Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 20
Nachdem wir sehr gründlich als unsere eigenen Architekten den Plan des Hauses durchberaten hatten, ging’s ans Abstecken und das Bodenausheben für das Fundament. In der Nähe der Baustelle war ein Loch ausgehoben worden, in dem der Mörtel zurechtgestampft wurde. Leichtfüßige Knaben trugen ihn in leeren Petroleumfässern -- die in Afrika ein gar begehrter, vielseitig verwendeter Artikel sind -- den Maurern zu, die schon am Werk waren mit nicht geringem Geschrei: „_Udongo! Udongo!_“ -- „Erde her!“, also ungefähr unserem „Lehm up“ entsprechend. Die Herren Maurer sind wie bei uns verschieden geschickt; so erhielten die gewandteren die Erker, Fenster-, Türkanten zugewiesen, die minder tüchtigen die glatten Flächen, wobei sich freilich beim Nachprüfen mit dem Lot oft genug die Notwendigkeit ergab, ein ganzes Stück windschiefer Arbeit wieder einreißen zu lassen, denn Augenmaß ist den Negern nicht gegeben.
Mit wachsender Freude sahen wir die Mauern emporsteigen und den Inder in Tätigkeit, der hier den Zimmermann spielte, Tür- und Fensterrahmen und den Dachstuhl bearbeitete. Grade damals -- zwischen Tür und Angel sozusagen -- wurde mir mein erster, kleiner Usambarit geschenkt, der mit seinem schwarzen Milchbruder um die Wette prächtig heranwuchs, ja jenen bald überholte.
So kam das Rüstfest heran, denn ein solches darf auch in Ostafrika nicht fehlen. Als der Dachstuhl lag und mit Wellblech, wie hier fast überall, eingedeckt war, meldeten sich die Maurer um ihren Backschisch, und ein junges Öchslein mußte zur Feier des Tages sein Leben lassen; natürlich auf „koschere“ Art, denn die meisten Neger essen kein Fleisch, wenn das Tier nicht am Halse durchschnitten wurde -- selbst mit der Jagdbeute verfahren sie nach Möglichkeit so.
Bald war das Haus auch verputzt, und frohen Sinnes zogen wir in das erste Zimmer, das fertig geworden war. Wirklich sehr frohen Sinnes, weil das Wohnen in der Hütte uns durch die Ratten gründlich vergällt wurde -- so sehr, daß wir sogar schon reumütig zu den Zelten zurückgekehrt waren. Endlich, endlich hatten wir jetzt ein eigenes, festes Dach über uns! Eine bleibende Stätte! Es kam uns vor, als hätten wir einen steilen, steilen Berg erklommen und dürften nun befriedigt und dankbar von unserer Höhe auf die arbeitsreiche Zeit zurückschauen, die hinter uns lag, und zuversichtlich hinaus auf die Zukunft vor uns!
Stillestehen, ruhen und rasten freilich darf man nie. Unsere Anlage wurde denn auch fortgesetzt vergrößert und ausgebaut. Massive Ställe entstanden und massive Arbeiterwohnungen, zu denen sich die Waschambaas drängten -- solch schmuckes, sauberes Häuslein zieht sie doch mächtig an -- und wir erkannten in ihrem Bau ein wichtiges Mittel, uns einen festen Arbeiterstamm zu sichern. Natürlich erhält jeder Mann zu seinem Hause auch soviel Feld, wie er haben will, um ihn recht seßhaft zu machen, und er wird bei der Einrichtung nach allen Richtungen hin unterstützt. Ich muß es immer aufs neue wiederholen: wir sind ja auf den Neger angewiesen und müssen ihn durch seinen Vorteil an uns zu ketten suchen.
Die Plantage machte die erfreulichsten Fortschritte; wir können bis heute mit dem Wachstum des Kaffees durchaus zufrieden sein. Mit welcher Freude verfolgt man das von Jahreszeit zu Jahreszeit! Am schönsten ist es, wenn die Pflanzung abblüht; dann sieht es aus, als wenn frischgefallener Schnee über den Feldern liegt, und geht man hindurch, so duftet es fast betäubend. Später beobachtet man wieder den Fruchtansatz mit gespanntem Interesse, die wachsende Rundung und Vergrößerung der Kirsche. Allmählich färben sich die grünen Beeren dabei gelblich, schließlich nehmen sie eine prachtvolle Purpurfarbe an, und ihr süßliches Fleisch winkt den Vögeln als schmackhafte Speise. Nun ist auch die Zeit der Ernte gekommen. Männer, Frauen und Kinder ziehen mit ihren Körben in langen Reihen aufs Feld. Am Nachmittag wird das Geerntete heimgebracht und am Pulper aufgeschüttet. Der Strahl einer Wasserleitung führt die Kirschen durch den Pulper, wobei sie ihres Fruchtfleisches beraubt werden, in die Gärbassins. Darauf kommt der Kaffee -- die Bohnen -- in Waschbassins, während die Schalen für spätere Düngung gesammelt bleiben. Die Bohnen wandern dann zur Sonnentrocknung auf Tennen, wo sie beständig gewendet werden müssen, und schließlich, oder bei schlechtem Wetter auch sofort, in die Aufbereitungsanstalt. Bei schlechtem Wetter! Ja, des Wetters Gunst oder Ungunst spielt bei uns dieselbe Rolle, wie nur bei irgend einem ostelbischen Agrarier, und heilfroh sind wir, wenn der letzte Träger mit dem letzten Sack Kaffee sich auf den Weg zur Bahnstation macht.
Meine besondere Hausfrauenfreude ist natürlich mein Garten. Da blühen und duften als deutsche Lieblinge längst Veilchen und Rosen, zwischen ihnen aber auch eine schöne Afrikanerin, eine lilienartige Amaryllis mit einem prächtigen Kranz von fünf großen, weißleuchtenden, bräunlichrot gestreiften Blättern. Zu den ersten Apfelsinenbäumen haben sich Apfelbäume und Pfirsiche hinzugesellt, welch letztere in anderthalb Jahren drei Meter hoch wurden und prächtig tragen; auch Kirschen, Birnen und Pflaumen ernte ich schon. Ausgezeichnet gedeihen die angepflanzten Eukalyptusbäume, die in vier Jahren die enorme Höhe von fünfzehn Metern erreichten und mich, aus der Ferne gesehen, oft an unseren heimischen Fichtenwald erinnern. An europäischem Gemüse fehlt es meiner Küche nie. Aber auch allerlei Versuchsbeete sind angelegt worden: Chinin, Kampfer, Gerberakazie. Man muß erproben, was zu bauen sich lohnt. Neuerdings versprechen wir uns, neben dem Kaffee, viel vom Kautschuk und, was meinen Lesern neu sein wird, von Zedern-Anpflanzungen. Das Zedernholz ist ja, schon für die Bleistiftfabrikation, ungemein gesucht. Ich darf’s als unsere bestimmte Hoffnung verraten: unsere Usambara-Zedern werden dereinst es mit den historischen vom Libanon mindestens aufnehmen können.
Wie wir leben?
Wir arbeiten! Das ist das beste. Aber man denke nun nicht, daß wir in ostafrikanischer Einsamkeit versauern. Es gibt heut, mindestens bei uns in den schönen Usambara-Bergen, keine Einsamkeit in dem Sinne, wie der Deutsche in der Heimat sich das vorstellen mag. Es fehlt uns durchaus nicht an Verkehr. Gleich den Gutsbesitzern daheim wechseln wir Besuche mit den befreundeten Besitzern der Nachbarplantagen, mit den Herren vom Bezirksamt, mit den Gästen des nahen Sanatoriums. Das Traumbild, das uns vor fünf Jahren, beim ersten Einrücken in unser Reich, aufstieg, hat sich nun verwirklicht, und so mancher Leidende aus den heißen Gebieten holte sich im Usambara-Sanatorium bereits frische Kraft.
Und dann gibt es viele, viele liebe Gäste. Freilich ist der Besuch sehr verschiedener Art. Da sind, um mit dem Auslande anzufangen, durchreisende Engländer; besonders dankbar für die genossene Gastfreundschaft. Dann deutsche Jäger: zumal willkommen hiesige Bekannte und solche Männer, die, wie Prof. Dr. Paasche, aus reinem Interesse für die Kolonie zu uns kommen und sich mit offenem Blick in ihr zu orientieren vermögen. Auf der andern Seite fehlt’s aber auch nicht an „verbummelten Genies“, die sich von einer Plantage zur andern durchfuttern und die man nicht selten, mehr oder minder sanft, herausgraulen muß, am leichtesten meist durch sich steigernde Einschränkung -- der geistigen Getränke. Weiter kommen Stellungsuchende, oft sehr fragwürdiger Art, und auch Goldsucher fehlen nicht. Wir liegen wirklich nicht mehr außerhalb der Welt. Was bedeuten denn die vier Stunden zu unserer Bahnstation Mombo? Für unsere Eltern war’s daheim oft weiter bis zum nächsten Schienenstrang. Ein Hotel gibt es eben in unserer Nähe nicht, und so ist jeder Reisende auf Gastfreundschaft angewiesen, die aber überall in Deutsch-Ostafrika aufs freundlichste gewährt wird.
Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen? Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne Rinderherde. Eier gibt’s reichlich -- nur sehr klein sind sie. Frisches Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und manchmal Rind und Schwein; Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut zubereitet etwas ganz Vortreffliches.
Früh -- meist recht früh -- gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht mit Gemüse und Kompott; am Abend -- um 6 Uhr wird nämlich mit der Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette -- gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen.
Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch Wildnis -- heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 _ha_ bebautes Land ergeben auf 10 _ha_ Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich ein bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn ermöglicht -- und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen Kolonialbahnen eifern.
Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister, liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die Briefe von den Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel, den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe immer aufs neue dagegen an.
Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen.
Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre. Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen.
Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten) und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler & Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen auch Velhagen & Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen. Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich selber in Zucht zu halten.
Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf eigenem Grund und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer ausgedehnteren Jagdexpedition -- immer wir beide, denn in Afrika (und das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern -- „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner, erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens. Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt, heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses, seines Komforts -- und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem Nesthäkchen anzunehmen.
Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt. Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen, daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny, auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den mein Mann von Sakkarani aus in Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde, angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen. Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki bekam sogar ein Sultanat. --
Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns +Nigmann+ und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine hervorragende Rolle auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell entschlossen eilte Hptm. Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte die Station Wahenga noch in elfter Stunde und befreite sogar die fern im Süden gelegene Station +Songia+ von den sie umlagernden Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme der dortigen Gegenden sind, beweist der Umstand, daß bei Songia der einzige Europäer, der in dem Aufstand im offenen Felde gefallen ist, _Dr._ Wiehe, den Heldentod fand. Abermals hat Heldenblut besonders schwarzer deutscher Untertanen den Boden Afrikas getränkt, möchte es segensreiche Frucht tragen und endgültig allen Kampf von dem schönen Lande fernhalten.
Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen, tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch in brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem aus dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern sind manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder wie Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. _Dr._ Fülleborn in Hamburg am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d. Marwitz, Albinus, Prof. _Dr._ Ollwig, sind noch so glücklich, ihre Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar am Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga.
Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet werden.
Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64 Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines Hierseins -- 3 Tage --, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2-4 Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute überzeugen. Dieses sind durchweg Leute, die bei der Einwanderung 10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes, menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie -- je zahlreicher desto besser -- litt, um so mehr wird er die Wohltat des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden, relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen, vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer, freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln, Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf, ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch die Milch hätten.
Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen, von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen.
Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen verarmten Familien zu ermöglichen, ein neues segensreiches Leben zu beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich, gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen, sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und dort zu schönem Stamme aufschießt.
Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden; sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre (es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund.