Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 13
Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans; diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur, die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft -- zu meinem Bedauern; es sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu, wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu[7] auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel zu kommen.
Auf dem Marsche nach Likininda.
Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten, daß sie einige Zeit hindurch dem sehr tüchtigen Betschausch überlassen werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.
Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu -- stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage. Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher kannten.
+Dabagga+, 21. November 1897.
Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.
Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die Tiere selbst zu stoßen -- zu meinem Bedauern -- ich hätte diese Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet. Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können; ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die Baumriesen zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns die Erklärung, dies sei das Tal des _Muúngu_ (Gott), welches die Menschen nur +schweigend+ betreten dürften, -- wer dies Gebot übertrete, über den habe der _Sheitani_ (Teufel) Macht und werde ihm auf dem weiteren Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte zu reinigen, daß wir nunmehr dem _Sheitani_ verfallen, ließ Tom zum Entsetzen der Karawane Signale blasen, die das Echo der Berge weckten; als da kein _Sheitani_ erschien, beruhigten sich die abergläubischen Schwarzen sichtlich -- der schwarze Teufel hat also augenscheinlich keine Gewalt über Europäer. -- Wir fanden dieses ganze Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser gab’s überreichlich, Bergbäche mit kristallklarem Wasser durchziehen die Täler, üppiger Farnwuchs deutet auf guten Boden. Zum Plantagenbau ist die Gegend sicher besonders geeignet, ob für den Pflug, scheint mir fraglich; die Hänge sind sehr steil.
+Kuifuiri+, 23. November 1897.
Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen; zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden, aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden. Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch (von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt abgebrochen, während des Frühstücks auch das Wohnzelt; dann ertönt Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten, Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.
+Uquega-Likininda+, 2. Dezember 1897.
Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis 4 Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: der Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß, den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.
Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil, als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der Nähe kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht. Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt. Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle Feldarbeit obliegt.
Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat, wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber, wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’ und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere Quawa-Krieger waren gefallen.
+Lukossi+, 3. Dezember 1897.
Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe, zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Ausgabe von Chakula an Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer wegen. Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; er hat sicher früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den Dampferpassagieren ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen produzieren, indem sie nach kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen von Bord aus zugeworfen werden. Es wurde unerträglich heiß: nirgends ein Baum oder Strauch, nur der heiße ausgedörrte Boden, dazu kein Lufthauch -- der Marsch über die steilen kahlen Berge in der glühenden Sonnenhitze ließ mich die Leiden einer Safari gleich _en gros_ empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden weit. Auch das Lager mußten wir an einem gänzlich schattenlosen Bergabhang aufschlagen und den Tag über im Zelt bleiben. Das einzig Angenehme dieses Marschtages war ein hübscher Blick nach einem Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze Anzahl bildet.
+Manasanga+, 4. Dezember 1897.
Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. -- Das Gelände scheint günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.
Landschaft +Quihangana Mwakikongo+, 8. Dezember 1897.
Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir die Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last (es war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät). In 5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet; hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht, die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von Feldblumen -- mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier: sie dufteten lieblich.
Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo. Die Gegend scheint ihres Grasreichtums am meisten zur Viehzucht geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt, auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern, während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen, Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee, Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel, der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten. Dem Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt, befindet sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den _„le plus haut-gôut“_ nur eine schwache Andeutung ist.
Station +Iringa+, 11. Dezember 1897.
Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. -- Kurz vor Himbu erreichten uns Boten von der Station mit Briefen: auf der Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa. In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge: jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und zutraulich -- noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren, konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben Verbandmittel für ihre Leute verteilen.
Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein: Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann -- davon die Hälfte mit Hinterladern bewaffnet -- gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab. Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der Ombascha zur Station weiter eilte. _Dr._ Stierling ist gleich mit Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit ohne ärztliche Hilfe -- trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden Wegs abseits unserer letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger nennen Tom den „_Kapirimbu_“, d. h. „der alle Kraft an sich zieht“. Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen Sultans groß: unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen und Schutz vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, und gerade jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. An Stelle des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn aufsuchen und seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr nach der Station Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer großen Überraschung auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann v. Prittwitz’ Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant Kuhlmann ließ es sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt zu feiern. Mit dem Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze Genugtuung, selbst beobachten zu können, wie meines Gatten kluges Verhalten den Wahehe gegenüber sich bewährt hat -- möchte doch endlich auch der letzte Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen die deutsche Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die Safari uns gut bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine Hände haben die Farbe reifer Kastanien.
Sonntag, den 12. Dezember 1897.
Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung, Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der Hausfrau“ herstellte.
15. Dezember 1897.
Am 13. rückte Leutnant Kuhlmann ab. Ich beschäftigte mich viel mit Mpangires Kindern, sie tun mir sehr leid. Es macht mir viel Spaß, unsere Sudanesenweiber zu beobachten, mit welcher Energie trotz ihrer Häßlichkeit sie die Männer unterm Pantoffel haben. Auch der Juma kauft sich beim Griechen, dem „Rudolph Hertzog“ im Lande Uhehe, stets die teuersten Hemden von leichtem Mullstoff, die natürlich schnell zerreißen; auf meine Frage sagte er: „Ja, sonst hat mich meine Frau nicht lieb.“
Mit den Händlern habe ich viel Ärger. Dieser Tage boten sie mir meine eigenen beiden Strauße, die mir abhanden gekommen waren, zum Kauf an, das Stück zu 12 Rupien! Obwohl es weit und breit in der Gegend nur mein Straußenpaar gibt, behaupteten sie ganz frech, sie seien ihr Eigentum.
Am 14. Post aus Europa mit Geburtstagsbriefen, Büchern und Wein! Ich lege alles beiseite, um Tom am Weihnachtsabend zu überraschen. Meine Küche ist nun auch fertig. Der Gouverneur hat mir eine eiserne Herdplatte geschickt, nun hat die Negerwirtschaft mit den Steinen ein Ende. Eine Küche mit eiserner Herdplatte und einem wirklichen, echten Rauchfang -- so etwas hat die afrikanische Sonne in diesen Breiten sicher noch nicht beschienen. Nun macht das Kochen noch einmal so viel Freude.
Heute stellte sich ein angesehener Häuptling mit 30 Kriegern; einige davon waren aus Quawas Lager. Dieser habe, wie sie berichten, einen Aufruf an alle Wahehe erlassen, „Wer ihn liebe, solle sich ihm anschließen,“ jetzt sei er mit seinem Anhange in Viransi. Auf dem Marsche dahin ist der Zusammenstoß mit unserem Sergeanten Richter erfolgt. Die Vernehmung der neu angekommenen Quawaleute hatte ein interessantes Ergebnis: Der Sultan hat seine Leute ganz militärisch organisiert, in Kompagnien mit eigenen Hauptleuten und Unterführern, sein Nachrichtenwesen ist sehr gut eingerichtet; es stellt sich immer mehr heraus, was für ein gefährlicher Gegner er ist.
23. Dezember 1897.
Gott sei Dank, Tom kann den geplanten Zug noch nicht unternehmen: _Dr._ Stierling schreibt, vor dem 1. Januar sei Sergeant Richter nicht transportfähig. So verleben wir doch den heiligen Abend zusammen. Ich konnte und wollte Tom das Herz nicht schwer machen mit Klagen, wenn ihn die Pflicht abrief; aber jetzt bin ich froh, daß er nun doch Weihnachten noch bei mir ist.