Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Eine feine Woche!
Von
Fritz Pistorius
Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«.
Dritte Auflage.
Berlin.
Trowitzsch & Sohn.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
=Montag=: Paradeferien 5
=Dienstag=: Nachmittag frei 25
=Mittwoch=: Die schönste Enttäuschung 41
=Donnerstag=: Ein recht bewegter Vormittag.
1. ~Sic me servavit Apollo~ 53
2. Strafe muß sein! 57
3. Zu langstilig und zu kurzstielig 62
=Freitag=: Die Klassenpartie.
1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie 71
2. Vorfreuden 76
3. Ein armer Junge 80
4. 2 ~m~ Schottisch 89
5. Edler Wettstreit 95
6. Würden und Ämter 102
7. Der Überfall am Pechsee 107
8. Auf hoher Warte 114
9. Brennesseln und Regenwürmer 116
10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen 129
11. »Dieser Stein vom Seinestrande« 140
12. Blattlaushumor 145
13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel 150
14. Aufregung von Anfang bis zu Ende 155
15. Beim Kaffeetrinken 161
16. Heimkehr 166
=Sonnabend=: Ferien 173
Montag: Paradeferien.
»Na, nu schlägt’s dreizehn!« --
Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die Tischplatte hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären ihm alle Geigen aus dem Himmel gefallen. --
»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches Exerzitium vergessen! Nee, so ein Pech!«
Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen Lächeln in das Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir haben heute Paradeferien!«
»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe es gestern noch schnell gemacht. Und nun habe ich es zu Hause liegen lassen! Nee, es ist zu dumm!«
»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!«
»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich in die ~la main~! Ich dachte, in der Zeitung gestern früh würde stehen, daß wir heute frei hätten. Und --«
Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja, ich verstehe auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht --«
Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach, quatsch’ nich, Krause! Hier haben nur die Schulmeister das Recht. Und Bumsvallera hat das Recht, mich nachher im Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir Latein?«
»In der dritten Stunde!«
»In der ersten Französisch bei Fuchsen! ~Bon!~ Der Schuldiener muß nachher mein Heft holen! Er mag wollen oder nicht, und es kann kosten, was es will! Und dann --«
Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr eintöniges Lied los; die Jungen fahren herum.
»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden Tag was anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!«
Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es ihm geht, so geht’s sehr vielen oder beinahe allen Jungen. Immer fehlt ihnen etwas; immer müssen sie hoffen, hier oder da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an einer sicher drohenden Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal Paradeferien!
»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie machen!« denkt ein Dummer, während schon gebetet wird. »Vielleicht, weil doch am Sonnabend die Pfingstferien anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei doch ebenso falsch.
Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen ganz krampfhaft.
»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am Freitag --«
»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf. »~Ad~ Landpartie ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am Freitag wird also die Partie gemacht! Punktum!« Und ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der Doktor Fuchs jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der Substantiva wird gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft beim Extemporale, und zu viel Trockenfütterung ist auch nicht dabei. Immerhin --
Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren.
»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder ins Lateinische zurück! ~Imago. -- Genitiv?~«
Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich! Aber die Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen nach der Seite des Flures hin.
Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen Korridors, eine Tür geöffnet worden wäre, und als wenn ein etwas verworrener Lärm einen Augenblick daraus hätte hervorbringen wollen. Nur einen kleinen Augenblick! Aber es war ihnen doch so!
Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell anwachsend! Und jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr!
Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß, fragend, ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu liegen.
Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch nur: »Na, also doch!«
Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische Exerzitium! Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall kriegt -- wie er es schon einmal getan hat! -- und sammelt die Hefte für Bumsvallera ein! Dann liegt er doch drin im Wurstkessel! --
Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor erscheint auf der Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt seinen Lippen. »Wollen Sie die Schüler entlassen! Mit Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute der Unterricht der Parade wegen aus!«
Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben ihre Mappen angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern durch die Klasse, als hinge an den wenigen Sekunden, die man vielleicht später als die andern Klassen hinauskäme, das Leben. Und heute auch noch beten!
»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht an die lateinischen Hefte. Der Junge, der heute zum Beten daran ist, läßt ihm auch keine Zeit:
»Anfang, Mitt’ und Ende, Herr Gott, zum Besten wende!«
Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet heute gerade sich schicke für alle diejenigen, die in dem Augenblicke draußen auf dem Tempelhofer Feld stehen, um dort ihr Examen vor dem obersten Kriegsherrn abzulegen.
Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter Eile. Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine der Unter-Sekunden zieht vorüber, aufgelöst, als wollte sie zum Sturm ansetzen.
»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem Freunde hinüber.
»Ich? Gar nichts!«
»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?«
»Och! Die Drängelei da!«
»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?«
Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte ich sein!« --
Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben es noch eiliger als er selber. Schon packt ihn auch der Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du mit nach dem Tempelhofer Feld?«
»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der Mappe?«
»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke! Komm schnell!« -- -- --
Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht wenige aber schlagen ruhig den Weg nach dem Elternhause zu ein.
»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich und schwenkt schnell mit einigen anderen nach der Belle-Alliance Straße hinüber. Aber schon kommen sie zu spät zum Auszug der Truppen.
»Ist denn der Kaiser schon vorbei?«
»Nein!« -- »Ja!« -- »Der soll ja heute von Schöneberg drüben gekommen sein!« -- »Ach, er ist ja schon eine kleine Ewigkeit vorbei!« -- »Es wird ja bald wieder aus sein!« -- -- --
Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben am Steuerhaus, am Rande des Tempelhofer Feldes, kommen sie geradeaus überhaupt nicht mehr weiter. Sie versuchen, nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber der Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken entgegen.
»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!« schimpft der Zeidler etwas beklommen.
»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu jetzt! Immer durch!«
So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des Kaiserin Augusta Regiments. Dann die gepflasterte Straße hinunter. Da kann man schon die Helmbüsche sehen, und einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine lange Reihe Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen. --
Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem besten Willen und mit dem geschicktesten Drängeln nicht, linke Schulter vornweg. Wie eingekeilt stand die kleine Schar der Tertianer da. Aber sie waren dafür wenigstens gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum, die selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder auch jedes Nicht-sehen-können hinnahmen.
»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen.
»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz klein wenig um, so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige, mein Jungeken! Hinter mir habe ick keene Oogen!«
Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer an. »Nich wahr, Paule, du sagst ooch:
›Wat du nich willst, det man dir dhu, det füge lieber ’nen andern zu!‹«
Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen, ob sie nicht auch in Gefahr wären. Da aber legte sich auf einmal eine schwere Hand auf seine Schulter, und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du, nich drängeln! Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem[1] zu markieren?«
[1] Wilhelm.
Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe auch, als wenn sie dabei die kleine Anzapfung von ganzem Herzen dem dicken Schulkameraden gönnten.
Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der Berliner Dialekt ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er glauben, alle Angriffe dadurch besser parieren zu können, kurz, in unverfälschtem Berlinisch entschlüpfte dem Gehege seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich Willem!«
»Na« -- der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte, war ebenso schnell mit der Antwort fertig -- »denn entschuldijen Se man, Herr Hase[2], det Sie mir beinahe jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der heeßt:
[2] Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht haben: »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!«
›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht, mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹«
Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte hier die Parade vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein großer Dicker vor der kleinen Gruppe drehte sich langsam um und sagte milde und doch auch mit so urkomischer Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht kann ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!«
Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte diese trockenen Worte. Von drüben her indessen fragte einer boshaft: »Na, Sie da, Männeken, Sie haben woll heite zum Reden injenommen?«
Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte wieder: »Na, du, det ick dir man nich uff’t Jedächtnis tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt mir doch nich so mit Redensarten!«
Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber kamen sie schön an und mußten wieder etwas hören.
»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die Nase in’t Buch!«
Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s nu nich! Wir haben ja jerade frei gekriegt, damit wir uns auch die Parade ansehen sollen!«
Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn sich jemand die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. So lächelte denn auch hier der Mann nur gutmütig und sagte begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut zeijet auch der lahme Muck!«
Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber. Auch andere. Der eine der da in drangvoll fürchterlicher Enge Stehenden meinte sogar treuherzig: »Nee, denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich klassisch!«
Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte nicht recht: sollte er in der Korona dieser fidelen Urberliner bleiben oder vielleicht lieber seinen Freunden nachlaufen.
Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch heraus aus dem Knäuel.
»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach.
»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete der im Forteilen. »Da kommt nachher der Kaiser durch!«
Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten, kam ihnen eine kleine Reihe von Gemeindeschülern entgegen, Arm in Arm, stramm marschierend und dazu singend:
»Hinaus in die Ferne, vor’n Sechser fetten Speck! Den eß ick do’ zu jerne, den nimmt mir keener weck.
Un wer det dhut, den hau ick uff’n Hut, den hau ick uff de Ne--ese, det se blut!«
Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze Geschichte; aber sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem Wege. Kaum hatten die Sänger dieses Lied beendet, da stimmte einer auch schon an:
»Turner ziehn mit Pantin’n[3] durch die jroße Stadt Ballin[4] --«
[3] Holzschuhe.
[4] Berlin.
Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det is ja man nur wat for Turner! Mal den Torjauer Marsch! Los!«
»Fritze Weber hat’n Keber[5] an de Zunge an de Lunge an de Leber!«
[5] Käfer.
In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen die lustigen Töne. Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen Bewegung in die starren Massen gekommen.
»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der Dicke mit Zeidler hinter den Menschenmassen hinweg nach rechts hin in die Belle-Alliance Straße wieder hinunter.
Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel Fähnchen entgegen und pries dabei seine Ware laut an: »Hier hochfeine Fähnchen, meine Herrschaften! Allen Ansprichen jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz mit Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie da! Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz kann so wat nich jut verdragen!«
Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt. Nur mit einer kühnen Schwenkung kam er um ihn herum, so daß er beinahe gegen den Briefkasten fuhr, der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war.
»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den Briefkasten rin!« Diese Mahnung mußte der dicke Puntz schnell noch mit auf den Weg nehmen.
Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man schon hinter der schwarzen Wand der Menschen, die in tiefen Reihen am Rande des Bürgersteiges standen, den Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der einmal auf der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief plötzlich: »Die Maikeber![6] Die Maikeber! Dicker! Schnell, schnell!«
[6] Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin. Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt, stand früher in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es in Berlin seinen Spitznamen daher hat, daß die beiden Bataillone alljährlich gerade zur Maikäferzeit zur Parade nach der Hauptstadt kamen. -- Am Offizierkasino des Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke gegen die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer plastisch dargestellt, als scherzhafte Konzession an den Berliner Volkswitz.
Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße hinunter. Da fanden sie einen kleinen Durchlaß durch die Menschenmauer und konnten beinahe bis zum Straßendamm vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der Dicke einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von der hin- und herdrängenden Umgebung nicht wieder von seiner mühsam eroberten Stelle fortgerissen zu werden.
Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig gekleideter Mann mit einigen Bekannten stand neben Zeidler, um das Truppenschauspiel gleichfalls zu sehen. Arbeiter drängten sich dazwischen.
»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren. Er hatte die eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht nach der Richtung des Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber die Straße fällt hier so ab! Und die Bäume! Schlechte Akustik hier!«
Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen: »Ick hab’ ’n Schnuppen! Ick rieche nischt!«
Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise los. Der Dicke mußte sich fester an den Baum klammern.
Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du, August, mit de Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom klettern? Dazu mußte barfte[7] Beene haben!«
[7] barfüßig.
Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!«
»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst? Da feifst de dir ’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.«
»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer väterlich. »Da oben ieberfährt dir der Luftballon!«
Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite; aber er mußte sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm zuriefen: »Na, du! Wat du schlau bist! Det mißte bei dir selber ooch janz jut aussehn!«
»Rum, brrr, rumbumbum!«
Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel verschlang alles. Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf die schmucken Soldaten, die mit einem strahlenden Antlitz wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte, Kompanie nach Kompanie, Bataillon und Bataillon.
»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem Dicken in tiefer Bewegung eine Stimme.
Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf; hier stand das Volk in Waffen, das sich an der Disziplin der Truppen wieder zu der alten, liebgewordenen Disziplin selber emporrichtete. Die Achtung vor des Königs Rock, dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten oder noch tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die Tausende, die die schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen an sich vorbeiziehen sahen, die Blüte des Vaterlandes.
Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes Gefühl auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das rollende Rasseln der Trommeln, sie stimmten ihn feierlich, und -- er wußte selber nicht, wie es kam -- das letzte Gedicht, das er in der Klasse gelernt und sogar ungern gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf:
»Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr! Den Säbel in die Faust! Das deutsche Volk -- ein großes Heer, das, von den Alpen bis zum Meer, ein zürnend Wetter braust.
Und klopft an unsre Pforten an des Fremdlings Übermut, so opfert jeder deutsche Mann mit Freuden Gut und Blut.«
»Die Alexandrer[8]!« hieß es da auf einmal. »Die alten Helme!«
[8] Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1.
»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!«
»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach, elegant, jeschmacklos un ohne allen Prunk!«
»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?«
Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus.
»Na, die mit de Entenbeene da!«
»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung[9]!«
[9] Mit gelbbraunen Ledergamaschen.
»Ach so! Und so’n junger Leitnant!«
»Mit so’n kleenen Schnurrbart!«
»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!«
»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick wie Fer--dinand!«
Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf einmal eine ganz empörte Stimme: »Na, wissen Se, Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick sehe jeweenlich mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!«
»Das zweite Garderegiment!«
»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann da uff’t Pferd! Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?«
»Ja, die da vorne sint ville strammer!«
»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein. »Der eine versteht’s und der andere nicht! Es ist eben wieder mal das Ei des Kolumbus.«
»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben ihm mit einem leichten Spott in der Stimme. »Legt denn der olle Mann immer noch?«
Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn plötzlich rief eine Stimme von hinten vom Gitter eines der kleinen Vorgärten her: »Da drüben kommen die Ulanen!«
Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte; aber das zweite Garderegiment marschierte gerade dazwischen. Es war also für ihn nicht zu sehen, was drüben auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er hörte nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die Reiter machte.
»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber Jlick scheinen se do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n Einsatz rausjekommen!«
Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden hatten. Nur einer der Herren, die sich ganz dicht an der Bordschwelle befanden, fragte, aber auch schon halb lachend: »Wie meinen Sie denn das?«
»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem roten Einsatz hier ist er rausgekommen!«
Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch sprach, tippte dabei mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt verstanden das natürlich auch die Jungen, und sie stimmten in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn sie auch nichts sehen konnten.
Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter genauer an und meinte dabei: »Ich muß Sie doch schon mal irgendwo gesehen haben!«
»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint! Da komme ick öfter hin und --«
Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links her bannte aller Sinne von neuem.
»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!«
Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles drängte nach vorwärts.
»An der Spitze der Fahnenkompagnie!«
»Wahrhaftig! Hut ab!«
Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte flogen in die Luft. »Hurra! Hurra!«
Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen! Alles Uzen und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen. Der Kaiser! Er schweißte alles und alle durch seine bloße Erscheinung zusammen. _Ein_ Volk, _ein_ Herz, _ein_ Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem Manne zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra! Hurra!« Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig: _Ein_ Volk, _ein_ Herz, _ein_ Vaterland! Hinausziehen würden alle gegen den Feind der heimischen Erde! Sie sollten es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann dem Kaiser nach! ~Morituri te salutant!~ --
Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen, hatte in dem Augenblicke Zeidler die Schultern schmal gemacht und huschte eben hinaus und hindurch durch die jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter ihm staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße weiter hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem Bürgersteig immer neben dem Kaiser und der Fahnenkompagnie hin.
Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu undurchdringlicher Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler um, neben dem er sich doch bis jetzt so treu gehalten hatte.
Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt nichts mehr zu sehen, und hinweg über die Gneisenau Straße konnte man auch nicht. Unwirsch stand der Junge endlich still. Er sah gerade noch die letzten Fahnenspitzen hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da verschwinden.
Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle vorzudringen. Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann aber konnte er sogar auf die andere Seite der Straße gelangen, wo eben noch Kavallerie den Kasernen zuzog. Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, von denen aber -- der Dicke achtete jetzt scharf darauf -- kein einziger mehr »mit dem Einsatz rausgekommen war,« sogar die Artillerie, alles zog an seinem freude- und farbentrunkenen Auge vorüber, unter dem Staunen und dem Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor und die letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten.
Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die mit ihm am frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. Wie spät mochte es jetzt wohl --? Ach, da drüben war ja eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das konnte doch wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön war es doch gewesen!