Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 3
Heute wird Tom von allen Seiten von Eilboten bestürmt, infolgedessen hat er riesig viel zu tun. Um den Tag zu feiern, haben wir unsere Herren zu einer Bowle eingeladen. Der Marsch war heute wieder sehr schön, durch ein fruchtbares Stück Land. Vorgestern kamen wir durch ein 4 bis 5 _m_ hohes Maisfeld, wohl eine halbe Stunde lang; das Marschieren war zwar nicht angenehm, aber wir freuten uns doch, da uns Tom erzählte, so fruchtbares Feld habe er seit 3 Jahren nicht gesehen, denn die Heuschrecken hätten zu arg gehaust; jetzt ist diese gräßliche Landplage, Gott sei Dank, im Aussterben. Gestern noch sahen wir ganz abgefressene Grashalme, mit großen braunen länglichen Punkten -- tote Heuschrecken, zu fünf und sechs an einem Halm. Viele Wildspuren, aber kein Wild zu sehen, da das Gras, 3 bis 4 _m_ hoch,[4] jeden Umblick hinderte. Zur Linken lugten zwischen einzelnen Baumgruppen waldige Hügel herüber, und zur Rechten zeichneten sich mit allen landschaftlichen Einzelheiten, mit ihren Wölbungen und Tiefen, die wunderschönen 8000′ hohen Uluguruberge in der durchsichtigen, klaren Luft ab. Wir marschierten 6¾ Stunden, eine ganz ansehnliche Leistung, wenn man den schmalen, gewölbten „Straßenrinnen-Weg“ in Betracht zieht, der, von darüber fallendem Gras bedeckt, uns zwingt, immer hübsch vor uns hinzusehen und der Steine und Wurzeln zu achten, denn das Stolpern bringt aus dem Marschtempo. Dazu die besondere Eigentümlichkeit, daß es hier kaum Bäume ohne Dornen gibt. Ich hatte keine Gamaschen angelegt und mußte diese Unterlassung beim Reiten durch zahlreiche Dornenrisse büßen.
+Chansi+, Kinganifluß, 8. Juni 1896.
Heute war ein schöner Tag -- beinahe ein Ruhetag! Es wurde erst um 6¼ Uhr zum Aufbruch geblasen, dann ein kurzer Marsch bis zum Fluß, den wir in Kanoes kreuzten; die Leute wateten durch. -- Nachmittags schossen die Herren die Gewehre ein. Während ich hier schreibe, lodern ringsum große Feuer gen Himmel, an denen schwarze Gestalten umherhocken. Die Feuer brennen die ganze Nacht hindurch, in ihrem Bereiche suchen sich die Leute ihre Lagerstätten.
+Mihama+, 1½ Stunde westlich von Tulu, 9. Juni 1896.
Trotzdem schon um 5¼ Uhr zum Abmarsch geblasen wurde, kamen wir doch erst um 7½ Uhr aus dem Lager. Die Soldaten hatten einige Gnus geschossen, die erst unter die Askaris verteilt wurden -- ein großes Ereignis! Nachmittags war wieder Fleischverteilung, bei der ich zugegen war; mit welcher Gier stürzten sich die armen Kerls auf die leckere Beute! Auch einige Hartbeeste waren geschossen worden, darunter eins von meinem Mann, mit prachtvollem Gehörn. Wir behielten uns ein Stück des besten Fleisches, hoffentlich bereitet es der Koch auch schmackhaft zu. Von der Vorzüglichkeit unseres Küchenchefs bin ich nämlich schon längst abgekommen, trotz seines Rufes als des anerkannt besten seines Faches. Er bezieht ein Gehalt von 40 Rupien monatlich, hat als Assistenten einen Küchenjungen zu 3 Rupien und einen Esel zum Reiten auf der Safari (Reise) und muß außerdem noch sehr gut behandelt werden, damit er bleibt! Leicht hat er es übrigens ebensowenig wie unsere Jungens. Wenn wir ins Lager kommen, meistens gegen 12 Uhr und später, müssen die Zelte aufgeschlagen, der Tisch gedeckt, aufgewaschen und hunderterlei Kleinigkeiten besorgt werden, von denen eine deutsche Hausfrau keine Ahnung hat, die aber zu den täglichen Notwendigkeiten unseres afrikanischen Marschlebens gehören.
+Dutumi+, 10. Juni 1896.
Ein kurzer aber sehr beschwerlicher Marsch heute. Das an 4 _m_ hohe, taufrische Gras hinderte uns sehr am Vorwärtskommen und durchnäßte uns bis auf die Haut. Zuweilen sahen wir, wenn das Gras einmal einen Ausblick gestattete, die waldigen Höhen der Uluguruberge rechts vorgelagert, ein Zeichen, daß unsere Karawanenstraße im großen Bogen lief; wir hatten diese Berge bisher immer zur Linken gehabt. Unsere Zelte stehen abseits von den übrigen unter einem großen Baum, der seinen Schatten nach allen Seiten hin spendet; ein ideal schönes Plätzchen. Während ich schreibe, üben unsere Askaris ihre Hornsignale. Wie mich das an Weißenrode erinnert, wenn vom Liegnitzer Haag die Musik der Königsgrenadiere herüberschallte. Es ist eigentümlich: der Zulu, obwohl musikalisch, ist zum Signalblasen nicht zu gebrauchen, da seine Lungen zu schwach sind; der Sudanese dagegen ersetzt, was ihm an musikalischer Begabung abgeht, durch kräftige Lungen; die Kerls blasen ihre Signale wie man’s zu Hause kaum besser hören kann. Die Sudanesen halten sich übrigens, wie ich hier einschalten will, für besser als die anderen Stämme und wollen nicht mit zu den Negern gerechnet werden.
Von dem gestrigen Wege bin ich so entzückt, daß ich die Schilderung heute nachholen möchte. Der Marsch ging auf breit ausgehauenem Pfade, auf welchem sogar 10 bis 15 Neger mit dem Ausjäten des Unkrautes beschäftigt waren. Solch Zeichen von Kultur hier zu finden, ist wie eine Oase in der Wüste, und zwar besonders erfreulich als Zeichen, daß der Jumbe in dieser wohlhabenden Gegend eine gewisse Macht besitzt; die Beschaffenheit der Wege kann man als besten Maßstab hierfür gelten lassen. Diese Jumben lassen sich mit unseren Dorfschulzen vergleichen, doch stehen ihnen größere Machtbefugnisse zu, denn das Gouvernement kann sich hier nicht um alle die Kleinigkeiten bekümmern, für die der Dorfschulze seinem Amtsvorsteher und Landrat verantwortlich ist; unsere Jumben hier stehen in dieser Beziehung doch selbständiger da, und das Gouvernement unterstützt ihre Anordnungen. So schön geebneten Weg hatten wir bisher noch nicht gefunden, vor allem nicht auf diese Länge hin, selbst die Brücken über die Flüsse fehlten nicht. Der Jumbe _en chef_ hatte augenscheinlich die ihm unterstellten zehn Unterjumben gut im Zug. Er kam uns entgegen und war sehr enttäuscht, als wir unser Lager nicht in seiner Residenz aufschlugen.
Eine Stelle des Weges haftet mir besonders im Gedächtnis: Dornröschens Schloß meinte ich vor Augen zu haben, hohe Wände von dichtem grünen Laub, hochragende Baumwipfel als die Mauertürme dieses verzauberten Schlosses. -- Die Temperatur war recht afrikanisch: trotz Tropenhelms und Regenschirms trug ich eine Brandblase auf der Nasenspitze davon. Das Trinkwasser ist hier recht unappetitlich, es gehört schon Überwindung dazu, sich in dieser trüben Flüssigkeit zu waschen -- trinkbar ist es nur in der Form von Tee, und zwar aus silbernem Becher, um die trübe Brühe nicht beim Trinken auch noch sehen zu müssen.
Station +Kisaki+, 11. Juni 1896.
Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der Malaria erlegen. Es war doch schön, wieder einmal nachts ein Dach über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat -- das ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb, aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 _m_ hohen Ufer fallen sehr steil ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt hier das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein.
Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei- bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr _en vogue_.
Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte.
Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht, um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen. Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns Befehl Bastionen, Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen.
+Mgeta+, 13. Juni 1896.
Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier für den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien bedankt zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir uns ein. Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der Mafiti mit Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen Anhang vor Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms Gewehr tragen zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem Mafitidorfe vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut ist, bis an den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten im hohen Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied in Sturmkolonne vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten Lagerplatz zu schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst +nach+ dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar den blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz nur dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein unübersteigbares Hindernis.
Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen: Höhenmessung durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers, eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7 Uhr an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und zwar je dicker je besser.
Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine dichte Wolke am dunkeln Himmel hin -- ein feierlicher Anblick: Seelen, die ihrer Heimat zustreben!
+Msengebach+, 14. Juni 1896.
Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten -- wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte.
+Makirika+, 20. Juni 1896.
Das erste Fieber überstanden! -- Das waren böse Tage. Daheim wäre man bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen, und Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit. Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts; erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war.
Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v. Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude, solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen, um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen von Uhehe grüßten zu uns herüber!
+Mfajeka+, 21. Juni 1896.
Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha, der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch zuerst immer jämmerlich schrieen. --
Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank. Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha an dieser Stelle gegen 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, -- die landesübliche Sitte des Kindertragens -- und wurden mit ihrer lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete.
Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort herausgeholt, geschient und verbunden.
+Mfajeka+, 22. Juni 1896.
Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden, nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein, ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit -- auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit, wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt.
Von meinem Platze aus kann ich die Kompagnie sehen, die oben zum Appell angetreten ist. Auf dem Marsche tragen unsere schwarzen Kerls je nach Geschmack alle möglichen Zierate an den Mützen: Federn, weiße Sterne u. a. m.; heute sehen sie in ihren, den Husarenkalpaks ähnlichen Mützen ganz militärisch und schmuck aus.
+Dorf Kranse+, 24. Juni 1896.
Der Abmarsch verzögerte sich, weil wir auf den Arzt warten mußten, der erst den im Ruaha verunglückten Träger neu verbunden hatte und dann noch nach einem kranken Kinde sehen mußte. Drei Stunden ließ ich mich tragen, versuchte dann, auf meinem Maskatesel weiter zu kommen, mußte mich aber bald bequemen, über einen durch Auswaschung entstandenen Erdspalt auf Baumwurzeln zu balancieren. Als nächstes Hindernis kam ein Urbusch, der erst gangbar gemacht werden mußte: dunkler Moorboden oder Graswuchs, lianenumschlungene Stämme mit dichtem Laub, Wasserpfützen mit dem bekannten metallisch-rötlich-schimmernden schleimigen Überzug, das alles in einem düstern Zwielicht, dazu eine Fülle von Tieren und Insekten -- das ist das Bild eines afrikanischen Urbusches oder Urwaldes.
Unser Lager liegt dicht an den Bergen, die uns einen frischen Wind herübersenden; das erfrischt Mark und Nerven und hält die gefährlichen Fiebermiasmen der sumpfigen Niederung fern. Gegenüber ein prächtiger, breiter Wasserfall. Welch schöner Abend: ringsum die Lagerfeuer, an denen die Leute sich schon schlafen gelegt haben, silberklar zieht der Mond seine stille Bahn am tiefblauen Sternenhimmel, an dem einzelne Silberwolken glänzen, der Horizont begrenzt von den hohen Bergen von Uhehe -- in die tiefe Stille dringt nur das gleichmäßige Rauschen des Wasserfalls herüber und ab und zu der Schritt des Wachtpostens.
+Mahenge+, 25. Juni 1896.
Um 6 Uhr 20 Minuten Aufbruch. Die ersten 3½ Stunden ließ ich mich tragen und las dabei, wie ich meistens tue. Dann ritt ich meinen braven Maskatesel. Der Weg durch den Wald war recht schlecht, Tom mußte einen Unteroffizier als Bahnbrecher vorschicken. Das Marschtempo ist im allgemeinen 100 Schritt in der Minute, der Schritt etwa 70 Zentimeter, so daß wir durchschnittlich in der Stunde 4 bis 4½ Kilometer vorwärtskommen. In einem hohlen Baum fand Tom heute ein ganzes Schmetterlingsnest, aus dem er die Tierchen wie junge Vögel ausnehmen konnte. Es war sehr niedlich. Jetzt kommen wir meist ziemlich manierlich ins Lager, freilich durch das hohe, nasse Gras gewöhnlich bis auf die Haut durchnäßt, und beim Durchreiten der Bäche kommt man auch oft genug mit den Füßen ins Wasser, obgleich ich im Sattel balanciere wie eine Kunstreiterin. Morgens regnet es hier auch öfters; im Gegensatz zu vielen anderen regenarmen Gegenden Deutsch-Ostafrikas ist das Land deshalb hier auch ungemein fruchtbar. Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Reichtum die Natur diesen Landstrich ausstattet! Wir kamen durch einen Graswald, der uns mit seinem, die Bäume überragenden Schilfgras ganz vorweltlich anmutete; bei den Maisfeldern wuchsen sechs bis acht Stauden aus einer Wurzel durchschnittlich 5 bis 7 Meter hoch. Ein Stückchen solch fruchtbarer Erde in Europa!
Afrika geht auf die Gesundheit! Von uns fünf Europäern haben Tom und der Zahlmeister Winkler seit vierzehn Tagen fortwährend Fieber bis zu 40°, der Unteroffizier Hammermeister sogar bis 41°, und auch unser Arzt _Dr._ Stierling laboriert daran. Das beste Vorbeugungsmittel ist und bleibt kräftige Nahrung, um dann während der Fieberanfälle möglichst bei Kräften zu bleiben, denn auch bei nicht allzuhohem Fieber taten die Herren immer ihren Dienst. Man muß hier nach Möglichkeit gut leben, schon um den Dienst im Gange zu halten. Wer nur Wasser trinkt und nicht gut und kräftig ißt, der spart wohl -- und zwar nicht unbeträchtlich! -- am Geldbeutel, auf die Dauer wird er aber dieses Sparsystem nicht aushalten. Trotz alledem -- Afrika hat doch Reize, die man in Europa vergeblich suchen würde. Wenn die Träger ins Lager ziehen und ihre Lieder vom „Sakkarani“ singen, wenn wir nach angestrengtem Marsche unsere Zelte aufschlagen als vorgeschobene Pioniere deutscher Kultur, mit dem Ziel vor Augen: wir wollen und können unserm deutschen Vaterlande auf diesem vorgeschobenen Posten dienen und nützen, jeder nach seinem Pfund! -- das ist ein Bewußtsein, welches über den Mangel europäischen Komforts und selbst eine tüchtige Dosis Fieber kräftig hinweghilft!
Heute war offizieller Empfang! Eine Stunde vor dem Dorfe kam uns der Jumbe entgegen und begrüßte uns mit einer feierlichen Ansprache, die ich allen seinen deutschen Kollegen als Muster von -- Kürze bestens empfehlen kann. Auch sonst fanden sich Vergleichspunkte mit europäischen Einzugsfeierlichkeiten: die Stelle der weißgekleideten Jungfrauen vertraten die mit schneeweißem Linnen drapierten Einwohner beiderlei Geschlechts, die uns zu Ehren angetreten waren. Das Dorf war rings um einen großen freien Platz angelegt, in dessen Mitte ein riesiger wilder Feigenbaum die Stelle unserer Dorflinde vertrat. Hier spielt sich das öffentliche Leben ab, in seinem Schatten wird Schauri gehalten, getanzt, gekneipt und wohl auch gelegentlich mal gerauft, ganz wie bei einer deutschen Kirmes. Unser Lager wurde unter einer stattlichen Baumgruppe aufgeschlagen, die als deutliches Zeichen dieser ihrer Bestimmung an einem Stamme ein -- Reklameschild für deutschen Sekt trug! Die Herren v. Kleist und Albinus, die früher hier stationiert waren, hatten uns gesagt, wir würden wohl wenig Lebensmittel auftreiben, da die Leute sehr arm seien, höchstens einige Hühner, von Ziegen ganz zu schweigen; um so angenehmer waren wir überrascht, als uns eine Menge Ziegen, Hühner, Eier und Mehl gebracht wurde. Der Besuch nahm den ganzen Tag kein Ende. Es sieht zu drollig aus, wenn so dreißig bis fünfzig Schwarze um uns herum hocken; ich bewirte sie mit eigens für sie bestimmten Tassen mit Gin; gern würde ich mich auch mit ihnen unterhalten, aber ich verstehe ihre Sprache noch nicht.
26. Juni 1896.
Wir passierten eine Anzahl recht ansehnlicher Dörfer; die Hütten waren durchweg mit Veranda versehen. Unter dem Schwarm von Eingeborenen, die uns zur Station begleiten, um dort Schauri zu halten, befindet sich auch der Jumbe Farhenga, der früher oft gegen uns gekämpft hat, bis er sich ergab -- Leutnant Brüning ist im Kampfe gegen diesen Stamm gefallen --; er war früher ein Anhänger von Quawa und glaubt bestimmt, daß dieser sich nicht sehen lassen würde.
27. Juni 1896.