Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt

Part 4

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Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen 40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer, mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt, je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes Gedränge -- aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner, die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris das Nötigste aus den Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen.

+Fakalla+, 29. Juni 1896.

Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können.

An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber -- kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten. Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer findet sich stets in der Nähe von Wasser; auch der Honigvogel ist ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne.

+Am Fluß Ruipa+, 1. Juli 1896.

Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen, werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen! Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“ sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona! -- Heute den 34. Tag unterwegs!

+Gima+, 2. Juli 1896.

Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf -- natürlich tolle Kopfschmerzen. Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres Zeichen, daß sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen.

+Ndemusdorf+, 3. Juli 1896.

Auch heute alle Dörfer verödet -- ein böses Zeichen! Quawa hat die Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe, aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen. Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben, überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um einzutreten.

Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.

5. Juli 1896.

Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, die meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick eines solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten Farnkräuter gesehen! -- Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm: Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen, denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen. Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze niederzutreten.

+Am Kitalabach+, 6. Juli 1896.

Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken; dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°. Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war, um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt, dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung: Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein, wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln, Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.

Am 7. Juli 1896.

Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf -- gegenüber dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich, wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu überzeugen.

Zweites Kapitel.

In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa.

+Perondo+, 8. Juli 1896.

Um 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges, hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit -- mehr gestattete der Weg nicht -- so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki, Graf Fugger und _Dr._ Berg entgegen, die auch für eine prächtige Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet, und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen -- und der Dienst machte seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen Festmahle -- wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt -- der letzte -- wurde reichlich getrunken, dank seiner belebenden Wirkung und der Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt, trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein!

Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen, gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen. Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der neu anzulegenden Station zu dirigieren -- +ohne daß es zu viel kostet+! Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend: die Messe besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die Bezeichnung „Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der Zimmermann die üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne durch Tischler und Glaser ergänzt zu werden.

+Perondo+, 9. Juli 1896.

Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe, brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen, um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder, alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen.

+Perondo+, 12. Juli 1896.

Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich alles nötige Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem -- natürlich sorgfältig gereinigten -- Gewehrlaufe glattgestrichen und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl, Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, -- aber wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe -- man kann sie zwar nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter befestigt; es sah wunderhübsch aus -- stilvoll-afrikanisch. Dazu in der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen; an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel (ich hatte mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste.

Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. -- Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen.

+Perondo+, 13. Juli 1896.

Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam _Dr._ Berg; dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel.

Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt- und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht aufgefressen. Der Feinschmecker!

Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig. Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind anwesend.

+Perondo+, 17. Juli 1896.

Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab; zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000 Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs.

Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer Hütte.

Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn 1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es reichlich.

Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches Notwendige finde ich überhaupt nicht.

In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perniziöses Fieber zu haben und wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte dann auch _Dr._ Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom den Verlust von zwei Europäern. -- Eine rechte Landplage sind hier die kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den Kopf gebunden tragen müssen -- ein spaßiger Anblick.

+Perondo+, 18. Juli 1896.

Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis _Dr._ Berg kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders annehmen.

Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch! Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch. Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern Küchenzettel!

+Perondo+, 19. Juli 1896.

Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern werden?

Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht schlimmer, er ist aber sehr schwach.

Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden: Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat.

Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können.

+Perondo+, 22. Juli 1896.

Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte: erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten, und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle unsere Wünsche und Hoffnungen richten.