Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt

Part 18

Chapter 183,486 wordsPublic domain

Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als afrikanische Staffage belebt dies in majestätischer Ruhe vor uns ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln -- es war ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden und -- Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes, soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem Lande erkaufen mußte.

Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen!

* * * * *

Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte; die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile sonnten; Tom schoß zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle, auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband gehörte mit zu den Attributen seiner Würde.

Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen _Dr._ Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir im weiteren Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen konnten. Wir verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe Stunden. Von allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden, war der Tanz seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die anstrengendste für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24 Stunden! Wir sahen sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das Geschrei dieser schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe hinein. Übrigens stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von sämtlichen jungen Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu nennen war.

Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz seiner Mutter. Die alte Dame -- man kann diesen europäischen Begriff in der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung auftretende Mutter des Sultans anwenden -- machte auf uns den besten Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung mit ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken.

An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899.

Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest unserer Safari noch tragen lassen muß.

Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein.

Achtes Kapitel.

Abschied von Iringa. Auf der Heimreise.

+Iringa+, 25. September 1899.

Starkes Erdbeben. Wie die Wahehe erzählen, werden Erdstöße hier öfter beobachtet. In der Tat hatten solche auch in den Tagen nach Quawas Tod, vor Jahresfrist etwa, stattgefunden; dieses Naturereignis war damals von den Wahehe mit dem politischen Ereignis des Todes des gewaltigsten Negersultans in ursächlichen Zusammenhang gebracht worden.

Am 22. November traf die Genehmigung von Toms Urlaubsgesuch ein. Seit der Rückkehr von unserer Safari, am 21. Juni, war ich krank, wochenlang nicht imstande, das Bett zu verlassen, es war eine furchtbare Zeit. Auch Toms Gesundheit war infolge der Strapazen der letzten Jahre so erschüttert, daß er, wenn auch schweren Herzens, den schönen Beruf, dem er mit Leib und Seele angehörte, wohl aufgeben müssen wird. Ein längerer Urlaub in der Heimat wird, so Gott will, uns beide wieder für die Aufgabe stärken, die wir uns infolgedessen gestellt haben: fernerhin als deutsche Landwirte und Kolonisten in diesem Lande zu wirken. -- Nun geht es ans Einpacken. Die Hauptsorge, wo bleiben meine Totos, meine kleinen schwarzen Pflegekinderchen, ist auch glücklich gelöst. Missionar Neuberg wird sie bis zu unserer Rückkehr in Pflege nehmen.

Weihnachten.

Den heiligen Abend verlebten wir still für uns. Die beiden Feiertage folgten wir einer Einladung nach der katholischen Mission, wo die erste Taufe an erwachsenen Eingeborenen stattfand. Abends hatten die lieben Schwestern der Mission es sich nicht nehmen lassen, uns einen Weihnachtsbaum zu schmücken, sie und Pater Severin hatten allerhand hübsche Weihnachtsüberraschungen für uns in Gestalt von geschnitzten Holzgeräten, wie Näpfe, Löffel und dergleichen, in deren Anfertigung die Wahehe sehr geschickt sind.

Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das heilige Abendmahl genommen.

Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen. Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein.

Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute. Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt eine Ansprache an die Askaris, in der er betonte, er freue sich, seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten, dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte.....

5. Januar 1900.

Der steile Abstieg liegt hinter uns. Das waren anstrengende Tagemärsche und noch dazu in strömendem Regen. Das Gebirgsland Uhehe liegt hinter uns, jetzt nähern wir uns wieder der Ebene. Der Temperaturunterschied ist bereits fühlbar, die frische, reine Bergluft werden wir nun nicht wieder atmen, die Ebene mit ihren warmen, fieberbergenden Ausdünstungen macht sich geltend. Ich ließ unsere Karawane an mir vorüberziehen, Träger, Askaris mit ihren Frauen und Boys, alles in allem etwa 150 Menschen; unter ihnen die Witwe eines unserer Askaris, eine Sudanesin, die nach dem Tode ihres Mannes wieder in ihre Heimat zurückkehren will; sie hat mir oft in Haushalt und Küche geholfen, bei dem Begräbnis ihres Mannes schloß ich mich dem Gefolge an, nicht als _Bibi Kwubwa_ („gnädige Frau“), sondern als Leidtragende, was ihr damals von den anderen Frauen als hohe Ehre angerechnet wurde, jetzt geht sie unter meinem Schutze zurück zur Küste.

Die Jumben aus der Umgegend stellen sich alle ein, um uns glückliche Reise zu wünschen; dabei tauschten wir alte Erinnerungen aus, wie sie uns damals feindlich gegenüberstanden, als Quawas Einfluß noch wirksam; ich frug sie, warum sie mich damals in Perondo nicht angegriffen hätten, obgleich sie wußten, daß Tom auf einem Kriegszuge abwesend war; die Antwort lautete wieder: wir hatten Furcht vor dir, man hatte uns überall gesagt, du würdest uns alle töten! Nähere Erklärungen über diese heikle Frage vermied ich mit diplomatischer Gewandtheit, im Stillen segnete ich aber die Urheber jenes Gerüchtes, dem ich es verdanke, daß ich mich jetzt wohlbehalten auf der Heimreise befinde. Von großem Interesse ist es mir, aus Toms und der Jumben Unterhaltung zu hören, wann und wie nahe wir uns oft gegenübergestanden haben; das wird jetzt alles mit einer Gemütlichkeit und einem Interesse verhandelt, als gälte es einem Jagdzuge auf Kibokos und nicht dem Vernichtungskampfe auf Leben und Tod. Gott sei Dank, daß wir jetzt so ruhig über jene Zeit reden können.

+Mgowero+, 6. Januar 1900.

Der Übergang aus dem gesunden Gebirgsklima Uhehes zur heißen Ebene macht sich geltend; der heutige Marsch in der Glühhitze war furchtbar. Als wir am Lagerplatz unser Zelt aufschlagen ließen, stürzte einer der Leute vom Hitzschlag getroffen und starb trotz aller angewandten Mittel bald. Seine Frau wollte mit ihrem Jungen, einem allerliebsten kleinen Bengel von drei Jahren, bei der Leiche zurückbleiben, doch redete ich ihr so lange zu, bis sie sich entschloß, mit mir weiterzuziehen; was wäre aus dem armen Weibe in der Wildnis geworden?

7. Januar 1900.

Übergang über den sehr breiten, aber nicht tiefen Ruaha, in etwa 500 Meter Meereshöhe. Der Abstieg zum Teil ungemein steil, die Hitze nimmt zu. Die Vegetation zeigt schon ein ganz anderes Bild; die herrlichen Pelargonien, die in Irole so üppig wuchsen, daß ihre Blüten die Hügel und Abhänge ringsum wie mit Rosa überzogen erscheinen ließen, sind verschwunden. Der gestrige Todesfall hat bös auf die allgemeine Stimmung gewirkt, heute sind uns zwei Träger fortgelaufen; die Hitze wird immer fühlbarer; der schöne Algierwein, der all die Jahre über unsere Freude und Stolz gewesen, will nicht mehr schmecken, dagegen steigt der beinahe verächtlich behandelte Moselwein in unserer Sehnsucht; überhaupt kommt alles Saure und vor allem Früchte zur Geltung, während uns Fleisch anwidert.

Unter dem Allerleirauh unserer Karawane zeichnet sich ein Wanjamwesi-Ehepaar aus; sie hilft ihrem Manne beim Tragen der Last, im Lager geht sie mir viel zur Hand; ein angenehmer Gegensatz zu den meist so faulen Weibern unserer Soldaten. Die Jumben mit ihrem Anhange, die uns hier besuchen, zeigen auch schon einen von den schneidigen Wahehe in den Uhehebergen ganz verschiedenen Typus; Jumbe Musaka von Marore, der heute im Lager war, machte ganz den Eindruck eines alten, gemütlichen Bierphilisters; nichts mehr von jenem stolzen, natürlichen Selbstbewußtsein, das unsere stattlichen Wahehe so ungezwungen zur Schau trugen; das heiße Klima der Ebene erschlafft.

8. Januar 1900.

Wir passierten das Dorf Marore; hier waren die Hütten schon alle aus Stroh gebaut, nichts erinnert mehr an die Bergstämme von Uhehe. Das Land ist von üppigster Fruchtbarkeit, wir sehen viele Ziegen, aber keine Rinder.

+Kisenguana+, 9. Januar 1900.

Toms Geburtstag! Mein armer Mann ist leider wieder sehr elend, das Fieber hat ihn auf unserem Marsche noch kaum einen Tag verschont. So feierten wir den Tag recht still.

+Ndisi+ (auf Deutsch „Bananen“), 10. Januar 1900.

Leider sind die Bananen noch nicht reif. Sehr zustatten kommen uns die Rasthäuser, die auf der Strecke angelegt sind, man findet nach dem heißen, anstrengenden Marsche doch gleich einen schattigen, kühlen Aufenthalt unter dem Schutze dieser weiten Strohdächer; die ganze Karawane, Menschen und Vieh, drängt sich um diesen gegebenen Mittelpunkt zusammen.

+Mangatua+, 11. Januar 1900.

Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen, die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat. Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen.

+Kilossa+, 12. Januar 1900.

Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis 3½ Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die Station Kilossa, die er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die schöne Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die liebenswürdigste Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer freudigen Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen hier die Leutnants Sand[11] und Pfeiffer[12], die, von Dar-es-Salaam kommend, auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister Asp, der nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes Kommen und Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien Gäste für sie ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel und _Dr._ Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns hergerichtet; wir wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen wir uns den Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst vergnügt.

Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes, den Pater Oberle, auf seiner Station +Mrogoro+ zu begrüßen, bis wohin unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das Geleite gegeben hatte.

Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen, Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen, ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen habe, 46 _m_ lang, 10 _m_ breit, 8 _m_ hoch. Der Pater Superior ließ die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend, wie hübsch die deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob konnten wir aber dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes Orgelspiel spenden. Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit 1892 befreundet, als Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am Abend trennten wir uns von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch länger beherbergt hätte.

Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen alten Dame.

Am 17. waren wir in +Mrogoro+. Unser Lager ist wieder der Sammelplatz aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“ ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden. Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis mehr, da man sie dann umgehen kann.

Am 18. passierten wir +Kiroka+, das „Pensionopolis“ unserer Askaris, von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten wir in Kikundi. Von hier aus wird die Gegend ganz eben, die Rasthäuser sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird selten.

+Sabiro+, 19. Januar 1900.

Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam, ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum noch gerechnet.

+Geringeri+, 20. Januar 1900.

Die erste verheiratete Europäerin, die ich seit vier Jahren sah. Leutnant v. Trotha, auf dem Marsche nach dem Kivu-See, und Sergeant Heß, dieser mit seiner Frau auf dem Wege nach Tabora, kamen heute hier an; wir bewirteten sie bei uns; sie ist die erste Unteroffiziersfrau, die nach einer der Stationen im Innern geht, eine stattliche, große Erscheinung, blond, von energischem Wesen; sie scheint mir für die Verhältnisse im Innern sehr gut geeignet, und das Beispiel einer rührigen, praktischen Hausfrau wird bei dem bekannten Nachahmungstriebe der Neger, die gern sich nach den Gebräuchen der höherstehenden weißen Rasse richten, sicher gute Früchte tragen.

Am 21. waren wir in +Kigongo+, am 22. Ruhetag.

Am 24. Januar bei +Msenga+, besonders heißer Marschtag, aber auch besonders merkwürdig; wir erreichten den ersten Kilometerstein, 80 _km_ von Dar-es-Salaam!! Da waren wir also glücklich wieder an der Grenze der Zivilisation angelangt; ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als sich plötzlich dieses altgewohnte Zeichen deutscher Kultur an unserer Karawanenstraße erhob. Wie wir als Kinder oft auf der Landstraße die Schritte von einem Meilenstein zum anderen gezählt hatten, so kontrollierten wir nun hier, mit der Uhr in der Hand, die Zeit, die wir für jeden Kilometer brauchten; das Ergebnis war erfreulich, wir machten den Kilometer durchschnittlich in 10 Minuten.

25. Januar 1900.

Nach fünfstündigem Marsche wohltuende Ruhe. Wir besuchten einen unserer früheren Unteroffiziere, Sabatke, der sich hier angesiedelt hat, und freuten uns der hübschen Häuslichkeit, in der eine deutsche Hausfrau waltet. Das Heim, das sich diese jungen Ansiedler geschaffen, blitzt und glänzt von Sauberkeit, unter schattigen Bäumen Tische und Stühle mit zierlichen weißen Decken, und ringsum das lebhafte Treiben und Lärmen des gutbesetzten Geflügelhofes mit Hühnern, Enten und Tauben, auch die Esel gaben ihr Teil zu dem ländlichen Konzert. Nach einem letzten Wegetrunk nahmen wir Abschied von unseren Landsleuten und kehrten nach dem Lagerplatz zurück, wo wir unsere Leute in freudiger Aufregung bei großen Mengen von Reis fanden, an denen sie sich für die Entbehrungen auf dem Marsche schadlos hielten. Es war doch oft bei ihnen recht knapp zugegangen, doch nun winkt ja das Ende: wir sind an der Küste.

+Kisserawe+, 26. Januar 1900.

Auf der Evangelischen Mission. -- Wie schön ist es hier, ein irdisches Paradies -- und doch lauert der Tod ringsum in dem Schatten der Bäume, noch hat das Fieber hier seine Stätte.