Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 9
Heute morgen kam Nachricht, daß in der Tembe, dicht hinter der Mission 2 Stunden von hier, wo ich mit Tom auf Safari war und Tom einen Jumben eingesetzt hatte, das Vieh weggetrieben und zwei Leute dabei erschlagen worden seien. Der Jumbe ist gleich mit zwei Askaris und der Hälfte seiner Leute dem Vieh nachgegangen; die andere Hälfte ist zu Quawa übergelaufen. Mittags kam die Nachricht, daß drei Mann von Leuten Quawas angeschossen seien. _Dr._ Stierling ging gleich herunter, auch nur 1 Stunde von hier, und hat sie verbunden, morgen sollen sie auf die Station gebracht werden. Als _Dr._ Stierling etwas lange ausblieb, wieder große Sorge! Also bis dicht vor unsere Tür wagt sich Quawa! Das Schlimme bei der Sache ist, daß die gutgesinnten Wahehe das Vertrauen zu uns verlieren, wenn unsere Anhänger so vor der Nase weggeschlachtet werden.
20. März 1897.
Tom wird wahrscheinlich Merere hier als Sultan einsetzen, um ihn mit zu dem großen Schlag benutzen zu können. Seine Leute sollen sich hier in der Nähe ansiedeln, damit sie an der Station einen Halt haben. Den ganzen Tag starker Regen.
Vorgestern waren wir im Garten und freuten uns, wie hier alles gedeiht, Weizen, Kartoffeln, alle Gemüsearten, sogar Rosenkohl, Salate, Radieschen, Rettich haben angesetzt. Auch die von der katholischen Missionsstation in Mrogoro geschenkten Apfelsinen-, Zitronen- und Mangobäumchen setzen Triebe an. Mapera, Papayen und Bananen selbstverständlich, auch das von Kisaki von uns mitgebrachte Gras und der Kaktus.
Ein vorzüglicher Boden ist hier: als Fata Morgana sehe ich schon alles mit Weißen besiedelt. So hatten wir im Garten einen Kohlkopf von 15 Pfund Gewicht. Rosen- und Kaffeebäumchen hat uns die Mission später auch geschickt.
Heute kam die Nachricht, daß zwei Soldaten und sieben Träger totgeschlagen seien auf dem Wege zu Kiwanga. Es ist furchtbar! Aber wenn ich bedenke, wie uns die erste Mordtat aufregte, kann ich uns beinahe gleichgültig der Nachricht gegenüber nennen. Nur ein Gedanke steht jetzt im Vordergrund: wie ist dem Zustand abzuhelfen? Was wird der nächste Tag bringen? Die Wahehe fördern immer neue Überraschungen zutage!
21. März 1897.
Wieder sitze ich abends allein und bete für meinen Mann, ob ich ihn gesund wiedersehen werde? Der Mensch kann doch viel ertragen, wenn es heißt: seine Pflicht erfüllen.
Tom hörte von einem Ort, an welchem Quawa stecken sollte, ließ nachforschen und fand es heute einigermaßen bestätigt; daraufhin ist er, als es dunkel war, heimlich aufgebrochen.
Immer und immer wieder ihn weggehen zu sehen und nicht zu wissen, ob er gesund wiederkommt, ist doch schrecklich.
23. März 1897.
Vorgestern konnte ich nicht mehr schreiben. Sadallaleute waren nach den verschiedenen Mördern ausgeschickt, die ziemlich erfolglos zurückkamen, sie brachten nur die Brüder und Weiber der Schuldigen an. Wir stehen hier wirklich im Kampf ums Dasein.
Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt, sie haben den Kampf abermals durch Mordtaten begonnen. Jetzt heißt es, mit Strenge vorgehen, denn Toms Menschenfreundlichkeit halten sie, an Quawas Grausamkeit gewöhnt, für Schwäche. Die Nächte sind gräßlich. Heute konnte ich überhaupt nicht schlafen, der Anruf der Patrouillen dröhnt laut durch die Nacht und hält mich munter. Übrigens geht es nicht bloß mir so. Auch Winkler und Stierling schlafen schlecht und träumen von Wahehe, Mord und Totschlag, trotz ihrer eisenfesten Nerven.
Gestern habe ich Mgumditemi den ersten Schreibunterricht erteilt, es scheint sie aber so angestrengt zu haben, daß sie heute nicht kommen konnte, weil sie krank sei. Das hat mir nun sehr den Mut zum Weiterlehren genommen.
Beim heutigen Spazierengehen war ganz herrliche Beleuchtung, doch das ewige Revolverschleppen beeinträchtigt den Naturgenuß, und doch bin ich jetzt ziemlich ängstlich, so daß ich stets Sublimat bei mir trage; sollte es, was Gott verhüten möge, zum äußersten kommen und sich das Märchen von meiner Gefangennahme verwirklichen, so wäre mir wenigstens beim schlimmsten ein Ausweg möglich.
Tom mußte ich versprechen, nie ohne Begleitung zu gehen, deshalb nahm ich einen Ombascha mit. Heute habe ich meinen Schmuck und unser Silber aus dem Silberkasten alles in einen Koffer gepackt, um bei Feuer oder einer anderen Gefahr alles Wertvollere rasch bei der Hand zu haben. Dann habe ich Wein abgefüllt.
24. März 1897.
Gestern abend (ich entwickelte gerade Bilder) hatte ich noch die Freude, Tom gesund wieder zu sehen. Es kam mir ganz unerwartet. Tom war riesig vergnügt und erzählte seine Erlebnisse sehr amüsant. Bis 5 Uhr morgens durchmarschiert, im Walde versteckt gelagert, Brot und Wurst gegessen, dann in der nächsten Nacht zu der Höhle und den Temben geschlichen. Dort bis zur Morgendämmerung gelauert. Der Boy hatte vergessen, während der Nacht etwas Tee zu kochen, also wieder nichts Warmes, und dann auf dem Bauch zu den verschiedenen Temben gekrochen. Sie sind so leise herangeschlichen, daß sie die Leute drinnen sprechen hörten; endlich sind alle Temben umstellt, und Tom gibt das Zeichen, daß jeder die Tür seiner Tembe öffnen lassen sollte. Er selbst war bei der Haupttembe, wo sich folgende Szene abgespielt hat. Toms Leute haben an die Türe geklopft und zunächst in der Wahehesprache gefordert, sie möchten die Tür aufmachen, „sie seien Leute von Quawa“ -- keine Antwort, darauf auf Kissangu, „sie seien Leute von Merere“, -- keine Antwort, nun auf Suaheli, „sie seien Leute von bwana mkubwa“, worauf sofort die Tür aufgemacht wurde. Es waren friedliche Menschen, die uns treu gesinnt sind und Quawa fürchten. Tom ist sich ganz dumm vorgekommen; soviel Anstrengung, um unschuldige Leute aus dem Schlaf zu stören. Wäre Quawa darin gewesen, er hätte nicht entwischen können. Hoffentlich gelingt es mit Quawa ein andermal. Tom ist aber sehr froh, doch dagewesen zu sein, da er jetzt weiß, daß dort sichere Leute sitzen.
25. März 1897.
Gestern abend hätte uns beinahe das Schicksal ereilt. Tom und ich gingen zur Viehtembe, wo von dem jungen Sikki Rinder ausgeteilt wurden, ich wollte nun dieselbe Straße gehen, die Sikki später auch kommen mußte. Tom hielt das für langweilig und schlug einen anderen Weg durchs Dorf vor, und welch ein Glück war es, denn ein paar Minuten später zog Sikki seines Weges, und ein Wahehe schoß auf ihn und ergriff dann schleunigst die Flucht. Wir wären für ihn ein Ziel gewesen, das er vielleicht besser getroffen hätte. Wir hörten den Schuß fallen, glaubten aber, man habe einen Ochsen für die Merereleute geschossen. Hier werden die Ochsen nicht wie zu Hause geschlachtet, sondern erschossen. Wir gingen also ruhig weiter, als wir auf dem Rückwege waren, kam uns ein Mann mit Flinte und Revolver entgegen, es sei Alarm. Tom sagte, daß dies nicht möglich sei, da er wohl schon früher davon benachrichtigt worden wäre. Wir gingen aber doch schneller und hörten schon von weitem lauten Lärm im Dorfe; dort fanden wir alles in großem Aufruhr und mit allem möglichen bewaffnet. Die Ursache war der gefallene Schuß. Tom beruhigte die Bevölkerung, und jeder ging friedlich heim.
Tom erzählte, in Kilossa wäre es so ähnlich gewesen. Die Offiziere hätten im Kasino gesessen und gesehen, wie die Bevölkerung des ganzen Tales plötzlich in hellster Flucht davon gelaufen sei. Die Ursache sei ein halbverhungerter Mhehe gewesen, der krank von dem Kondoaüberfall zurückgeblieben sei und sich im Gras verborgen durch Kräuter usw. ernährt habe.
Des Abends waren wir ganz besonders fröhlich, daß nichts passiert war. Es wurden gleich Nachforschungen angestellt und heute hieß es, Quawa wäre bei Farhenga versteckt, wo noch außerdem ein Msagira mit Anhang gesehen worden sei, auf den Tom auch fahndete. Tom und ich hatten noch nicht gefrühstückt, bei der Nachricht verging uns aber doch der Appetit zum Essen. Also Farhenga auch Verräter? Tom überlegte sich die Sache noch. Da -- was sehen unsere Augen -- kommt Farhenga an und mit ihm der Msagira mit Brüdern. Nun, freudiger ist er wohl nie von uns begrüßt worden, wir gaben ihm auch gleich eine Flasche Gin, die er mit verständnisvollem Schmunzeln einsteckte. Es stellte sich auch heraus, daß der Mhehe, der geschossen, nie bei ihm gewesen ist. Er brachte gleich die gesuchten Leute mit, die nun an die Kette kamen.
Von Goritz kam Nachricht, daß er 28 Wahehe gefangen, an der Stelle, wo die Postboten überfallen wurden. Winkler marschierte ab, um sie hierher zu bringen. -- Die Wahehe werden durch Boten aufgefordert, gegen Quawa mitzuziehen. Auf das Ergebnis, ob sie mitkommen werden, sind wir äußerst gespannt, davon hängt sehr viel ab.
Meine Puten machen mir noch viel Arbeit, da sie krank sind, sich erkältet und Fieber haben, ich behandle sie mit Chinin, Aloepillen usw.
26. März 1897.
Heute kamen die Wahehe an. Wieviel mitziehen werden, ist schwer zu sagen, da Tom noch unterwegs eine ganze Menge antrifft, jedenfalls von hier an 200. Es ist dies für Tom sehr schön. Gott gebe, daß sich kein Schurke darunter befindet, der nur so in Toms Nähe kommen will. Viel Schauri. Des Abends kam noch _Dr._ Stierling.
27. März 1897.
Noch des Morgens setzte Tom Stationsbefehl auf, gestern hatte er alle Befehle an die Kommandos geschrieben. Tom hat jetzt außerhalb elf Posten mit Europäern, dazu sieben Posten mit schwarzen Chargen besetzt. Die Leute müssen für alle nur denkbaren Eventualitäten mit sorgfältigsten Instruktionen versehen werden. Die Europäer müssen an den Bomen in Zelten schlafen; an jeder Bastion einer, auch Askaris schlafen dort, damit, wenn ein Angriff stattfindet, alles bereit ist; auch am Tage müssen 20 Soldaten immer zugegen sein. -- Ehe die ganze Safari versammelt war, wurde es 9 Uhr. Tom nahm noch ein paar nachgekommene Wassangus mit. Wie stechen die kleinen Kerle in Ausdruck und Gestalt von den stattlichen Wahehe ab, ihrer Gesinnung nach sind sie mir aber lieber. Tom hat nur vier Soldaten mit sowie einige Sadalla- und vier Sikkileute. Ein malerischer Anblick, diese phantastisch gekleidete und bewaffnete Kriegerschar, die meisten Wassangus hatten allerdings wenig Stoff an sich. Ich begleitete Tom noch ein Stück Weges den Berg hinunter und bis zum Ruheka. Gegen Mittag kam ich erst nach Hause. Nun bin ich wieder ganz allein. Wie lange ist unbestimmt. Mir wäre lieber, Tom hätte die Wahehe nicht mit.
28. März 1897.
Heute kamen die Gefangenen mit Hammermeister aus Bueni (Goritz) hier an, aber nur 17 Mann, auch wieder große kräftige Kerls, vor denen man sich fürchten konnte. So wild und wüst im Aussehen, wie man sich die Räuber vorstellt. Von den 25 Gefangenen waren sechs schon bei Goritz ausgebrochen, dann noch zwei bei Winkler; sie stecken natürlich hier in unserer Nähe im Pori.
Eine Freude! Von Tom Nachricht; er ist gestern bis zu Stephan, also zehn Stunden, durchmarschiert. Meinen Spaziergang machte ich durch die Stadt. Die verschiedensten Gomas (Spiele, Tänze) gesehen, denn Leute von Kilimatinde tanzen anders wie die von Tabora, an der Küste usw., auch die Weiber und Männer tanzen wiederum verschieden. Die beginnende Dunkelheit begünstigte mein Inkognito, war ich aber doch erkannt, dann beeilten sich die Tänzer, mir ihre schönsten Touren zu zeigen und mir zu huldigen, was mich natürlich möglichst schnell vertrieb. So in der Dunkelheit durch die breit angelegten Straßen zu wandern, die sehr sauber gehalten werden, ist recht interessant. Das ganze Leben spielt sich auf der Straße ab. Alles lustwandelt, tanzt oder sitzt auf der Veranda, denn die Wohnung dient nur zum Schlafen oder als Zuflucht bei Kälte. Die Türe steht stets offen, und da es auf der Straße dunkel ist (zu Laternen haben wir es noch nicht gebracht), heben sich die um das Feuer hockenden Gestalten wunderschön ab. Auf der Veranda sitzen sie auch bei einem kleinen Licht.
29. März 1897.
Rettich, Zwiebeln, Radieschen, Möhren, Gurken gesät.
30. März 1897.
Heute morgen kam Leutnant Braun. Ist gestern schon hier angekommen. Boten an meinen Mann geschickt, erfuhr es erst heute. Braun hatte mich nicht wenig erschreckt. Ich hatte gerade im Hühnerhaus usw. recht herumgewirtschaftet, eine große Schürze dazu umgebunden, als ich mich plötzlich Leutnant Braun gegenüber sah. So wie zu Hause sich extra zum Wirtschaften etwas Schlechtes anziehen, gibt es hier nicht, hier muß man immer „tajari“ sein, denn wie gesagt, man ist hier nicht abgeschlossen und kann immer jemandem begegnen. Nun, die Waschkleider sind eben sehr schön, wenn sauber, und auch leidlich hübsch, man kann wenigstens immer gesehen werden. Des Nachmittags empfing ich Merere, der mit seinem Gefolge angezogen kam, letzteres mußte vor der Tür auf seinen Herrscher warten; nur ihm und seinem ersten „Minister“ wurden die heiligen Pforten geöffnet. Jetzt sitzt er schon ganz schön auf einem Stuhl, er fordert wieder Tabak (er raucht schon Zigaretten), Streichhölzer, Zucker, Salz usw. Ich gab ihm von allem etwas. Ich zeigte ihm seine Bilder, die ich aufgenommen hatte, er war ganz aufgeregt darüber, und ich mußte ihm einige geben, damit er sie seinen Leuten zeigen könne; besonders imponierte es ihm, daß auch sein Reitochse mit auf dem Bilde war.
An der Weckuhr hatte er viel Vergnügen -- ich mußte sie immer wieder wecken lassen, daß mir die Ohren gellten -- aber noch mehr an einem großen Stammbuchbild, zwei stehende Negerkinder darstellend, das muß ich ihm jedesmal zeigen. Nach 1½ Stunde entließ ich ihn in Gnaden. Heute ist Merere mit 500 seiner Leute und 15 Askaris ohne Herrn Braun, der erkrankt ist, ausgezogen.
Eins will ich noch klarlegen. Als Mpangire noch lebte, war alles so schön; war seine Hinrichtung nicht voreilig? Ja, in der Tat, es war alles in schönster Ruhe, -- aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Er oder wir -- sein Tod war die dringendste Notwendigkeit, sonst wäre unser Schicksal besiegelt gewesen. Das Quawageschlecht übt eine unglaubliche Gewalt auf das Volk aus, und solange Quawa lebt, werden wir nicht zur Ruhe kommen.
Heute hatte ich zu Bett gelegen, infolgedessen glaubten meine Damen, ich würde den Hühnerstall nicht revidieren: statt 31 Hühner fand ich nur 20 dort. Jetzt müssen sie die fehlenden noch suchen. Auch hier heißt es: „Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse auf Tisch und Bänken.“ Der Mpischi ließ das Essen von den kleinen Boys machen, und ich bekam erst um 4 Uhr Mittagbrot; Mabruki schlug sich mit der Wache, so daß er an die Kette gekommen ist; das sind eben die kleinen afrikanischen Dienstbotenleiden. Meine drei Mädels machen es noch am besten, die habe ich schon so weit, daß sie ganz unglücklich sind und weinen, wenn sie etwas schlecht gemacht haben. Wenn ich sie schelte, sind sie schon sehr betrübt. Muhigu fängt sogar schon an die Empfindliche zu spielen, wenn ich sie schelte, früher machte nur Kofi (Ohrfeige) einigen Eindruck. Auf diesen Erfolg bin ich sehr stolz. Natürlich treten mir dadurch die Kinder viel näher, denn sie sind im Wesen ebenso wie die Kinder zu Hause. Auch spielen sie jetzt schon verschiedene Spiele, die ich ihnen gezeigt.
3. April 1897.
Ich war eben auf unser Haus geklettert, das sich jetzt zwar in das Kleid der Hoffnung zu hüllen anfängt, ja es hofft wohl selbst bald fertig zu werden, aber das ist leichtsinnig, denn die Arbeiter denken anders darüber. Ich glaube, die haben anscheinend die Absicht, es erst zur nächsten Regenszeit fertig zu stellen, sicher aber nicht vor Juni. Ein kleines Küken ist darüber lebensmüde geworden und hat sich in einen Farbentopf gestürzt. Ich wollte es noch retten, aber trotz aller Wiederbelebungsversuche war es verloren. Ich fürchte, die Puten gehen auch ein, trotz Aloepillen, Kur und Doktorei. Das weiße Schwein überlegt sich, wo es den besten Speck ansetzen will; daß es fleißig gemästet wird, scheint ihm sehr zu gefallen. Sobald Tom kommt, muß es daran glauben. Es hat Reißen oder Gicht in den Hinterpfoten und kann nicht mehr gehen.
Nun bin ich schon ein halbes Jahr hier und gottlob! trotz all der Aufregung habe ich kein Fieber mehr gehabt, nachdem die Fieberbazillen, die ich unten in so reichem Maße hineingeschluckt, abgewirtschaftet hatten. Daß es hier so gesund ist, mag neben der Höhe auch an der gleichmäßigen Temperatur liegen, die des Morgens zwischen 12 bis 16°, mittags zwischen 20 bis 25°, abends zwischen 13 bis 15° schwankt; durch Regen ist es manchmal mittags kühler.
4. April 1897.
Eben komme ich aus dem Garten, wo ich die aufgegangenen Kartoffelpflänzchen zählte. In acht Wochen haben wir Ernte, dann besteht die Station ein halbes Jahr, und wir haben schon Kartoffeln. Ich bin jetzt so nervös, wahrscheinlich auch vom schlechten Schlafen, daß ich mir einbildete, der Teufel sehe über meine Schulter; ich schrie so fürchterlich auf, daß Boy und die Totos hereingestürzt kamen; trotzdem ich sie sah, konnte ich mich eine ganze Weile nicht beruhigen. Um zur Vernunft zu kommen, ging ich mit den Totos spazieren. Ich nahm unseren Gartenaskari mit, der die Zelewski-Expedition mitgemacht hatte und davon erzählte. -- Die Totos sind jetzt meine ganze Freude, wenn die drei schwarzen Krausköpfchen mit ihren hellen Leinwandkleidchen, mit rot garniert und roter Schürze, mit nackten Beinen so vor mir her zappeln und krabbeln. Früher gingen sie wie die Alten, jetzt springen und tanzen sie, klettern auf Bäume und necken mich. Ich bin den Kindern wirklich Mutter; wenn sie ganz besonders glücklich sind, nennen sie mich auch „Mama“. Die Sklavenbanden haben schwer auf ihnen gelastet, jetzt haben sie die Freiheit, ihre Kindheit zu genießen.
6. April 1897.
Gestern nacht wurde ich durch Alarm aus dem Schlafe geweckt. Ombascha Achmed kam schon, während ich mich ankleidete, mit der Nachricht, eine Menge Wahehe seien mit Gewehren in Sicht. Von weitem hörte man auch Schnellfeuer. Ich weckte die Totos und zog nun mit zwei Revolvern bewaffnet zur Wache, wo alle Europäer versammelt waren. Die Herren beschlossen einen Tschausch mit Askaris abzuschicken, um zu sehen, was los sei; wir wollten uns inzwischen schlafen legen und so der Dinge harren. Um die Mission und den Europäerposten in Iringa waren wir sehr in Sorge. Des Morgens stellte es sich heraus, daß Askaris geglaubt hatten, von Wahehe überfallen zu sein, und Schnellfeuer abgegeben hatten; die Wahehe schossen wieder, und erst am Morgen merkten wir, daß es uns freundlich gesinnte Wahehe waren. _Dr._ Stierling war gleich selbst des Morgens nachsehen gegangen. Es ist zu schwer hier, Freund und Feind voneinander zu kennen.
7. April 1897.
Heute kamen zwei Brüder für die Mission an, der eine hatte Fieber und zog sich bald zurück, dem andern zeigte ich unser Haus, den Garten und die Stadt. Er war einfach perplex, und trotzdem ich ihm versichert hatte, vor einem halben Jahr habe nur unsere Hütte gestanden und vor sieben Monaten sei noch alles Pori gewesen und keine Menschenseele hätte auf dem Bergrücken existiert, fragte er doch noch, ob hier nicht wenigstens schon Negerhütten gestanden hätten. Für so unglaublich hielt er das schnelle Entstehen der Stadt. Man braucht aber auch schon reichlich eine halbe Stunde, um durch die Stadt allein zu gehen, so viel Straßen sind schon entstanden. Es ist erstaunlich, wie der Name Sakkarani die Leute angezogen hat; wir fürchten nur, daß die Stadt zurückgehen wird, denn so viel Menschen können hier wohl kaum ihr Brot, d. h. ihren Mais verdienen. Dann gingen wir durch die Station zurück in das Dorf der Eingeborenen, welches sich hinter unserem Hause anschließt. Es ist schon bedenklich gewachsen und hat schon an 300 Mann; die Temben müssen allerdings noch zum Teil gebaut werden. Aus dem Erstaunen kam der Bruder gar nicht heraus.
Über unsern Garten war er auch sehr erfreut, denn alles gedeiht prachtvoll. Jede Rübenart, jede Kohlart, sogar Rosenkohl, Tomaten, Erbsen, Bohnen, Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie, Majoran, Sellerie, Dill, Pfeffermünzkraut, Salat, Rettich, Radieschen stehen schön. Mohn und Artischoken scheinen auch zu gedeihen, nur mit Gurken und Melonen hapert es, und wahrscheinlich nur, weil wir sie nicht zu ziehen verstehen. Kartoffeln stehen gleichfalls sehr schön. Die Brüder waren über unsern Garten schon so entzückt, was würden sie erst zu dem unten am Ruaha gesagt haben, wo alles noch besser gedeiht; dort stehen Apfelsinenbäumchen, Feigen, Mango, Zitronen, zwei kleine Weinreben. Hoffentlich gedeihen sie weiter so. Bananen, Ananas und auch eine Kokosnuß sind aufgegangen. Der Weizen steht niedrig, ist aber gleichmäßig gereift, was vielfach im Innern nicht der Fall sein soll, und Stroh brauchen wir nicht; es ist hier ein herrliches Ansiedelungsgebiet, und der Bauer würde sein schönes Auskommen haben, denn zu alledem kommen noch das schöne Vieh und Weideland. Auch ist die Gegend hier gesund, also alles „_tajari_“, nur die eine Frage ist nicht gelöst: Wie kommt der Bauer hierher?
* * * * *
Heute kamen ein Feldwebel und ein Bootsunteroffizier für Langenburg an, die einen Ruhetag hier machen und dann weiter marschieren, dann nehmen sie natürlich die 100 Lasten mit. Reichlich zwei Monate haben die Lasten hier liegen müssen, die Sachen werden also fünf Monate unterwegs sein. Wie schmerzlich werden sie von den Europäern erwartet werden? Meine Nähmaschine hatte ich gestern mit Mühe und Not zum Nähen gebracht, gestern ging sie sehr gut, doch plötzlich versagte sie. Da der Bootsunteroffizier in seinem Zivilverhältnis Uhrmacher war, glaubte ich, er würde sie mir wieder zurecht machen können. Der brave Mann hat sich auch so lange geplagt, bis er sie wieder in Gang hatte. Wegen meiner Maschine habe ich schon einmal einen fremden Unteroffizier zu Rate ziehen müssen. Wir erhielten auch die Bestätigung, daß Toms Breitenbestimmungen richtig sind; kein falscher Stern ist beobachtet. Hoffentlich gelingt es uns immer so.
8. April 1897.
Glückstrahlend kam Tom heute zurück: auf dem Rückmarsch hat er plötzlich dicht am Wege drei starke Elefantenbullen gesehen. Obwohl er seine Elefantenbüchse nicht mit hatte, pirschte er sich doch an und hatte das Glück, sie alle drei zur Strecke zu bringen. Eine Kugel, Modell 88, hatte sich an der Wurzel des großen Stoßzahnes plattgedrückt. Der größte Elefant ist 9 Meter lang, bei 3½ Meter Höhe; in seinem Wanst badeten acht Neger zu gleicher Zeit in dem Blute des Tieres -- nach Negerglaube ein besondere Kräfte verleihendes Mittel. Den schwarzen Siegfrieden fiel kein Lindenblatt aufs Kreuz, Rücken und Rippen des kolossalen Tieres bildeten eine gut gedeckte Badezelle. Hinter dem Riesenkopf desselben konnte Tom sich decken, als er den zweiten Elefanten schoß. Der dritte rannte dicht an Tom vorbei; es war eine fatale Situation, mein Mann war allein, das dichte Farnkrautgestrüpp verhinderte ein Ausweichen -- und doch kommt es darauf an, dem angeschossenen Riesen so rasch als möglich aus dem Gesicht zu kommen. Das Herz haben die Neger als große Delikatesse verspeist. Von einem Stück Rüssel machte ich Suppe; sie schmeckte etwa wie recht kräftige, mit Gelatine verdickte Rindfleischsuppe mit etwas leimigem Beigeschmack; das Fleisch war nach 24stündigem Kochen zäh wie Leder.
9. April 1897.
Heute wurde die Jagdbeute eingebracht, mit Jubel und Geschrei natürlich. Vorneweg die Sikkileute mit Tanz und Gesang. Hundert Mann hatten an dem Transport der drei Kolosse zu tun. Leider hat das größte Tier nur einen Zahn; dieser wog allerdings 106 Pfund. Den Kopf des kleineren mit den beiden Stoßzähnen (45Pfünder) habe ich photographiert.
12. April 1897.