "Seite 138" geändert in "Seite 137" "Seite 149" geändert in "Seite 148"

Seite 3: "," hinter "Heerden" entfernt (ihre Heerden vor Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit)

Seite 10: "-" eingefügt (erst durch prächtige Buchen- und Ahornwälder)

Seite 15: "Jäger-rath" geändert in "Jägerrath" (Der Jägerrath, der Bericht der Leute)

Seite 17: "«" eingefügt (weil sie in den Dickichten drin stecken.«)

Seite 18: "." eingefügt (vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen.)

Seite 21: "." eingefügt (mit unbeschreiblichem Entzücken. -- Was ist Nachtigallenschlag)

Seite 61: "." eingefügt (oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt höher)

Seite 69: "»" eingefügt (»ich hab' genug an dem Schuß.«)

Seite 69: "»" vor "Der" entfernt (Der Wastel erwiederte Nichts)

Seite 87: "aufloderte" geändert in "aufloderten" (schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.)

Seite 97: "«" eingefügt (es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.«)

Seite 97: "«" eingefügt (hat er im Nasentüchel nach Haus getragen.«)

Seite 100: "»" eingefügt (»er mußte drei Stunden gehn)

Seite 115: "Schnebahn" geändert in "Schneebahn" (als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe)

Seite 131: "," eingefügt (die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste)

Seite 134: "," eingefügt (flogen sie auf mich zu, kreisten mir)

Seite 137: "ihn" geändert in "ihr" (und die Jäger ihr »Ich meinet halt)

Seite 139: "konte" geändert in "konnte" (deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen)

Seite 140: "." eingefügt (sich das als ein alter Bock auswies.)

Seite 143/144: "," eingefügt (Schreckschüsse wie sich später auswies, die Gemsen die oben)

Seite 150: "gelieben" geändert in "geblieben" (Wastel war ein Stück zurück geblieben)

Seite 151: "»" vor "das" entfernt (-- das hält!«)

Seite 157: "Banday" geändert in "Bandey" (Armer Bandey, Du paßtest vergebens)]

End of Project Gutenberg's Eine Gemsjagd in Tyrol, by Friedrich Gerstäcker