Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt

Part 2

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Möchten vor allem auch die +deutschen Frauen+ regen Anteil nehmen an der friedlichen Eroberung des herrlichen, zukunftsreichen Landes. Der Mann +gründet+ das Haus, die Frau +hält+ es! Der Satz gilt heute mehr wie je auch für unsere Kolonien. Könnte ich doch Euch, Ihr deutschen Frauen und Mädchen, für unser junges Deutschland über See gewinnen. Was Ihr an gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens, an Geselligkeit, Vergnügungen und Anregungen aller Art hier im Vergleich mit der alten Heimat entbehren würdet, es wird mehr als aufgewogen durch die Betätigung und Pflichterfüllung, in der Ihr Euch an der Seite eines geliebten Gatten ausleben könnt. Wahrlich, es ist ein schönes Los, in diesem Siegeszuge deutscher Kultur eine Stelle einnehmen zu dürfen! Deutsches Familienleben, deutsche +Jugend+ in Ostafrika -- wenn dieses hohe Ziel erreicht ist, dann erst strahlt unsere neue Heimat als herrlicher Edelstein in der deutschen Kaiserkrone!

+Sakkarani+ (West-Usambara), Winter 1902.

=Magdalene Prince= geb. v. Massow.

Erstes Kapitel.

Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo.

+Aulepschamba+, 28. Mai 1896.

Unser erster Marschtag liegt hinter uns. Eigentlich kann man diese Bezeichnung nicht gut anwenden, denn wir kamen nur eine halbe Stunde weit von Dar-es-Salaam weg. Der kurze Marsch hatte nur den Zweck, die Kompagnie und die Träger aus der Stadt hinaus zu bekommen; es ist das eine hergebrachte Sitte. Wenn die Leute im Lager angelangt sind, merken sie nämlich erst, was ihnen noch alles für den bevorstehenden Marsch fehlt, und schnell wird das dann aus der noch leicht erreichbaren Stadt nachgeholt.

Die Tage vorher schon war ich in fieberhafter Aufregung, konnte aber leider nicht viel tun und bestimmen, da mir die Verhältnisse noch zu fremd waren. Der Tagesanbruch fand uns bereits in den Kleidern, und die letzten Sachen wurden zusammengepackt. Tom (mein Mann) war fast die ganze Zeit fort, um die Lasten an die Träger zu verteilen und nach seiner Kompagnie zu sehen; als das alles besorgt war, schrieb ich noch an Eltern und Geschwister. Dann kam Herr v. Natzmer[1] und holte mich ab.

Eine so große Karawane hatte ich natürlich noch nie gesehen; auch anderen, die schon lange draußen waren, war sie etwas Neues. Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich die Masse dahin. 130 Askaris (Soldaten), weit über 500 Träger, beladen mit Kisten der verschiedensten Arten, Paketen in Leinwand und in schwarzem Ledertuch, 1 Maxim- und 1 Berggeschütz, Zelte, Gewehre, Kästen mit Schweinen, Puten, Hühnern, Tauben, Enten, Schafen, Ananas, Mangos, Kokosnüssen, Weiber und Kinder in hellen oder vielmehr dunklen Haufen. Da beinahe jeder Askari zwei Boys (ich muß schon die bequeme englische Bezeichnung beibehalten, die sich in unserer Kolonie so fest eingebürgert hat, daß sie kaum noch zu verdrängen ist, umsoweniger, als es ein deutsches Wort, das diesen vielseitigen Begriff, der die ganze Stufenleiter vom „Silbendiener“ bis zum „Wichsier“ und „Putzkameraden“ umfaßt, nicht gibt) und zwei Weiber hat, der Träger aber auch von jeder Sorte eins, ist die Karawane gegen 1100 Mann stark. Die Askaris zogen voraus mit Pfeifen- und Trompetenschall, dann kamen sämtliche Offiziere der Schutztruppe, die uns bis zum ersten Lager begleiteten, zum Schluß die Träger mit ihrem Anhang, die mit dem üblichen Geschrei von den zurückbleibenden Abschied nahmen. Es war ein sinnbetäubender Lärm.

Im Lager wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen, alles rührte sich in einer seltenen Geschäftigkeit. Die Zelte wurden aufgeschlagen, und rasch waren wir mit unseren liebenswürdigen Begleitern um den Frühstückstisch versammelt. Unsere niedlichen Frühstückskörbe, unsere Zelte, die Tische, Stühle und anderes Hausgerät, welches mein Mann für mich angeschafft hatte, wurde gebührend bewundert, dann aber auch fleißig getrunken und gegessen. Da es bald dunkel wurde, kehrten die Herren der Schutztruppe zurück, nachdem mein Mann ihnen für ihre Freundlichkeit gedankt hatte. Mit besonderem Danke sei hier noch einmal des Herrn v. Natzmer gedacht.

Es bedeutete diese Trennung für uns nicht nur einen Abschied von unseren Begleitern, sondern auch von der Kultur, denn von nun an sind wir nur noch auf uns allein angewiesen. In den nächsten Jahren werden wir kaum mit anderen Europäern zusammentreffen, und von Kultur nur das haben, was wir uns selbst schaffen. Ein ganz leichter Abschied war es also nicht. Bei der Trennung ließ mein Mann von den Askaris Herrn v. Natzmer noch ein dreifaches Hoch ausbringen, der diesen Abschiedsgruß in gleicher Weise erwiderte. Die Hochs klangen, wie es zu Hause kaum hätte besser sein können. Als die Herren uns verlassen, setzten wir uns mit unseren Reisebegleitern zu unserem ersten Mittagsessen auf dem Marsche. Lange nach dem Zapfenstreich trennten wir uns erst. Wir waren uns einig, daß wir trotz aller uns entgegengebrachten Liebenswürdigkeit und vieler schöner, gemeinsam verlebter Abende gern von Dar-es-Salaam fortgingen. An der Küste spürt man zu viel von den Nachteilen Europas, ohne dessen Vorteile zu haben.

Als gute Vorbedeutung für das Leben in der Wildnis nahm ich die Heimatswünsche, die am Morgen kurz vor dem Abmarsche uns die Post aus Deutschland gebracht hatte, an sich schon ein Ereignis, dessen Bedeutung jeder „Afrikaner“ zu würdigen weiß; für mich war es aber noch von besonderer Wichtigkeit; mein in Hamburg liegengebliebener Koffer mit all meinen Kleidern und aller Wäsche, Schuhen usw. war gleichzeitig angekommen, so daß ich meine gewohnte deutsche Garderobe noch mitnehmen konnte. Die sechzehn neuen, in indischen Läden von Männern fabrizierten Kleider sind mir doch nicht so bequem wie die in der Heimat gewohnten.

Ein dreibeiniger Hund kommt mitgelaufen, zukünftiger Kamerad von Schnapsel, meinem treuen, vierbeinigen Heimatsgenossen, den mir mein Vater schweren Herzens mitgegeben hatte.

+Kongoramboto+, 29. Mai 1896.

Um 5½ Uhr Reveille, um 6 Uhr abmarschiert. Da ich nicht ganz wohl war, mußte ich mich tragen lassen, ganz wie eine orientalische Fürstin: Großartige Sänfte mit Sonnendach und vier Träger, die zwei und zwei abwechselnd trugen, den Dolmetscher und einen Boy zur Seite, drei Stunden marschiert. Am Lagerplatz angelangt, sah ich von meinem Lehnstuhl aus dem Aufschlagen der Zelte zu: ein Schlafzelt und ein anderes zum Aufenthalt während des Tages. Unser Koch fängt an, mir zu imponieren. Es gab Huhn in afrikanischer Zubereitung. Unsere Leibgarde macht mir Spaß. Fünf Bengels in Khakianzug, kurzen Hosen, mit roten Aufschlägen und Achselstücken, unseren Reserve-Tropenhelmen und Toms Mützen. Die beiden kleinsten sehen aus wie schwarze Amoretten, und wenn sie auf dem Marsche hin- und herlaufen, ist es eine Freude, zuzusehen.

+Kisserawe+, 30. Mai 1896.

Lager nahe der auf einem hohen Hügel gelegenen Missionsstation. Der Marsch ging durch hügeliges, dicht bewaldetes Gelände. Ich wurde wieder getragen, war sehr müde und wollte schlafen; doch war die Gegend so schön, daß es mir keine Ruhe ließ, und ich soviel als möglich von meinem Lager aus sehen wollte. Tom fing sehr viel Schmetterlinge, die wir des Abends verpackten. Auf dem Marsche kurze Frühstücksrast an einer besonders malerischen Stelle. Tom hat alles sehr nett eingerichtet, es ist wie im Märchen: „Tischlein deck dich“ -- im Nu stehen die verschiedensten Getränke und Chakula (Essen) vor mir, um sogleich wieder zu verschwinden, wenn zum Aufbruch geblasen wird. Essen -- wieder Hühner, aber wieder anders zubereitet, und zwar sehr schön gebraten mit unglaublich wenig Butter; ich will dem Koch unsere Kochkunst lieber nicht beibringen.

Schnapsel trabt fleißig mit, da er aber zu eifrig auf die Jagd in die Büsche geht, müssen wir ihn anbinden, weil er uns doch sonst leicht abhanden kommen könnte. Kassuku[2] (unser Papagei) wird auf dem Kopf eines Trägers getragen und guckt sehr vergnügt zu seinem Käfig hinaus; im Lager klettert er auf Bäume und kommandiert sein „Gewehr ab“, „das Gewehr über“.

Das deutsche Kommando klingt in dieser Umgebung komisch, und zwar nicht nur aus dem Papageienschnabel; noch drolliger wirkt es aus dem Munde der schwarzen Soldaten. Die Kerls sind ganz famos einexerziert, sie marschieren mit einer Strammheit, wie unsere Soldaten zu Haus, machen „Kehrt“ und Schwenken usw., wie man es sich exakter kaum denken kann -- und wie sie sich schlagen, haben sie auch schon zur Genüge bewiesen!

+Kola+, 31. Mai 1896.

Beim Abmarsch schenkte ich einem meiner Träger eine „Kokosnuß“, darob großes „Kelele“ (Geschrei). Die Boys wollten sie ihm wieder wegnehmen, sie fanden die Gabe zu verschwenderisch, da es jetzt nur noch schwer welche zu kaufen gab.

Gestern übrigens kam eine kleine Karawane mit einem Missionar und zwei Damen an unser Lager heran; dabei befand sich der kleine Sohn eines Häuptlings, der infolge einer früheren Anregung Toms zur Mission geschickt worden war, er suchte Tom sofort auf, und man erkannte seine Anhänglichkeit. Das Abc und ein paar deutsche Wörter hatte man ihm zwar beigebracht, er verstand aber deren Sinn noch nicht, so daß er sie herunter leierte wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Er kam mit seinem schwarzen Lehrmeister.

+Mlongoni+, den 1. Juni 1896.

Heute ließ ich mich bis zum Frühstückszeltplatz tragen; doch länger hielt ich es nicht aus und setzte den Weg auf dem Maultiere fort. Es ging nun viel besser. Welche Freude machte es mir jetzt, die Gegend in ihrer ganzen Eigenart sehen zu können. Jede fremde Blume war mir willkommen, jeder Schmetterling, der uns umgaukelte, erfreute das Auge, und manch einer endete sein Dasein in unserer Sammlung. Bis jetzt sind wir auf einer vom Gouvernement angelegten Straße gewandert, heute bogen wir auf einen Negerpfad ein, den seiner Zeit auch die zweite, von Schelesche Waheheexpedition gegangen ist. Wir haben heute ein wunderschönes Lager bezogen und sind ganz abgesondert von allen Menschen, das ist zu schön!

Eine große Schlange haben wir gefangen. Wenn unsere Sammlung so fortschreitet, werden wir mit großen Koffern voll „Zoologie“ ankommen; schon jetzt sind Büchsen, Gläser und Kasten voll allerhand, das da kreucht und fleucht. Ich sah heute die Frau unseres zweiten Boys (Mabruk) und freute mich, daß sie mitgekommen war. In Dar-es-Salaam nämlich machten mir die Frauen von unseren Boys Juma und Mabruk „Besuch“. Das war sehr spaßhaft. Sie wollten trotz allem Bitten nicht mit. Die Juma gab sich sehr schüchtern, deshalb glaubte ich, sie würde sich nicht dazu bewegen lassen, denn Juma schwang ganz entschieden den Pantoffel. Er meinte: sie verdiente, wenn sie ihn im Stiche ließe, an die Kette zu kommen. Die andere hatte sehr gute silberne Armbänder an beiden Armen und Beinen, Ketten um den Hals, gute Tücher umgeschlagen und eines auf dem Kopfe, sowie Ringe an den Fingern. Sie kam in das Zimmer getänzelt, was hier als besonders vornehm und schick gilt und von den schwarzen Damen auch auf der Straße mit Hin- und Herwiegen des Oberkörpers geübt wird. Sie schaute mit ihrem jungen, runden, hübschen, schwarzen, durch ihren Nasenschmuck freilich verunstalteten Gesicht ganz keck in die Welt, schüchtern war sie durchaus nicht; sie bot mir einen „Jambo“ (guten Tag) und steuerte gleich auf den Spiegel zu, um sich ganz in ihren persönlichen Reiz zu vertiefen und den möglichst malerischen Faltenwurf ihrer Tücher auszuprobieren. Die Schwarzen verstehen es ausgezeichnet, sich mit Tüchern zu drapieren. Es liegt etwas ungesucht Malerisches darin. Sie besitzen übrigens große Geschicklichkeit, ihre Toilette vor aller Augen zu wechseln, ohne dabei mit unseren europäischen Anschauungen von Schicklichkeit in Konflikt zu geraten. Ich sagte „malerisch“, und in der Tat, diesen Abend sah ich einen Neger, der ein Stück Baumwollenstoff wie einen wallenden weißen Mantel umgehängt hatte und auf einer einsaitigen Gitarre entsprechend eintönige Musik zum besten gab. Entschieden ein anziehendes Bild.

+Msenga+, 2. Juni 1896.

Gleich vom Lager aus geritten, weshalb mir der Marsch sehr kurz vorkam. Bis zum ersten Ruheplatz sollte ich getragen werden, doch gab ich es bald auf. Das Sichtragenlassen ist nur auszuhalten, wenn man wirklich elend ist.

Viele Schmetterlinge, die es jetzt nach der Regenzeit mehr gibt (besonders an feuchten Orten) und viele seltsam erscheinende Tiere gesammelt, Molche, Schlangen und eine originelle Raupe, stachlig wie unser Igel, nur, daß die Stacheln am Finger hängen bleiben wie bei unseren Kletten und dann ekelhaft jucken. Diese angenehmen Kletten gibt es übrigens auch hier, beim Marsche machen sie sich sehr unangenehm bemerkbar. Auch eine Grasart mit kleinen Dornen ist sehr lästig auf dem Marsche. Die Engländer nennen sie bezeichnenderweise „_wait a bit_“.

Die Natur weist auch in Blumen manche europäischen Arten auf, so z. B. Winden der verschiedensten Sorten, gelbe, rote, blaue, lila; von Bäumen fiel mir der Reichtum an Akazien auf. Bei der Ruhepause unterhielt ich mich mit den Trägern; der „Engländer“, d. h. der englisch sprechende Schwarze, verdolmetschte. Die Leute erzählten, Quawa, der Sultan der Wahehe, werde sich nicht sehen lassen, das würde also gleichbedeutend sein mit Krieg. Welcher ungewissen Zukunft gehen wir entgegen!

Heute kamen wir durch einen Heuschreckenschwarm; der Himmel war buchstäblich schwarz, man kann es sich gar nicht vorstellen, lauter schwarze Punkte, die hin- und herschwirren, und ringsum alles, alles abgefressen, kein Blatt, kein Grashalm, nur die langen, dürren Stiele ragen noch in die Luft. Kommt der Schwarm aber tiefer und scheint die Sonne auf die glitzernden Flügel, dann funkelt alles weiß, wie Schneegestöber. Der Schwarm kann sich so verdichten, daß sich, nach dem Bibelwort, „die Sonne verfinstert“. Leute nur 10 Meter entfernt, sieht man nicht mehr. Der Schwarm läßt sich nieder, dann ist die Erde wie mit einer schillernden Haut überspannt. Flügel an Flügel, manchmal sogar dicht aufeinander sitzend. So etwas könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Es wäre schön anzusehen, wenn es nicht die Zerstörung aller Vegetation bedeutete.

+Mafisifähre+, 3. Juni 1896.

Ein schöner Tag liegt hinter uns. Heute habe ich erst einen wirklichen Marsch mitgemacht. Man kann die Marschleistungen einer so großen Karawane allmählich steigern. Zu berücksichtigen ist, daß, wenn die Tete auch nur 3 Stunden marschiert, es für die Queue mindestens 4½ Stunden bedeutet; deswegen machen wir auch immer eine Ruhepause, um den Nachtrab herankommen zu lassen. Für diesen war es also ein anstrengender Tag, denn wir marschierten 3 Stunden und ritten 2 Stunden. Für mich war’s eine Kraftprobe und machte mir viel Spaß; obgleich manchmal der Weg so eng und so ausgehöhlt war, daß man den Fuß nicht ordentlich setzen konnte. Die Gegend war sehr schön, teilweise wie Parklandschaft, dann wieder wie ein Obstgarten, nur daß hier der Reiz des Unberührten sich darüber breitet. Das Lager war sehr hübsch wie eine Wagenburg anzuschauen. Unsere drei Zelte machen sich recht schön, dann zur Seite der Koch und die Boys mit ihrem Hofstaat in kleinen Zelten aus 3 Stöcken und einem Stück Tuch verfertigt; ringsum unsere Lasten mit den Trägern und ihren Zelten, so bunt und zusammengewürfelt.

Es ist spaßig, welches Vertrauen die Leute zu Tom haben; wie die Kinder sich Rat bei ihrem Vater holen, so kommen die Schwarzen zu ihm. Dann fällt er salomonische Urteile; z. B. zwei hatten sich geschlagen, der eine war auf den Kopf getroffen -- dafür durfte er dem anderen mehrere Ohrfeigen versetzen; er war so erregt, daß er die ersten Male in die Luft schlug, ehe er traf. Schwieriger war der zweite Fall: Ein Träger hatte dem anderen mit Absicht ein Loch in sein Tuch gebrannt. Ein auf den Austausch der Tücher zwischen Schuldigem und Geschädigtem anspielender Vergleich wurde von letzterem abgelehnt, weil sein Tuch länger war als das des anderen. Zur Entschädigung durfte er sich dann ein Stück aus des Gegners Tuch ausschneiden, um das seinige wieder zu flicken. Beide zogen befriedigt und vergnügt ab.

Wir sind mit unserer Karawane sehr zufrieden: von den 1100 Menschen sind nur 20 Träger fortgelaufen. Wir werden jetzt viel von den Jumben (Dorfhäuptlingen) heimgesucht, welche Schafe, Hühner, Eier, Ziegen zum Geschenk bringen, dafür aber tüchtig bezahlt werden müssen; den ganzen Tag hocken sie um uns herum und wollen unterhalten sein, bis man sie endlich mit einem „Kwaheri“ (Lebewohl) fortschickt. Aber man ist auf sie angewiesen, denn sonst bekommt man kein Chakula, und man kann sehr froh sein, wenn sie überhaupt etwas bringen; ist ein Europäer wenig beliebt oder wenig bekannt, so bekommt er nur das Notwendigste. Mir ist es bis jetzt sehr gut gegangen, denn für den „Sakkarani“ (Spitzname meines Mannes, auf den ich sehr stolz bin, denn er bedeutet: +der keine Furcht kennt+) gehen sie durchs Feuer, und da geht es der „Bibi“ natürlich auch gut. _Dr._ C. Velten, der sich um die Suahelisprache mit großem Erfolg bemüht hat, schreibt: „der verbreitetste Spitzname ist _bana sakkarani_, d. h. der sich wie ein Betrunkener in jede Gefahr stürzt“; die Schwarzen können sich nämlich nicht vorstellen, daß es einen nüchternen Menschen gibt, der so mutig allen Feinden begegnet. Wie oft wurde mir gesagt: „Ihr Mann ist zu tollkühn, ein Draufgänger wie Blücher“ -- aber stets behielt er kaltes Blut dabei, denn z. B., hätte er sonst schwerlich im heftigsten Kampfe bei der Erstürmung Iringas einem Offizier das Leben gerettet, indem er ihm zurief: „Aber Menschenskind, Sie stehen ja vor einer Schießscharte“ und -- bums -- schon knatterte ein Schuß daraus hervor. Derselbe Offizier wurde doch noch später bei demselben Gefecht verwundet. Eier und Hühner schenkt man mir persönlich, dafür spendiere ich dann Kognak. Heute brachte einer ein ganzes Poesiealbum an, in welchem sich die einzelnen Europäer durch schöne Verse verewigt hatten; ich war die erste Dame in dieser Sammlung. Bis jetzt hat kein Jumbe mehr als zwei weiße Frauen gesehen. Die Jumben kommen zum Sakkarani von weit her, der eine sogar von weit jenseits des Flusses.

Von der Mabrukschen Frau bekam ich vier Eier geschenkt. Schon in Dar-es-Salaam bekam ich welche von ihr, und ohne daß ich mich revanchiert hatte, brachte sie mir einen Teller Kuchen zum Geschenk, sehr ähnlich unseren Waffeln, ganz knusperig, also sehr schön.

+Nordufer des Kingani+, beim „Husarenjumben“,[3] 4. Juni 1896.

Heute wurde nicht so früh vom Lager aufgebrochen, denn wir wollten nur über den Kinganifluß mit der von Herrn v. Soden geschaffenen Fähre hinübersetzen. Durch diese, wie durch so viele andere grundlegenden Einrichtungen hat Herr v. Soden sich den dauernden Dank der Kolonie erworben. Es war für die Schwarzen ein Ruhetag, für die Europäer aber desto größere Arbeit und für mich anstrengender als ein Marschtag.

Die Fähre ist so klein, daß Maultiere und Esel den Fluß durchschwimmen mußten, nur an Stricken festgebunden; währenddessen wurde fortwährend ins Wasser geschossen, um die Krokodile abzuhalten. Es ist häufig vorgekommen, daß die Tiere im Wasser von den Bestien angefallen wurden. Der Übergang dauerte sechs Stunden. Für jeden Passanten mußten an den Jumben, der die Fähre in Ordnung hält, 2 Pesa gezahlt werden. Unter der Last der ihm in +Kupfer+ ausgezahlten 2200 Pesas wankte unser „Husarenjumbe“ tief gebeugt aber seelenvergnügt nach Hause.

Wir hatten noch eine halbe Stunde Marsch. Hier sahen wir Vieh auf der Weide; ein gutes Zeichen, denn früher versteckten die Jumben vielfach ihr Vieh aus unbegründeter Angst, daß es ihnen weggenommen werden würde.

Heute wurden die ersten Träger bestraft, sie hatten „Chakula“ bei den Eingeborenen gestohlen. Nach neun Tagen die erste Bestrafung unter so viel Leuten; wir machten abends einen Gang durch das Lager. Die vielen kleinen Feuer, an denen die Leute an primitiven Herden (drei Steine und ein Topf mit Reis darauf) ihr Essen kochten, boten einen hübschen Anblick. Einige der Neger spielten Karten.

+Geringeri+, 5. Juni 1896.

Heute liegt ein tüchtiger Marsch hinter uns -- ohne Pause von 6 Uhr 4 Minuten bis 12 Uhr 49 Minuten. Da ich es verschmähte, mich tragen zu lassen, mußte ich diesen wenig angebrachten Stolz mit recht schmerzhaften Blasen an den Füßen bezahlen. Der Weg war oft so eng und ausgehöhlt wie eine Straßenrinne, durch die das Wasser abfließen soll; es ging viel durch Dornengestrüpp und mannshohes Gras, welches einem fortwährend ins Gesicht schlug -- eine wenig angenehme Zugabe zu dem ohnehin schon so anstrengenden Marsch. Im ganzen war die Natur recht ausgestorben: die fast blätterlosen Bäume mit ihren Dornen und das langstielige gelbbraune Gras gaben der Landschaft ein ödes Ansehen. Um so mehr freuten wir uns, als endlich vor uns dichtbelaubte Bäume sichtbar wurden, denn sie verhießen uns fruchtbares Land und somit aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wasser, ein Dorf -- und einen guten Lagerplatz. Bald trafen wir auch auf die ersten Schamben (Felder), und eine halbe Stunde vor dem Marschziele empfing uns auch schon der Jumbe mit seinen Untertanen.

Heute habe ich mich auch zum ersten Male um die Küche gekümmert: immer noch Huhn und Reis, dazu ein Täubchen, welches mein Mann mir alle Tage schießt und welches mir trefflich schmeckt. Ich sah auch heute die erste Affenfamilie und den ersten bunten Tropenvogel, der sich in dieser Einöde ganz prächtig ausnahm. Auch Ebenholzbäume sah ich viel.

Es scheint, als ob selbst die meist stumpfsinnigen Träger veredelndem Einflusse nicht unzugänglich sind. Die ersten Tage blieb alles stumm, wenn ich an ihnen vorüber kam und ihnen „Jambo“ (guten Tag) bot, heute schrie mir alles schon entgegen, ja, einer der Träger spielte sich als Kavalier auf, indem er mir eine seltene schöne Blume brachte; ich habe mich darüber recht gefreut. Am Morgen sah ich der Mabrukschen Frau zu, wie sie ihre Ohrenverzierungen herstellte: sie wickelte in gelbe und rote Farbe getauchte Zeugstreifen sauber auf und steckte sie in die ungefähr 1 _cm_ großen Löcher in den Ohrmuscheln.

Den Jumbe von Perondo sind wir glücklich los, er muß voran marschieren, um uns Brücken über die Flüsse bauen zu lassen. In Dar-es-Salaam belästigte er uns unaufhörlich. Übrigens macht er einen ganz harmlosen, gemütlichen Eindruck.

+Mkulassi+, 6. Juni 1896.

Um 4½ Uhr schon zum Aufbruch geblasen, um 5½ Uhr Abmarsch aus dem Lager. Da wir den Geringeri passieren mußten, ging es sehr langsam vorwärts, denn die Notbrücke, die über den Fluß gelegt war, verdiente ihren Namen in der Tat. Die Tiere mußten den Fluß durchschwimmen, die Träger krabbelten langsam hinüber.

Um 1½ Uhr im Lager. Zur Abwechslung gab es heute einmal Ziege anstatt Huhn, für uns alle sehr erfreulich, auch Schnapsel profitierte davon. Der Hund hat uns viel Sorge gemacht; infolge eines Insektenstiches war ihm ein Auge ganz blutunterlaufen, so daß ich schon fürchtete, er würde es verlieren; ich habe es ihm tüchtig mit nassen Umschlägen gekühlt und hatte die Freude, es bald wieder heil zu sehen.

Tom geht es heute gar nicht gut, seit mehreren Tagen schon hat er Fieber, natürlich ist auch meine Stimmung dementsprechend. Mit der Kocherei fängt es an, besser zu werden.

+Magugoni+ (Kinganifluß), 7. Juni 1896.