Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 5
Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch vielfach ausgedroschen; die Dreschflegel sind den unseren ähnlich, selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen. Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen. Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde.
23. Juli 1896.
Gestern abend gemütliches Zusammensein in der Messe bis nachts 1 Uhr. Vom Grafen Fugger kam Nachricht, er baut tüchtig an seiner Boma; von den Einwohnern der Temben läßt sich niemand sehen, die Wahehe dagegen haben Beobachtungsposten ausgestellt. Es spitzt sich mehr und mehr zu, trotzdem mein Mann mehrere Gesandtschaften an Quawa geschickt hat, um diesen über den friedlichen Zweck unseres Zuges aufzuklären. An den Küsten hat man von den hiesigen Zuständen keine Ahnung, es wurde dort behauptet, Perondo sei sehr gesund und alles atme hier Frieden! Jetzt hat der zweite Unteroffizier auch Fieber.
Mit der Zeit schärft sich der Blick für die schwarzen Gesichter, ich kann jetzt schon die Frauen von den Männern unterscheiden; anfangs war das durchaus nicht leicht; beide tragen als Gewand große Tücher um Brust und Körper, die nur den Kopf, die Arme und die Füße freilassen; selten sieht man einmal einen Mann, der einen Anflug von Bart trägt.
Eben sitzt Kiwanga, einer unserer größten Häuptlinge, bei meinem Mann, ein stattlicher schwarzer Herr in europäischer Kleidung. Benehmen und Sprechweise machen einen guten Eindruck; schade, daß ich nichts von der Sprache verstehe; er scheint sehr klug zu sein. Unser Kognak hat seinen Beifall, er hat eine ganze Tasse voll getrunken! Er erzählte Tom, daß Quawa bei Iringa einen Streifschuß am Oberschenkel erhalten habe. Hätte der Schuß damals besser getroffen, brauchte mein Mann jetzt nicht all das Häßliche durchzumachen, was uns nun als sicher bevorsteht.
Kiwanga, unser Gast, scheint hier in hohem Ansehen zu stehen; während ich mich sonst immer darüber ärgern mußte, daß Koch und Boys in Gegenwart von Gästen stets ganz ungeniert ins Zimmer platzten, um sich die Befehle für die Mahlzeiten zu holen oder ihrerseits Wünsche und Klagen anzubringen, kommen sie heute nur leise angeschlichen und reden nur im Flüsterton: die Nähe von so viel schwarzer Hoheit bedrückt sie ganz augenscheinlich.
28. Juli 1896.
Ich habe die Tage über nicht schreiben können, denn es lag mir wie ein Alp auf der Seele: heute sind die Sachen für meinen Mann gepackt, die er auf seinem Zuge mitnehmen will! Sobald er seinen Bericht fertig hat, geht es ab! Der Krieg ist unvermeidlich, trotz aller Versuche, mit Quawa zu friedlichem Verständnis zu kommen. Tom hatte den Auftrag, ihm ein Geschenk zu überbringen, das ist nun natürlich ganz ausgeschlossen. Wenn mein Mann nicht glücklicherweise etliche von Quawas Leuten hierbehalten hätte, würde dieser Mensch unsere Abgesandten einfach aufknüpfen; unter diesen Umständen ließ Quawa sie gar nicht zu sich herankommen, sondern wies sie unter Androhung des Todes zurück. Welche Gesinnungen ihn beseelen, dafür nur einen Beleg: seinen Großen, die ihm zum Frieden rieten, ließ er den Hals abschneiden, deren Frauen wurden durch Ohrabschneiden verstümmelt! An 80 Leute haben dran glauben müssen. Welch ein Glück für uns, daß es nicht noch mehr solche Neger gibt, die durch den blutigsten Despotismus die Stämme unter ihrem Einflusse halten -- mit der Besitznahme von Deutsch-Ostafrika sähe es sonst sehr böse aus. Quawa hat seine Anhänger um sich versammelt, man schätzt ihre Zahl auf 7000 bis 9000 Mann; ihnen stehen wir mit 130 Mann gegenüber, nach Abzug von 30 Mann Besatzung unserer Boma und weiteren 20 Mann, die die Verbindung der drei kleinen Bomas auf unserer Etappenstraße aufrecht erhalten müssen. Um unsere Boma gegen einen plötzlichen Handstreich zu sichern, haben wir sie in den denkbar besten Verteidigungszustand gebracht, der Versuch würde Quawa und seinen Kriegern teuer zu stehen kommen.
Ich bewundere bei all meiner Sorge die kaltblütige Ruhe meines Mannes. Bei der ungeheueren Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht, bestimmt er alles mit einer Seelenruhe, als ob es sich um den alltäglichen Dienst handele! Mittags, gleich nach Tisch, ritt er ab mit 40 Soldaten und 100 Trägern. 400 Träger waren schon gestern abgegangen, sie sollten heute noch eingeholt werden. Ich begleitete Tom bis zum nächsten Fluß und war gegen 3 Uhr wieder zurück. Sofort erschien auch Kiwanga wieder und machte mir seinen Besuch, der mir in meiner sorgenvollen Stimmung wenig angenehm war. Ich setzte ihm Kognak und Zigaretten vor und da bei meinen mangelhaften Kenntnissen des Suaheli keine rechte Unterhaltung in Fluß kam, ging er bald wieder. Dann machte ich mir allerlei Beschäftigung, zog die Uhren auf, ging nach dem Hühnerstall und anderes mehr, bis der Dolmetscher mit der Meldung kam, soeben werde Herr v. Stocki schwer erkrankt ins Lager gebracht. Das war ein großer Schrecken. Ich ging sofort zu ihm, fand ihn glücklicherweise schon auf dem Wege der Besserung; er hatte ein perniziöses Fieber überstanden und hoffte, den Zug gegen Quawa schon mitmachen zu können. Nach dem Abendessen sah ich nach Lagerfeuern meines Mannes in den Bergen aus, es war aber nichts zu sehen.
29. Juli 1896.
In aller Frühe durch einen schriftlichen Gruß von Tom geweckt; ich schrieb sofort wieder, da der Bote mit Dienstsachen zurückging. Dann kam Kiwanga, brachte aber diesmal den Dolmetscher mit und blieb, da wir uns nun unterhalten konnten, eine ganze Ewigkeit. Außer dem üblichen Kognak und Zigaretten erhielt er einen kleinen Vorrat Salz zum Geschenk und einen von Toms Anzügen. Da ihm aber der Stoff an diesem Anzug nicht gefiel, mußte ich ihm einen anderen aussuchen, der seinem Geschmack besser entsprach! Später kam noch ein anderer Häuptling dazu, der ebenfalls mit Kognak und Zigaretten bewirtet werden mußte, sowie noch mehrere Gesandtschaften von weiter ab wohnenden Häuptlingen. Sie bleiben vier Tage hier; da geht es tüchtig über unsere Vorräte und besonders über die Zeuglasten her. „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ -- die Leute müssen warmgehalten und einigermaßen poussiert werden, damit sie uns Arbeiter für die Station schicken. Kiwanga war sehr erstaunt, als er zufällig sah, daß ich einen Revolver bei mir trage -- ich sah, wie ich dadurch in seinem Ansehen stieg. Kiwanga war gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Auf die Dauer fallen einem diese Gastfreunde doch etwas auf die Nerven.
31. Juli 1896.
Von Tom kommt jeden Tag -- Gott sei Dank! -- gute Nachricht, nur beunruhigt es mich, daß er über den voraussichtlichen Erfolg sich niemals äußert. Gott gebe, daß alles gut geht! Herr v. Stocki hat mir von seiner Safari zwölf Hühner mitgebracht. Er erzählte mir, warum die Wahehe uns nicht schon längst einmal überfallen hätten. Bei den Schwarzen ist die Zauberei noch sehr im Schwang, und „Medizinmänner“ stehen in hohem Ansehen. Es gibt aber auch „Medizinweiber“ unter ihnen, und eine solche schwarze Velleda hat sich auch Quawa rufen lassen. Die hat ihm denn nun folgendes offenbart: Der Sakkarani (nämlich Tom) habe sich eine Bibi Sakkarani mitgebracht, die einen großen Zauber besitze, nämlich eine kleine weiße Flasche; wenn sie die unter die angreifenden Wahehes werfe, würden sie sämtlich umkommen! Diese prophetische Warnung ist nun überall verbreitet, die Schwarzen ringsum erzählen sich schon davon.
Von meinem Gastfreund Kiwanga erhielt ich gestern als Geschenk ein kleines Mädchen zugesandt. Das arme kleine Ding, ich werde mich seiner recht annehmen. Zunächst ließ ich es durch Mabruks Frau gründlich waschen, dann wurde ihr der Kopf rasiert und sie mit neuen Tüchern ausstaffiert; sie soll stopfen, nähen und waschen lernen. Vorläufig habe ich als Gegengeschenk Zeug an Kiwanga geschickt, was weiter geschehen soll, wird Tom gelegentlich bestimmen. Jetzt geht’s in die Küche und dazu gehört immer ein fester Entschluß: eine Wellblechhütte, von der afrikanischen Sonne durchglüht, mit den offenen Feuern zum Kochen.
+Perondo+, 12. August 1896.
Ich habe keine Zeit gehabt, in diesen Tagen etwas zu schreiben. Nach neun Tagen der Einsamkeit das Wiedersehen mit meinem Manne und zugleich die Aussicht, ihn so rasch wieder für vier Wochen in das Ungewisse ziehen zu lassen! Wir haben in diesen wenigen Tagen nur der Gegenwart gelebt und die bange, trübe Sorge mit Gewalt zurückgedrängt. Das waren kurze Stunden des Glückes: Gott gebe, daß es nicht die letzten gewesen sind.
13. August 1896.
Als Tom wieder abzog, hatte er starkes Fieber; noch habe ich keine Nachricht von ihm, obwohl er besondere Leute für den Nachrichtendienst mitnahm. O diese Ungewißheit; jetzt gilt es vor allem, sich die trüben Gedanken, die aufregenden Vorstellungen von all den Gefahren fern zu halten, die Tom jetzt drohen! Denn nichts ist gefährlicher als diese Gemütserregungen, die meist heftige Fieberanfälle zur Folge haben sollen. Um mich zu zerstreuen, bitte ich öfters den Zahlmeister zu mir, auch der Lazarettgehilfe wird dann hinzugezogen, und da hilft dann Kartenspiel, „Sechsundsechzig“, über manche Stunde der Einsamkeit und der trüben Gedanken hinweg. Wir Europäer sind hier ganz besonders aufeinander angewiesen. Wenn sonst mein Mann weg war, ist mir nie so schwer zu Mute gewesen. Hier gilt es unsere ganze Zukunft, das Leben meines geliebten Mannes, die Sorge lastet auf mir wie eine dunkle Wolke.
15. August 1896.
Von Tom gute Nachricht! Mit seinem Fieber geht es besser. Gott sei gedankt für diese Freudenbotschaft.
Ich selbst leide am Fieber; dazu schlaflose Nächte und die ekelhafte Plage der Sandflöhe. Die bohren sich tief ins Fleisch, dann heißt es, die Blase mit den Eiern sorgfältig entfernen, damit nichts zurückbleibt, sonst wird die Sache nur noch schlimmer. Heute habe ich solche Geschwürchen herausgenommen. Die kleine Muhigu, Kiwangas Gastgeschenk, leidet so stark unter dieser Landplage, daß sie kaum gehen kann. Sie ist grundhäßlich, aber ein freundliches, zutuliches Wesen. Zu meinen Pflegebefohlenen gehört auch ein kleines, etwa vier Jahre altes Indermädchen; sie ist Waise, und da sie an krampfartigen Anfällen leidet, die sie meist am Gehen hindern, will niemand etwas von dem armen Kinde wissen; auch an den Händen ist sie gelähmt, dazu blöde Augen, -- es ist schmerzlich, das arme Ding anzusehen. -- Auf dem Hühnerhofe ein Erfolg: eine Pute legt Eier und eine Ente ist am Brüten. Letzte Nacht prachtvolles Steppenfeuer, das sich bis in die Berge zog und den Wasserfall wunderbar beleuchtete. Die Eingeborenen hatten auf weite Strecken hin das trockene Steppengras abgebrannt. Durch Schnapsels Rattenjagd werden meine Nächte auch nicht erquicklicher; er fängt natürlich keine, denn durch die engen Löcher in den Wänden kann er nicht nachkommen. Neulich fielen in der Nacht zwei von diesen scheußlichen Tieren von der Decke auf mich, ich schrie laut vor Schrecken; eine lebensmüde Ratte fand ich im Waschbecken ertrunken.
+Lager am Ombascha-Posten+, 19. September 1896.
Welche Glücksbotschaft gestern! Um vier Uhr kam ein Brief von Tom: sobald unser Gepäck „_tajari_“ (fertig gepackt zum Mitnehmen), soll ich zu ihm kommen! Er hatte für das Verpacken zwei Tage gerechnet -- natürlich war ich schon am anderen Morgen „_tajari_“ und rückte mit meinem Begleiter, dem Oberlazarettgehilfen, ab. Ein tüchtiger Gebirgsmarsch. Sehr müde!
+Lager am Kihansifluß+, 20. September 1896.
Ich darf wenigstens sagen, daß ich Afrika kennen lerne; freilich ist dieser praktische Geographieunterricht recht anstrengend, dafür aber nur interessanter. In der Schweiz habe ich nicht solche Kletterpartien gemacht wie hier; selbst nicht am Julier, wo ich mir Edelweiß geholt habe von Stellen, die für Damen als unerreichbar galten. Gestern waren acht Berge zu nehmen, 600 bis 800 Meter hoch, so steil und unwegsam, daß ich mich oft hinaufziehen lassen mußte, wenn ich die für mich eingehauenen Stufen in den Felsblöcken selbst auf „allen Vieren“ nicht mehr schaffen konnte. Aber jeder bestiegene Berg war ja ein Hindernis weniger auf dem Wege zum Ziel! Da vergaß ich gern 33° Reaumur! Die Aussicht war großartig, aber die Müdigkeit ließ mich doch nicht zum Genuß kommen.
+Magdalenenhöhe+, 21. September 1896.
Morgen oder übermorgen sehe ich meinen Mann wieder! Was waren das für schreckliche Wochen! Wie zitterte ich um des Geliebten Leben, wie oft kamen Nachrichten, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließen! Wußte ich doch Tom mit seinen 230 Mann und den 8 Deutschen -- von denen drei eben erst das perniziöse Fieber überstanden hatten -- einem an Zahl weit überlegenen blutdürstigen Feinde gegenüber. Anfangs erhielt ich alle paar Tage Nachricht -- dann blieb vierzehn Tage lang jede Botschaft aus! Doch nun ist ja diese schreckliche Zeit der qualvollen Ungewißheit vorüber, ich ziehe ihm entgegen, soll ihn nun bald gesund und fröhlich wiedersehen! Die größte Gefahr ist abgewendet, wenn auch noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt: nämlich Quawas habhaft zu werden. Dazu müssen aber erst Hilfstruppen abgewartet werden, Toms kleine Schar ist in diesem ungeheuren Gebiete dieser Aufgabe natürlich nicht gewachsen. Für mich zum Glück: bis zum Eintreffen der Verstärkungen darf ich bei meinem Manne bleiben! Als Tom das Lager Quawas nahm, ist dieser entkommen, so konnte dem ganzen Feldzuge leider nicht mit einem Schlage ein Ende gemacht werden. Das Gefecht war infolge von Quawas Flucht ziemlich kurz, Tom hatte keine Verluste, auf der feindlichen Seite aber Tote, Verwundete und Gefangene. Es wurden an 1000 Stück Großvieh und 1100 Kleinvieh erbeutet -- an Fleischmangel wird die Station also nicht mehr zu leiden haben.
Eine Episode aus diesen sechs Wochen Einsamkeit muß ich doch noch nachtragen. Eines Abends saß ich mit dem Zahlmeister Winkler und dem Lazarettgehilfen Prinage beim Skat, als plötzlich einige Griechen und Araber auf unserer Veranda mit der Schreckensnachricht angestürzt kamen: „Die Wahehe sind da! Sie wollen die Boma stürmen!“ Da hieß es „Kaltes Blut“ -- nicht den Kopf verlieren; es war das erstemal, daß ich mich in solcher Lage nur auf mich selbst angewiesen fand. Während Winkler und Prinage Patronen an die sofort alarmierten Soldaten ausgaben, die Boys und Träger mit Vorderladern bewaffneten und jedem seinen Posten anwiesen, ließ ich Wasser herbeiholen, brachte die Reittiere in der Boma unter, sammelte die mit Speeren bewaffneten Männer aus dem Dorfe, brachte sämtliche Windlichter und Laternen zusammen und suchte möglichst Ordnung in das schwarze Menschengewühl zu bringen, denn Weiber und Kinder bildeten ein kaum entwirrbares Knäuel. Dann steckte ich Revolver und Patronen zu mir, legte mein Bestes an Schmuck obenauf im Koffer, um im Falle eiliger Flucht alles zur Hand zu haben, dann machten wir einen Rundgang, um uns von der richtigen Ausführung aller unserer Anordnungen zu überzeugen. Die ganze Alarmierung war in fliegendster Eile vor sich gegangen; nach kaum einer halben Stunde spielten wir auf unserer Veranda weiter. Wir blieben die ganze Nacht auf, -- ich hatte die Weiber und Kinder inzwischen auch untergebracht -- und vertrieben uns die Zeit mit Kaffeetrinken und Postenrevidieren. Der Höllenlärm unserer aufgeregten Nachtgäste ebbte nach und nach ab, und der prachtvolle Sonnenaufgang fand uns in verhältnismäßiger Ruhe. Die Wahehe waren nicht gekommen, unsere Vorbereitungen für einen möglichst warmen Empfang also vergeblich gewesen. Die Weiber trauten aber dem Landfrieden doch noch nicht: tagelang hielten sie sich in Zelten dicht an der Boma auf, aus Furcht vor den Wahehes.
Die Aufregung jener Nacht hatte wohltuende Wirkung: sie riß mich gewaltsam aus aller kopfhängerischen Angstmeierei, die doch zu nichts nützen konnte, und führte mir mit der wünschenswertesten Deutlichkeit vor Augen, daß ich hier, besonders wenn Tom nicht auf der Station anwesend, wirklich nicht „zum Staat“ da bin. An Beschäftigung habe ich mir in der Zeit alles nur Denkbare hervorgesucht. Meinen Pflegekindern habe ich Kleidchen gemacht, Wäsche geflickt u. a. m. Viel Arbeit verursachte die Herstellung eines Kopfkissens für Tom. Alles, was von Vieh etwas längere Haare hatte, wurde geschoren, aber der Ertrag war nicht groß, denn Ziegen und Schafe haben hier meist ein glattes Fell, Schafwolle kennt man nicht; da ich zu dieser Arbeit die Papierschere benutzen mußte, hatte ich bald Blasen an den Fingern. In diese sechs Wochen fiel auch mein erster Geburtstag als junge Frau! Die Feier hatte ich mir auch anders vorgestellt. Tom hatte für reichen Blumenschmuck meiner Hütte gesorgt, von ihm selbst kam ein herzliches Schreiben -- aber doch eben nur ein Schreiben! Als Gratulanten erschienen der Zahlmeister und der Lazarettgehilfe; aus der alten Heimat kein Gruß, kein Glückwunsch. Die Soldaten gaben, wie an hohen Festtagen, mir zu Ehren drei Salven, dann spendierte ich ihnen Geld und den Boys eine Ziege.
Als wir von Perondo abzogen, kam das ganze Dorf, um mir eine gute „Safari“ zu wünschen, mindestens an 300 Weiber begleiteten mich ein Stück Wegs, und als sie schließlich Spalier bildeten, drängten sie sich alle an mich heran, um mir noch einmal „Kwaheri“ zu sagen. Diese Anhänglichkeit, über die ich mich wirklich freute, verdanke ich wohl meiner Gewohnheit, im Dorfe öfter selbst Einkäufe zu machen und die Kinder mit Erdnüssen und dergleichen zu beschenken.
+Magdalenenhöhe+, II. Etappe, 24. September 1896.
Wiedersehen mit Tom, den ich von hier aus begleite. Der Marsch bis zur II. Etappe (24. September) bot viel Schönes und Interessantes. Zerklüftete Berge, auf deren saftig grünen Matten sich kleine Ansiedelungen zeigten, die mich an die Schweizer Sennhütten erinnerten; rauschende Bergbäche, die ihr kristallklares Wasser in kleinen Kaskaden von Fels zu Fels stürzten, dichtbelaubte, blumenreiche Ufer und ein Wald von Farnen, deren Fiederfächer über uns zusammenschlugen. Unvergeßlich wird mir der große Wasserfall bei Magdalenenhöhe bleiben, zu dem Prinage mich begleitete. Der Weg war ungemein beschwerlich, glatt und steil, der Lohn für die Anstrengung aber ein hoher! In einer Breite von 8 bis 10 Metern stürzen gewaltige Wassermassen einen an 800 Meter hohen Felsen herab, um aus der Tiefe, an den durch Jahrtausende hindurch ausgehöhlten Klippen zerstäubt, als diamantenschillernde Wolke aufzusteigen, das Ganze umrahmt von üppigem Gehänge tropischer Flora, die überall zwischen den Klippen und Felsblöcken hervorquillt -- und all diese Pracht im Farbenspiel der afrikanischen Sonne. Kein Maler hat Farben auf der Palette, den Zauber dieser Beleuchtung wiederzugeben -- und Worte vermögen es noch weniger. Zu dem nachhaltigen Eindruck, den dieses Tropenbild auf mich macht, kommt noch das Bewußtsein: ich bin die erste weiße Frau, der dieser Anblick vergönnt ist.
Der Weg bis zur III. Etappe und weiter vom Ruaha aus bot ebenfalls viel Abwechselung, ich stand aber noch zu sehr unter dem mächtigen Eindruck dieses in all seiner fremdartigen Schönheit gewaltigen Landschaftsbildes, um der hügeligen Landschaft erhöhtes Interesse zuzuwenden. Während wir auf der II. Etappe waren, brachte einer unserer Schauisch (schwarzer Unteroffizier) 18 Wahehekrieger an, die er samt ihren Weibern und Kindern mit seinen Askaris gefangen genommen. Die Leute waren mit Mauser-Gewehren der Zelewski-Expedition und reichlicher Munition versehen, sie wurden demgemäß unter scharfer Aufsicht bis zur III. Etappe mitgenommen, wo Tom dann schließlich feststellte, daß sie auf dem Marsche nach der Station sich befanden, um sich zu ergeben, als sie von unseren Leuten aufgegriffen wurden. Das ist ein erfreulicher Erfolg von Toms geschicktem diplomatischen Verhalten: durch langsames Vorgehen, ohne Blutvergießen, ohne eine Tembe zu verbrennen, ist den Leuten _ad oculos_ demonstriert worden, daß die Besitznahme des Landes auch auf friedlichem Wege möglich. Nun kommen sie so nach und nach an, um sich den neuen Herren zu unterwerfen. Aber bis mein Mann das erreicht hat, mußte er sich’s viel Sorge und Mühe kosten lassen, und wir alle beide haben diesen Erfolg mit einem Stück Gesundheit bezahlt!
Nun folgten schöne Tage. Mit meinem Mann zusammen konnte ich den letzten Teil unseres Marsches zurücklegen, aus dem mir noch eine höchst malerische Felsenbildung in Erinnerung steht, Trümmer und Säulen wohl vulkanischen Ursprungs, die in ihrer malerischen Anordnung uns das Kolosseum in Rom ins Gedächtnis riefen.
Am 29. September näherten wir uns unserer künftigen Station, und unsere Hochzeitsreise hatte nun ihr Ziel erreicht: +Iringa+!
Tom war sehr gespannt, ob schon Nachricht da wäre von den von ihm verlangten Truppen, ohne welche die Verfolgung Quawas nicht möglich wäre, und mich interessierte besonders, ob unser Haus schon fertig sein wird!
Wir wurden gleich militärisch empfangen: Leutnant Stadlbaur[5] und _Dr._ Reinhard mit den Askaris von Kilimatinde begrüßten uns beim Einzug. Die beiden Herren begleiteten uns, sobald die dienstlichen Geschäfte erledigt waren, zu unserem Haus: ein niedliches Strohhäusel, mitten in einem Wäldchen, mit Durchblick nach den Bergen und der Boma; wenn der Wind geht, pfeift er frischweg durch unsere drei Zimmer; es hat auch zwei Veranden, die hintere Veranda richteten wir gleich als Stapelplatz für Lasten und Futterkisten ein. Die Decken der Zimmer sind mit weißem, die Wände mit blauem Zeug ausgeschlagen; das machte alles einen wohnlichen Eindruck, die Herren hatten zudem noch die Wohnung so reizend mit Blumen geschmückt, daß wir unsere herzliche Freude daran hatten! So war uns doch unerwartet ein festlicher Einzug in unser neues Heim durch diese Liebenswürdigkeit bereitet worden. Sobald der Bauleiter eintrifft, wird ein größeres Haus aus festerem Material für uns aufgeführt werden. Die beiden Herren gaben uns ein Willkommensfrühstück auf unserer Veranda, sie selbst bewohnen ein Zelt; nachmittags besahen wir uns die Station, und abends waren die Herren unsere Gäste.