Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 16
Meine Wirtschaft muß sehen, wie sie ohne mich fertig wird; ich darf vor 10 Uhr nicht aufstehen, dann muß ich warme Bäder nehmen. Juma hat das Plätten hübsch gelernt, er stärkt und plättet die Kragen ganz schön. Das ist ein großer Luxus, der hier, wo alles „ungeplättet“ einhergeht, berechtigtes Aufsehen macht. Die Herren wollen sich nun auch Plätteisen von der Küste kommen lassen. Sergeant Hammermeister ist gestern auf Urlaub nach der Küste abgegangen; wir werden den tüchtigen Mann alle vermissen; Tom schätzte ihn sehr als äußerst zuverlässigen Unteroffizier, und dann war er, was für unsere Verhältnisse besonders ins Gewicht fällt, ein tüchtiger Landwirt, dessen Umsicht wir für den Erfolg unserer Weizenernte viel verdanken, und -- _last not least_ -- das Schweineschlachten und Wurstmachen verstand er großartig. Feldwebel Richters Wunde eitert noch, Unteroffizier Schubert liegt wieder an Lungenentzündung, den Feldwebel Merkl hat Herr v. der Marwitz mitgenommen, so ist die Kompagnie ohne Unteroffiziere, und Tom und Leutnant Kuhlmann besorgen den Dienst allein. Gestern brachte Farhenga einen Mhehe aus Quawas Anhang mit 14 Weibern und Kindern an.
1. Juli 1898.
Heute haben wir den Tischler Wunsch beerdigt. Binnen 1½ Jahr schon der dritte Europäer, der dem Fieber erlegen -- alle drei junge, kräftige Leute. Sie alle haben sich die Krankheitskeime auf den Märschen durch die sumpfigen Niederungen geholt, denn die Lage von Iringa ist anerkannt gesund und vor allem fieberfrei. Der Tod war für den armen Mann eine Erlösung. Ich habe ihn täglich besucht, er war mir so dankbar dafür: nur in den letzten zwei Tagen vor seinem Ende konnte ich seine furchtbaren Qualen nicht mehr mit ansehen, die ihm doch niemand erleichtern konnte! In den neun Jahren, die er in Afrika zubrachte (er war als Laienbruder der katholischen Mission herübergekommen), hat er siebenmal Fieber gehabt, d. h. perniziöses Fieber; die gewöhnlichen Fieberanfälle werden ja nicht gerechnet. Sein Tod wurde durch ein Geschwür herbeigeführt, welches sich nach dem letzten Fieberanfall am Ohre bildete und schließlich bis auf die Kinnladen ging, so daß der Ärmste weder essen noch trinken konnte. Der neue Pater Superior der Mission, Severin, hielt ihm die Grabrede. Das Begräbnis war sehr feierlich.
Mit Pater Severin kam zugleich ein neuer Bruder, der mit dem bisherigen Superior, Pater Ambrosius, in Ubena eine Missionsstation gründen soll.
Am 23. vorigen Monats traf von Herrn v. Kleist eine Anzahl Obstbäumchen ein, die er uns zum Geschenk machte; sie waren sehr sachgemäß verpackt, und wir hoffen, daß der größte Teil davon trotz des weiten Transportes gut fortkommen wird. Wir gaben die Bäumchen nach Dabagga, weil sie in unserm Garten doch vielleicht nicht so gut gediehen wären, wie unter der fachmännischen Pflege unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation.
+Mdogori+, 8. Juli 1898.
Heute sind es zwei Jahre, daß wir in Perondo ankamen! Ich sitze im herrlichsten Urwald, der Tag ist ganz für mich, denn Tom kommt heute abend erst von Iduma zurück, wohin ich ihn nicht begleiten konnte, da der Tagesmarsch für mich zu anstrengend. Wir brachen am 4. dieses Monats von Iringa auf. Unser Haus und meine kleinen Totos habe ich einer zuverlässigen Sudanesenfrau übergeben, die ich mir als „Stütze der Hausfrau“ angelernt habe. Sie soll die Wirtschaft führen, solange ich mich nicht darum kümmern kann, und mich pflegen, wenn ich krank bin. -- Hoffentlich erfüllt sie die auf sie gesetzten Hoffnungen. --
Gestern habe ich nun auch mein Abenteuer erlebt, ohne das ein „Afrikaner“ eigentlich keinen Anspruch hat, ernstgenommen zu werden -- in Deutschland wenigstens --: ich habe einem Löwen gegenüber gestanden! Ich hatte mir ein schattiges Plätzchen zur Siesta ausgesucht, unweit des Lagers, aus welchem die Klänge von „Heil Dir im Siegerkranz“ und „Ich bin ein Preuße“ zu mir herüber drangen, als plötzlich mein Schnapsel mit allen Zeichen des Schreckens und wütend bellend unter meinem Kleide Deckung suchte; ich sah mich um: etwa 40 Schritte ab steht zwischen den Bäumen eine Löwin! Im ersten Augenblick stockte mir der Atem, dann rief ich nach dem Ombascha, der auch sofort angesprungen kam, leider ohne Gewehr. Ich sah die Löwin noch im Dickicht verschwinden und schickte Askaris hinterher, die Spur war aber bald verloren, und die Leute kamen unverrichteter Sache zurück. Nach etwa einer halben Stunde wurde ich in meiner Lektüre wieder durch Schnapsels Bellen aufmerksam; links von mir, kaum zehn Schritt weit, steht die Löwin wieder und äugt nach uns! Hätte mein braver Schnapsel mich nicht gewarnt, hätte die heimtückische Bestie sicher den Sprung getan! Diesmal trat ich aber schleunigst den Rückzug nach dem Lager an, indem ich wieder nach dem Ombascha rief. Auch diesmal entging uns die Beute; sie wird aber sicher wiederkommen. Schnapsel band ich fest, -- auf ihn hatte die Löwin es wohl zunächst abgesehen, dann stellten wir eine Falle mit Selbstschuß. Nun habe ich auch mein Löwenabenteuer! Schade, daß Tom nicht zugegen war, sie wäre dann gewiß nicht entkommen. Einen Leoparden, der sich in einer von _Dr._ Stierling gestellten Falle gefangen, sah ich kürzlich. Das stattliche Tier hatte die Fangeisen mit furchtbarer Gewalt aus dem Boden gerissen und war mit denselben auf einen Baum gesprungen, wo sich die Kette derart in den Ästen verschlungen hatte, daß ihm jede Flucht abgeschnitten war. Ein gutgezielter Fangschuß machte ihm dort ein Ende.
+Dabagga+, Sonntag den 10. Juli 1898.
Mittags kamen wir hier an; der Förster hat uns ein reizendes Häuschen aus Bambus errichtet, bestehend aus einem Zimmer mit Veranda, und bewirtete uns mit einem trefflichen, von ihm selbst bereiteten Mittagsmahl. Sehr betrübt erzählte er uns, wie ungern er jetzt von der Stätte seiner Tätigkeit scheide; er hat alles so praktisch und wirklich schön eingerichtet, daß er nun nicht gern einem andern Platz machen möchte. Daß er es rasch gelernt hat, die Eingeborenen richtig zu behandeln, beweisen die Wahehe-Ansiedelungen, die sich unter seiner Leitung bei der Station Dabagga schön entwickeln.
12. Juli 1898.
Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten. Auf Anraten des _Dr._ Drewes, der von Muhanga gekommen war, bewilligte Tom einen Ruhetag -- zu meiner Freude, denn dadurch gewinnen wir einen Tag für das schöne Dabagga.
+Iringa+, 21. Juli 1898.
Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun ein Ende“ -- +Quawa ist tot!+ Mit dieser Nachricht erst ist Toms sieben Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! Wie dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk seiner unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller Kämpfe und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name Tom Prince für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen Kolonien. Wer will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem Stolze auf den Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte Ereignis in dem blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich neu geschenkt! Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf dem Zuge gegen Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet traf ich stets die Vorbereitungen für seinen Marsch -- und durfte ihm doch das Herz nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn heucheln, während mir die Angst die Gedanken benahm -- und nun steigt die Morgenröte des Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! --
Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte, ist freilich gräßlich -- und doch gab es keinen anderen Ausweg, den Tod unseres furchtbarsten Feindes dergestalt _ad oculos_ zu demonstrieren, daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung übrig bleiben kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans Quawa mit zur Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein ehemaliges Gebiet war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten Getreuen und dessen Weib und Kind endlich auch in den Bereich der 2. Kompagnie gekommen. Toms Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, als dies der Station gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl mit 14 Askaris und 10 Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten unseres braven Merkl Bericht hier folgen:
„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen, einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf der Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den Boys erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen Karabiner Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der Mündung geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter habe eine Jägerbüchse. -- Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf Wahehe schickte ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen Leuten hier, weil die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas nach Pawaga zeigte und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch versteckten Schamben und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht ist. -- Am 16. Juli 1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes gegen Morgen 4 Uhr ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha nach dem südlichen Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem Utshungwegebirge zurück wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre die ganze Nacht umher. Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais und ein Schaf geraubt habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die Spur, ins Pori in westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe erkennen. Gegen 5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis zum 17. d. Mts. trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa mit seinem Getreuen und den Boys marschierten jeder in einer anderen Richtung. Das Schaf wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. Mts. kam der Ombascha zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer in der Richtung Iringa nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur verloren hatten. Hier gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags 12 Uhr erreichte ich es mit dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said Ali I und Said Borelli und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten Halt, um die zurückgebliebene Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen wir einen etwa fünfzehnjährigen nackten Knaben auf uns zukommen, der, sobald er uns sah, die Flucht ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf energisches Zureden gestand er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war des Morgens weggelaufen. Quawa liege drei Stunden weit krank danieder und spucke Blut. Gestern abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. Sofort brachen wir auf. Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in südwestlicher Richtung einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir nach Aussage des Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck abzulegen und die Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, kletterte ich auf einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der Marsch ohne Schuhe sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir Rauch aufsteigen. Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. Jetzt konnten wir nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen zwanzig Schritt vor uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. Die eine wurde von dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel dichtes Gebüsch in der unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt hätte, daß uns Quawa vor der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft gelungen, schossen wir auf ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa hatte seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die Leichenstarre eingetreten, und den Schuß, den wir gehört, hatte er sich selbst gegeben.“ --
So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt, sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig, daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird: 5000 Rupien -- etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und Feldwebel Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn gekommen.
Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen. Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen, um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel: die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir; gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in der Tat „die Nächsten dazu“ -- war doch kaum einer unter ihnen, der im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn, unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung, und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. --
Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Aufnahme. Noch im Tode gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen; starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa 1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab, entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu gehen!
Siebentes Kapitel.
Im Frieden. Besichtigungsreisen.
26. Juli 1898.
Die Fest- und Jubeltage, die Tom reichlich bewilligen mußte, sind nun endlich vorüber; der Lärm Tag und Nacht hat mich sehr angestrengt, umsomehr, als ich wieder bettlägerig war; in der freudigen Aufregung der ersten Tage habe ich mich wohl nicht genug geschont. Heute geht es mir besser, die Ruhe wirkt wohltuend. Es waren über 1000 Wahehe zur Station gekommen, die in ihren bunten Tüchern einen malerischen Anblick boten. Am 19. d. Mts. ist der neue Landwirt Hierl angekommen; als Ersatz für Hammermeister kam Feldwebel Liebhard und ein Unteroffizier Künster; als früherer Pionier wurde er gleich beim Brückenbau angestellt; hoffentlich hört nun das Balancieren über Baumstämme bald auf.
31. August 1898.
Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte. Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche. Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt, daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen, nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa dort lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war, lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können, wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen erstiegen, um Ausschau zu halten.
Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!
Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben -- schon 1891 war er bis Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen Schwarzen zuvorzukommen -- wie atmete er erleichtert auf, als sich die Neger als freundlich gesinnt erwiesen.
In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt. Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt -- und dann hieß es laufen! Tom hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen -- und damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891 flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu Boden geworfen.
3. September 1898.
Heute besuchte mich Mgundimtemi; es fiel mir auf, daß sie nicht mehr in Trauer geht, sie trägt wieder bunte Tücher, Ketten und Armbänder. Sie hat einen ehemaligen Msagira aus einer reinen Wahehefamilie geheiratet, Tom will ihn als Jumbe eines kleinen Bezirkes einsetzen.
Auf der Station treten die Pocken wieder auf, diesmal ziemlich bösartig. Die Leute sind zum Glück recht vernünftig, beim geringsten Anzeichen bringen sie ihre Kranken. Auch die ankommenden Karawanen werden genau untersucht. Etwa eine halbe Wegstunde von der Station entfernt ist ein Pockenhospital eingerichtet. Ich wünsche sehnlichst, die Lymphe käme endlich von der Küste an, damit wir uns alle impfen lassen können.
Von Quawas Grausamkeit werden immer mehr Beispiele bekannt. Als er damals von Luhota aus entfloh, hielt er sich einen Tag in der Nähe der Station versteckt; dort erschlug er einen seiner Anhänger, dem er nicht mehr traute, und schnitt ihm einen Fuß und ein Stück Schulterfleisch ab; die am Feuer gedörrten Stücke trug er dann stets bei sich; wirklich hat Feldwebel Merkl beides bei seiner Leiche gefunden.
Um so erfreulicher blüht Handel und Wandel jetzt nach des Unruhestifters Tod. Tom unterschreibt soeben wieder einen Scheck; in diesem Monate haben die Händler bereits 16000 Rupien in die Stationskasse eingezahlt. Das ist für unser Iringa doch gewiß ein schöner Umsatz. Auch die Bautätigkeit ist rege.
Meinen Geburtstag mußte ich ohne Tom verleben, aber trotzdem ging es hoch her! Schon früh am Morgen war alles bekränzt. Dann kamen der Wali mit den Honoratioren, der Effendi namens der Kompagnie, sämtliche Europäer und Abordnungen von Frauen der Askaris, der Fundis, Farhengas große Bibis, kurz, die Gratulanten nahmen kaum ein Ende. Abends besuchten mich dann zu meiner Freude die am 18. August hier angelangten Schwestern, mit denen ich noch einer Einladung nach der Messe folgte; dort wurde ich auch angefeiert. In der Stadt und im Askaridorfe herrschte lustiges Treiben an allen Ecken und Enden, mit Tanzen und Jubeln. Die Schwestern blieben bis zum nächsten Nachmittage; ich hatte aus unserer Vorratskammer mit Hilfe von Decken und Zeug ein hübsches Zimmerchen für sie hergerichtet. Auf Toms dringenden Wunsch sind uns diese vier Schwestern bewilligt worden, der Präfekt Maurus[9] brachte sie uns selbst. Ich empfing die willkommenen Gäste mit einem feinen Diner und mit Sekt; dem Präfekten ließ ich einen Rosenstrauß überreichen; von dem Empfange waren sie sichtlich gerührt. Die Schwestern erzählten mir, daß die Schwarzen ihnen schon viel von der weißen Bibi erzählt hätten, die in Iringa wohne, die lesen und schreiben könne, stets einen Revolver bei sich trage, sehr langes Haar und nur einen Mann habe. Daß die vier neuen Bibis auf der Station großes Aufsehen erregten, ist natürlich; ich hatte große Mühe, unseren Leuten beizubringen, daß die Schwestern nicht die Frauen der Patres von der Mission seien.
21. September 1898.
In unserem Garten liegen große Stapel von Holzstämmen; die Wahehe verdienen sich das erste Geld, was sie je in Händen gehabt, mit Baumfällen; sie sind so eifrig dabei, daß sie mehr anbringen, wie für die Dachbauten voraussichtlich nötig sein wird. Je nach der Güte der Stämme erhalten sie ihre Pesas, die sie vergnügt in der Stadt beim Händler schleunigst wieder ausgeben.