Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt

Part 6

Chapter 63,571 wordsPublic domain

Am anderen Tage ging’s ans Auspacken und Einrichten; besonders das Wohnzimmer sah recht nett aus mit seinen Dekorationen an Gehörnen, Speeren, Gardinen und Felldecken. Als wir die Herren bei uns zu Tische sahen, waren sie freudig überrascht, alles so „europäisch“ zu finden. Sie empfanden es als eine lang entbehrte Wohltat, endlich wieder einmal an einem Tisch, mit wirklichem Tischzeug, mit vollständiger Gläser- und Serviergarnitur und Silberzeug speisen zu können. Unsere Lampen machten sich famos: die Glocken waren natürlich sämtlich gesprungen, aber Tom hatte aus rotem Zeug sehr geschickt Lampenschirme hergestellt; die Sache sah sehr „modern“ aus, genau wie die großen Seidenschirme Stück zu 40 Mark in Berlin _W_. Wir waren recht vergnügt; ich zog mich aber etwas früher zurück, da ich sehr müde war. Anderen Tags Abschiedspicknick auf einem schön gelegenen Felsen, der eine prächtige Rundsicht bot. Wir hatten Maibowle (Waldmeisteressenz, recht gut) und alles mögliche mitgenommen, u. a. auch Rebhühner. Die Herren waren bei bestem Humor, sie überboten sich im Erfinden neuer Aufmerksamkeiten. Als wir uns trennten, geschah es mit aufrichtigem Bedauern -- am nächsten Tage marschierten sie ab. Die Station war also schön eingeweiht worden, meine Befürchtung, hier so ganz ohne Sang und Klang einziehen zu müssen, hatte sich dank der Liebenswürdigkeit der beiden Herren nicht verwirklicht. -- --

Nun kamen zwei Ruhetage, in der die Kleinigkeiten in Ordnung gebracht wurden.

Dann traf Herr v. Kleist von Kilossa bei uns ein und nach weiteren zwei Tagen Leutnant Glauning aus Mpapua. Am vierten Tag zogen auch sie fort; wir begleiteten sie ein Stück Weges.

Darauf kam ein Pater Basilius, der hier eine Mission gründen will. Das würde für uns einen erfreulichen Zuwachs von zwei gebildeten Europäern bedeuten. Er blieb zwei Tage bei uns. Die nächsten Tage ruhte ich mich aus, denn es war doch etwas anstrengend gewesen.

Am 12. Oktober 6 Uhr abends erklärte plötzlich mein Mann: „Wir marschieren morgen, auf wie lange kann ich nicht sagen!“ Es handelte sich darum, den Bruder Quawas in unsere Gewalt zu bekommen. Im Nu war alles gepackt, und am nächsten Morgen um 7 Uhr marschierten wir ab. Das Einpacken hier zu Lande ist nicht so ganz einfach, denn da sind nicht nur Kleider, Wäsche usw. mitzunehmen, sondern Haus-, Wasch- und Kochgeschirr, Teller, Messer und Gabeln, kurz und gut, eine ganze kleine Einrichtung, und die Hauptsache: alles Essen und Trinken.

Es war für mich eine höchst interessante „Safari“. Am ersten Tage (13.) kamen wir nach Quawas Sultansresidenz, der eigentlichen Stadt Iringa, einer Negerstadt von etwa 9000 Einwohnern, von der noch ein großer Teil in Trümmern lag; auch Quawas Tembe ist nur zum Teil, und zwar niedriger wie früher, wieder aufgebaut; sie imponiert aber trotzdem durch ihre großen Räume und die zahlreichen labyrinthartigen Verbindungsgänge, in der Küche zählte ich an 60 der hier üblichen primitiven Feuerstellen. Unter dem großen schattigen Baume vor der Tembe war noch der erhöhte Sitz, von dem aus Quawa seine Truppenrevüen abhielt; hatte er doch seine Truppen in besonders kenntliche „Regimenter“ eingeteilt, mit Offizieren und Unteroffizieren; der eine dieser Truppenkörper trug z. B. nur ganz weiße Schilde!

Am 14. Oktober erreichten wir Quawas altes Lager; schon auf dem Wege dahin stießen wir auf viele kleine Lager; das große Lager liegt so versteckt in den Bergen, daß man es gar nicht gefunden hätte, wenn nicht Waheheleute es gezeigt hätten. Es maß wohl 1600 Schritte im Umfang.

Hier sollte sich der Zweck unserer Safari erfüllen: im Lager fanden wir Mpangire, den einzigen rechten Bruder Quawas, und Kapande, seinen Halbbruder, mit ihren Leuten. Sie kamen, sich zu unterwerfen.

Im Lager fand sodann großes Schauri statt, in welchem mein Mann erklärte, Mpangire solle als Sultan an Quawas Stelle eingesetzt werden; bis zur Gefangennahme Quawas jedoch müsse er ihn in Haft nehmen. Mpangire ist ein großer, hübscher Mann mit offenen Zügen und freiem Blick, sein ganzes Wesen macht einen guten Eindruck. Außer den beiden Brüdern Quawa und Mpangire (ein dritter Bruder endete durch Selbstmord) leben noch drei Schwestern: die eine ist die Frau des Merere, die beiden anderen waren bis jetzt bei ihrem Bruder Quawa, kamen aber mit Mpangire zu uns.

Mereres Frau ist es übel ergangen: als Quawa sich mit seinem Schwager Merere entzweite -- er hatte auch eine Schwester von diesem zur Frau -- ließ er dem armen Weibe, der Schwester seines nunmehrigen Feindes, die Augen ausstechen -- worauf nun Merere an Quawa Rache nahm und dessen Schwester auf gleiche Weise blenden ließ!

Am 16. kamen wir mit unseren Schutzbefohlenen hier wieder an. Sie wurden in einer Tembe mit Dornboma untergebracht, die sie nicht verlassen dürfen, sonst kann jedermann sie besuchen. Am Tage haben sie zwei, nachts vier Wachtposten.

Zu meiner Freude fanden wir schon etwas Garten an unserm Hause angelegt.

21. Oktober 1896.

Heute besuchten mich eine richtige und eine Halbschwester von Quawa. Rotwein schien ihnen sehr zu schmecken, Butterbrot weniger, umsomehr aber Zucker und vor allem Cakes. Sie baten mich, ihnen das Nähen beizubringen, und wollen zu diesem Zwecke bald wiederkommen. Beide sind hübsche Geschöpfe mit kleinen Füßen und schmalen Händen, besonders Quawas rechte Schwester gefiel mir durch ihr offenes Wesen. Wir waren sehr lustig miteinander und schlossen gute Freundschaft. Nur beim Essen und in sonst noch einigen Bewegungen verrät sich zuweilen die „Wilde“.

Unser Renommierstück, auf welches Tom besonders stolz ist, wurde heute fertig: die Diele im Schlafzimmer. Alles, was an Einpackholz aufzutreiben war, ist dazu verwandt worden; sie sieht zwar demnach etwas sehr gestückelt aus, ist aber trotzdem sehr schön; da sie einen Fuß hoch über dem Boden angebracht ist, werden wir immer trockenen Fußboden haben. Das Linoleum kommt uns ganz besonders gut zu statten: wir haben es ringsum an der Wand des Schlafzimmers gezogen, nun hält es den Wind ab und sieht hochfein aus!

Ab und zu machen wir einen Spaziergang; ein Aussichtspunkt ist ganz in der Nähe, der sich mit den schönsten Schweizer Glanzpunkten messen kann. Dazu die prachtvolle, klare Luft; wir fühlen uns nach all den Sumpfniederungen wie in einem klimatischen Kurort, und das Bild unserer ersten Station Perondo kann neben diesem schönen Lande hier nicht aufkommen. Die Nachwehen unseres Marsches äußern sich übrigens, ich habe zuweilen kleine Fieberanfälle. Die Bazillen müssen erst wieder herausgetrieben werden. Heute kamen die Schwestern wieder und brachten 20 Ehefrauen Mpangires mit. Die beiden Quawa-Schwestern, Salatamanga und die Halbschwester Fulimanga, und die „größte“, d. h. erste Frau Mpangires, Hamuna, erhielten Stühle sowie Tee und Zucker, die andern hockten auf der Erde. Mit dem Nähen wurde es aber nichts: Hamuna erklärte mir, Arbeit sei etwas Häßliches, und nun wollen die beiden andern auch nichts mehr lernen. Hamuna ist hübsch und scheint außer ihrer Faulheit auch ein gut Teil Schlauheit zu besitzen, sie hat aber kein so gutes Gesicht wie die beiden Schwestern. Da aus der Nähstunde nichts wurde, zeigte ich ihnen die Bilder in Brehms Tierleben, das begeisterte sie sehr, namentlich die der ihnen bekannten Tiere. Da mein Toilettenspiegel zerbrochen angekommen ist, schenkte ich jeder ein Stück davon: das machte großen Eindruck, sie wurden nicht müde, sich darin zu bewundern.

Soeben schickt mir Mpangire das landesübliche Gastgeschenk: ein kleines Mädchen, Paligungire, ebenso landesüblich lasse ich das kleine Ding zunächst im Flusse einer gründlichen Reinigung unterziehen und stecke es dann in eines der Kleidchen meiner kleinen Muhegu; mein neues „Eigentum“ hat ein drolliges Kindergesichtchen, mit großen treuherzigen Augen. Vorläufig sehen sich nun beide Mädels Bilder an, morgen soll der erste Nähversuch gemacht werden. Mit Teller und Löffel hantieren sie ganz geschickt.

Aus der Heimat seit drei Monaten keine Nachricht!....

Das Auspacken und Einrichten macht viel Freude; die Wirtschaft wächst mir zusehends unter den Händen, und jedes frisch ausgepackte Stück wird wie ein lieber alter Bekannter begrüßt. Noch 14 Tage ungefähr, dann hört hoffentlich das Leben aus den Koffern und Kisten auf. Mit Vorräten für ein Jahr wirtschaften, ohne Vorratskammer oder Keller zu haben, über diese Aufgabe muß Henriette Davidis noch einen besonderen Nachtrag schreiben, für afrikanische Hausfrauen und solche, die es werden wollen.

24. Oktober 1896.

Heute brachte ich Mpangire und Kapande mein Gegengeschenk für das kleine Mädchen. Während ersterer durch stattlichen Wuchs sich auszeichnet und überhaupt vorteilhaft von seiner Umgebung absticht, ist der um vieles ältere Kapande kleiner und unansehnlich, hat aber ein gutes, freundliches Gesicht. Mpangires energisches, freies Auftreten, sein offener Blick zeigen Rasse. Für die Frauen nahm ich Tücher mit, für ihn eine Flasche Rotwein. Damit reizte ich seine Begehrlichkeit zu allerlei größeren Wünschen: noch einen neuen Anzug, ein Schwein und anderes. Ich erklärte ihm aber, ein so reicher Mann wie er, mit solchen Elfenbeinvorräten, könne sich das an der Küste alles selbst kaufen. Die Unterhaltung war nicht so ganz einfach. Mein Dolmetscher versteht auch kein Kihehe; meine Worte mußte er nun erst einem anderen Sprachkundigen übersetzen, der sie dann dem Sultan weiter vermittelte. In einer Ecke standen die Sklaven zusammengedrängt, die Frauen waren nicht anwesend; seine „erste Frau“ und die Schwester mußte ich rufen lassen, um sie zu begrüßen; sie entfernten sich gleich wieder. Die niedere Stellung, die den Frauen hier angewiesen ist, erschwert mir meine Aufgabe ganz bedeutend; wenn mich die Frauen hier auch als ihnen überlegen ansehen, den Männern gegenüber muß ich mir meine Stellung erst herausbeißen. Zu diesem Besuche hatte ich mir einen großen Stuhl hintragen lassen, auf dem ich Platz nahm, der Sultan saß auf einem niedrigen Stuhle, alles übrige stand um uns herum.

27. Oktober 1896.

Meine Boys machen mir viel Ärger; sie stehlen wie die Raben, dazu die angeborene Faulheit. Juma, der schon seit Jahren bei meinem Mann ist, und von dem ich glaubte, ob seines Verwöhntseins nicht mit ihm auszukommen, ist jetzt der Beste von allen; seine „Güte“ ist zwar niemals aufregend, aber er bleibt sich wenigstens immer gleich und zeigt vor allem niemals die ausgesprochen schlechten Eigenschaften seiner schwarzen Kollegen.

Abends machen wir gewöhnlich einen Spazierritt. Die Natur ist hier so herrlich, die Luft so klar und erfrischend, man fühlt bei jedem Atemzug: hier ist Gesundheit, hier ist das Quisisana, dessen wir nach all den Fiebergegenden, die wir durchzogen, so dringend benötigen. Kleine Fieberanfälle stellen sich leider bei Tom immer noch zuweilen ein, und selbst ich habe schon einige gehabt. Die vielen Reitwege ringsum geben uns gute Gelegenheit, die Gegend genauer kennen zu lernen; unsere Maultiere klimmen die steilsten Felsenpfade hinan, die für ein Pferd wohl ganz unpassierbar sein würden.

Meine schwarzen Damen scheinen mich heute nicht zu besuchen. Kürzlich zeigte ich ihnen einen an einem Gummiball mittels dünnen Schlauches befestigten, recht naturgetreu aussehenden Frosch, der infolge des Luftdruckes ganz natürlich forthüpfte: ganz wie in Europa fürchteten sich meine schwarzen Damen auch hier vor dem kleinen Ungetüm. Schade, daß ich bei den Weihnachtsbestellungen nicht an mehr dergleichen Spielereien gedacht habe; Weihnachten wollen wir nämlich großartig feiern. Hoffentlich treffen die bestellten Sendungen pünktlich ein.

30. Oktober 1896.

Die Regenzeit meldet sich an, bedeckter Himmel, entfernter Donner und heute der erste Regenguß -- viel zu früh für uns, denn noch ist längst nicht alles unter Dach und Fach. Namentlich die wasserdichten Wohnungen für die Soldaten sind noch nicht fertig; es fehlt uns sehr an Werkzeug, um den Bau zu beschleunigen. Unsere Zimmer standen zum Teil, die Veranda vollständig unter Wasser, und es ist mir mancherlei verdorben. Übrigens sieht man hier schon den Kulturfortschritt: alle haben doch schon wenigstens einige Kleidungsstücke an! Die Männer allerdings im allgemeinen mehr als die Frauen.

Unser Garten wird sehr hübsch, bei seiner Bestellung spielt ein Rechen mit Zinken aus Zimmermanns-Nägeln die Hauptrolle. Der Blick von einem Fenster aus bietet viel Interessantes, ich sehe die rege Bautätigkeit und kann verfolgen, wie aus Holzstäben, Bast, Gras und Erde Häuser, eine Straße, ein ganzes Dorf entstehen. Die Einwohner, die sich mit ihrem Vieh und wertvollerem Besitztum in die Schluchten des unwegsamen Gebirges geflüchtet hatten, sind wieder zurückgekehrt, auch die meisten von Quawas Verwandten und seinem Anhang, die Sikki-Gesellschaft, die Mutter, eine Tochter mit Klumpfüßen und ein Sohn, haben sich in Toms Schutz begeben. Es war uns dies um so auffallender, da ihr Vater von Tom 1892 in Tabora geschlagen wurde. Als dessen Hauptburg fiel, sprengte er sich mit seinen Weibern in die Luft.

Mein Mann läßt den Sohn ein Wanjamwesi-Dorf hinter der Station gründen. Unten im Tal will er dann auch ein Dorf von Kondoa-Leuten anlegen; diese Einrichtung wird sehr nutzbringend für die Station sein, es können dann die von den Wahehe geraubten Leute dort Unterkunft finden.

Heute kam eine Frau, die aus Ubena entflohen war, um bei uns Schutz zu suchen. Ihr waren die Ohren abgeschnitten worden. Jetzt fangen die Frauen an, zu mir zum Schauri zu kommen, ich habe täglich sechs bis acht von ihnen bei mir, die natürlich dann auch beköstigt sein wollen.

31. Oktober 1896.

Heute ist der zweite Mhehe gehängt worden, der einen unserer Trägerführer am Ruaha ermordet hat. Mein Mann ließ diese durch die traurige Notwendigkeit zur Unerläßlichkeit gewordene Hinrichtung mit einer gewissen, auf die Gemüter der Eingeborenen wirksamen Feierlichkeit ausführen: Sämtliche Wassagira aus Iringa mußten der Exekution beiwohnen. Auch eine große schaulustige Menge hatte sich, wie mir Tom nachher erzählte, zu dem traurigen Schauspiel eingefunden, darunter sehr viele Frauen, welche Tom den Platz verlassen hieß. Die Schaulust zeigte sich jedoch hier stärker als der sonst eingefleischte Gehorsam, und erst als der Befehl durch Festnahme und Abführung eines der Weiber gründlichen Nachdruck erhielt, bequemten sich die übrigen, sich zu entfernen. Der Mörder ist so in sein Schicksal ergeben gewesen, daß er den Kopf selbst in die Schlinge gesteckt hat. Ein Gnadenschuß, den Tom bei solchen Exekutionen stets abgeben ließ, hatte den sofortigen Tod des Verurteilten zur Folge. Das abschreckende Beispiel einer solchen Hinrichtung ist um so nötiger, als auch einer unserer Askaris, der seinerzeit bei dem anstrengenden Marsche hinter der Kolonne zurückblieb, Meuchelmördern zum Opfer fiel. Die Täter sind noch nicht entdeckt.

Von Quawa kamen zwei Leute, angeblich um sich zu unterwerfen; in Wahrheit waren es Spione, die unsere Station auskundschaften wollten! Sie verschwanden bald wieder, und Tom ließ sie durch Patrouillen verfolgen.

1. November 1896.

Der Gemüsegarten wird in der Nähe der Stelle angelegt, wo nach Grundwasser gebohrt wird. Wir sahen uns die Arbeit an, die, da wir keinen Erdbohrer haben, nur langsam fortschreitet.

Wir haben jetzt 1000 Stück Vieh, und das zu verwalten ist auch keine Kleinigkeit. Mein Mann will dem Volk den Reichtum nicht ganz entziehen, deshalb gibt er ein Drittel dem Sultan, ein Drittel dem Gouvernement und ein Drittel wird größeren Leuten zum Beaufsichtigen gegeben, dieselben bekommen jedes dritte Kalb als ihr Eigentum, das andere soll zur Küste geschickt werden.

Heute nachmittag ließ mein Mann Mpangire und seine zwei Halbbrüder Kapande und Sadangamenda zu uns kommen. Bei ersterem und letzterem hat man wirklich nicht das Gefühl, sich mit Schwarzen zu unterhalten.

Entsprechend dem im ganzen Volke hier in einem Grade ausgeprägten Selbstgefühl, wie man es sonst bei Negern kaum findet, treten auch die Mitglieder der Sultansfamilie mit ganz besonderem Selbstbewußtsein auf. Sie wissen sich gut zu unterhalten, aus ihren klugen Fragen sprechen Wißbegierde und Intelligenz, unsere europäischen Gewohnheiten suchen sie sich möglichst anzueignen. So saß Mpangire kürzlich bei uns im Zimmer; der Teppich reichte nicht bis zu seinem Platz, deshalb glaubte er nichts Unpassendes zu tun, wenn er seinen Zigarettenstummel einfach auf den Boden warf. Sadangamenda dagegen, dessen Stuhl auf dem Teppich stand, wagte nicht, diesen zu beschmutzen und war sichtlich aus großer Verlegenheit erlöst, als ich ihm einen Aschbecher reichte, auf den er seinen Stummel deponierte. Mpangire verfolgte dieses Manöver mit großer Aufmerksamkeit, und bald hatte er -- von mir anscheinend unbeobachtet -- seinen Zigarettenrest vom Boden aufgelesen und in den Aschbecher praktiziert. Es ist ein Vergnügen, die beiden intelligenten Burschen zu beobachten, dabei sind es hübsche Leute, an Gesicht sowohl wie an Wuchs. Auch an Galanterie fehlt es ihnen nicht; Mpangire und seine Brüder küssen mir stets die Hand, und heute hat mir ersterer als Beweis seiner besonderen Wertschätzung einen schönen -- Ochsen verehrt. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

Die Kunst, dem Neger durch marmorne Unbeweglichkeit der Gesichtszüge zu imponieren, besonders wenn die unbewußte Komik unwiderstehlich zum Lachen reizt, habe ich immer noch nicht raus. Tom ist Meister darin. So mußte ich gestern einfach die Hütte verlassen, als ich mit ansah, wie ein Neger meinem Manne durchaus die Füße küssen wollte: der am Boden rutschende Neger, der Toms Füße zu haschen, und Tom, der sein Piedestal in Sicherheit zu bringen suchte, boten ein Bild, welchem meine Seelenruhe noch nicht gewachsen war.

3. November 1896.

Nach drei langen Monaten heute endlich die Post -- Briefe aus der Heimat! Was das bedeutet, kann mir nur ein „Afrikaner“ nachfühlen. Auch die Boys erhielten Briefe, Mpischi z. B. einen von seiner Mama, d. h. seiner richtigen Mama, im Gegensatz zu der bei den Negern (auch den Frauen) beliebten angenommenen „Mama“, d. h. mütterlichen Freundin. Sie verwahrt dem Neger das verdiente Geld, macht seine Schauris, sorgt für seinen Anzug, kocht für ihn. Es gibt auch unter ihnen ganz junge „Mama’s“, die sind meistens recht kostspielig. Am liebsten würde mein Mann die Mamas an der Küste ganz abschaffen.

4. November 1896.

Heute traf vom Gouvernement die Genehmigung zu allem ein, was mein Mann bis jetzt getan hat und noch tun will. So wird alles in kürzester Zeit in schönster Ordnung sein. Auch Merere soll als Sultan in Ubena und Mpangire in Uhehe eingesetzt werden. Die Offiziere können mit den Kompagnien jeden Tag eintreffen. Ich schenkte heute Mpangire eine Flasche Gin und auf einem Teller ein schönes Stück Schinken. Den Teller wollte er natürlich auch behalten.

Drittes Kapitel.

Mpangires Sultanat.

24. Dezember 1896.

Das war ein wichtiger Tag für uns. Das deutsche Weihnachtsfest mußte vor der für unsere hiesigen Verhältnisse wenigstens großen Haupt- und Staatsaktion der feierlichen Einsetzung Mpangires an Bedeutung zurücktreten. Aber gefeiert haben wir unser erstes afrikanisches Weihnachten doch, und zwar recht feierlich, nachdem wir der Politik ihr Recht gegeben hatten.

Um 10 Uhr vormittags meldete der Feldwebel alles zur Einholung fertig, und mein Mann, in voller Gala natürlich, begab sich zu dem neuen Sultan. Inzwischen waren die Patres, der Doktor Stierling und ich auf den Festplatz gegangen, wo dicht gedrängt die Leute in schönsten, schneeweißen Gewändern, die Frauen in ihren besten Tüchern standen. Ein farbenprächtiges Bild, umgrenzt von saftigem Grün, die Berge als Hintergrund. Das blaue Himmelsgewölbe hat vorher wohl kaum auf eine so lebenslustige und heitere Volksmenge an dieser Stelle herabgeschaut. Die Stelle der „höchsten Zivilisation“ vertreten Leutnant Glaunings und meine photographischen Apparate, für welche die bevorstehende Feierlichkeit viel zu tun gab.

Über 500 Mann Truppen in Paradeaufstellung, Offiziere und Unteroffiziere vor die Front gezogen, standen zum Empfange des neuen Herrn bereit, den mein Mann einzusetzen im Begriff stand. Endlich schlugen die Tambours an; die Herren, mit denen wir inzwischen geplaudert, eilten auf ihre Posten und wir Photographen an unsere Guckkästen. Jetzt kamen sie an. Rechts zur Seite Toms die stolze, stattliche Erscheinung des Mpangire, der seiner Würde bewußt einherschreitet -- „jeder Zoll ein König“, ein echter Vertreter des Quawageschlechts. Vor der Front der Truppen angekommen, schwenkte die Musik nach dem Flügel ab, während Herr v. Kleist den Frontrapport erstattete. Dann hielt Tom eine kurze Ansprache an die Wahehe, in welcher er ihnen Mpangire als neuen Sultan bekannt gab; dem Sultan überreichte er als Zeichen seiner Herrschergewalt eine deutsche Flagge und ein von Sr. Majestät unserem Kaiser zu diesem Zwecke verliehenes prachtvolles Schwert. Die Truppen präsentierten, und ein vielhundertfaches Hurra! auf unsern Allerhöchsten Kriegsherrn, den Kaiser, weckte das Echo der Berge. Unter der umstehenden Volksmenge herrschte lautlose Stille; diese militärische Feierlichkeit machte augenscheinlich tiefen Eindruck, es war, als wenn die Masse erstarrt wäre, alles sah auf den Brennpunkt: meinen Mann und Mpangire. Zum Schluß wurden zugweise Salven und Schnellfeuer abgegeben. Dann ging es im Umzug in Sektionskolonnen durch die Stadt. Voran die Musik, dann mein Mann, Herr v. Kleist, Mpangire mit seinen Brüdern, ich, zum Schluß die Truppe, und genau so wie zu Haus bei solchen Gelegenheiten umgab uns die jetzt lärmende Volksmenge. Alles war aufs schönste mit Blumengewinden, Fahnen und Fähnchen geschmückt, jede Hütte war ausgeputzt.

Ich hatte mich bald von dem Zuge getrennt, um den Festzug aufzunehmen. Was ich laufen konnte, eilte ich an den Apparat; als der Zug ankam, knipste ich -- aber alle Mühe war umsonst! Der Verschluß versagte! Glücklicherweise haben die andern gute Aufnahmen machen können.

Mittlerweile war es 11½ Uhr geworden, und jeder zog sich zurück, denn um 2½ Uhr war Preisschießen. Zu Hause machte ich eine Schüssel Konfekt und Marzipan, in der Mitte eine Ananas, zurecht, auf der eine Karte mit der Mitteilung steckte, daß wir der Unteroffiziersmesse ein Kegelspiel zu Weihnachten, vorläufig allerdings erst schriftlich, stifteten.

Wir aßen zu Mittag, und um 2½ Uhr waren wir auf dem Schießplatz. Mein Mann schoß mir den ersten Preis, einen sehr schönen Elefantenzahn. Für die Einsätze und Reugelder waren Elefantenzähne als Preise angekauft worden. Es wurde mit Mauser-Gewehren geschossen. Die Unteroffiziere und die ersten schwarzen Dienstgrade schossen auch mit. Ich wurde mit dem Auftrag beglückt, die Preise zu verteilen.

Nach dem Preisschießen folgte ein Rennen. Beim Eselrennen gewann mein Esel, von _Dr._ Stierling geritten, den ersten Preis. Dann wurden fünf Ochsen am Spieße gebraten, ganz wie bei der Kaiserkrönung im alten römischen Reiche deutscher Nation, und vergnügter wie unsere Schwarzen hier können die „Frankfurt am Mainer“ auch nicht gewesen sein, wenn wir auch keine Springbrunnen mit rotem und weißem Weine sprudeln lassen konnten.

Eine große Volksmenge war auf dem Rennplatz noch versammelt, wo nach dem letzten Maultierrennen ein Wettrennen zwischen Boys, Fundis, Trägern und Askaris stattfand, der Erste am Platze konnte sich die großen hingeworfenen Preise (Tücher!) aufheben. Daran schloß sich Strickreißen. In die stärkere Partei wurden auch Tücher hinein geworfen, die derjenige bekam, der sie zuerst auffing, natürlich entstand dann oft ein großer Streit, der den Tüchern allerdings nicht zum besten gereichte.