Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 14
25. Dezember 1897.
Den heiligen Abend verlebten wir froh, ich mit besonders dankbarem Herzen. Auf der Veranda brannte der Christbaum; leider waren die bestellten Weihnachtsgeschenke nicht eingetroffen. An die Herren auf den verschiedenen Außenposten, Hauptmann v. Prittwitz, Förster Ockel, nach der Mission, an Unteroffizier Buchner hatte ich Marzipan, Kuchen und Pfeffernüsse geschickt, an den Leutnant Kuhlmann eine gebratene Ente, so daß möglichst jeder unserer deutschen Landsleute eine kleine Weihnachtsfreude haben sollte. Wir hatten diesmal auch die Unteroffiziersmesse eingeladen und waren bei Bowle und Abendessen recht vergnügt.
5. Januar 1898.
Neujahr verlebten wir still für uns. Was wird das neue Jahr bringen? -- Gestern, an unserem Hochzeitstage, marschierte Tom ab, genau zu derselben Stunde, in der wir vor zwei Jahren unseren Traualtar aufstellten.... Quawa hatte am 28. Dezember ein Gefecht mit unseren Wahehe gehabt und 39 von ihnen erschlagen, er selbst verlor nur 3 Mann. -- Am 1. Januar Alarm, weil Unteroffizier Schubert und der Dolmetscher unweit der Mission Gewehrschüsse und Weiber- und Kindergeschrei gehört hatten. So fing das Jahr für uns an.
Am 2. Januar traf Hauptmann Ramsay bei uns ein, der auch gestern abmarschierte. Es war mir eine Freude, einmal einen unserer „alten Afrikaner“ kennen zu lernen. Nachts wurde wieder alarmiert.
7. Januar 1898.
Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche -- wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem fehlen. Ich fühle mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur. _Dr._ Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt, um bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können. Jede Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast -- seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15 Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber, die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den Tag ohne ihn verbringen zu müssen!
Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes:
Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan; Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160 ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte, verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten abzweigen.
In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen, erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa 250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden.
Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war. Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine Anhänger Lebensmittel zu haben.
Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum: seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten zurückgehalten werden mußten.
+Das ist ein großer Erfolg+, umso mehr, als dem Volk durch diesen Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist. Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte, bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt persönlich in den Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein Verlust, den er nie mehr ersetzen kann.
12. Januar 1898.
Mein Leberleiden macht sich wieder fühlbar; ich suche ihm mit Karlsbader Salz beizukommen. Der Frühspaziergang, der zu dieser Kur gehört, wird zur Inspizierung der Station benutzt, da ich meinen Mann auf seinem Rundgang begleite.
Die Moschee ist beinahe fertig, es fehlen nur noch die Türen. Zum Beginn des Ramassan soll sie den Arabern übergeben werden. Schon jetzt bitten sie Tom, er möge die heilige Stätte nur noch unbeschuht betreten. Das Fundament für das Hospital ist gelegt; bis jetzt diente eine geräumige, von einem schönen schattigen Baum überschattete Hütte als solches; auch eine geräumige Schauri-Hütte ist bereits in Angriff genommen, halbkreisförmig mit einer nischenartigen Ausbuchtung für den Tisch des Schauri-Leiters, der von da aus sämtliche Anwesende gut übersehen kann. Sobald die Moschee fertig ist, geht es an den Bau einer Markthalle.
Auf der Station wimmelt es von Wahehe, die gleich Tom auf sichere Meldungen warten, um die Quawa-Jagd wieder aufzunehmen. Es ist wirklich viel von den Leuten, trotz der Erntezeit hier wochenlang untätig zu liegen, während auf ihren Schambas die Feldfrüchte der Ernte entgegenreifen. Ihre Anhänglichkeit an Tom hält stand; _Dr._ Stierling sagte noch gestern: wer weiß, wie sich die Wahehe nach Toms Abgang stellen würden; sie haben sich ihm persönlich unterworfen, und es liegt nahe genug, daß sie seinem Nachfolger auf der Station sich nicht so botmäßig zeigen werden. _Dr._ Stierling sieht wohl zu schwarz, immerhin bereitet Tom die Wahehe jetzt schon darauf vor, daß er demnächst die Station verlassen werde.
Am 23. ging Leutnant Orthmann nach Idunda ab.
30. Januar 1898.
Aufregende Tage; Patrouillen und Meldungen, aber niemals eine sichere Nachricht. In Rungembe, welches als Sammelpunkt für die Expedition bestimmt war, ist Leutnant Engelhardt mit fast 2000 Kriegern des Merere und der anderen befreundeten Häuptlinge angekommen.
Über den Tod des unglücklichen Unteroffiziers Karsjens berichtet ein Mann unseres Freundes Farhenga näheres: er hatte den Unteroffizier gewarnt, Quawa sei ganz dicht in der Nähe, er solle die Leute, die zu seinem Trupp gestoßen, als Spione festhalten -- das ist aber nicht geschehen! Andern morgens wurde plötzlich der Posten vor dem Zelte niedergeschossen, von den sich um das Zelt sammelnden Askaris fielen unter dem mörderischen Mauser-Gewehrfeuer aus dem Dickicht sofort drei Mann, ein Vierter etwas später. Unteroffizier Karsjens erhielt beim Heraustreten aus dem Zelte die tödliche Kugel. Sein Boy trug ihn nach dem Feldbett, wo er binnen wenigen Minuten verstarb.
Die Askaris hatten sich bei dem Überfall sehr schneidig gezeigt; nachdem sie die eigene Munition verschossen, leerten sie die Patrontaschen der gefallenen Kameraden, ehe sie sich ins Pori zurückzogen; Karsjens Boy nahm das Gewehr und die Munition seines Herrn nach dessen Tod an sich und versteckte beides im Gebüsch, wo sie Unteroffizier Schubert, der zur Beerdigung der Leichen an den Unglücksplatz ging, fand. Jeder der Gefallenen hatte zwei Speerstiche in der Brust.
Tom hat in diesen Tagen mit der Verteilung von Saatkorn begonnen. Die Lebensmittel fangen an, knapp zu werden, deshalb hat Tom so viel Korn wie möglich aufgekauft, damit fürs nächste Jahr genügend ausgesät wird. Für jeden Sack Saatkorn, den die Leute erhalten, müssen sie nach der Ernte zwei Säcke zurückgeben. Ich habe vor ungefähr 14 Tagen den ersten frischen Mais geerntet.
Heute meldete ein Mhehe, sein Sohn Magunda, welcher zu Quawas Gefolge gehörte, sei von diesem bei dem Lukanda-Überfall gefangen und getötet worden, weil er sich auf der Station stellen wollte.
7. Februar 1898.
Auf der Station reges militärisches Leben, Patrouillen und Boten kommen und gehen, und die Schauris nehmen kein Ende. Quawas Beweglichkeit erfordert immer neue Maßnahmen. Leutnant Kuhlmann, Feldwebel Merkl und die Unteroffiziere auf den einzelnen Posten, jeder muß von den bei uns „im Hauptquartier“ eingegangenen Meldungen in Kenntnis gesetzt werden und entsprechende neue Instruktion empfangen. In all dem sorgenvollen Trubel nur einmal ein Lichtblick: Msatima kommt, mir seine Aufwartung zu machen, und zwar angetan mit einer roten Bluse, die ich seiner Frau geschenkt hatte. -- Leutnant Kuhlmann meldet, daß Quawa weiter westlich zu suchen sei -- also wieder neue Dispositionen an die Einzelposten! Herr v. Prittwitz kommt an. Es wird großes Schauri mit sämtlichen Jumben gehalten; als dessen Ergebnis erfolgt die Festnahme des Jumben Makirendi; er wird an die Kette gelegt und ihm Todesstrafe angedroht, wenn seine Leute sich als Verräter zeigen sollten. Das ist eine Gewaltmaßregel, zu der Tom durch die gefahrdrohenden Umstände gezwungen ist, obwohl er ganz genau weiß, wie leicht die Festnahme eines angesehenen Häuptlings schlimme Folgen haben kann. Es bleibt kein anderes Mittel, als den Wahehe zu zeigen, daß sie kein doppeltes Spiel wagen dürfen; viele von ihnen wollen erst abwarten, ob Quawa nicht doch wieder hochkommt, wie damals 1894, wo er bei dem Scheleschen Zuge nach Ubena, und früher, gelegentlich der Zulu-Invasion, nach Ugogo geflüchtet war und nach dem Abzug der Europäer aus seinem Lande triumphierend wieder einzog.
8. Februar 1898.
Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolgschaft leisten, versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der Berge. 1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher, der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden -- aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man die Achtung nicht versagen kann.
Ein anderes Verhör brachte etwas zu Tage, was Tom längst vorausgesehen hatte: 26 von Unteroffizier Lachenmeyer eingebrachte Leute waren Spione Quawas! Auf seinen Befehl hatten sie sich unterworfen, um ihren Herrn mit dem Ertrage unserer Felder zu versorgen und ihm genaue Angaben über die Stärke der einzelnen Stationen und detachierten Posten zu machen. Dann sollte an einem bestimmten Tage der große Schlag gegen uns geführt werden! Gott sei Dank, daß wir die Möglichkeit eines solchen Überfalles niemals außer acht gelassen haben -- was wäre aus uns geworden, wenn Tom im Gefühl scheinbarer Sicherheit die schärfste Beaufsichtigung unserer neuen Ansiedler und Zuzügler nicht so streng durchgeführt hätte.
Unter diesen Spionen waren auch die Anführer des Überfalles von Mtandi und der Mörder des unglücklichen Karsjens; sie waren dem Feldwebel Merkl als Patrouillenführer mitgegeben worden; kein Wunder, daß der Streifzug keinen Erfolg hatte. Karsjens hatte, wie sich nun herausstellt, einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten, der ihn niederstreckte, den von seinem Boy auf dem Feldbette niedergelegten Wehrlosen hat der Mörder mit zwei Speerstichen in die Brust getötet.
Unsere Leute sind furchtbar erbittert; als für einen sofortigen Streifzug unter Unteroffizier Schubert „Freiwillige vor!“ kommandiert wurde, traten unsere Askaris sämtlich wie ein Mann vor.
10. Februar 1898.
Heute marschierte Herr v. Prittwitz ab nach Himbu; Bauleiter Selling ist nach Kuifuri, um dort nach Holzarten zu suchen, denen die Bohrkäfer nichts anhaben können. Auf der Station wimmelte es von gefangenen Weibern, aber auch halbverhungerte Träger finden sich ein; von Förster Ockels Karawane sind hier schon 16 Mann eingetroffen.
12. Februar 1898.
Jetzt ist kein Halten mehr; einer der Führer hat Quawas Lagerplatz verraten! Tom benachrichtigte sofort alle von der Station abkommandierten Europäer, er selbst zog sofort los (nur ein Unteroffizier bleibt hier). Zunächst bis Ndéuka, in der Nacht geht’s dann weiter, so daß bei Tagesanbruch das Lager überfallen werden kann. Gott gebe ihm diesmal Erfolg, damit endlich diese furchtbare Aufregung aufhört, der ich auf die Dauer doch nicht gewachsen bin.
8 Männer kommen mit 48 Weibern, um sich zu unterwerfen.
13. Februar 1898.
Aus der Nachmittagsruhe wurde ich durch Lärm auf der Veranda gestört. Zuerst glaubte ich, es sei Tom, und rannte hinaus, fand mich aber einem schwarzen Ehepaare gegenüber; es war schwer zu sagen, wer von beiden am betrunkensten war, der Mann oder die Frau; diese war von ihrem Gatten dermaßen geschlagen worden, daß ihr das Blut am Körper herunterlief, bei mir hatte sie Schutz suchen wollen. Ich nahm ihr das Kind ab, das jeden Augenblick in Gefahr war, ihr vom Arme zu fallen, und warf beide Eltern schleunigst hinaus; dann brachte mir ein Suaheli noch ein weinendes Kind, welches nach mir verlangt hatte. Es ist ein unruhiges Leben auf der Station, eine unheimliche Aufregung hat sich aller bemächtigt; auf der Wache können sie kaum alle die Männer und Frauen unterbringen, die täglich eingeliefert werden.
17. Februar 1898.
Gestern kam Feldwebel Merkl mit vielen Gefangenen zurück; er ist krank und elend, die Strapazen dieses Marsches bei Tag und Nacht haben den kräftigen, kerngesunden Mann entsetzlich mitgenommen. Was unsere deutschen Unteroffiziere hier leisten müssen, davon macht man sich in Deutschland keinen Begriff, aber sie sind mit einem Pflichteifer und mit einer Liebe zur Sache dabei, die höchste Anerkennung verdienen.
Da ich am 14. keine Nachricht von Tom erhielt, muß ich annehmen, daß sein Zug erfolglos war. Heute kommt auch die Bestätigung.
18. Februar 1898.
Von Quawas Anhängern macht sich besonders Kolakola bemerkbar; er hat unsere Leute bei Kissinja überfallen und sich dann in unserem Tale, unweit der Station, Eßvorräte geraubt; dann überfiel er, nach Toms Abmarsch, Lula, schleppte mehrere Kinder fort und erschlug neun Leute. Was mir am meisten Sorge macht, ist, daß Tom einem solchen unvorhergesehenen Überfall auf dem Marsche zum Opfer fallen kann. Einer seiner besten Wahehe erhielt von einem im Grase versteckten Feind einen Speerstich in den Oberschenkel, an welchem er verblutete.
23. Februar 1898.
Tom kam sehr elend zurück. Das Kommando hat er Herrn v. Prittwitz übergeben, da der Hauptteil des Zuges erledigt.
26. Februar 1898.
Großer Ramassan mit der üblichen Gratulationscour. Zuerst kommen die schwarzen Händler; sie werden von Tom zur Rede gestellt, weil sie sich geweigert hatten, unsern Askaris den Mais für 5 Rupien zu verkaufen; sie verbrauen den Mais nämlich lieber zu Pombe (_pombe_ = eigentlich Bier aus Hirse) und verdienen am Sack dann 15 bis 20 Rupien. Dann erscheinen die Araber und Beludschen, die ich mit Tee, Kaffee und Schokoladenplätzchen bewirte. Wir waren in nichts weniger als festlicher Stimmung -- sollte doch noch an demselben Tage das Urteil an den vom Kriegsgericht zum Tod durch den Strang Verurteilten vollstreckt werden! Von den zwölf Verurteilten waren drei begnadigt worden.
Nachmittags kamen sämtliche Sudanesenfrauen, 36 an der Zahl! alle in ihrem schönsten Staat, mit silbernen Ketten und Armringen von riesigem Umfang und großen Silberdosen als Anhängsel, in denen sie ihre _dawa_ (Medizin, Zaubermittel) bewahren. Mit ihren faltigen, farbigen Gewändern und weißen Tüchern über den schwarzen Gesichtern bilden sie wirklich malerische Gruppen. Sie werden wie die Araber mit Tee, Kaffee und allerlei Süßigkeiten bewirtet, ebenso wie diese ihre Sandalen ablegen, ziehen auch sie vor dem Eintritt in mein Zimmer ihre Schuhe aus.
6. März 1898.
Seit dem 27. Februar liegt Tom an schwerem Bronchialkatarrh zu Bett; inzwischen kam Leutnant Orthmann zurück, er hat sich einen tüchtigen Gelenkrheumatismus geholt, mit dem er drei Wochen lang sich durch die unwegsamen Berge schleppen mußte; heute kam noch _Dr._ Stierling, mit ihm Leutnant Kuhlmann, der an Milzanschwellung mit starkem Fieber leidet. Sergeant Richter laboriert an seiner Schußwunde, die Wunde eitert noch, und zuletzt wird Lazarettgehilfe Schuster von der 3. Kompagnie auch noch krank, starker Bronchialkatarrh mit hohem Fieber. Von den acht Europäern der Station sind nur zwei gesund.
Tom hat jetzt eine annähernd genaue Liste von Quawas Anhängern aufgestellt: Es müssen deren jetzt noch etwa 250 sein. Sein Häuptling Kimulimuli, der sich seinerzeit mit Mpangire gestellt hatte, dann aber wieder heimlich zu Quawa zurückging, ist jetzt bei diesem gestorben; seine Frau hat sich dann erhängt, um ihrem Herrn und Gebieter in den Tod zu folgen. -- Als Mpangire noch Sultan war, sollen diese und Kimulimuli den zur Unterwerfung bereiten Quawa mit Gewalt davon abgehalten haben. Wie viel Blutvergießen wäre vermieden worden, wenn Quawa damals mit Tom persönlich hätte verhandeln können.
9. März 1898.
Vorgestern kamen unsere Wahehe von der Expedition zurück. Ich freute mich, das Gaunergesicht unseres braven Farhenga wiederzusehen; gestern trafen der neue Zahlmeister und ein Unteroffizier für die 6. Kompagnie ein; auch Offenwanger soll mit dorthin gehen. Da bleibt also der Doktor allein zurück -- über Mangel an Beschäftigung wird er nicht zu klagen haben, er hat hier für vier bettlägerige und zwei revierkranke Europäer zu sorgen -- abgesehen von den Schwarzen. Richter mußte operiert werden; es wurden sehr große Knochensplitter aus der Wunde entfernt.
10. März 1898.
Heute besuchten Tom und ich den kranken Leutnant Orthmann. Um jede Zugluft abzuhalten, sind die Wände der Strohhütte ganz dicht verstopft worden; so kann der arme Patient sich nicht einmal die Zeit mit Lesen vertreiben. Wir haben ihm in der Boma ein luftiges, lichtes Zimmer herstellen lassen, damit er dort seine Krankheit leichter übersteht.
Mein Name wird hier schon als Machtmittel mißbraucht! Von unseren Wahehe wird mir gemeldet, daß 20 Händler und Träger nebst zwei Eseln in der Gegend umherziehen und von den Leuten Chakula eintreiben -- und zwar in meinem Namen! Tom schickte sofort eine Askari-Patrouille hinter ihnen her, die die Kerle auch richtig abfaßte. Heute erscheinen sie de- und wehmütig und spielen die reuigen Sünder. Zunächst müssen sie den Eigentümern die gestohlene Chakula bezahlen und dann erhalten sie wegen Mißbrauchs meines Namens pro Mann 25 Hiebe. Das hat hoffentlich gewirkt.
Von Quawas nächster Umgebung, seiner Leibgarde, stellten sich heute drei Mann mit Gewehren Modell 71. -- Das Ende des Gefürchteten naht!
15. März 1898.
Gestern vergnügtes Picknick bei Farhenga in der Nähe des Aussichtspunktes; abends gegen 9 Uhr kamen wir bei Laternenschein nach Hause. Heute mittag kam Leutnant v. d. Marwitz an; ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt, ein breitschulteriger brünetter Hüne. Herr v. der Marwitz ist seit vier Jahren in Afrika, er war längere Zeit im Kilimandscharo-Gebiete.
16. März 1898.
Leutnant Engelhardt verabschiedete sich heute, er brachte mir noch hübsche Blumen. Zum Kaffee war Herr v. der Marwitz bei uns. Seit langer Zeit wieder große Freude: gute Nachricht von zu Hause!
20. März 1898.
Am 17. war Tom mit Leutnant Kuhlmann nach Dabagga marschiert, um dort nach dem Rechten zu sehen -- heute kamen sie schon zurück, also viel früher, als ich erwartete. Solche friedlichen Expeditionen lasse ich mir gefallen, die Zeit vergeht viel schneller, wenn mich die Angst um meinen Mann nicht aufreibt. Morgens besorge ich die Hausarbeit, während der tollsten Mittagshitze ruhe ich oder lese, dann holen mich die Herren ab zum Krocket oder Spaziergang, wir besuchen unseren kranken Leutnant Orthmann und machen Einkäufe bei unserem „Hoflieferant Borchardt“, dem Griechen. So vergehen mir die Tage, die Tom abwesend ist, im Fluge. -- Mit meiner Hühnerzucht habe ich viel Verdruß: die eben ausgekrochenen jungen Perlhühner sind nach wenigen Tagen eingegangen. Gestern abend in der blumengeschmückten Messe großes Festmahl, gegeben von _Dr._ Drewes und Bauleiter Hentrich; die Sache verlief sehr hübsch. Wir waren alle sehr vergnügt und kehrten erst gegen Mitternacht zu den häuslichen Penaten zurück.
Schnapsels Nachkommenschaft ist erloschen, er überlebt sein Geschlecht. Seinen Sohn und präsumtiven Nachfolger hat ein Leopard direkt von unserm Hofe weggeholt; der Posten schoß auf den frechen Räuber, so daß er seine Beute fallen ließ; so konnten wir den treuen Wächter des Hauses andern Tags im Garten begraben. Schnapsel trug bei der Bestattung eine dem tragischen Ende seines Sprößlings angemessene Trauer zur Schau; er scheint ihn noch lange vermißt zu haben. Einige Abende darauf holte der Leopard sich auch noch den andern Hund, und zwar diesmal von der Veranda!
Unter unserem Dach hat sich ein Bienenschwarm eingenistet, alles Ausräuchern ist vergeblich, wir müssen uns die Mitbewohner also gefallen lassen.
30. März 1898.