Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 15
Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde. Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter, Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte, ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen Zügen und großen, traurig blickenden Augen -- ich mußte an die zarten und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken. Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des Sikkisultans von besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft -- heute hat sie das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894, bald wieder abziehen müßten.
Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre ich großes Geschrei -- eine gute Nachricht ist von der Expedition eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist der Storch eingekehrt -- übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln.
2. April 1898.
Der 1. April brachte mir eine freudige Überraschung: Tom kam zurück. Sein Plan war richtig: die Quawaleute sammelten sich auf einem Maisfelde, um Chakula zu holen; sie wurden überfallen, und in dem Kampfe fielen die meisten von Quawas letztem Anhange, viele wurden gefangen, und der Rest ist dermaßen zersprengt, daß es nicht mehr lohnte, sie weiter zu verfolgen. In die Freude über Toms glückliche Rückkehr mischte sich auch ein gut gemessen Teil Stolz, daß es wiederum mein Gatte war, der unsere schlimmsten Gegner in ihrem eigenen Lager angegriffen.
6. April 1898.
Gestern feierten wir Leutnant Kuhlmanns Geburtstag; früh sandte ich ihm eine Sandtorte und einen Likörbecher, mittags waren der „Jubilar“ sowie Herr v. der Marwitz und der neue Zahlmeister unsere Gäste. Ich bin mit meinem Koche schon so eingefuchst, daß unsere afrikanischen Diners immer vorzüglich klappen! Von der Arbeit macht eine deutsche Hausfrau sich freilich keine Vorstellung.
Heute traf ein Mann auf der Station ein, dem Quawa früher einmal die Hände und Ohren abgeschnitten und ihn derart verstümmelt an seinen Sultan zurückgesandt hatte, um diesem die Strafe für Verräter _ad oculos_ zu demonstrieren!
Mittags 12 Uhr marschierte Tom wieder ab; Herr v. der Marwitz und Sergeant Richter, dessen Wunde noch immer nicht ganz verheilt, begleiteten ihn: auf den Feldern von Iringa sind Spuren gefunden worden, die auf Quawa deuten. Es sollen nur drei kleine Lasten mitgenommen werden, da muß ich genau überlegen, welche Stücke unumgänglich nötig, welche entbehrlich sind.
Karfreitag.
Ich feierte den „stillen Freitag“ in Wahrheit in aller Stille -- Gott gebe meinem Manne den langersehnten Erfolg, damit das Land nach jahrelangen Kämpfen endlich zum Frieden komme! -- Ein gutes Anzeichen: kurz nach Toms Abmarsch stellte sich ein Krieger aus Quawas nächster Umgebung! Tom ist auf der richtigen Spur; damit unser Todfeind diesmal nicht ausbrechen kann, marschieren Merkl und Hammermeister, die eben erst von einem Zuge zurückkamen, gleich wieder in den von Tom ihnen bezeichneten Richtungen ab; überall sieht man die Signalfeuer unserer Wahehe: das Wild ist umstellt!
Als Belohnung für die Einlieferung Quawas hat das Gouvernement große Elefantenzähne im Preis von 5000 Rupien ausgesetzt, die hier für jedermann zur Ansicht ausliegen.
Ostersonntag.
Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden, einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können.
Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig -- so auch heute -- Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen.
15. April 1898.
Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen; binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt, dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen gebautes Haus -- ein solches hat er wohl nie vorher gesehen -- mag ihm eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! -- In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde, den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen -- hat dieser selbe gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet, sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte, die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. -- Doch der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren Herrn im Pori nicht wiedergefunden! --
So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele? In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch, verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst, die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod oder Selbstmord!
+Mgaga+, den 6. Mai 1898.
Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen, Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten. Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart, die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.
+Mgaga+, 10. Mai 1898.
Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl Feuerstellen ist noch vorhanden, auch einige niedere Grashütten wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen, ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene -- Spiegel, der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw. Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend, den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter. An Stelle meines bisher besten Boys -- er stand bei allen Gläubigen als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in hohem Ansehen --, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab, habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen, klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden -- für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung ausgesetzt! Endlich -- ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine Perle je wiederzusehen -- kam mein Mpischi ganz von selbst wieder an -- seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem Seelenschmerz nicht erholt.
12. Mai 1898.
Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt. Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben; auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt, amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim, wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie diesmal.
+Dabagga+, 15. Mai 1898.
Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch zurückhielt.
Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.
Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die Tataren- oder vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden? Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet, vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit, bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht; ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich ist.
Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich: Weizen und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen auf 170 Meter.
Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das Forsthaus und den ersten deutschen +Pflug+ im Lande Uhehe!
+Suka+, 20. Mai 1898.
Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster[8], vier Stunden Marsch nach dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns gekämpft haben, sind unsere Führer!
Station +Iringa+, 24. Mai 1898.
Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden Unfall; ich habe mich prächtig erholt -- von Tom ist es mir fraglich, er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden beim Weine und erzählten uns.
Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898.
Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über 500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen Ereignis Mitteilung machen sollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl.
Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe eingeladen. Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend war großer Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes Wecken -- ganz so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört!
31. Mai 1898.
Leutnant v. der Marwitz marschierte heute ab, um die Station Mlangali zu übernehmen. Quawa ist verschollen, allerorts, wo er in letzter Zeit sich in den Bergen aufgehalten, wird nach seinem Gewehr gesucht; man vermutet, daß er tot sein muß, denn es ist kaum anzunehmen, daß er so ganz allein sich im Pori halten kann.
Durch ganz Uhehe zieht sich jetzt ein Netz von Straßen. Die Wahehe, noch vor kurzem der Schrecken aller Nachbarstämme, bewähren sich in friedlicher Arbeit; sie hauen die Wege durch den Urwald, auf der Station helfen sie beim Bau einer Tembe, ja auf unserer Safari trugen sie sogar unsere Lasten mit Chakula. Ihre stramme Organisation zeigte sich besonders beim Bau längerer Straßen, sie arbeiteten unter besonderen Aufsehern, jeder Trupp an der ihm übertragenen Strecke, und ihre Jumben haben sich in der Nähe der Baustrecke niedergelassen, um das Ganze besser kontrollieren zu können.
1. Juni 1898.
Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen, der einige unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. -- Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu erwecken.
4. Juni 1898.
Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl.
Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden: 5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen ergeben.
Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden: auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt werden nun ein paar gute Tage haben.
Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mit der Richtigkeit stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen: Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés, gebrannte Mandeln -- für die ich immer geschwärmt! -- und von Leutnant Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten, auserlesensten Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche süßen Herrlichkeiten nicht gesehen -- und nun dieser _embarras de richesse_! Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde es wohl nicht abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit den Schätzen gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der Wein, von dem mir die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die Schuhe passen vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus denen der Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an.
7. Juni 1898.
Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag, den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19. Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. -- Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe.
13. Juni 1898.