Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 19
Man kann den Opfermut der Missionare nicht genug bewundern, mit dem sie den schier aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind aufnehmen, jeder Fuß breit Landes wird schwer erkämpft, Grabsteine bezeichnen die Etappenstraße, auf der die Kultur ihren Einzug hält. Auf der Station herrscht reges Leben, eine Welt im kleinen hat sich hier gebildet, überall wird gearbeitet, denn die Väter führen ihre schwarzen Pflegebefohlenen recht eigentlich im Geiste des „Bete und arbeite“ dem Christentum zu. Tischler und Drechsler, Schmiede und Zimmerleute und was sonst noch alles für Handwerker beim Bau und der Entwicklung der Station gebraucht werden, haben sie sich aus dem spröden, aber bei verständnisvoller Behandlung doch bildungsfähigen schwarzen Menschenmaterial herausgemodelt. Ein schönes Haus mit Türen und Fenstern zeugt von dem erzieherischen Wirken unserer evangelischen Mission; der Segen der Arbeit ruht sichtbar auf ihrem Tun. Nachdem uns die Kinder noch mit einigen deutschen Gesängen erfreut, nahmen wir Abschied von den gastfreundlichen Missionaren und gingen nach unserem Lagerplatze bei Pugu, der Versuchsstation für Viehzucht, die Gouverneur Liebert angelegt hat. Dort trafen wir Herrn Leopold, der aus Dar-es-Salaam zur Besichtigung der Station gekommen war, und verlebten einen fröhlichen Abend.
Der Gegensatz der abwechselungsreichen Geselligkeit der letzten Tage zu dem oft monatelangen Entbehren europäischer Gesellschaft -- für uns während der letzten vier Jahre doch eigentlich der Normalzustand -- wirkte geradezu aufregend; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt erschien uns aber der erste Reitersmann, der unbehindert durch Träger, Askaris, Weiber und Boys wohlgemut sein Rößlein tummelte -- wir sind an der Küste!
+Dar-es-Salaam+, Kaisers Geburtstag, 1900.
Wir sind da! Der erste Abschnitt unserer afrikanischen Tätigkeit ist zu Ende. Morgen gehen wir an Bord des „Herzog“, der uns der alten Heimat zuführen soll. Nicht für immer, ein Erholungsaufenthalt von einigen Monaten soll meinem Gatten, den Asthma und Fieber in den zehn Jahren seiner ostafrikanischen Tätigkeit bös mitgenommen haben, und auch mir, an der diese vier Jahre Ostafrika nicht ohne Spuren vorübergingen, frische Spannkraft verleihen zu unserem Lebensziel: als deutsche Landwirte in friedlichem Wettstreite an unserem Teil mitzuarbeiten an der wirtschaftlichen Erschließung unseres +deutschen+ Afrika.
Dazu wolle Gott uns seinen Segen geben!
Neuntes Kapitel.
Wie unsere Plantage entstand.
Vorstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs, von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen.
Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk. Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter, sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe, mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte, den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein.
Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v. Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging. Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen.
Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte, die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft, die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, -- es ist immer wieder, als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen -- begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen.
Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa 1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb, weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit vor der deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit steten Einfällen drohten.
Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß.
Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als im lieben alten Deutschland.
Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre _Bibi_ (Frau) sein.
So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar. Während von dem von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder, und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material, das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es wieder und wieder heißt: „Heut sind vier -- sechs -- zehn Arbeiter verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung. Gewiß -- auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren, wo er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei kommt eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika, nämlich zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos. Ich hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für unsere Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in der Not meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe bringen. In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten -- aber als ich sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich darauf, ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum baten. Jetzt läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „_Cherchez la femme._“ --
Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager, nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel harter Arbeit -- und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt -- manchmal kam mir’s vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien.
Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten Schaden an.
Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich. Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert; wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige, Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt. Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt.
Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“. Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren Köpfen herangeschleppt. Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei nasser Erde verklebt.
Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen, Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen.
Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam, daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können. Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich und täglich neue Freude an jedem Fortschritt.
In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt hatten; wie empfanden wir’s, als wir -- das Angenehme immer gern dem Nützlichen zugesellend -- uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte!
Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden.
Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an, der Assistent -- wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor sagen; natürlich ein Weißer -- trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein. Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen, und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. -- Nach dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen, und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im letzten Augenblick springen die Schläger -- sechs Mann z. B. bei einem Stamm von etwa drei Meter Umfang -- geschickt zur Seite und begleiten das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor, ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg.
Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen und Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten, die Steinschläger und Ziegelformer -- denn wir arbeiten ja nun auf das wirkliche Haus los --, endlich der große Trupp, der den Spuren der Axtschläger folgt. Es beginnt der +erste+ Kleinschlag am gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt.
Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken ausschauen.
Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum +zweiten+ Kleinschlag. Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren Äste fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest in kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen die Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich kann es mit gutem Gewissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus. Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden, für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig +gerechte+ Behandlung hat er Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn!
Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier. Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 _cm_ tief und 60 _cm_ breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde auszufüllen sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die Beete, denn die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat sich nach einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes Wetter, so kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen, die in den Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden herausgenommen und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie an mit unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. -- aber ich will hier keine Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten, das ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug.
Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat -- von der Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich noch weit mehr überraschten, als das Auftreten der Heuschrecken selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran. Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit. Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. --
Als unsere Plantage -- ja immer das Wichtigste! -- einigermaßen im Gange war, konnten wir endlich auch an den Bau eines massiven Hauses denken. Guter Ton für die Ziegel war nach einigem Suchen gefunden worden, und die Ziegelei mit all ihren Finessen längst im Betrieb. Für das Fundament unseres Hauses aber brauchten wir Steine; zum Steinschlagen jedoch hatten die Neger merkwürdigerweise weder Neigung noch Fähigkeit. Es war ihnen zu neu, sie bildeten sich auch wohl ein, es sei eine furchtbar anstrengende Arbeit. Erst nachdem ihnen mein Mann höheren Lohn gab und einige besondere Vergünstigungen zugestand, ließ sich das seltsame Vorurteil wenigstens bei den besten überwinden. Allmählich lernten sie sich auch ganz gut ein: anfangs schlugen sie nur kleine Steine los, bald verstanden sie jedoch auch größere Quadern zu lösen. Übung macht den Meister. Umständlich und schwierig war der Transport der Steine zur Baustelle, wie auch der der Ziegel. Einen Fahrweg anzulegen, lohnte nicht, zumal da eingefahrene Tiere nicht zu kaufen sind. Ein Versuch mit Eseln aber scheiterte kläglich an deren Störrigkeit. So mußten wir schließlich doch zu der alten afrikanischen Transportart zurückgreifen: die Steine und Ziegel wurden von den Negern herangetragen.