Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 8
Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen! -- Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen. Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen Seiten Unglücksbotschaften regnet.
Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. -- Ich bin tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen. Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens. An der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu herangezogen.
Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar. Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später, obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika kaum seinesgleichen hat.
Sonnabend, 6. März 1897.
Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er dabei machen darf.
Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften, hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins glänzt. Ich hätte früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen. Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack, denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen. An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten Alter gestorben.
Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle: infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern, dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die vielen geraubten Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind -- die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und häßlicher -- um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern, mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens -- der Rest ist Schweigen.
Am 8. März 1897.
Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. Auch _Dr._ Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 Kettengefangene ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!
9. März 1897.
Unsere Sorge um Graf Fugger war, Gott sei Dank, umsonst; heute nachmittag kam er unerwartet an. Er hat die verdächtige Gegend gesäubert und bringt erbeutetes Vieh mit. Kaum sind wir dieser Sorge enthoben, kommt eine neue Unglücksbotschaft: ein von Tom eingesetzter Msagira, Schabruma, ist von einem früher ausgebrochenen Kettengefangenen Jumba-Jumba, einem Halbbruder Quawas, ermordet worden. Quawa sichert sich seinen Einfluß auf die Großen seines Landes mit Energie: er schickt ihnen nachts einige ihm treu ergebene Anhänger zu, die ihnen die Wahl lassen zwischen Tod oder Gefolgschaft. Nichts zeigt übrigens so deutlich, daß wir es bei den Wahehe mit einem einigen, von +einem+ Willen gelenkten +Volke+ zu tun haben und nicht bloß mit einzelnen verbündeten Stämmen, als die Tatsache, daß es hier allerorten gleichzeitig im Lande spukt: Quawas mächtige Hand macht sich überall fühlbar, und all unser Denken und Sorgen, fast wie das einer Braut, die stets nur den Geliebten im Sinne trägt, beschäftigt sich mit „Ihm“.
10. März 1897.
Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun, was Tom anordnet, -- wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald zeigen.
Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden. Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert. Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst, das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann stünde Tom ohne Leute da.
Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri herausstellte, daß er einen Stellvertreter geschickt habe, da er selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen Bruder!
Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga, ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher geschlichen und kam halb verhungert hier an.
Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera, Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf gegen uns rüsteten!
Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den anderen scheint es ihm zweifelhaft.
Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen.
Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet, er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders.
Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte, oder läßt ihn von einem dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen, desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger.
Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit.
Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal -- um den schönen Kerl tut mir’s jetzt noch herzlich leid.
Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt. Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen.
11. März 1897.
Gestern abend waren die Herren bei uns zu Tisch. Tom ist so angegriffen und hat so viel zu arbeiten. Ich machte als Speise einen Servietten-Pudding, den ich seit Weißenrode nicht gegessen hatte, er fand großen Anklang. Ein friedlicher Zug kam in unsere kriegerische Stimmung hinein, und doch wäre beinahe das ganze Fest verdorben gewesen, wenn Tom sich nicht beherrscht hätte. Auf seinen Schultern liegt doch alles, die anderen konnten schon eher lustig sein.
Kurz bevor die Herren zum Essen kamen, war die Nachricht gekommen, daß einer unserer Askaris den Anführer der noch treugebliebenen Wahehe (der Wadongwe) erschossen habe, weil derselbe eine Frau zurück haben wollte, die der Askari gestohlen hatte. Werden nun die Leute jetzt, nachdem ihr Führer ermordet, zu Quawa gehen? Für meinen Mann ist dieser Semulikanbe gar nicht zu ersetzen. Noch bei der Jumbenversammlung fiel mir seine große Gestalt mit dem eisernen Kopf voll Energie und Tatkraft auf. Er hatte Tom überall hin begleitet und ihm die treuesten Dienste geleistet. _Dr._ Stierling ging sofort hin, um den Askari zu verhaften und die Sache zu untersuchen. Farhenga ging als Stellvertreter von Tom den Verwandten des Ermordeten sein Beileid sagen.
Alle verfügbaren Unteroffiziere hat mein Mann jetzt verteilt. Hammermeister nach Iringa, Prinage nach Mage, Langenkemper nach Luhalali und Stephan nach Irandi, morgen geht Graf Fugger nach Ukalinga, und Sadalla ist mit dem Elefantenjäger Nenge und 25 seiner Leute, die 15 Mauser-Gewehre bekommen haben, ausgeschickt. Wenn das nur nicht einen Zuzug für Quawa bedeutet, es wäre zu schrecklich! Unsere Gäste blieben bis 1 Uhr, ein Zeichen, daß wir uns trotz aller kriegerischen Sorgen gut unterhielten.
12. März 1897.
Eine Aufregung folgt der andern, _Dr._ Stierling nicht zurück, trotzdem der Askari schon eingebracht wurde! Leutnant Braun wurde sofort auf die Suche geschickt. -- Ich habe Merere auf seinem Ochsen photographiert, er reitet denselben nämlich auf Safari; es ist ein prachtvoller rabenschwarzer Reitochse, der dem Merere beinahe heilig ist, er ist auch durch Zauber gegen Unheil geschützt, ebenso drei schöne graue Kühe.
13. März 1897.
Bei Toms Schauri des Morgens fielen mir zwei Prachtkerle auf, beide Brüder aus Bueni, der eine ein Jumbe, der Tom um seine offizielle Einsetzung bat. Eine Freude, den hübschen Kerl zu sehen, er erinnerte mich etwas an Mpangire. Des Nachmittags mußte er festgenommen werden, denn sein Vater ist zu Quawa übergegangen, und er soll auch nicht ganz sicher sein. Man muß geradezu mißtrauisch gegen die hübschen Kerle werden! Ich war bei dem Verhör zugegen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, seine Brust hob und senkte sich schneller, sonst war ihm nichts anzumerken! Sein Obermsagira war dabei, damit er seinen Leuten die Botschaft bringen konnte, daß, wenn sie sich nicht ganz ruhig verhielten, ihr Jumbe es mit dem Leben büßen würde! Andernfalls solle ihnen aber ihr Jumbe bleiben.
Von der Mission wieder beruhigende Nachrichten, aber alles so wenig klar, daß nichts damit anzufangen war. Abends kam der Pater, brachte aber nichts Neues.
Ferner kam die schlimme Nachricht von Leutnant Fonck, daß Mtitima, der Jumbe von Idunda, mit seinem Besitz und Leuten entflohen sei. Es scheint ihm nicht genug auf die Finger gesehen worden zu sein, trotzdem er als unsicher und unzuverlässig galt.
14. März 1897.
Gott sei Dank: eben kommt die Nachricht, daß _Dr._ Stierling sich nur verirrt hatte. Es ist unglaublich, wie die Unruhen selbst auf unsere Boys wirken, nichts geht seinen gewohnten Gang. Sie sind ganz außer Rand und Band und machen mir viel Wirtschaft.
Merere besucht uns alle Tage; er ist doch der richtige „Mchensi“. Gestern hat Tom ihm drei Quawaweiber gegeben, heute wollte er noch mehr herauspressen.
15. März 1897.
_Dr._ Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück. Morgen soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen -- und es sind gerade die treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes.
Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören.
In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die Askaris hatten liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude, ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte.
Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es nicht schlimm geworden war. Auch _Dr._ Stierling konstatierte später nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“ sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust; da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt, wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben, muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt. Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen möchte.
16. März 1897.
Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns. Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit. Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord.
Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt.
Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden werden, desgleichen das schwarze Schwein.
Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. -- Heute morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht sei. Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett.
Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. -- Früher war bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und dann zog er zu seiner Mission.
Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane, jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden, das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen. Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann er uns, das beweist er täglich -- aber wir bleiben doch! das Schlimme ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle, die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch ohne Schulbildung sehr schlau sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen.
19. März 1897.
Der Abend schließt mit der Nachricht eines Überfalls und der Morgen beginnt damit. Zur Nervenberuhigung spielten wir gestern vor dem Schlafengehen noch Skat, als plötzlich ein schwarzes Gesicht und ein Gewehr sich am offenen Fenster zeigten; ich erschrak nicht wenig, aber der Soldatenkopf, der gleich darauf erschien, beruhigte mich über des Negers Absicht. Er war der traurige Rest von den Postleuten, die aus Langenburg am Nyassa-See die Post brachten, die andern waren von einem Trupp Wahehe erschlagen worden. Die Bestätigung also der gestrigen Nachricht Prinages war handgreiflich da; wir hatten schon unsere Verwunderung geäußert, warum Quawa die Karawanenstraße nicht beunruhige. Lasten von Langenburg sind hierher unterwegs; sie haben Askaribegleitkommando bekommen und dürfen nicht weiter (desgleichen Träger der Mission nach der Küste), da die nötigen Askaris zu den Begleitkommandos fehlen. Es wird jetzt schon schwer, Träger und Boten zu bekommen, sie wollen schon immer nicht mehr ohne Askaris gehen.